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Articles

Hannah Arendt und die Studentenbewegung

Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Hans-Jürgen Benedict und Hannah Arendt

Hanna Arendts Bewertung der Studentenbewegung war "vielschichtig", schreibt Wolfgang Kraushaar: "Tatsächlich scheint Arendt zwischen den vorwärtsweisenden Impulsen und den abschreckenden Tendenzen der 68er-Rebellion hin und her gerissen gewesen zu sein."

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Hannah Arendt, Hans-Jürgen Benedict
Briefwechsel [Correspondence]


Das Verhältnis der Studentenbewegung zu Hannah Arendt ist ziemlich eindeutig. Ein Satz reicht aus, um es zu benennen: Es hat keines existiert. Dafür lassen sich gleich mehrere Gründe benennen: Arendt war weder eine Marxistin noch eine Feministin, ihre Totalitarismuskritik galt den meisten linken Studenten als überholt, wenn nicht gar als verfehlt, und sie selbst als eine Ideologin des Kalten Krieges; ihre von Aristoteles und Heidegger maßgeblich beeinflußten Schriften wurden von den damaligen Aktivisten fast vollständig ignoriert. Selbst die linken Studenten sprachen auf dem Campus von Chicago zumeist nur herablassend von "Tante Hannah".[1] Sie hielten ihre Professorin für antiquiert. Sie sahen in ihr eine philosophische Traditionalistin, die keinen an gemessenen Zugang zum Marxismus gefunden hatte. Das Urteil fiel eindeutig aus: Als Idealistin im Grunde liebenswert, gelegentlich auf sympathische Weise querulantisch, theoretisch allerdings hoffnungslos überholt.

Umgekehrt sah es jedoch erheblich anders aus. Denn Arendts Verhältnis zur Studentenbewegung ist vielschichtig gewesen. Der in diesem Zusammenhang einschlägige und wohl am häufigsten zitierte Satz findet sich in einem Brief Hannah Arendts an den Philosophen Karl Jaspers: "Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848."[2] Das klingt nach besonderer historischer Wertschätzung, bringt jedoch ihre gleichzeitig bestehenden Vorbehalte keineswegs zum Ausdruck. Tatsächlich scheint Arendt zwischen den vorwärtsweisenden Impulsen und den abschreckenden Tendenzen der 68er-Rebellion hin und her gerissen gewesen zu sein. Als sie der Journalist Adelbert Reif im Juli 1970 fragt, ob sie in der studentischen Protestbewegung "überhaupt einen historisch positiven Vorgang" sehe, lautet die Antwort: "Gewisse Ziele der Bewegung, vor allem in Amerika, wo ich sie besser kenne als anderswo, habe ich begrüßt, anderen stehe ich neutral gegenüber, und gewisse halte ich für gefährlichen Unsinn – wie etwa die Politisierung und Umfunktionierung der Universitäten und ähnliche Dinge."[3] Einen sehr viel genaueren Einblick in Arendts Beurteilungen bietet nun eine bislang unpublizierte Korrespondenz, die ein Aktivist der Studentenbewegung seinerzeit mit Hannah Arendt geführt hatte.

Als Briefpartner trat der damals 25-jährige Doktorand Hans-Jürgen Benedict auf. Er hatte an den Universitäten Hamburg, Heidelberg, Tübingen und Marburg Theologie studiert und sein 1.Theologisches Examen bereits absolviert. Freilich hatten ihn die Berichte über das Grauen des Vietnamkriegs zunehmend aus seinem Studium herausgerissen. Ursprünglich wollte der junge Theologe eine Dissertation über das "Wort zum Sonntag" verfassen. Nun aber erschien Benedict die gewählte Themenstellung nicht mehr zeitgemäß. Jetzt wandte er sich einem neuen Thema zu, dem "Friedenszeugnis der Kirchen". Empört war er – wie seine Untersuchung kirchlicher Reaktionen auf den Vietnamkonflikt verdeutlichte – insbesondere über das Einverständnis, das Repräsentanten nicht nur der katholischen, sondern auch der evangelischen Kirche mit dem Vorgehen der USA zeigten.[4] Im Verhalten von Bischof Hanns Lilje, der sich im Gegensatz zu Theologen wie Professor Helmut Gollwitzer und Präses Kurt Scharf ausdrücklich gegen einen Abzug der amerikanischen Truppen aus Südostasien ausgesprochen hatte, glaubte er einen Bruch mit christlichen Wertüberzeugungen zu erkennen. Die Befürwortung des Vietnamkrieges schien dem Doktoranden eine Fortsetzung der deutschen Neigung zu sein, zwischen Moral und Politik zu unterscheiden, ein Habitus, der bereits die Beteiligung an den Verbrechen der Nazis ermöglicht, zumindest aber erleichtert hatte. So etwas, betonte Benedict, sollte für ihn auf keinen Fall mehr in Frage kommen. Liljes Haltung verletzte in seinen Augen jenen neuen kategorischen Imperativ, den Theodor W. Adorno auf die Formel gebracht hatte, Auschwitz dürfe sich niemals wiederholen.[5] Ein mustergültiges Vorbild für die "Aufarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit" schien ihm Arendts Hauptwerk zu liefern. Mit ihrem Buch The Origins of Totalitarianism[6] hätte die Autorin auf der historisch-deskriptiven Ebene geleistet, was Thomas Mann mit seinem Doktor Faustus[7] auf der literarisch-fiktiven versucht habe, den "Bann des Vergangenen zu brechen" durch eine "auch dem Grauen standhaltende Darstellung". Unter dem Eindruck des militärischen Vorgehens der US-Streitkräfte in Vietnam verstärkten sich allerdings die Zweifel an Arendts Position, die im Nationalsozialismus und im Sowjetkommunismus nur unterschiedliche Spielarten des Totalitarismus identifizierte. Belegten die von den Vereinigten Staaten zu verantwortenden Verbrechen nicht, dass die USA zu einer global intervenierenden Hegemonialmacht aufgestiegen waren und die Sowjetunion als imperialistische Weltmacht abgelöst hatten?

Totalitarismus erschien Arendt als Begriff einer genuin neuartigen Herrschaftsform.[8] Er hatte sich als ein Produkt moderner Massengesellschaften im Europa des 19. Jahrhunderts herauskristallisiert, im Zeitalter der erstarkenden Bourgeoisie und des Niederganges der Nationalstaaten. In den drei "Elementen der Schande", die Arendt ins Zentrum ihrer Studie rückte – dem Antisemitismus, dem Imperialismus und dem Rassismus -, kündigte sich an, was den Typus totaler Herrschaft charakterisiert: zu den traditionellen Merkmalen der Tyrannei treten im Totalitarismus mit der Ideologie und dem Terror nicht einfach zwei weitere Faktoren hinzu, vielmehr konstituieren sie diese Herrschaftsform auf ganz spezifische Weise in ihrer bisher ungekannten Vernichtungsqualität. Der Inbegriff der neuen Herrschaftsform ist folglich das System der Konzentrationslager. So wie kein totalitäres Regime ohne Terror auskomme, lautete eine ihrer grundlegenden Einsichten, so könne sich kein Terrorsystem ohne die Einrichtung von Konzentrationslagern als effektiv und dauerhaft erweisen. Nationalsozialismus und Bolschewismus erschienen Arendt im Lichte dieser Befunde als "Variationen ein und desselben Modells". Die Funktion totaler Herrschaft bestand aus ihrer Sicht in der Zerstörung all dessen, was politische Gemeinschaftlichkeit ausmacht, letztlich in der völligen Liquidierung von Freiheit.

Unter dem unmittelbaren Eindruck der tödlichen Schüsse eines Westberliner Polizisten auf Benno Ohnesorg fasste sich Hans- Jürgen Benedict ein Herz und setzte, mit dem Datum des 3. Juni 1967, einen langen Brief an die in Chicago lehrende amerikanische Politikwissenschaftlerin auf. Da er zusammen mit seinem Doktorvater Hans-Eckehard Bahr an einem Buch über das Thema "Weltfrieden und Revolution" arbeitete, hatte er Arendts 1958 publizierte Studie über Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus gelesen.[9] Das dort entworfene Bild vom Sowjetkommunismus, demzufolge die Ära Chruschtschow nicht als Beginn der Entstalinisierung, sondern lediglich als Fortsetzung der stalinistischen Gewaltherrschaft zu begreifen sei, forderte seinen Einspruch heraus. Benedicts Doktorvater ermunterte seinen Schüler zu dem Schritt, sich brieflich an die 1933 vor den Nazis geflohene Wissenschaftlerin zu wenden. Bahr hatte nämlich ein Jahr zuvor an der University of Chicago gelehrt und Hannah Arendt dort persönlich kennengelernt.

Nun monierte Benedict, dass ihm ihre Position als "hinfällig" und der Aufwand, den "russischen Imperialismus" zu verdammen, als "fragwürdig" erscheine.[10] Herausfordernd fragte er, ob sie ihm nicht in seiner Einschätzung folgen könne, dass der "russische Kommunismus " inzwischen nicht mehr mit dem Etikett "Totalitarismus" beziehungsweise "totale Herrschaft" versehen werden dürfe. Benedict zog damit die Gültigkeit der Arendtschen Totalitarismuskonzeption für die Gegenwart in Zweifel. Kokett plädierte er für eine Umformulierung ihres Buchtitels in "Der Vietnamesische Krieg und der amerikanische Imperialismus ". Außerdem wollte er wissen, ob "die soziale Frage" nicht zur eigentlich politischen Frage geworden sei, und ob es angesichts des gewaltsamen Widerstands in der Dritten Welt nicht einer Neubewertung der Gewalt bedürfe. Im Grunde stellte der Korrespondent auf gerade einmal drei Briefseiten die wichtigsten Topoi im politischen Denken Hannah Arendts in Frage.

Lange Zeit wartete Benedict vergeblich auf eine Reaktion. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis ihn ein Luftpostbrief aus New York erreichte. Inzwischen war Benedict Assistent an der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum geworden. Arendt bat gleich zu Beginn ihres Schreibens mit dem Hinweis auf die "Irrfahrten" seines Briefes um Verständnis für die außergewöhnliche Verzögerung der Antwort. Benedict, der im Grunde bereits jede Hoffnung auf eine Reaktion aufgegeben hatte, war nun seinerseits beeindruckt, in welcher Ausführlichkeit Arendt auf seine Kritikpunkte einging. Die prominente Autorin hatte das Anliegen eines ihr völlig unbekannten deutschen Doktoranden ganz offensichtlich ernst genommen. Mehr noch. Arendt gab zu Benedicts Erstaunen seinen Einwänden im Hinblick auf den Sowjetkommunismus, das Unzeitgemäße ihres Totalitarismusbegriffs und sogar seiner Kritik am US-Imperialismus recht. Sie machte kein großes Federlesen und trat den Rückzug an. In ihrem Schreiben vollzog sich jedoch ein weiterer, kaum weniger überraschender Wechsel. Sie holte in Bezug auf andere, zentrale Gesichtspunkte zu einer Art Gegenkritik aus und beendete ihren Brief schließlich mit einem fulminanten Plädoyer für eine Limitierung des politischen Handelns und Denkens.

Kein Wunder, dass sich Benedict erneut hinsetzte und schon bald darauf ein noch umfangreicheres Antwortschreiben verfasste. Einerseits fühlte er sich durch Arendts Zurückweichen in einigen seiner zentralen Kritikpunkte bestätigt, andererseits aber durch ihre mit polemischen Tönen formulierte Kritik ein weiteres Mal herausgefordert. Nun wurde er noch deutlicher und schrieb, er wolle sich erneut "zum 'Anwalt' der UdSSR" machen. Benedict warf seiner Briefpartnerin vor, ihre Leser im Vorwort des Totalitarismusbuches mit der "Gruselgeschichte aus Stalins letzten Tagen" zu schrecken. Sie hätte, meinte er, lieber auf Ministerpräsident Kossygin verweisen sollen, um die Sowjetunion richtig einzuordnen. Kossygin sei vielleicht "ein kühler Technokrat ", entscheidend sei jedoch, dass er den Frieden erhalten wolle.

In seiner Kritik an den USA ging Benedict jetzt so weit, zu fragen, ob sich das Land nicht bereits "in der imperialistischen Ära" befände und durch "keine konstitutionellen Bremsen" daran gehindert werden könne, diesem Irrweg weiter zu folgen. Was gebe, legte Benedict nach, den USA überhaupt das Recht, "wehrlose Völker zu kujonieren"? Offensichtlich von der Schärfe des eigenen Tonfalls überrascht, gibt Benedict zu, er habe sich "ein bißchen echauffiert", und schaltet zurück. Der Schlussteil des Briefes befasst sich dann mit der Situation der Studentenbewegung in der Bundesrepublik.

Universitätsreform, Enteignet-Springer-Kampagne, Anti-Notstandsbewegung – ein Konfliktfeld nach dem anderen ruft Benedict auf, um seiner Adressatin zu vermitteln, was sich zwischenzeitlich zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung geändert hat. Lediglich einen Punkt gebe es, auf den die Öffentlichkeit nach wie vor indifferent reagiere, den Vietnamkrieg. In Benedicts Augen liegt dieser Missstand vor allem im Schweigen der Kirchen gegenüber dem Kriegstreiben der einstigen Besatzungsmacht begründet. Am Ende lässt er sich, wie Benedict später bedauerte, zu einem Vergleich zwischen Auschwitz und Vietnam hinreißen. Er habe Bernhard Wickis Antikriegsfilm Die Brücke und Alain Resnais¹ Auschwitzfilm Nacht und Nebel gesehen und sich gesagt, das werde nie wieder passieren; schließlich hätten die Menschen "aus diesen apokalyptischen Greueln" gelernt. Und dann seien die Bilder der napalmverbrannten Kinder aus Vietnam publik geworden. Das sei ganz ähnlich gewesen wie im Nationalsozialismus. Deshalb könne er ihre "kühle, fast un – barmherzige Bemerkung" – offenkundig spielt Benedict auf Arendts provokante Feststellung an, sie fühle sich "nicht im mindesten verantwortlich ", sollten sich die Vietnamesen nach dem Abzug der amerikanischen Truppen "gegenseitig die Gurgeln durchschneiden" – nicht nachvollziehen.

Zur selben Zeit als Benedict seinen zweiten Brief an Arendt schrieb, beteiligte sie sich an einer Auseinandersetzung um ein damals nicht nur für die Studentenbewegung zentrales Thema – die vermeintlich progressive Rolle der Gewalt. Aus einer New Yorker Podiumsdiskussion im Dezember 1967 ging schließlich Arendts Essay Macht und Gewalt hervor.[11] Den Vertretern der Neuen Linken wollte Arendt zu verstehen geben, dass sie die moralische Stärke ihrer Rebellion, die bei aller Kritik eine große Faszination ausübe, allein dann bewahren könnten, wenn sie sich von ihrer marxistischen Gewaltrhetorik lösen würden. Die politische Verwirrung in Fragen der Opposition, so Arendt, rühre daher, dass Macht und Gewalt gleichgesetzt würden. Demgegenüber insistierte sie auf der Unabdingbarkeit einer fundamentalen Unterscheidung. Diese Unterscheidung arbeitet Arendt in einer Kritik an drei Versuchen heraus, Gewalt politisch zu rechtfertigen, d. h. in der Auseinandersetzung mit Denkfiguren von Karl Marx, Georges Sorel und Jean-Paul Sartre. Während Gewalt instrumentellen Charakter besitze, also in den Bereich der Zweck-Mittel-Relationen gehöre, sei das Phänomen der Macht konstitutiv für jedes politische Gemeinwesen, bedürfe folglich keiner besonderen Rechtfertigung. Im Gegensatz zur Macht könne Gewalt zwar gerechtfertigt, nicht aber legitimiert werden. Die Legitimität von Machtausübung beruhe nicht auf Zielen oder Zwecken, vielmehr resultiere sie aus den Ursprüngen gemeinsamen Handelns, aus dem Gründungsakt einer Gruppe oder Gemeinschaft. Gegen ein bekanntes Mao- Diktum gerichtet, hält Arendt ihren Kontrahenten vor, Macht komme niemals aus den Gewehrläufen. Wo Gewalt politisch eingesetzt werde, führe dies am Ende nicht zur Gewaltlosigkeit, sondern zu neuer, meist zu noch mehr Gewalt. Mit ebenso überraschenden wie gezielt gesetzten Distinktionen versuchte Arendt so das Eigenrecht des Politischen zurückzugewinnen.

Arendts Reaktion auf Benedicts zweiten Brief ließ nicht lange auf sich warten. Sie fiel unmissverständlich, ja beinahe brüsk aus. Am 7. Januar 1968 schrieb sie an Hans-Eckehard Bahr und Hans-Jürgen Benedict: "Ich will den Briefwechsel nicht veröffentlicht haben. Erstens müßte ich dann ja sofort noch auf Herrn Benedicts zweiten Brief vom 8. 12. eingehen, was ich im Moment nicht kann. Zweitens aber auch, weil ich prinzipiell dagegen bin. Sie haben mir bei Ihrer ersten Anfrage nichts von einer derartigen Publikationsabsicht gesagt; ich schreibe Briefe nicht für Publikation[en] und hätte mich gar nicht darauf eingelassen. Nicht daß es da irgendwelche Geheimnisse gäbe. Wenn Sie meine Stellung mit Studenten im Seminar diskutieren wollen, so habe ich nicht das Geringste dagegen. Eine Rede ist keine Schreibe, und ein Brief ist kein Aufsatz. Es besteht heute überall die verständliche Tendenz, die Grenzen zwischen den Kommunikationsformen zu verwischen. Ich mag da nicht mitmachen."[12]

Im Nachhinein kann nur darüber spekuliert werden, worin die Beweggründe für Arendts harsche Reaktion lagen. Wollte sie eine öffentliche Auseinandersetzung um die Gültigkeit ihrer Totalitarismuskonzeption vermeiden? Eher unwahrscheinlich. Schließlich hatte sie sich selbst – wie ihre Einflussnahme auf die deutsche Übersetzung, ihr Vorwort und ihre verschiedenen Begleittexte beweisen – wiederholt um Modifikationen bemüht. Außerdem war sie es, wie das Beispiel ihrer mit weitreichenden Reflexionen über die "Banalität des Bösen" versehene Reportage Eichmann in Jerusalem[13] gezeigt hatte,[14] durchaus gewohnt, zur Zielscheibe öffentlicher, zum Teil maßlos überzogener und persönlich verletzender Kritik zu werden.

Vielleicht war ihr Benedicts Argumentation, der sie ja in ihrem vorhergehenden Schreiben durchaus Anerkennung gezollt hatte, aber auch zu aufdringlich? Insbesondere dessen moralisch aufgeladene Parallelisierung von Holocaust und Vietnamkrieg könnte ihr missfallen haben. Schließlich hatte Arendt auf einen ähnlich gewagten Vergleich eines bundesdeutschen Nachkriegsintellektuellen mit spitzer Formulierung repliziert. Als Hans Magnus Enzensberger 1964 in seinem Buch Politik und Verbrechen[15] Auschwitz mit Hiroshima verglich, hatte ihn Arendt mit dem Ausruf "Oh, Felix Culpa" verspottet.[16] Es ist nicht auszuschließen, dass sie auch in Benedict einen weiteren Exponenten jener jungen Deutschen meinte wahrnehmen zu können, die in der Schuld der NS-Verbrechen eine Art negativer Auszeichnung gesehen haben.[17] Doch selbstverständlich mögen auch ganz triviale Gründe ihre Weigerung motivieren, den Briefwechsel zu publizieren. Um ihre Argumentation verantwortlich in der Öffentlichkeit vertreten zu können, hätte sie einiges an zusätzlicher Arbeit investieren müssen. Und dafür fehlte ihr – wie an einigen Randbemerkungen deutlich wird – wahrscheinlich die nötige Zeit.

 

  • [1] Mündliche Information von Moishe Postone, University of Chicago.
  • [2] Hannah Arendt, Karl Jaspers, Briefwechsel 1926-1969, München 2001, S. 715f.
  • [3] "Politik und Revolution. Ein Gespräch mit Adelbert Reif", in: ders. (Hrsg.), Gespräche mit Hannah Arendt, München 1976, S. 41.
  • [4] Hans-Jürgen Benedict, "Schöne Worte jenseits der Fronten? Die Friedensvoten der Kirchen und die politische Realität", in: Hans-Eckehard Bahr (Hrsg.), Weltfrieden und Revolution. Neun politisch-theologische Analysen, Reinbek 1968, S. 237-290.
  • [5] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1967, S. 356.
  • [6] Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, New York 1951.
  • [7] Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde, Stockholm 1947; neu durchgesehen: Frankfurt am Main 1997.
  • [8] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, Frankfurt am Main 1955.
  • [9] Hannah Arendt, Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus, München 1958.
  • [10] Benedict hat seine Argumente kurze Zeit später in einem Buchbeitrag zusammengefasst und weiter pointiert: Hans-Jürgen Benedict, "Totalitarismus und Imperialismus im Jahre 1967. Fragen an Hannah Arendt", in: Bahr (Hrsg.), Weltfrieden, S. 95-105.
  • [11] Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München 1970.
  • [12] Brief Hannah Arendts an Hans-Eckehard Bahr und Hans-Jürgen Benedict vom 7. Januar 1968 (unpubliziert).
  • [13] Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.
  • [14] F.A. Krummacher (Red.), Die Kontroverse. Hannah Arendt, Eichmann und die Juden, München 1964.
  • [15] Hans Magnus Enzensberger, Politik und Verbrechen, Frankfurt am Main 1964.
  • [16] Hannah Arendt, Hans Magnus Enzensberger, "Ein Briefwechsel", in: Joachim Schickel (Hrsg.), Über Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt am Main 1973, S. 172-180, hier S. 173.
  • [17] Vgl. Richard Oehmig, Schuld und Eskapismus. Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger, München 2007.


Published 2008-07-15


Original in German
First published in Mittelweg 36 1/2008

Contributed by Mittelweg 36
© Wolfgang Kraushaar/Mittelweg 36
© Eurozine

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