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"Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben"

Trauma-Ontologie und anderer Miss-/Brauch von Traumakonzepten in geisteswissenschaftlichen Diskursen. Teil III


III

Ich selbst – der Autor dieses Essays – habe bedauerlicherweise keine Zeit für Urlaub: ich bin der "philologische Freund", den Dr. Gutherz zurückgelassen hat. Und es wird mir, dem Geisteswissenschaftler, aufgegeben sein, zusammenzufassen und Schlussfolgerungen zu ziehen, was meinem Freund Dr. Gutherz, liebenswürdig und gutherzig wie er ist, vermutlich nicht leicht gefallen wäre und was ihm im Grunde auch gar nicht zugemutet werden sollte.

Was genau nämlich war es eigentlich, was meinem Freund, dem Psychotherapeuten Gutherz, widerfuhr, als er versuchte, philosophische und literaturwissenschaftliche Aufsätze zum Thema Trauma zu lesen? Er begegnete Texten, welche ihn zunächst faszinierten und dann immer wieder auch verstörten, weil sie als gemeinsamer Nenner ihrer Grundaussagen und Handlungsimplikationen – mehr oder weniger ausdrücklich oder bewusst – jedem Bestreben nach Artikulation und narrativem Erschließen von traumatischen Erfahrungen Widerstand entgegensetzten. Die Umwandlung von traumatischer Erfahrung in "narrative Strukturen " und der expressive und ko-narrative Diskurs darüber, das tägliche Geschäft und die tief empfundene Berufung des Therapeuten Gutherz, schien hier mit allerlei philosophischen Einwänden belegt und in eigentümlich wortreicher und im Zweifelsfall auch energischer Weise verurteilt zu werden. Gleichzeitig jedoch waren jene philosophischen Texte durchdrungen von Zeichen des höchsten Respekts und Mitgefühls gegenüber denen, die (im Holocaust und/oder in anderen Gewalt- und Trauma- Ereignissen) gelitten haben, wie auch von dem Willen, das Gedenken an die Toten aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus sind die Autoren offensichtlich bestrebt, wenn nicht die Opfer selber dann doch das Trauma an sich in Schutz zu nehmen und sich seiner anzunehmen, mit dem Ziel, künftige Gewalt und Verletzung verhindern zu helfen.

Was die Angelegenheit weiterhin problematisch macht und in dieser höchst konflikthaften diskursiven Konstellation einige zusätzliche Verwirrung stiftet, ist die Tatsache, dass sich die ohnehin sehr komplex gewundenen Gedankengänge zuweilen auch systematisch ambivalenter und paradoxer Ausdrucksmuster bedienen und sich damit von Traditionen westlicher Geistesgeschichte nähren, welche über den Poststrukturalismus hinausgehen und sich über Adorno (Kansteiner 2004, S. 195ff) oder – möglicherweise – gar Heidegger bis weit ins zwanzigste Jahrhundert und dahinter zurück zu erstrecken scheinen. Dieser komplizierte Diskursduktus erreicht nicht selten eine Dichte und begrifflichen Eigenwilligkeit, die schon abgesehen von allen inhaltlichen Fragen der interdisziplinären oder auch nur denkschulen-übergreifenden Verständigung abträglich sein muss. Man denke an Weinbergs oben zitierten Satz, dass die "unterstellte Wahrheitsfähigkeit menschlichen Erinnerns dabei nicht nur jeweils daran [hängt], dass die ursprüngliche Göttlichkeit der Wahrheit, ihre Unverfügbarkeit für den Menschen, vergessen (gemacht) wird, sondern dass dieses Vergessen seinerseits in Vergessenheit gerät" (S. 203), oder an das von ihm emphatisch herangezogene Diktum Friedrich Kittlers: "Im Vergessen des Wortes Vergessen fallen Geäußertes und Äußerung zusammen. Der Taumel dieses Zusammenfalls ist die Wahrheit" (ebda).

Auf was dies alles letzten Endes hinausläuft und was die Quintessenz des interaktionalen Impetus und auch der mutmaßlichen Wirkung dieses Diskurses ist, lässt sich jedoch in jener grundsätzlichen Forderung, dass psychotraumatische Erfahrung nicht in narrative Form gebracht werden soll, zusammenfassen. Insofern kann man die diesbezüglichen Aussagen der zitierten Texte, ungeachtet der Komplexität ihrer linguistischen und semantischen Struktur, einigermaßen wörtlich nehmen: "Das Trauma [muss dem Gedächtnis] unverfügbar bleiben", und jedes "bewusste Erinnern" kommt einer "inadäquaten Repräsentation" gleich. Der "Philosophie [und] Geschichtsschreibung" obliegt es dann folgerichtiger Weise, "die traumatische Rückseite jeden Erinnerns vergessen [zu machen]" (Weinberg, S. 206); einzig literarische Texte können sich "auf das Zusammenspiel von Trauma und Erinnerung einlassen" – und die Psychologie wird nicht einmal erwähnt in diesem kleinen Panorama der Humanwissenschaften. Dabei werden die Aussagen in solch entschiedener Weise getroffen, dass es nicht weiter maßgeblich scheint zu eruieren, ob sie als ontologische Setzungen zu erachten sind, wie ihre rhetorische Form durchweg impliziert, oder nur als tentative philosophische Betrachtungen. Dadurch wäre den Autor/innen immerhin einiger Spielraum gewährt, die so definierte Kulturbefindlichkeit des Du-darfst-nicht-Sagen als eine eher unglückliche, änderungswürdige anzusehen. Es ist nicht nur der Akt der Verbalisierung sondern tatsächlich auch der mentale Prozess der "Integration des Traumas", der diskreditiert und zurückgewiesen wird: Die psychische "Integration des Traumas" wird – während man mitunter einräumt, dass sie für Belange der Therapie unverzichtbar sei – als etwas sehr "Be-drohliches" angesehen, was die "Aura [des Traumas] zerstört" und es "seiner Einzigartigkeit beraubt", (Roth, 1998, S. 167). Caruth (in Braese, 2003, S. 969) und Baer (2000, S.27) legen nahe, dass die Verbalisierung und "Integration" traumatischer Erfahrung kein Gewinn sondern ein Verlust der "wesentlichen Genauigkeit und starken Wirkung" des Traumas wäre und letztlich ein "Sakrileg an der Integrität [des Traumas]" bedeutete. Dass "die schreckliche Vergangenheit durch die "vorhandenen psychischen Strukturen" [der Person] gereinigt werden könnte" – ein Gedanke übrigens, welcher ex negativo die Möglichkeiten von Trauma- und Psychotherapie in bezeichnender Weise überschätzt und geradezu messianischen Erwartungen Vorschub leistet – hat in Roths Sichtweise die missliche Folge, dass dadurch die traumatische "Vergangenheit" "relativiert" und "normalisiert " wird. Und Caruth fürchtet, dass die "wesentliche Unfassbarkeit" des Traumas sowie sein aggressiv-destruktives Potenzial, einen "massiven Anschlag auf das Verstehen" auszuführen, verloren geht. Darin aber erkennt sie keineswegs einen therapeutisch-zivilisatorischen Zuwachs an Gewaltverarbeitungs-Kompetenz, sondern im Gegenteil einen zu beklagenden Sachverhalt, den es ausdrücklich zu verhindern gilt.

Um diese Missbilligung von narrativen Artikulationen traumatischer Erfahrung eindrücklich zu formulieren und philosophisch zu untermauern, haben Caruth, Braese und andere eine in den Philologien inzwischen weithin gebräuchliche konzeptuelle Unterscheidung zwischen "Gedächtnis" und "Erinnerung" in Anspruch genommen. Wie dies eventuell einer generellen Tendenz von philosophischen Dichotomien überhaupt entspricht, zielt das binäre Begriffstandem, so zeigte sich, im Grunde auf einen mentalen Mechanismus der Abspaltung von und kontrollierten Verfügung über komplexe Erfahrungs- und Ausdruckszusammenhänge der individuellen und kollektiven Gewaltverarbeitung. Es ist also das Handlungsprinzip von divide et impera, in dem jene antagonistische Szene zwischen dem "bewahrenden Gedächtnis" und den "zersetzenden" Kräften der narrativen "Erinnerung" evoziert wird und in der die (dissoziative) Sympathiezuteilung letztlich dem "Gedächtnis" anheim fällt.

Dass dergleichen philosophische Dichotomik regelmäßig auch von einer gedanklich-emotionalen Befindlichkeit der Melancholie der Aporie begleitet ist und somit Begriffe wie den der "unverfügbaren Wahrheit" zentral setzt, trägt freilich nicht so sehr zur Aufhebung als zur Verfestigung dieses Abspaltungsmechanismus bei. Auch muss eine so geartete Dichotomik in ihrer interaktionalen Wirkung unwillkürlich Dynamiken der suggestionsbildenden Doppelbindung entfachen. Somit entspricht dieses eigentlich genuin dissoziative Denk- und Handlungsprinzip – das überraschender Weise einer binären Begriffsbildung aufruht, welche von poststrukturalistischer Seite aus in aller Regel entschieden zurückgewiesen wird – eher dem defensiven Bedürfnis, psychische Impulse der Abwehr und Verdrängung auszuagieren, als dass es dazu beitragen könnte, die Optionen des kulturellen und gesellschaftlichen Durcharbeitens (und Containments) von psycho-traumatischer Erfahrung zu erschließen und zu unterstützen; – wie es ferner auch jeder methodenfesten wissenschaftlichen Forschung in diesem Fragenfeld zuwiderläuft.

Umso bemerkenswerter ist, dass die Dichotomie von Gedächtnis und Erinnerung, für die man sich gemeinhin indirekt – über Walter Benjamin – auf den Psychoanalytiker Theodor Reik beruft, schon in philologischer Hinsicht eine reichlich eigenwillige Auslegung Reiks genannt werden muss. Sie umgeht nämlich dessen weitaus zentralere Unterscheidung zwischen therapeutischem "Erinnern" und defensivem "Gedenken", welche z.B. der Psychotraumatologe Mathias Hirsch in seinem eher klinisch orientierten und darum keineswegs theorie-melancholischen Zugang Reiks Text zu entnehmen vermag. Trefflich insistiert Hirsch mit Reik, dass "Erinnern" in keiner Weise "inadäquat" oder "zerstörerisch" ist, sondern vielmehr den Prozess des mentalen Durcharbeitens und Integrierens von traumatischer Erfahrung ins Werk setzt (Hirsch, S. 106). Zudem macht Hirsch auf die psycho-dynamische Kongruenz zwischen diesem "Gedenken" und dem "Ressentiment", d.h. der reaktiven Aggression, aufmerksam. Und dies erlaubt einen gänzlich anderen Blick darauf, wie und wo auch im philosophischen Traumadiskurs selbst "destruktive Kräfte" und aggressionserzeugende Doppelbindungen wirksam sein mögen (S.106f.). Denn wenngleich die angeführten Texte in Ganzen eher bedächtig voranschritten und vorderhand weit entfernt schienen, emotionale Dynamiken des Ressentiments zu aktivieren, so nahm der Leser Gutherz dennoch manches Mal ressentiment-behaftete Übertragungseffekte wahr. Und bei einem, allerdings ganz und gar nicht poststrukturalistisch positionierten, Autor – Harald Welzer – war dies in geradezu drastischer Weise der Fall. Dem entspricht freilich der vielfach aufgewiesene psychodynamische Zusammenhang, dass ausgeprägte Neigungen zu melancholischen Gedankenfiguren immer auch mit einem Aggressionspotenzial einhergehen.

Insgesamt zeichnet sich also der Befund ab, dass die poststrukturalistisch inspirierten philosophischen Traumatheorien, obwohl gerade deren jüngere Protagonist/innen auch eine tief empfundene Besorgnis über die großen zivilisatorischen Gewaltexzesse des zwanzigsten Jahrhunderts zum Ausdruck bringen und einiges Engagement erkennen lassen, zur gesellschaftlichen Prävention beizutragen, letztlich unwillkürlich eine mentale Abwehrhaltung befestigen, die dem Erzählen und Durcharbeiten von traumatischer Erfahrung diametral entgegensteht und damit den Kreislauf von Gewalt und Trauma eher befördert als ihm zu wehren.

Sicherlich könnte man versucht sein, die theoretischen Setzungen, die dem Kliniker Gutherz letztlich so viele Schwierigkeiten bereiteten, in einer wohlwollenden Weise zu lesen. Man könnte z.B. der Annahme folgen, dass sich die anti-narrativen und anti-analytischen Beschränkungen der Verbalisierung von Trauma nicht wirklich auf Fragen des individuellenAusdrucks – und der individuellen Psychotherapie – beziehen und dass Welzers impulsiver Ausfall gegen die Trauma-Therapie eine singuläre Erscheinung ohne weitere strukturelle Relevanz sei. Man könnte vielmehr davon ausgehen, dass diese Beschränkungen sich nur auf öffentliche Diskurse beziehen, wie sie beispielsweise in der Geschichtsschreibung oder in Kulturwissenschaft und Feuilleton geführt werden. Jedoch: die Autor/innen selbst versäumen es gänzlich, entsprechende Präzisierungen ihres Gegenstandes und Gültigkeitsbereichs zu vollziehen. Zudem müsste ja zunächst erwogen werden, ob eine Beschneidung und ästhetische Restriktion der öffentlichen Diskurse nicht unweigerlich auch Rückwirkungen auf die individuellen Prozesse der Traumatherapie haben.

Vielleicht auch sind es nur ganz bestimmte Formen der medialen und ästhetischen Repräsentation, die in Zweifel gezogen werden sollen. Die Verbalisierung und narrative Darstellung von Ereignissen der Gewalt und Verletzung stellt ja ein mutiges und anspruchsvolles Unterfangen dar, das manche psychische und narrative Herausforderung in sich birgt. Vieles dabei scheint misslingen zu können; zumindest mag sich einem Zuschauer oder Leser rasch das spontane Gefühl einstellen, dass eine bestimmte narrative Repräsentation – sagen wir des Holocaust – untunlich oder unglücklich ausgefallen ist. Denn ob oder ob nicht und unter welchen Gesichtspunkten man eine Darstellung des Holocaust als ge- oder misslungen bezeichnen sollte, stellt eine schwierige, emotional aufgeladene und vor allem: kategorial völlig ungeklärte Frage dar. Bislang ermangeln wir jedes auch nur ansatzweisen Konsenses, der uns stichhaltige, mehr als nur geschmackliche Kriterien für eine ästhetische und/oder ethische Einschätzung von medialen (Trauma-)Narrative an die Hand gäbe. Man denke nur daran, wie z.B. Claude Lanzmann über Spielbergs mutmaßlich verfehlten Film Schindlers Liste sprach – "wenn Spielberg wirklich über den Holocaust nachgedacht hätte, hätte er diesen Film nicht gemacht" – und ihn implizit mit der US-Fernsehserie Holocaust gleichsetzte (in Hansen S. 301). Und man denke daran, wie Lanzmann selbst mit hohem ästhetischen und philosophischen Anspruch seine eigene neunstündige Fernsehfilm-Folge Shoah produzierte, welche sich in der Tat stark von Spielbergs Herangehensweise unterscheidet, jedoch seinerseits Elemente enthält, die man als problematisch bezeichnen könnte. Verfährt doch die Dramaturgie mit den darin interviewten Personen häufig in überaus manipulativer und bisweilen sogar missbräuchlicher Weise, was jedoch von den Kritikern und vom akademischen Publikum kaum wahrgenommen wurde (LaCapra, 1997, Weilnböck 2003).

Weinberg begibt sich aber überhaupt nicht auf die Ebene von Überlegungen zu konkreten zeitgenössischen Mediendarstellungen von Traumathemen. Er konzentriert sich auf die theoretische Erörterung von diesbezüglichen philosophischen und historiographischen Fragen und zieht zuweilen psychoanalytische Begriffe sowie Texte und Mythen aus der griechischen Antike heran. Auch Caruth tut dies kaum. In Braeses Aufsatz hingegen, der über Primo Levi handelt, sind es dann umgekehrt jene oben besprochenen ein, zwei Seiten theoretischen Exkurses über Caruth, die einen eigentümlichen Fremdkörper darstellen, dessen er gar nicht bedürfte und der seine Überlegungen eher zu behindern als zu unterstützen scheint. Die Ambition dieses philosophischen Ansatzes scheint also tatsächlich ganz generell gegen Artikulationen von Trauma- Narrativen gerichtet zu sein und nicht gegen deren spezifische formale Ausformungen.

Eine andere Möglichkeit, poststrukturalistische Trauma-Theorie positiver zu lesen als hier bisher geschehen, wäre es anzunehmen, dass die in Frage stehenden Aussagen überhaupt nicht wörtlich gemeint sind, sondern einen allegorischen oder metaphorischen Denkstil für sich beanspruchen. Ein Text wie der von Weinberg könnte in diesem Sinne als eine weit ausgeführte Allegorie der Tücken des Trauma-Gedächtnisses verstanden werden. Dies würde allerdings bedeuten, ihn als einen philosophischen Essay oder mitunter sogar als eine poetisch inspirierte Kontemplation anzusehen und nicht als systematische Analyse mit (geistes-)wissenschaftlichem Anspruch, und ganz sicherlich nicht mit Anspruch auf jene wissenschaftlichen Standards, die mit der sporadischen Hereinnahme von Referenzen der empirisch-klinischen Trauma- Forschung aufgerufen werden. Dies wirft allerdings die Frage auf, wie ein ästhetischer Zugang dieser Art sich mit den wissenschaftlichen Prinzipen von methodologisch gestützter Sozialforschung vertragen und entsprechende Kooperationen eingehen könnte und ob hier nicht ehrlicherweise von einem Kategorienfehler zu sprechen wäre (Kansteiner, 2004); ferner die nicht so wichtige, weil geschmäcklerische Frage, ob solcherlei allegorisch-metaphorische und poetische Ausdrucksformen letztlich nicht auch wieder zu wenig kunstvoll sind, um wirklich ästhetische Ansprüche stellen zu können.

Selbst jedoch wenn man diese Probleme hinanstellt und die Option eines eher essayistisch-ästhetischen Denkstils zubilligt, ergeben sich epistemologische Probleme. Denn das, was man als ein poststrukturalistisches Denken in Allegorien und Metaphern auffassen könnte, lässt nicht selten eine klare Unterscheidung zwischen pictura (dem Bild) und subscriptio (der ausbuchstabierten Bedeutung) bzw. zwischen den beiden divergierenden Bild- und Bedeutungsbereichen der Metapher vermissen. Der sprachlich-gedankliche Vollzug dieser Tropen scheint in poststrukturalistischen Texten oft eigentümlich arretiert zu sein. Unklar bliebt häufig, von wo die Wendung (tropos) eigentlich ausgeht und worauf sie gedanklich hinaus will – eine unvollendete, flottierende Metapher also, oder auch, wenn man so will, eine "traumatisierte Allegorie".

Während man also eine poststrukturalistische Allegorik/Metaphorik zunächst in den spontanen Bedeutungssuggestionen, die sie mitunter erzeugt, befragen und dabei trefflicher Weise einen Begriff der "metaphorischen Missinterpretation" oder "Unwahrheit" zur Hilfe nehmen kann (Kansteiner 2004b, S. 214), scheinen andere Nachfragen schon wesentlich früher ansetzen zu müssen, dort nämlich, wo Struktur und Vollzug der sprachlichen Trope selbst in Zweifel stehen – und dies wäre ja nicht nur ein formal-linguistischer, sondern immer auch ein psycholinguistischer Befund, der erfordern würde, die obigen Beobachtungen über (dissoziative) Abspaltung, Ressentiment und Doppelbindung wieder aufzunehmen. Dass das, was philosophisch korrekt als Kategorienfehler zu bezeichnen wäre, in handlungs- und diskursdynamischen Hinsichten Interaktionsvollzüge der Affektabwehr, Doppelbindung und Aggressionsübertragung beinhaltet, macht jedenfalls deutlich, wie ernst ein Einwand auf dieser Ebene genommen werden muss.

Auch scheint es im mutmaßlich uneigentlichen, allegorischen Denkstil des Poststrukturalismus pikanter Weise so zu sein, dass das, was in linguistischer Hinsicht als die metaphorische Verbindung von zwei, verschiedenen Bildbereichen entstammenden Elementen zu einer Sprachfigur verstanden wird, in der Trauma-Philosophie dem Schwanken zwischen zwei divergierenden Handlungsimpulsen entspräche, zwischen narrativer Erschließung einerseits und defensiver Abspaltung von Trauma- Erfahrung andererseits. Dies sind zwei kategorial unterschiedliche Sachverhalte. Denn der erfolgreichen semantischen und kognitiven Assoziation zweier Bildbereiche steht ein ungelöster Zwiespalt zwischen zwei diametral divergierenden mentalen Handlungsvektoren gegenüber (Erschließung versus Abspaltung), der als solcher nicht einmal bewusstseinsfähig zu sein scheint und darum eher einer dissoziativen als assoziativen Dynamik entspricht (weshalb hier nach einer notwendigen Unterscheidung von Bauriedl (1984) im Gegensatz zur "Ambivalenz" von einer tendenziell dissoziativen "Ambitendenz" zu reden wäre; Weilnböck, 2005a). Ein solcher psycholinguistischer Handlungssachverhalt ist freilich mit den rhetorischen Begriffen Metapher und Allegorie nur sehr annäherungsweise und eigentlich irreführend bezeichnet.

Mithin zeichnet sich ab: Auch das Zugeständnis eines besonderen, allegorischen Status dieses Denkstils scheint also weder wirklich sachgerecht noch wenigstens hilfreich zu sein, um die sich aus der poststrukturalistischen Traumatheorie ergebenden Probleme aufzulösen. Ist doch nichts damit gewonnen zu sagen: gut, es ist alles nicht wörtlich, sondern allegorisch oder metaphorisch gemeint, wenn schon der Bezug zwischen dem piktoralen oder dem Subskriptio-Bereich sich nicht eindeutig herstellen lässt. Umso brennender ist unsere Ausgangsfrage. Aus welchen Gründen, zu welchem Zweck und in genau welchen Hinsichten missbilligt es der Poststrukturalismus, dass traumatische Erfahrung der Erinnerung "verfügbar" und narrativ erschließbar wird?

Gewiss: Kein/e (poststrukturalistische/r) Literaturtheoretiker/in würde einem Trauma-Opfer den Zugang zu traumatherapeutischer Behandlung verwehren wollen; keineswegs zielt dorthin der Impuls – jedenfalls nicht bewusst. Ebenso wenig würde sie/er einem Kollektiv vorenthalten wollen, eine gemeinsame Erfahrung von Gewalt und Verletzung sozial-therapeutisch durchzuarbeiten – im Gegenteil. Wie gesagt: Die poststrukturalistischen Autor/innen sind durchweg besten Willens! Und es ist wichtig, dies wiederholt herauszukehren, weil sich hierin das Ausmaß und die beinahe tragische Natur dieser missverständlichen philosophischen Konzeptionen zeigt. Während nämlich der zentrale Impetus des geisteswissenschaftlichen, philologischen Tuns zumeist mit emphatischem Engagement der Abkehr von Gewalt sowie Hinwendung zu Vernunft und (Selbst-)Aufklärung verpflichtet ist, kann gleichzeitig nicht übersehen werden: Die Protagonist/innen dieser Ambition erklären mitunter, dass sie an Belangen von menschlichem Leiden und Therapie ausdrücklich "nicht [. . . ] interessiert" sind – "oder nur am Rande" (Weinberg, S. 173). Und in der Tat kann durch vielfache Felderfahrungen leicht bestätigt werden: Die Philologien sind insgesamt eher desinteressiert an empirischen Fragen zur Psychologie, Psychotraumatik und Therapie der Menschen (als Kulturträger), wie sie gleichermaßen kaum Interesse an einer ernsthaften, integrativen Zusammenarbeit mit den entsprechenden humanwissenschaftlichen Erkenntnisbereichen z.B. in qualitativer Psycho- und Soziologie haben, sobald diese über sozialhistorische Studien zum Handlungsbereich Lesen und literarische Produktion hinausgehen und etwa die "großen" literarischen Werke selbst oder deren Autor/innen in den Blick nehmen und somit gegen den traditionellen Autonomie-Anspruch verstoßen, den die Philologien für "ihre" ästhetischen Gegenstände beanspruchen (Weilnböck, 2007a, b).

Die Erklärung, die Weinberg auf der ersten Seite seines Artikels abgibt, ist deshalb gerade in ihrer Offenheit und Ehrlichkeit bemerkenswert und die angefügte Fußnote lässt keinen Zweifel am tiefempfundenen Ernst dieser Aussage. Dort nämlich schreibt Weinberg, dass es "im Gegensatz" zur psychologischen Perspektive "bei der Betrachtung des Traumas als kulturellem Deutungsmuster nur darum gehen [kann], die Funktion des Traumas zu bestimmen, seinen unverzichtbaren Ort in einer "Ökonomie der Kultur"" (S.173). Im Nachgang zieht Weinberg dann den Schluss: "Während sich also die Psychoanalyse notwendig an einer "Heilung" und somit Abschaffung (sic) des Traumas interessiert zeigt, ist dem Kulturwissenschaftler das Trauma unverzichtbar, und er wird alles daran setzen, gerade dessen "Unheilbarkeit" zu erweisen".

Hinsichtlich des engagierten Impetus" der poststrukturalistischen Denkschule wird man hier also sagen müssen, dass er reichlich verschlungene Wege geht. Denn worauf immer sich die "Funktion des Traumas [...] in der "Ökonomie der Kultur"" beziehen mag, sie sieht ohne Not, aber umso nachdrücklicher von allen Aspekten menschlicher Erkrankung und Gesundung ab und zieht sich damit auf eine – eigentlich absurde – epistemologische Position zurück, in der "Funktionen" und "Ökonomie" in einem subjektlosen und trans-humanen Raum verortet werden – der sich eventuell, wie dies philologischerseits nicht unüblich ist, als reiner Textraum versteht. Jedoch: Eine "[funktionale] Ökonomie der Kultur", die die Wechselfälle der kulturellen Befindlichkeit und Aktivität des/der Menschen jenseits von – sozio-psychosomatisch verstandener – Erkrankung und Gesundung konzipieren will, ist entweder humanwissenschaftlich naiv oder schlicht unmenschlich.

In seltener Freizügigkeit lässt Weinberg hier auch den einigermaßen radikalen, ja extremistischen Charakter erkennen, welcher dieser Gedankentradition unvermerkt inhärent ist. Weinberg tut dies bereits auf der Ebene der Begriffssemantik, wenn er die Vorgänge in der Therapie in einem starken und latent pejorativen Wort als "die Abschaffung des Traumas" bezeichnet und in seinem Satz nicht die "Abschaffung", sondern die "Heilung" in Anführungszeichen setzt. Radikal bzw. extremistisch ist dieser Zugang jedoch vor allem deshalb, weil er den Aufweis der "Unheilbarkeit [des Traumas]" als seine höchste Priorität formuliert und damit eine Unmöglichkeit bzw. Unsinnigkeit verabsolutiert – spezifische Traumata sind durchaus als in spezifischem Ausmaß heilbar zu begreifen! – und unbedingt durchzusetzen gewillt ist.

Der löbliche philosophische Grundtenor, den man in diesem Fall wohlwollend als einen Wunsch auslegen könnte, das Erbe der Geschichte westlicher Gewaltexzesse im öffentlichen Bewusstsein zu bewahren (Kansteiner, xx), kontrastiert mit einer eigentümlich radikalen und latent inhumanen Zielbestimmung. Auch wird dabei der geringsten der Forderungen, der man sich bei solchen Wagnissen stellen sollte, nicht nachgekommen, die da heißt: die konkreten oder wahrscheinlichen empirischen Konsequenzen, die die Folge des eigenen Denkens und Schreibens sein mögen, zu erwägen und ihnen nachzuforschen. Scheint es doch bei einer Zielsetzung, die sich die "Unheilbarkeit [des Traumas] zu beweisen " vorsetzt und von allen Therapiebelangen absieht, beinahe unausweichlich, dass sie ungewollt "Funktionen" ins Werk setzt oder mit ihnen kongruiert, welche, in der einen oder anderen Weise, den gesellschaftlichen Möglichkeiten der psycho- und/oder sozialtherapeutischen Gesundung und nachhaltigen Entwicklung entgegenarbeiten.

Umso dringlicher stellt sich neuerlich die ursprüngliche Klärungsfrage: Wenn Weinberg und andere sich paradoxerweise für "Unheilbarkeit " und gegen Psychotherapie aussprechen, und an Aspekten der Heilung und Linderung von psycho-traumatisch bedingten Folgeschäden ausdrücklich "nicht interessiert" sind – was genau ist dann ihre Interesse? Was sind die mehr oder weniger bewusstseinsnahen, konfliktdynamisch geprägten Bestrebungen, die diesem Interesse innewohnen? Und wie ist dieses Interesse mit Wissenschaftlichkeit in der Tradition der Aufklärung in Übereinstimmung zu bringen?

Eines der Grundelemente dieses Interesses scheint die Idealisierung und Ontologisierung des Traumas als die eigentliche Essenz der "Wahrheit " und der menschlichen Existenz zu sein. Denn nur unter dieser Prämisse ist folgerichtig, dass Weinbergs Grundannahme, das "Trauma [sei] dem Gedächtnis immer schon eingeschrieben" (S.205f.), für diese Denkschule keinen unglücklichen, sondern einen ausdrücklich positiven und hoffnungsvollen Umstand bezeichnet. Das Trauma scheint – offensichtlich aber nur in seiner spezifischen Reinheit und Unversehrtheit – einen singulären Zugang zu der Wahrheit gewähren zu können. Und umso wichtiger muss ihr deshalb gleichzeitig sein, dass das Trauma "unheilbar" bleibt und nicht etwa mit Mitteln der Psychotherapie "abgeschafft" und "verfügbar" gemacht wird, ferner dass seine "Einzigartigkeit " nicht durch mutmaßliche "Trivialisierungen" und "Banalisierungen " kompromittiert und einer "narrativen Lust" hingegeben wird, wodurch die "Wahrheit" selbst verloren ginge. Die Tatsache, dass dabei die Wahrheit in religiös anmutender Weise als eine prinzipiell "unverfügbare Wahrheit" verstanden wird, stellt jedenfalls sicher, dass sie in unablässigem Betreiben immerfort gesucht und verfehlt werden darf. Dies wiederum hat zur Folge, dass die akademischen Bemühungen um die philosophische Pflege von "Trauma" und "unverfügbarer Wahrheit " nie nachlassen dürfen; und es mag sein, dass genau diese Besorgung von Pflege einen nicht unwesentlichen, auch ökonomischen Aspekt des infrage stehenden Interesses darstellt.

Weiterhin kann hinsichtlich jenes infrage stehenden poststrukturalistischen "Interesses" beobachtet werden, dass es trotz seiner eher abstrakten, ontologisierenden Äußerungsformen jedenfalls keinem gänzlich intellektuellen oder rationalen Impetus folgt. Neben den oben erwähnten, teils paradoxen Gedankenfiguren scheint hier auch ein emotionaler Aspekt wirksam zu sein (welcher nicht beschränkt ist auf den Ärger und die Aggressionen, die aufkommen mögen, wenn ein Autor wie Lanzmann über einen Filmemacher wie Spielberg spricht). Ein unzulässiges "Verfügen " über und Erzählen von traumatischen Erfahrungen, mithin der Versuch, es narrativ, psychotherapeutisch zu lindern, würde – in den Augen der poststrukturalistischen Theoretiker/innen – auch eine allerdings nicht näher explizierte Form von "Genießen" und "absoluter Freude" zunichte machen, was doch im umgangssprachlichen Sinn Lebensfreude in Aussicht stellt und als schützenswertes Gut in anschlag bringt.

Die in poststrukturalistischen Kontexten häufig evozierten Affekte von genuss und exquisitem "Genießen", die wohl von Lacans Konzept zu unterscheiden sind und sich doch manchmal indirekt auf ihn beziehen, scheinen jedenfalls in Bronfens und Juranvilles oben diskutierten Texten eine weniger sexuelle oder anderweitig trieborientierte Form der Befriedigung zu meinen als eine dispers ausgedehnte, kosmische, zerebral-mentale, insgesamt eher weiblich alsmännlich konnotierte Form des Genusses. Diese besondere aber konzeptionell vage bleibende Art von Genuss schreibt Bronfen unmittelbar einem "traumatischen Wissen" zu, welches jedoch in seinen Inhalten und empirischen Auswirkung ebenfalls nicht weiter spezifiziert wird, außer dass Bronfen es in emphatischer Weise mit Affekten der "Selbstverschwendung" und "Auflösung des Selbst in Zusammenhang bringt, von einer "geglückten genitalen Sexualität im Freudschen Sinne" explizit absetzt und dabei vor allem mit einem Aspekt des energischen "Sich-Vergreifens" versieht (S.156).

Gerade bei Bronfenist dem zur "Fehlbarkeit der symbolischen Gesetze wie auch des Subjekts" ontologisierten und ent-empirisierten Traum, das auf einen "grundlegenden" und unumgänglichen" existentiellen "Mangel" zurückbezogen wird und "am Nabel aller identitätssysteme" angesiedelt wird, neben dem Pathos der "Unumgänglich(keit)" auch eine Aura des Geheimwissens und exqusiten "Genießens" eigen, die sich hermeneutisch zu bemächtigen vermag. Denn es zeigte sich, daß, wo Bronfen Hitchcocks "Vergreifen an einer meistererzählung" Freuds nachvollziehen will, sie sich vor allem auch tüchtig selbst an Hitchcocks Film vergreift und ihm einige hermeneutische Eigenwilligkeit zumutet. Juranville hingegen schreibt ihr ähnlich beschaffenes Konzept des "mystischen Genießens" sinngemäß einem "melancholischen Leiden" zu, das mit Kontemplation und Lektüre verbunden sein mag (S.145). Und auch Weinbergs eher intellektuelle denn emotionale Emphase zeigt dort einen gewissen Grad an Affekt, wo er allein den Künsten die Befugnis erteilt, eine expressiv-spielerische Äußerungsebene zu beschreiten und sich "auf das Zusammenspiel von Trauma und Erinnerung ein[zu]lassen " (S.206). Dabei bleibt der Aspekt des "Sich-Vergreifens" eher im Hintergrund.

"Traumatisches Wissen", "Melancholie", "Selbstauflösung" und "Sich-Vergreifen" bilden bei diesen Autor/innen und deren expliziten und impliziten Konzepten Genuß, Freude etc ein sehr eigentümliches Affektamalgam, das nicht nur die Erfüllung von Wünschen der (hetero) sexuelle Befriedigung von sich zu weisen scheint, sondern auch deutlich erkennbare Aspekte der – wenngleich als zuträgliche Dezentrierung und legitime Widerständigkeit imaginierte – Selbstschädigung enthält ("Selbstverschwendung ", "Hysterie", "multiple Selbstentwürfe" einer "radikalen Negativität" etc.) und auch nach außen hin sich zu "vergreifen" disponiert scheint. Dies muss freilich jene Vermutung bestärken, die sich oben bei Dr. Gutherz angesichts der Unterscheidung von "Gedächtnis" und "Erinnerung" auf einer rein begriffs-logischen Ebene gebildet hatte. Denn schon dort schien die Handlungs- und Affektlogik durch ein Element der appressiven Selbstzerstörung geprägt, indem der Impuls der Erinnerung es war, dem Gedächtnis Schaden und Demütigung zuzufügen, so dass sich darin die Reinszenierung einer traumatischen Erfahrungsszene auf mentaler und gedanklich-philosophischer Ebene abzeichnete – weshalb auch das "schreibende Subjekt" dort auf ewig des ihm nötigen "Trosts" entbehrte. Zusammengefasst heißt dies: Das intellektuelle Interesse, in paradoxer Weise eine stets "unverfügbar" bleibende "Wahrheit" des wahren Traumas zu ontologisieren und zu pflegen, sowie den sich daran knüpfenden Interaktionsformen der Abspaltung, Idealisierung und Doppelbindung ist in emotionaler Hinsicht durch eine Form des Genießens und der "absoluten Freude" ergänzt, die selbstschädigende und auch übergriffige Affekte (des "Sich-vergreifens") mit einschließt.

Umso mehr wird bei näherer Betrachtung des sich zumeist eher bedächtig und "weich" formulierenden poststrukturalistischen "Interesses" doch auch das Element eines mitunter recht energisch "sich-vergreifenden" Willens und "Wahrheits"-Anspruchs auffallen, welcher sich bisweilen durch Interventionen von irrationalem und auch exklusorischem Charakter zu behaupten sucht und sich in seinen gedanklichen und argumentativen Figuren mitunter sogar latent ressentiment-behafteten Gesten annähert. So zum Beispiel beansprucht die von Juranville konzipierte Form des Genießens (auch der "jouissance") den Status einer "wahren" und "absoluten Freude", was impliziert, dass andere Formen (z.B. "geglückte genitale Sexualität") als weniger "wahr" gelten. Dies wirft die Frage auf, inwiefern und mit welchem genauen Interesse das poststrukturalistische Denken über das Trauma institutionellen und/oder interaktionalen Dynamiken von Kontrolle, Macht und Exkulsion verpflichtet ist.

Gewiss, dergleichen Dynamiken artikulieren sich im allgemeinen, wenn überhaupt, dann nicht auf laute Weisen. Nur sporadisch tauchen generelle Wertungen dahingehend auf, was eine (in-)adäquate mediale Repräsentation eines (Trauma-)Themas sei oder nicht, und diese bleiben im Tonfall gemäßigt. In seltenen Momenten jedoch scheint dieser "absolute" Anspruchs- und Gültigkeitswille in seiner ganzen, uneingeschränkten Stärke und aggressiven Besetzung durchbrechen zu wollen, und zwar immer dort, wo Dr. Gutherz sich in seinen Lesereaktionen auf den Text Gefühlen von Angst, Bedrohung und Zorn ausgesetzt sah. Dabei haben sprachliche Neologismen wie das "Be-drohliche" oder "die Exkorporation" offensichtlich die Funktion, diese Bedrohlichkeit zu bestärken, indem sie negative oder Furcht erregende Assoziationen heraufbeschwören, die zusätzlich dazu angetan sind, den Leser/innen Respekt und Gefolgschaft gegenüber den ideologischen Implikationen abzunötigen und so deren impliziten Kontroll- und Exklusionsambitionen Nachdruck zu verleihen.

Solchen isolierten, emotional besetzten Durchbrüchen eines energischen "Wahrheits"-Anspruchs wird sicherlich auch dadurch Vorschub geleistet, dass ontologisch-philosophisch geprägte Diskurse in aller Regel kaum große Neigung zu psychologisch-selbstreflektivem Denken zeigen, als würde das philosophische Nachdenken über "die Wahrheit" und "das Trauma" das Ich automatisch davon freisetzen, die psychische Logik der eigenen Gedanken und Intentionen selbstkritisch zu durchdringen. Es ist daher nicht allzu überraschend, dass Weinberg seine spezifischen (Des-)Interessen artikuliert, indem er sich explizit von aller Psychologie und Psychotherapie abwendet – ein Feld, für das die Prozesse der Selbst- und Übertragungsreflexion das methodologische Kernelement schlechthin darstellen. Weinberg geht sogar zur Psychoanalyse auf Distanz (die das Trauma "abzuschaffen" droht) – eine Geste, die zunächst als poststrukturalistisch unüblich erscheinen mag, insofern die einschlägigen Protagonist/innen wenn nicht der klinisch-psychodynamischen Psychoanalyse, so doch den psychoanalytisch intendierten Gedankengebäuden von Lacan, Derrida, Juranville, Laplanche u.a. und zu einem gewissen Grad auch Freud verpflichtet sind. Freilich bleibt auch Weinbergs Aufsatz – und dies stellt ein veritable Ambitendenz dar – in zentralen Hinsichten durchdrungen von psychologischen Begriffen, wie Erinnerung, Vergessen, Gedächtnis und – natürlich – Trauma.

Angesichts dieser eigentümlichen epistemologischen Zwischenposition, die sich gleichzeitig diesseits und jenseits des Psychologischen ansiedelt, stellt sich letztlich die Frage, ob jenes noch genauer zu bestimmende poststrukturalistische Interesse sich nicht auch darin niederschlägt, dass die enge Bindung, die es zu einigen ausgewählten psychoanalytischen Theorieressourcen unterhält, – so paradox dies erscheinen mag – gar nicht wirklich psychologisch gemeint ist. Vielleicht wird hier vielmehr eine nicht-psychologische Psychoanalyse mit philosophischem und fundamental-ontologischem Anstrich anvisiert. Nur einer solchen nicht-psychologischen Psychoanalyse nämlich entspräche es, traumatische Erfahrungen mit Vehemenz davor bewahren zu wollen, zugänglich und "heilbar" zu werden.

Die Protagonist/innen und Sympathisant/innen dieser Denkschule würden meinen Schlussfolgerungen über Tendenzen des Unpsychogischen und Anti-Therapeutischen wahrscheinlich entrüstet entgegnen: Das ist es aber gar nicht, was wir meinen. Unser Anliegen ist vielmehr, angesichts der Gewalt in der Welt auf einige konstitutive Faktoren von Sprache und medialer Repräsentation hinzuweisen, welche gründlicher durchdacht werden müssen, damit der wertvolle Fundus unserer kulturellen und historiographischen Praxen vor Missbrauch und Schwächung bewahrt werden können. Ohne Zweifel würden alle Philolog/innen auf die Frage, ob die geisteswissenschaftlichen "Konzeptualisierung des Traumas [...] die Arbeit der praktizierenden Therapeuten untergrabe" – dies war eine der Leitfragen der internationalen Traumakonferenz des Hamburger Instituts für Sozialforschung (2006) – , unterstreichen, dass dem natürlich nicht so sei und auch gar nicht sein könne. Denn die Philologie ist strikt gegen alle Willkür, Gewalt und Verletzung! Und sie ist strikt für die Kultivierung und Verbesserung der Welt!

Der unzweifelhafte gute Wille allein wird jedoch nicht garantieren können, dass die in Anschlag gebrachten Theoreme und Diskurse auch die gewünschten Wirkungen zeitigen. Die psychische Logik und empirischen Konsequenzen der eigenen diskursiven Praxis werden immer teilweise außerhalb des bewussten Einblicks liegen. Das heißt: Es lauert stets der performative Selbstwiderspruch – vor allem dann, wenn der Diskurs mitunter von konzeptueller Vagheit betroffen ist, zeitweise regelrecht enigmatische Züge annimmt und dabei umso stärkere emotionale Besetzungen aufweist – und vor allem: wenn keine methodologischen Vorkehrungen der Selbstreflexion und qualitativen Evaluation getroffen sind, wie dies in den Sozialwissenschaften üblich aber in den Geisteswissenschaften weitgehend unbekannt ist.

Deshalb müssen wir unsere Frage nach dem Interesse daran, dass die Erinnerung an traumatische Erfahrungen narrativ "unverfügbar" und das Trauma selbst "unergründlich" bleibt, noch einen Schritt weiter verfolgen. Ein erster Anhaltspunkt hierzu kann jedoch relativ leicht aufgewiesen werden. Wenn Weinberg ausdrücklich feststellt, dass die "Philosophie [und] Geschichtsschreibung die traumatische Rückseite jeden Erinnerns vergessen [machen müssen]" (S. 206), dann tut er dies vor allem deshalb, weil er dadurch seine anschließende Aussage umso wirkungsvoller treffen kann: dass nur die Literatur und die Künste sich "auf das" – lustvolle? – "Zusammenspiel von Trauma und Erinnerung einlassen" können.

Für Weinberg scheint das auszuschließende "Andere" der Kunst und Literatur die "Philosophie" und "Geschichtsschreibung" zu sein, welche nicht als "adäquate" Form der Repräsentation betrachtet, sondern auf ein deutlich unterschiedenes und enger eingeschränktes Level von Repräsentation verwiesen werden und denen es nicht gestattet ist, sich am "Zusammenspiel von Trauma und Erinnerung" zu beteiligen (ebda). Dieser exklusorische Impuls, wenngleich auch er ohne Zweifel von den besten Absichten getragen ist und das "Vermächtnis" des Traumas zu bewahren helfen möchte, macht es letzten Endes schwer vorstellbar, wie "Geschichte", nach Alfred Krovoza, "eine kulturelle Praxis der De-Traumatisierung" werden kann (2003, S. 933). Wulf Kansteiner warnt zurecht davor, dass diese "problematische Ästhetisierung" des Traumas zu einer Verunglimpfung jeder nicht oder anders ästhetisierten, nicht "absolut" "wahren" Form von Interesse und "unvoreingenommener Neugier" gegenüber psychotraumatologischen Phänomenen führen kann; und dies wäre umso misslicher, als doch genau diese Formen der unbelasteten, eigenständig inspirierten Zuwendung für das gesellschaftliche Durcharbeiten von Trauma-Themen ganz unschätzbar wichtig sind (2004 a, S. 215).

So sind binär-exklusorische Gesten – obzwar sie doch dem Kern dessen, worum es dem Poststrukturalismus eigentlich geht, diametral zuwiderlaufen – unvermerkt in praktisch allen oben erwähnten Texten wirksam. Braese, Baer, Sebald, Caruth schließen jede Repräsentation aus, welche "den Toten die Treue bricht" und die "Integrität des Traumas " verletzt. Und weil in Ermangelung konkreter Evaluationskriterien vollkommen im Unklaren belassen wird, was damit im Einzelnen genau gemeint sein soll, wird hier im Grunde eine Wertungslizenz beansprucht, die allen möglichen Idiosynkrasien Raum geben kann. In jenen melancholischen Passagen, mit denen der Psychoanalytiker Hock seinen Text beschließt, ist es sogar die Analyse selbst, die der Bannstrahl der Exklusion trifft, insofern ihre "zersetzende" Wirkung moniert und der standhaften "Unbeugsamkeit des Objekts" gegenübergestellt wird. Und wenn Bronfen vom "traumatischen Wissen" spricht und es in den Kontext des wahren "Genießens" stellt, steht dies im Zusammenhang eines widerständigen, reaktiven "Sich-Vergreifen" von Töchtern/Frauen and Männern/Vätern, in dem sich Bronfen letztlich an Hitchcock vergreift und in dem jedenfalls die Geschlechter gespalten werden. Dabei bezieht sich Bronfen auf Juranville. Deren Begriff des "Genusses" und der "absoluten Freude" wird auf der "Basis einer absoluten Negativität" "als Genießen der Frau" bezeichnet, das Juranville exemplarisch im "wahren mystischen Genießen" der mittelalterlichen Mystikerin Thérèse de Lisieux verwirklicht sieht. Und hierbei merkt Juranville zwar explizit an, dass "auch einige Männer das können" (S.145) – was aber natürlich impliziert, dass die meisten es nicht können. Insofern korrespondiert das Prinzip der idealistisch-romantischen Ontologisierung von Trauma und "Genießen" mit Prozessen der mentalen Abspaltung und diskursiven Exklusion, die darauf abzielen, eine dissoziative Kluft zwischen den beliebig zu füllenden Bereichen des Hochgeschätzten und des Entwerteten zu vertiefen.

Indem dieses zutiefst in der Tradition westlichen Denkens verankerte Denk- und Handlungsprinzip von Idealisierung und Abspaltungen hier jedoch bei Thematiken des Psychotraumas zum Tragen kommt, wird dessen eigentlicher psychologischer Zweck deutlicher erkennbar: Wenn das Trauma, gleich der Kunst, als wertvoll im Sinne von "wahr" und "absolut" angesehen wird, als wundersam "unergründlich" und "unverfügbar ", und wenn das Trauma somit verschiedentlich und vage implizierten Kriterien von Schönheit, Geschmack oder Adäquatheit verpflichtet ist, ist es konsequenterweise auch den Prozessen der Abspaltung/ Dissoziation von Erfahrungsaspekten unterworfen. Nur ist es im Themenfeld von explizit psychotraumatischen Sachverhalten vollends unmissverständlich, worauf diese mentale Abspaltung eigentlich abzielt. Sie wird stets danach streben, diejenigen Aspekte abzuspalten, die direkt mit traumatischen und/oder konflikthaften Erfahrungsvalenzen besetzt sind. Diese sind es, die der Abspaltung unterworfen werden, und was daneben übrig bleibt und unter der idealisierten "Wahrheit" als konkreter Bestand " verfügbar" bleiben darf, sind die Kompensationsmechanismen und ihre Ästhetisierungen. Poststrukturalismus – eine Ästhetik der/als dissoziativen Abspaltung von traumatischer Erfahrung?

An diesem Punkt kann die sich weithin abzeichnende Schlußfolgerung über eine gewaltaffine Latenz des poststrukturalistischen Interesses in einigermaßen fundierter Weise gezogen werden: Der Kern dessen, worauf die zitierten philosophischen Konzepte hinaus möchten, wenn sie an Kunst, Literatur und an dem Trauma interessiert sind, ist simpler Weise der, dass die Bewusstwerdung von traumatischer Erfahrung sowie ihre freizügige narrative Repräsentation abgewehrt wird. Hier also bedeutet Analyse tatsächlich nur, das Offensichtliche ernst zu nehmen: "Das Trauma [muss dem Gedächtnis] unverfügbar bleiben", das Gewaltereignis und die traumatische Erfahrung sollen abgespalten und dissoziiert werden – nichts mehr und nichts weniger!

Mit Blick auf die frühe Geschichte der Psychoanalyse ist dieser antitherapeutische Vektor im Grunde nicht überraschend, bedenkt man, dass Freuds Modell zur Zeit seiner Entstehung in mindestens zwei prominenten Szenarien von gesellschaftlich lizensierter Gewaltausübung, nämlich bezüglich sexueller Übergriffe auf Kinder (die so genannte "Verführungstheorie" versus Ödipuskomplex) sowie der Frage der soldatischen Tauglichkeit im ersten Weltkrieg ("Kriegsneurose"), nolens volens dazu beitrug, dass "äußere Gewaltereignisse in [...] innere Konflikte transformier[t]" wurden (Rabelhofer, 2006, S.266). Jedoch dem heutigen Stand der klinisch-therapeutischen Arbeits- und Forschungsbereiche entspricht dies ganz und gar nicht mehr. Umso bemerkenswerter ist, dass jenes unzeitgemäße "Unverfügbarkeits"-Interesse – ungeachtet seiner ethischen Problematik sowie der Tatsache, dass es die Möglichkeiten der empirischen und interdisziplinär orientierten Forschung innerhalb der Geisteswissenschaften empfindlich schmälert – für diese Denkschule auch heute noch von zentraler institutioneller, ideologischer und psychologischer Bedeutung ist; als ob dieser problematische Traditionsaspekt der frühen Psychoanalyse gerade in der Philosophie hätte besonders lange überwintern können. Wie energisch und impulsiv dieses Interesse sich auch heute noch durchzusetzen sucht, wird deutlich, wenn man sich an jene Gesten der gedanklichen Abruptheit erinnert, die Dr. Gutherz wiederholt als auffällig plötzliche Wechsel im Tonfall und Inhalt der Argumentation beobachtet hat und in denen er ein regelrechtes Stilmotiv des dissoziativen Denkens erkannt haben wollte.

Im Kontext einer derartig komplexen und konflikthaften Diskurskonstellation werden die klinischen und psychotraumatologischen Ressourcen der heutigen Zeit nur in dem Maße herangezogen, als sie sich zur Unterstützung dieses Interesses nutzen lassen. Hierbei konzentriert man sich zumeist auf ausgewählte Konzepte von Mechanismen der psychischen Abwehr und Traumakompensation (z.B. Deckerinnerung, Flashbacks, Dissoziation, Fehl-Repräsentation, Reinszenierung), um sie letztlich jedoch als philosophische Essenziale der Kunst, Literatur und menschlichen Kultur überhaupt – und natürlich des Traumas – zu ontologisieren. Dies freilich hat zwangsläufig zur Folge, dass psychosoziale Handlungsmuster, die der Abwehr und Kompensation von traumatischer Erfahrung dienen – auch deren traumasüchtige Reinszenierungen – , die als solche lediglich die kruden Notfall-Operationen des Menschen darstellen, zu Modulen einer emphatischen (poststrukturalistischen) Theorie von hoher und "wahrer" menschlicher Kultur und Trauma-Bearbeitung avancieren. Nicht umsonst hatte Gutherz in jenen philosophischen Aufsätzen nicht selten den Eindruck gewonnen, es mit zu emphatischen Begriffen geronnenen, unbewussten Reinszenierungen von traumatischen Erfahrungen und deren Abwehr zu tun zu haben. In der Tat scheint sich hier ein impliziter Kulturimperativ der energischen "Unverfügbarkeit" von Erfahrung durchsetzen zu wollen, der defensive Traumakompensation favorisiert, ja mitunter idealisiert, und damit – obzwar eventuell weitgehend unbeabsichtigt – der Entwicklung von effektiven zivilisatorischen Verfahrensweisen des soziokulturellen Durcharbeitens von Erfahrungen der Gewalt zuwiderläuft.

Damit freilich wären große Risiken verbunden: Was in bester Absicht als engagierter Kulturentwurf in westlicher (Philosophie-)Tradition gedacht war, hätte unter der Hand institutionelle Handlungsmuster hervorgebracht und befestigt, die überwiegend als Vehikel der stets virulenten Verletzungs-Vektoren eines gesellschaftlichen Gefüges in Dienst genommen werden können. Diese stellen unwillkürlich den Schulterschluss mit jenen Interaktionsstrukturen und -dispositionen her, die die weitere Macht- und Gewaltausübung betreiben – und die ebenfalls Teil der westlichen Tradition und Zeitgeschichte sind.

Anders und in Anlehnung an die angesprochenen Beiträge gesagt: In der Ontologisierung eines existenziellem So-Seins von "unaussprechlichem" Mangel, "adäquat bewahrtem" Trauma und apriorischem "Versehrt-Sein" beschweigt das Opfer die Erinnerung an akute Verletzungen der Vergangenheit und bemächtigt sich, wechselt auf die Seite der Täter. Dabei gerät die als legitimer Widerstand deklarierte Euphorisierung eines "genießen[den]" "Vergreifens" zum reaktiven Ausagieren von beschwiegener Verletztheit in Form von neuerlicher, eventuell verfeinerter, intellektuell versierter Gewaltsamkeit, zu einer Lizenz des "Sich-Vergreifens" – im Zeichen "des Traumas".

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Published 2008-04-02


Original in English
Translation by Wulf Kansteiner
First published in Mittelweg 36 2/2007

Contributed by Mittelweg 36
© Harald Weilnböck/Mittelweg 36
© Eurozine

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