Editorial
Der Prozess des Registrierens und Nummerierens produziert periodisch die runde Zahl, die aufmerksamkeitsökonomisch so nützlich ist wie weniges sonst. 150 reguläre Nummern Wespennest wurden von wechselnden Redaktionen und Herausgebern seit September 1969 gestaltet, dazu noch die Personalen über Adolf Holl, Friederike Mayröcker, Josef Schützenhöfer und mehrere Sonderhefte. Die Gesetzmäßigkeiten bürgerlicher Jubelpraxen bereiten einer publizistischen Unternehmung, die sich in ihrem nun bald 40-jährigen Bestehen dem gesellschaftskritischen Geist verschrieben hat, dabei seit je einiges Sodbrennen. Als 1989 die Nummer 75 mit dem von Franz Schuh und Herbert Wimmer konzipierten Schwerpunkt "Die triviale Kultur" erschien, brachte die damalige Redaktion ihre Feierbedürfnisse nicht ungeschickt gleich mit dem 20-jährigen Bestand der Zeitschrift zur Deckung. "Die österreichische Literaturzeitschrift WESPENNEST", heißt es in der Vorbemerkung einer damals im Europa-Verlag erschiene Jubiläumsanthologie, "entstand 1969 aus der Unzufriedenheit mit der damals vorherrschenden Literatur und dem Literaturbetrieb. Für die realistische, gesellschaftskritische – "brauchbare" – Literatur, die junge Autoren, eng verbunden mit den kulturrevolutionären Ideen und Ansprüchen der Studentenbewegung von 1968, zu schreiben begannen, gab es kaum Publikations- und Verbreitungsmöglichkeiten. Entsprechend der Forderung nach Selbstverwaltung und Selbstorganisation der Produzenten nahmen einige der Autoren die Verbreitung ihrer Texte selber in die Hand. (...) Sie repräsentierten (...) ein neues politisches, emanzipatorisches Autorenselbstverständnis, eine Literaturproduktion, die die Einheit von Literatur, Leben und Politik postulierte." Das Postulat der frühen Jahre war damals allerdings längst nicht mehr mit der Produktionspraxis auch nur einigermaßen zur Deckung zu bringen, die Zeitschrift in einer strukturellen und inhaltlichen Krise, aus der sie sich in den Folgejahren erst sukzessive erholte, was mit der grafischen Neugestaltung durch Stefan Fuhrer ab der Nummer 100 dann auch optisch zum Ausdruck kam.
Im Lauf der letzten zehn Jahre hat sich Wespennest bei Fortbestehen enger Finanzierungsverhältnisse mit viel Engagement und unter Bewahrung eines Höchstmaßes an Eigensinn und Autonomie zu einer im gesamten deutschen Sprachraum vertriebenen Zeitschrift von internationalem Format entwickelt. Zusätzlich waren wir ein wesentlicher Initiator des europäischen Zeitschriftenprojektes Eurozine (www.eurozine.com), einer publizistischen Unternehmung, die uns redaktionellen Zugriff auf internationale Themen und Autoren bietet, der weit über die sonst üblichen Möglichkeiten einer literarischen Zeitschrift hinausgeht. Und wenn Le Monde diplomatique-Herausgeber Ignacio Ramonet kürzlich in einem Kommentar das Versagen der Medien als "4. Gewalt" beklagte und eine "5. Gewalt" bestehend aus autonomen intellektuellen Plattformen im Verbund mit unabhängigen Medien einforderte, dann werden wir unsere diesbezüglichen Möglichkeiten zwar nicht überschätzen, können uns aber durchaus auch als relevante Relaisstation im Prozess der Verteidigung und Neuschaffung kritischer Denk- und Schreibräume definieren. Redaktionell sind wir dafür weiterhin bestens gerüstet. Ilija Trojanow, der den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe verantwortet, wird sich als neues Redaktionsmitglied künftig um das Genre der literarischen Reportage bemühen. Jan Koneffke bleibt für den Literaturteil verantwortlich, Thomas Eder sorgt für kompetente Besprechungen und Andrea Zederbauer für Koordination und Endredaktion. Tanja Martini wird zwar Wien verlassen, um bei der taz anzuheuern, betreut aber von Berlin aus weiterhin die Rubrik Überläufer. Und damit prognostizieren wir hier, wenn auch nicht nochmals 150 Nummern, so doch weiterhin spannende Texte und Themen für die nächsten Hefte.
Walter Famler













