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Aus der Protest-Chronik


22. Juni 1974. Sportliche Großveranstaltungen dienen politischen Regimes häufig als Bühne propagandistischer Selbstdarstellung. Am krassesten hatten das Adolf Hitler und die Nazis bei den Olympischen Sommerspielen 1936 vor Augen geführt. Die Wettbewerbe wurden zu einem politisch aufgeheizten Massenspektakel degradiert, bei dem selbst die Mitglieder anderer Olympiamannschaften aus vermeintlicher Ehrerbietung gegenüber den Gastgebern häufig den "Führergruß" entboten. Als 38 Jahre später im selben Stadion in West-Berlin einige Spiele der 10. Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden, lassen es sich linke Demonstranten nicht nehmen, die Wettkämpfe in einem genau entgegengesetzten Sinne als Plattform des Protests gegen eine Militärdiktatur zu nutzen.

Diese WM steht in mehrfacher Hinsicht unter besonderen Vorzeichen: Es ist die erste Endrunde, die in der Bundesrepublik Deutschland ausgetragen wird; für sie hat sich mit der Mannschaft der DDR erstmals die Vertretung des ostdeutschen Staates qualifizieren können; und wegen der seit dem Olympia-Attentat auf die israelische Mannschaft zwei Jahre zuvor in München stark gewachsenen Angst vor Terroranschlägen finden die Begegnungen an den verschiedenen Orten unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Bereits im Vorfeld hat man anhand von Planspielen und Übungen alle Eventualitäten durchexerzieren wollen. Die Mannschaftsquartiere gleichen häufig bewaffneten Festungen. In der Presse heißt es sogar, die RAF plane einen Raketenanschlag auf das Hamburger Volksparkstadion und die IRA wolle Anschläge auf schottische Nationalspieler durchführen. Die Nervosität ist weiter gewachsen, seit eine Bombendrohung gegen die DDR-Auswahl bekannt geworden ist. Der Besuch des jugoslawischen Staatschefs Tito wird wegen Bedenken der Sicherheitskräfte kurzerhand abgesagt. Und als Bundespräsident Gustav Heinemann am 13. Juni beim Eröffnungsspiel in Frankfurt in einem gepanzerten Mercedes 600 eintrifft, geht die Vorsorge so weit, dass ihm sogar ein fahrbarer Operationssaal folgt. Eine Besonderheit stellt die Gruppe I dar, deren Spiele in West-Berlin und Hamburg ausgetragen werden. Hier treffen zum ersten und – wie sich später herausstellt – zum letzten Mal die Bundesrepublik und die DDR aufeinander. Außerdem ist neben Australien mit Chile auch ein Land vertreten, das eine erst seit wenigen Monaten an der Macht befindliche Militärdiktatur repräsentiert und seine Teilnahme eher skandalösen Umständen verdankt.

Da das in der Hauptstadt Santiago gelegene Estadio Nacional de Chile, wo das Finale der Fußball-WM 1962 ausgetragen wurde, von der Soldateska für Tausende von politischen Gefangenen als Konzentrationslager benutzt worden und es dabei zu Folterungen, Morden und anderen Gewalttaten gekommen war, weigerte sich die Sowjetunion, dort zu ihrem Rückspiel im Rahmen der Qualifikationsrunde anzutreten. Am 20. November 1973 hatte der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr das vermutlich absurdeste Länderspiel aller Zeiten angepfiffen und der chilenischen Nationalelf den "Sieg" zugesprochen. Die Mannschaft war in einer gespenstisch anmutenden Atmosphäre vor 15.000 Zuschauern, in der Mehrzahl Soldaten, allein aufgelaufen, hatte sich den Ball ein paar Mal lustlos hin- und hergeschoben und ihn schließlich zum 1:0 in ein verwaistes Tor gelenkt. Die Umkleidekabinen und Toiletten, die kurz zuvor noch Verhören und Folterungen gedient hatten, wurden in dieser Farce nun plötzlich wieder von Sportlern benutzt. Das alles trägt dazu bei, dass sich einige der Chile-Solidaritätsgruppen, wie sie sich kurz nach dem am 11. September verübten Putsch gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung Salvador Allendes an vielen Orten gegründet hatten, zum Ziel setzen, das Auftreten dieser Mannschaft nicht ohne einen deutlichen und massenmedial wahrnehmbaren Akt des Protests und der Empörung über die WM-Bühne gehen zu lassen.

Den Aktivisten ist von Anfang an klar, dass sie dafür möglicherweise nicht mehr als dreimal Gelegenheit haben werden – für den Fall, dass sich Chile nicht für die Zwischenrunde qualifizieren sollte, lediglich in den drei Spielen der Vorrunde. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Mitgliedern des Chile-Komitees und des am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität gegründeten Sozialistischen Arbeitskollektivs (SAK-JUR) hat die Planung der unter dem Motto "Chile Si, Junta No!" stehenden Aktivitäten übernommen. Ihre Absicht besteht darin, während der Fernsehübertragung einer Chile-Partie auf das Spielfeld des Olympiastadions zu stürmen und die Begegnung zu unterbrechen, um mit Transparenten dafür zu sorgen, dass der Protest auch in Chile gesehen und so die Opposition symbolisch unterstützt wird. Die Ausgangsbedingungen für eine derartige Aktion sind – wie sich bei einer Inspektion des Stadions herausstellt – jedoch außerordentlich schwierig. Denn das Fußballfeld ist durch Plexiglaswände und einen tiefen Graben von den Zuschauerrängen getrennt, also vor unliebsamen Eindringlingen gesichert. Außerdem müssen die Aktivisten davon ausgehen, dass Hunderte von Zivilpolizisten alles daransetzen werden, Störversuche gleich im Ansatz zu unterbinden. Die Wahrscheinlichkeit, den Graben erfolgreich überwinden zu können, wird jedenfalls als eher gering eingeschätzt.

Den Auftakt bildet am 14. Juni das Spiel Bundesrepublik-Chile. Die Mitglieder des Solidaritätskomitees, zu dem neben Vertretern der undogmatischen Linken vor allem solche der maoistischen Liga gegen den Imperialismus und der trotzkistischen Gruppe Internationaler Marxisten (GIM) gehören, haben etwa 1500 Eintrittskarten erstanden. Sie sollen an Demonstranten abgegeben beziehungsweise weiterverkauft werden, um ganze Sitzplatzblöcke geschlossen einzunehmen und da mit günstigere Ausgangsbedingungen für Protestaktionen zu schaffen. Als eine Kapelle der Bundeswehr beginnt, die chilenische Nationalhymne zu intonieren, setzen in Block 41 der Ostrunde die ersten Sprechchöre mit ihren "Chile Si, Junta No!"-Rufen ein. Gleichzeitig werden Fahnen und Transparente entrollt, welche die Junta-Gegner erfolgreich durch alle Kontrollen geschmuggelt haben. Eine der Fahnen ist immerhin 6 x 4 Meter groß und überspannt Dutzende von Zuschauern wie ein Zeltdach. Minutenlang gehört die Aufmerksamkeit im weiten Oval des Stadions den Demonstranten. Dass die Protestaktivitäten bei der Mehrzahl der bundesdeutschen Fans nicht gerade auf Gegenliebe stoßen, verraten lautstarke Pfeifkonzerte. Davon lassen sich die Junta-Gegner allerdings kaum beirren, auch nicht dadurch, dass sich mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüstete Polizisten den Weg zu Block 41 gebahnt haben. Zwar gelingt es den Einsatzkräften, einer Demonstrantengruppe das Transparent zu entreißen, auf dem weithin sichtbar das "CH" im Wort "PINOCHET" durch ein Hakenkreuz ersetzt ist, doch können sie die weitläufig ansetzenden Aktivitäten keineswegs ersticken. Deshalb werden die gelungenen Proteste während dieses ersten Spiels auf einer abendlichen Veranstaltung gefeiert, bei der Dia-Aufnahmen des Geschehens zu sehen sind. Und einen Tag später folgen 7000 Menschen dem Aufruf zu einer vom Chile-Komitee organisierten Demonstration, die im Anschluss an eine Kundgebung, auf der als Hauptredner der aus Pakistan stammende, seit einem Jahrzehnt in Großbritannien lebende Trotzkist Tariq Ali gesprochen hat, zum Hotel Schweizer Hof führt, wo das Organisations- und Pressezentrum der WM seinen Sitz hat. Während der uruguayische Sänger Daniel Viglietti vor dem Gebäude lateinamerikanische Lieder vorträgt, überreicht eine das Hotel betretende Delegation eine Resolution gegen die Unterdrückung der Proteste gegen das Pinochet-Regime.

Die nächste Gelegenheit bietet drei Tage später die Partie Chile-DDR. – Obwohl 3000 Schlachtenbummler mit Sonderzügen aus Ost-Berlin herbeigeschafft worden sind, ist das Stadion mit 30.000 Zuschauern nicht einmal zur Hälfte ausverkauft. Um die innerdeutschen Beziehungen keinen unnötigen Spannungen auszusetzen, sollen etwa 1800 Polizeibeamte für Ruhe und Frieden sorgen. Freilich setzt bereits beim Abspielen der DDR-Hymne ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert ein, womit unmissverständlich klar wird, dass es sich auch bei dieser Begegnung nicht um ein gewöhnliches WM-Spiel handelt. Diesmal sind die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft worden. Keinem einzigen Demonstranten ist es gelungen, ein Transparent ins Innere des Stadions zu schmuggeln. Dafür waren die Leibesvisitationen der Sicherheitskräfte zu zahlreich und zu rigide. Aber die Protestierer lassen sich nicht entmutigen. Sie haben für den Notfall noch eine Art Ersatzprotest vorbereitet. Diejenigen, die in gelben Regenjacken erschienen sind, platzieren sich so auf den Zuschauerrängen, dass die Gestalt eines überdimensionalen Hakenkreuzes sichtbar wird. Die Tatsache, dass sich die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW), das bedeutungslose Pendant zur Staatspartei SED, geweigert hat, an irgendwelchen Protesten teilzunehmen, ist für die undogmatischen Kräfte ein besonderer Stein des Anstoßes. Indem sie Parolen wie "Chile Socialista" und "Freiheit für Luis Corvalan", den in Chile inhaftierten KP-Vorsitzenden, skandieren, versuchen sie zugleich, die DDR-Fans zu provozieren. Die scheinen für derartige Losungen jedoch taub zu sein. Aus ihren Reihen ist nichts anderes als "Acht, neun, zehn, Klasse!" zu vernehmen. Sie gehorchen der offenbar strikten Anweisung, die endlich geglückte Teilnahme ihrer Mannschaft an einem WM-Turnier nicht durch irgendwelche Politaktivitäten zu "stören" oder in "Misskredit" zu bringen. Als auch dieses Match ohne eine spektakuläre Aktion auf dem Spielfeld zu Ende geht, glaubt aus der Vorbereitungsgruppe kaum noch jemand an eine mögliche Verwirklichung der ursprünglichen Pläne.

Die letzte Chance bietet sich am 22. Juni, beim Spiel Chile gegen Australien, dem vermutlich uninteressantesten der Vorrunde. Dabei kommt den Junta-Gegnern ein Zufall zugute. – Als kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit ein Wolkenbruch niedergeht, vor dem sich selbst die in Trainingsanzügen verkleideten Zivilpolizisten in Sicherheit zu bringen versuchen, ergreifen die Aktivisten plötzlich ihre Gelegenheit. Ohne länger zu warten, stürmen sie nach vorn, überqueren – schon bald bis auf die Haut durchnässt – den Graben, laufen völlig ungehindert auf die Spielfeldmitte und entfalten dort unter den Augen eines konsterniert dreinblickenden Referees die chilenische Fahne mit der Aufschrift "CHILE SOCIALISTA". Die Polizeikräfte, die mit 1600 Uniformierten und einer nicht bekannten Menge an Zivilbeamten angeblich im Einsatz sind, scheinen zunächst völlig überrumpelt zu sein. Der Schiedsrichter unterbricht die Partie. Als nun doch von der gegenüberliegenden Seite eine Polizeieinheit herbeieilt, lassen sich die Demonstranten überwältigen und – im sicheren Gefühl, erreicht zu haben, was sie von Anfang an geplant hatten – widerstandslos abführen.

Es sind elf Studenten, die in die von der Polizeiinspektion Charlottenburg am Kaiserdamm eingerichtete Festnahme-Sammelstelle verbracht werden. Gegen die Festgenommenen soll ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs eröffnet werden. Nach der Feststellung ihrer Personalien werden sie allesamt wieder auf freien Fuß gesetzt. Noch am Abend erfahren sie, dass die Spielunterbrechung live im chilenischen Fernsehen zu verfolgen gewesen ist. Auch dort scheinen die Mediengewaltigen der Junta zunächst etwas verwirrt gewesen zu sein. Nach einigen Minuten entschieden sie sich, die Übertragung zu unterbrechen und die Aufschrift "Störung" einzublenden. – Die Tageszeitung Die Welt kommentiert die Vorgänge zwei Tage darauf mit den resigniert klingenden Worten: "In drei WM-Spielen im Olympiastadion fielen nur drei Tore. Zwei Eigentore steuerte die Polizei zur Weltmeisterschaft bei: zuerst mit der unzureichenden Überwachung des chilenischen Konsulats, auf das am 12. Juni ein Attentat verübt wurde, dann am Samstag, als Demonstranten den Berliner WM-Kehraus zu einer politischen Demonstration mißbrauchen konnten." – Dieser Achtungserfolg kann über die wirklichen Verhältnisse in Chile allerdings nicht hinwegtäuschen.

Einen Tag später, am 25. Juni, wird General Augusto Pinochet Ugarte in Santiago de Chile von der Militärjunta zum "Obersten Führer der Nation" und damit zum Staatschef bestimmt. Die Putschisten sitzen fester als je zuvor im Sattel. Ihre unter aktiver Beihilfe der USA herbeigeführte Abschaffung der Demokratie hat bereits in den ersten Wochen nach dem 11. September rund 3000 Chilenen das Leben gekostet. Mehr als 10.000 sind seitdem inhaftiert und harren über Jahre hinweg eines ungewissen Schicksals.


 



Published 2008-08-07


Original in German
First published in Mittelweg 36 2/2008

Contributed by Mittelweg 36
© Wolfgang Kraushaar/Mittelweg
© Eurozine
 

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