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A reluctant look back

Jews and the Holocaust in Ukraine

While Ukraine's official politics of remembrance omits Jewish heritage, private individuals and organizations are trying to integrate Jewish culture and history into Ukrainian identity. This process demands the recognition of Ukrainians' share of responsibility for the Shoah. [ more ]

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The malady of infinite aspiration

"Esprit" watches market prophecies self-fulfil; "Blätter" calls off the bets in the financial casino; "Mute" refutes the received wisdom about inflation; "Dilema veche" notes how the financial crisis is reimposing the East-West divide; "New Humanist" turns to Durkheim to make sense of the depression; "Wespennest" doesn't give in to resignation; "Le Monde diplomatique" (Berlin) enters the belly of the piggy bank; "Vikerkaar" heeds cultures' anthropophagic appeal; "Dialogi" warns of a cultural wasteland in Maribor; and "Kritika & Kontext" returns a lost son to Bratislava.

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Neither man nor woman nor dog nor cat

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Articles

Aus der Protest-Chronik


Sport and politics


The Beijing Olympics 2008 are unusual insofar as not one country has boycotted them. This, despite the fact that the political dimension of the Games has seldom been more controversial. Are we seeing a new kind of "Olympic indifference"? With this in mind, Eurozine compiles articles on sport, politics, and protest.

Paul Sims
Torch bearers
Benedict Seymour
Blurred boundaries. Sport, art and activity
Uta Andrea Balbier
"Zu Gast bei Freunden". How the Federal Republic of Germany learned to take sport seriously.
Mark Saunders
Fish 'n' freedom fries. On regeneration and other London Olympic myths
He Qinglian
Seeds of resistance. Popular protest is set to dominate the agenda
Nick Holdstock
The city at the empire's edge
Wolfgang Kraushaar
"The personality cult must be ended now!" Paint-bombs at Tian-an-men Square
Brian Glanville
Murder in Mexico. Chronicle of a massacre
Wolfgang Kraushaar
"Chile Si, Junta No!" Political protests at the 1974 FIFA World Cup
Martin Hala
From "big character posters" to blogs. Facets of independent self-expression in China
Isabel Hilton
Surfing the dragon
23. Mai 1989. In China spitzt sich eine von Studenten angeführte Demokratisierungsbewegung immer weiter zu. Ihren Ausgang hatte sie einen Monat zuvor in der Hauptstadt genommen und sich von dort über das gesamte Land ausgebreitet. Zentraler Ort ihrer Aktivitäten ist der Tien-an-men, der Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Hier hat Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 nicht nur die Volksrepublik ausgerufen, hier befindet sich wie ein Zeichen der Mahnung, die Errungenschaften des Langen Marsches nicht aus den Augen zu verlieren, auch das Mausoleum mit dem einbalsamierten Leichnam des einstigen kommunistischen Staats- und Parteiführers. Nicht ohne Grund haben sich die Aktivisten diesen Platz ausgewählt, um ihre Forderungen öffentlich zu machen. Er ist Forum, Tribüne und Tribunal zugleich. Seit dem 13. Mai führen mehrere Hundert von ihnen einen Hungerstreik durch, um Partei und Regierung zu einem Dialog mit den Protestierenden zu zwingen. Doch vergeblich. Am 20. Mai verhängt der Staatsrat über Teile der Hauptstadt den Ausnahmezustand. In dem von Ministerpräsident Li Peng unterzeichneten Befehl, der sich auf Artikel 89, Paragraph 16, der chinesischen Verfassung beruft, heißt es:

Für die Dauer des Ausnahmezustands sind Demonstrationen, Studentenstreiks, Arbeitsniederlegungen und alle Tätigkeiten, die die öffentliche Ordnung behindern, verboten. Es ist verboten, Gerüchte in die Welt zu setzen oder zu verbreiten, sich zusammenzuschließen, öffentliche Reden zu halten, Flugblätter zu verteilen oder gesellschaftlichen Aufruhr zu entfachen. Ausdrücklich verboten sind Angriffe auf die Führungsorgane von Partei, Regierung und Armee sowie auf Rundfunk und Fernsehsender oder Kommunikationseinrichtungen und Sabotage von wichtigen öffentlichen Versorgungseinrichtungen. Prügeln, Zerschlagen, Rauben, Brandstiftung oder andere Formen von Zerstörung werden nicht geduldet. Störungen ausländischer Botschaften oder Vertretungen der Vereinten Nationen sind verboten. Für die Dauer des Ausnahmezustands sind Sicherheitsbeamte und Soldaten der Volksbefreiungsarmee befugt, alle erforderlichen Maßnahmen, einschließlich Gewaltanwendung, zu treffen, um verbotene Handlungen zu unterbinden.

Von diesem Zeitpunkt an ist den Protestierenden klar, dass ihre Aktivitäten unter dem Damoklesschwert eines massiven staatlichen Gewalteinsatzes stattfinden. Zunehmend breitet sich in ihren Reihen Angst aus. Wie berechtigt sie ist, zeigt sich bereits am Tag darauf, als an den Stadtgrenzen Einheiten des Militärs auftauchen. Studenten errichten daraufhin an verschiedenen Verkehrsknotenpunkten Straßensperren, um die Truppen am Vormarsch ins Stadtinnere zu hindern. Ihnen ist jedoch von Anfang an klar, dass sie keinen einzigen Soldaten wirklich aufhalten können. Die Blockaden sind eher symbolisch gemeint und insofern kaum etwas anderes als Appelle, sich die Forderungen nach mehr Demokratie erst einmal anzuhören und auf den Einsatz von Gewalt zu verzichten. Zunehmend breitet sich im Autonomen Studentenbund, der die Aktivitäten koordiniert, Unruhe aus, wie auf die veränderte Situation und die unmissverständlichen Drohungen zu reagieren ist. Doch während sich das Zentrum der Demokratisierungsbewegung in einer offenkundigen Krise befindet, haben sich die Kundgebungen und Demonstrationen zur selben Zeit bereits auf 131 Städte ausgeweitet.

Am Pekinger Hauptbahnhof treffen im Laufe des 23. Mai zehntausend junge Leute, vor allem Studenten, aus verschiedenen Teilen der Provinz ein, die ihren Kampfgenossen zur Seite stehen wollen. Darunter befinden sich auch der 21-jährige Journalist Yu Dongyue, der Kfz-Mechaniker Lu Decheng und der Grundschullehrer Yu Zhijian. Die drei stammen aus der zentralchinesischen Provinz Hunan, wo der Große Vorsitzende zur Welt kam und die nicht zuletzt deshalb als Wiege der Revolution gilt. Sie haben zwei Transparente mitgebracht, die sie am Tor zur Verbotenen Stadt, dem einstigen Palast des chinesischen Kaisers, entrollen. Auf ihnen sind ihre beiden Forderungen zu lesen: "5000 Jahre Autokratie müssen jetzt zu Ende gehen" und "Der Personenkult muss jetzt beendet werden." Doch damit nicht genug. Um die Ernsthaftigkeit ihrer Parolen zu unterstreichen, werfen sie mehrere Farbeier auf das überdimensionale Mao-Porträt, das wie ein Vermächtnis der chinesischen Revolution über dem Tor prangt. Die mit roter, blauer und gelber Farbe gefüllten Wurfkörper verfehlen ihr Ziel nicht. Sie zerplatzen auf der Leinwand, die Farbe rinnt herunter und hinterlässt hässliche Spuren auf dem Antlitz des Großen Vorsitzenden, der im Reich der Mitte wie ein Gott verehrt wird. Die Aktion ist mehr als eine Provokation, sie ist ein Sakrileg – jedenfalls in den Augen der chinesischen Führung und der Bevölkerung. Die Brisanz ist den meisten studentischen Aktivisten unmittelbar bewusst. Sie wollen allerdings verhindern, dass in der symbolischen Attacke ein willkommener Anlass zu einem militärischen Eingreifen gesehen wird. Sie entscheiden sich deshalb, die drei Farbeierwerfer selbst festzunehmen und den Polizeibehörden auszuliefern. Die drei Studenten aus der Provinz werden umgehend abgeführt und verschwinden in irgendwelchen Gefängniszellen. Das verschmierte Konterfei des Revolutionärs und Staatsgründers wird bereits wenige Stunden nach den Würfen gegen ein neues ausgetauscht.

Am Tag darauf hält ein von den Aktivisten gegründetes Oberstes Hauptquartier zum Schutz des Tien-an-men-Platzes eine Art Zeremonie ab, auf der den dort immer noch versammelten 100.000 Demokratisierungsbefürwortern ein Gelöbnis abgenommen wird. Sie sprechen ihrem Wortführer Chai Ling feierlich die Worte nach:

Um die Demokratisierung des Mutterlandes zu fördern, die Würde der Verfassung zu bewahren, das große Mutterland vor den Machenschaften einer kleinen Handvoll Verschwörer zu schützen und zu verhindern, dass 1,1 Milliarden Landsleute unter einer militärischen Schreckensherrschaft blutig geopfert werden, um zu gewährleisten, dass Millionen Kinder in einer Atmosphäre von Freiheit und Demokratie gedeihen können, gelobe ich, bis zum Tod mein Leben und meine Treue dafür einzusetzen, den Tien-an-men-Platz, die Hauptstadt Peking und die Republik zu schützen. Kampf bis zum Ende gegen alle Widrigkeiten!

Doch das Gelöbnis, dem ein paar Tage später mit der Enthüllung einer riesigen, als "Göttin der Demokratie" bezeichneten Gipsstatue, die mit einer Fackel in der Hand unübersehbar der amerikanischen Freiheitsstatue nachgebildet ist, ein noch mehr Aufsehen erregender Akt folgt, stellt ein unfreiwilliges Dokument des Scheiterns dar.

Nach einigen Monaten – die Demokratisierungsbewegung ist zu diesem Zeitpunkt längst mit Waffengewalt niedergeschlagen und hat Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Todesopfern gekostet – wird den drei Farbeierwerfern wegen "konterrevolutionärer Agitation " der Prozess gemacht. Der Mittlere Volksgerichtshof von Peking verurteilt sie am 11. August zu hohen Haftstrafen. In der Urteilsbegründung heißt es: "Sie besudelten konterrevolutionäre Sabotage treibend bei hellem Tageslicht das große Porträt des Führers Mao, das an dem Tien-an-men-Turm hängt, sowie das Mauerwerk." Die drei Verurteilten werden gemeinsam nach Hunan in das Gefängnis Lingling gebracht. Es ist Teil eines riesigen Arbeitslagers. Danach wird es zunächst still um die Verurteilten.

Erst drei Jahre später lenkt der Bericht einer renommierten Tageszeitung die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf den Fall. In ihrer Ausgabe vom 1. Juni 1992 meldet die New York Times, dass die drei Verurteilten im Gefängnis gefoltert worden seien, zwei von ihnen hätten die letzten dreißig Monate in strenger Isolationshaft verbringen müssen. Yu Zhijian habe in dieser Zeit so viel Gewicht verloren, dass er den Eindruck eines Skeletts erwecke. Die Zeitung beruft sich auf einen Report von Asia Watch, einer Untergliederung von Human Rights Watch. – Eine der Organisationen, die sich am stärksten für eine Freilassung von Yu Dongyue einsetzt, ist die zur deutschen Sektion von amnesty international zählende Ortsgruppe in Dresden. Anlässlich des fünften Jahrestages des sogenannten Tien-an-men-Massakers führt sie am 4. Juni 1994 eine symbolische Aktion durch. Während aus den Lautsprechern eines parkenden Busses das ohrenbetäubende Geräusch von Maschinengewehrsalven ertönt, lassen sich Dresdener Menschenrechtler theatralisch auf das Straßenpflaster fallen. Nachdem ihre Körper in Reih und Glied nebeneinander aufgereiht worden sind, werden sie mit einem Tuch abgedeckt, das die Aufschrift trägt: "4. 6. 1989 Massaker in Peking". Indirekt soll damit auch an die Zustimmung erinnert werden, die die SED seinerzeit der chinesischen Schwesterpartei nach der Niederschlagung der chinesischen Demokratisierungsbewegung zum Ausdruck gebracht hatte. Eine Reihe weiterer Solidaritätsaktionen, darunter eine Informationsveranstaltung in der Semperoper und eine Luftballonaktion in der Prager Straße, folgen in den Jahren darauf.

Als Erster wird 1999 Lu Decheng entlassen. Er kommt nach zehn Jahren Haft auf freien Fuß. Ihm folgt im Jahr darauf Yu Zhijian, der 11 Jahre hat absitzen müssen. Lu gelingt es sieben Jahre später, über Thailand nach Calgary in Kanada auszureisen. In einem Interview mit der Epoch Times schildert er nun zum ersten Mal, worin die Absichten der drei jungen Männer aus Hunan bestanden. Sie hätten, erklärt er, im Frühjahr 1989 ihren Glauben an und ihre Zuversicht in die Kommunistische Partei Chinas vollständig eingebüßt. Um ihre Frustration öffentlich zu artikulieren, hätten sie die "egg-washing"-Aktion verübt: "Unsere Intention war es, unsere vollständige Verweigerung gegenüber der KP-Autorität zu demonstrieren, und zwar an ihrer Wurzel Mao." Allerdings habe sich der Protest nicht persönlich gegen Mao gerichtet. Es sei ihnen lediglich darum gegangen, das System der kommunistischen Staatspartei zu treffen. Er bedaure seine Beteiligung an dieser Aktion noch immer nicht und werde den einmal eingeschlagenen Kurs weiter fortsetzen.

Am 21. Februar 2006 wird schließlich als letzter auch Yu Dongyue entlassen. Von seiner 20-jährigen Haftstrafe hat er 17 Jahre absolvieren müssen, zuletzt im Gefängnis von Chishan, ebenfalls Teil eines Arbeitslagers. Westliche Zeitungen vermuten, dass die Freilassung mit der im April bevorstehenden Reise von Staatspräsident Hu Jintao in die Vereinigten Staaten zusammenhängen könnte. Die Europäische Union begrüßt die Freilassung, fordert jedoch zugleich, ihm sollten seine Rechte als Staatsbürger in vollem Umfang zurückgegeben werden. Außerdem müssten die Vorwürfe überprüft werden, er sei im Gefängnis gefoltert worden. Sollten sich die Anschuldigungen als zutreffend erweisen, müsse umgehend dafür gesorgt werden, derartige Praktiken einzustellen. – Als ein deutscher Journalist, der Frankfurter Rundschau-Korrespondent Harald Maass, wenige Tage später mit der im Landkreis Shegang lebenden Familie Kontakt aufzunehmen versucht, wird ihm erklärt, der mittlerweile 38jährige Yu Dongyue könne keine Besucher empfangen. Zur Begründung heißt es: "Er ist geistig verwirrt und erkennt seine Familie nicht mehr." Als ihm seine Mutter zum feierlichen Empfang aus dem Gefängnis sein Lieblingsgericht Xihongshi Jidan, ein Omelett mit Tomaten, gekocht habe, sei nicht mal ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht. Er konnte sich einfach an nichts und niemanden mehr erinnern. Yu habe, kommentiert Maass den tragischen Fall des chinesischen Dissidenten, in den Augen der chinesischen Strafverfolgungsbehörden ein noch weitaus schlimmeres Verbrechen begangen, als das Andenken des Großen Vorsitzenden Mao Tsetung zu beschmutzen. Er habe sich all die Jahre über standhaft geweigert, sein Vergehen einzugestehen: "Das chinesische Strafsystem ist bis heute so aufgebaut, dass Häftlinge unter allen Umständen Reue zeigen müssen. Wer sich weigert, wird systematisch zerstört. Nach Aussagen von Mithäftlingen wurde Yu regelmäßig verprügelt. Sein Kopf sei 'mit Narben übersät' gewesen, berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Ein mal habe man ihn an einen Pfahl gebunden und mehrere Tage alleine in der Sonne gelassen, ehe er erneut für zwei Jahre Einzelhaft weggesperrt wurde. Irgendwann wurde Yu, der sich später in das Provinzgefängnis Nummer 1 verlegt fand, wahnsinnig." Aus dem selbstbewussten Redakteur ist ein psychisch wie physisch gebrochener Mann geworden, ein Pflegefall. Meistens sitzt er starr vor dem Fernseher und redet gelegentlich wirres Zeug. Kontakte zu ausländischen Journalisten sind ihm strikt untersagt. Doch dieses Verbots hätte es für Yu Dongyue längst nicht mehr bedurft. Er hat seine politische Unbeugsamkeit mit der Zerstörung seiner Person bezahlt.

 



Published 2008-08-07


Original in German
First published in Mittelweg 3/2008

Contributed by Mittelweg 36
© Wolfgang Kraushaar/Mittelweg
© Eurozine

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