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"Gebrandmarkt, doch kein Sklav"

Zum Werk von Warlam Schalamow (1907-1982)


In den Texten des vor hundert Jahren geborenen Warlam Schalamow kehrt ein bestimmtes Motiv immer wieder: Ein Lichtstrahl dringt durch ein Fenster oder Gitter in einen Raum und zeichnet ein Bild oder, genauer gesagt, leuchtet ein Bild aus, das anschließend ausführlicher beschrieben wird. Eine religiöse Konnotation dieses Lichtmotivs war von Schalamow nicht beabsichtigt, doch hatte nicht nur ich beim Lesen der Geschichten aus Kolyma den Eindruck, dass Schalamows Fähigkeit, in mitunter an Hoffnungslosigkeit grenzenden Situationen dieses Licht zu sehen, mit seinem Lebenscredo zusammenhängt, das ihm als Religionsersatz diente.

European histories


The comfortable historical consensus long obtained within and among western European countries has been undermined by the eastern enlargement of the EU. Europeans are still far from an all-embracing "grand narrative", assuming this is worth striving for at all. [more]
Schalamows Schreibstil ist spröde, geradezu asketisch, aber vielleicht eben durch diese Sprödigkeit gelingt es ihm, ganz außergewöhnliche Effekte zu erzielen. Der Leser erfährt etwa, wie ein ehemaliger Ingenieur ermordet wird, weil er sich weigert, den im Lager mit ihm zusammen inhaftierten Kriminellen seinen Pullover zu geben, das Letzte, was ihn noch mit seiner Familie verbindet; oder wie Lagerhäftlinge nachts eine Leiche entkleiden, um die Kleidungsstücke gegen Brot einzutauschen, und wie von der oberen Pritsche Urin auf sie heruntertropft...

In Schalamows Texten betreten wir eine Welt, in der sich niemand über irgendetwas wundert, in der sich alle längst an alles gewöhnt haben. In dieser Welt herrscht Unerschütterlichkeit; Alltägliches ist hier ungeheuerlich, Ungeheuerliches gehört zum Alltag.

Kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat sich so sehr dem Signifikat verschrieben wie Schalamow, und selten hat sich das Signifikat so vehement geweigert, auf einem Blatt Papier festgehalten zu werden.Die meis ten Schriftsteller wollten eine eigene Welt erfinden, sie den Gesetzen ihres Schreibens unterwerfen, sie etwas widerspiegeln lassen (obwohl Literaturwissen schaftler natürlich wissen, dass erzählte Welten autonom sind). Im Unterschied zu den meisten seiner Zunft begann Schalamow zu schreiben, nachdem er 17 Jahre in stalinistischen Lagern verbracht hatte – in einer Welt, die jede literarische Phantasie und jede Fiktion übersteigt. Er wollte keine imaginäre Welt schaffen, sondern sich daran erinnern, wie es in jener unmenschlichen Welt war, die aus unerfindlichen Gründen Erbarmen mit ihm hatte und ihn an seinen Schreibtisch entließ. Schalamow hatte den Tod kennengelernt, lange bevor er Schriftsteller wurde. Das Leben jenseits des Lebens kannte er schon; sein Schreiben war lediglich ein Zurückkommen auf diese Erfahrung.

Als Schalamow nach Stalins Tod aus Kolyma zurückkehrte, fand zwischen ihm und seiner Frau folgendes Gespräch statt:

– Gib mir dein Wort, dass du Lena [Schalamows Tochter] in Ruhe lassen wirst, dass du ihre Ideale nicht zerstören wirst. Sie wurde von mir persönlich erzogen, nach, das betone ich, staatlich-offizieller Tradition, und ich will für sie keinen anderen Weg.
– Natürlich, eine solche Verpflichtung werde ich übernehmen und sie einhalten. Was noch?
– Das ist aber nicht das Wichtigste, das Wichtigste ist, du musst alles vergessen.
– Was alles?
– [...] Na, eben zum normalen Leben zurückkehren [...].[1]

Ende 1953 gab es in Abertausenden sowjetischer Familien ähnliche Gespräche: Väter, Mütter und Ehefrauen wandten sich an die zurückgekehrten Lagerhäftlinge mit der Bitte oder, wenn nötig, mit der Forderung, alles in den Lagern Gesehene und Erlebte zu vergessen und weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Sich an die Lagererfahrung zu erinnern fiel in der Sowjetunion nicht nur psychologisch schwer, sondern war auch in sozialer Hinsicht gefährlich. Die Mehrheit der ehemaligen Häftlinge musste man da nicht lange bitten – es war ihr eigener sehnlichster Wunsch, zu vergessen.

Schalamow hingegen begann zu schreiben, ohne die geringste Aussicht, dass seine Texte je veröffentlicht würden, noch bevor in der berühmten Chruschtschow-Rede beim XX. Parteitag der KPdSU Stalins "Personenkult" verurteilt wurde, zu einer Zeit, als Stalins einbalsamierter Leichnam noch neben demjenigen Lenins im Mausoleum aufgebahrt lag.

Für seine Tochter blieb Schalamow auf ewig ein Fremder; von seiner Frau wurde er drei Jahre später geschieden.

Beim Schreiben sprach er sich seine Erzählungen vor, schrie sie Satz für Satz heraus, sich selbst unter Tränen einredend, dass das Unmögliche, das er mit Zeichen auf ein Blatt Papier niederschrieb, tatsächlich wahr und ihm wirklich einmal widerfahren war. Sein Bedürfnis, das Dargestellte abzuschwächen, muss enorm gewesen sein, und man kann sich vorstellen, wie viel verzweifelte Entschlossenheit in dieser asketischen Prosa steckt, wie viel sich aufdrängende kunstvolle Wendungen Schalamow gewaltsam unterdrücken musste. Wer keine solche Extremerfahrung machen musste, kann nur schwer begreifen, dass man davon nicht einfach so berichten kann und dass diejenigen, die diese Erfahrung gemacht haben, sie jedes Mal unter Schmerzen aus sich herauspressen müssen. Auch die Texte über die nationalsozialistischen Konzentrationslager hatten kein leichtes Los, und das, obwohl der Nationalsozialismus in Nürnberg als ein verbrecherisches Regime verurteilt worden war. Denn einen Staat als Ganzen zu verurteilen und sich in individuelle Lebensläufe hineinzuversetzen, die als nutzlos gebrandmarkt wurden, sind zweierlei Dinge.

Was aber kann man dann über ein politisches System sagen, dessen juristische Verurteilung fehlgeschlagen ist und das uns wie eine Schlange nach der Häutung nun als geläutert erscheint und in Millionen Köpfen deren dunkle Seite wieder hervortreten lässt?

Wenn man Schalamows Werk mit dem Solschenizyns vergleicht, muss man sich stets vor Augen halten, dass das Schreiben dieser beiden Schriftsteller sich auf verschiedene Gegenstände richtet. Für Solschenizyn ist es der GULag als institutionelles Gebilde, das unter anderem auch die Straflager umfasst. Er untersucht die Grundrisse dieses Systems und gibt bei jedem Schritt seiner analytischen Annäherung ein moralisches Urteil ab. Hinter seiner Beweisführung von der prinzipiellen Unschuld des einfachen Mannes, des russischen Bauern, verbirgt sich eine nationalistische Intention. Verschwörungstheorien lassen sich dabei kaum vermeiden.

Der Handlungsort von Schalamows Prosa ist dagegen nicht der GULag an sich, sondern ein konkretes Lager zu einer konkreten Zeit. Sein Ich-Erzähler ist meist ein Häftling, der auf der untersten Stufe der Lagerhierarchie steht, sich seine Menschlichkeit jedoch bewahrt und sich geschworen hat, nicht Brigadier zu werden, nicht zu stehlen, sich nicht bei den kriminellen Mithäftlingen anzubiedern, der aber die anderen nicht dafür verurteilt, dass sie um jeden Preis überleben wollen. Der Sinnzusammenhang dieser Erzählungen wird durch die persönliche Erfahrung gerade solcher seltener Menschen gestiftet, zu denen der Autor selbst gehörte; ohne dieses Gerüst würde das Werk Schalamows in eine Vielzahl von unzusammenhängenden Bruchstücken zerfallen. Erst durch das Prisma dieser besonderen Erfahrung wird die Unmenschlichkeit des Lagerlebens für den Leser sichtbar. Nicht selten ist der Ich-Erzähler ein sogenannter "Abkratzer", jemand, der physisch völlig entkräftet ist, jedoch nicht von seinen selbstauferlegten Regeln abweicht und einem säkularisierten Äquivalent religiöser Askese folgt. Schalamow beschreibt oft, wie solche Menschen, die andere nicht denunzieren und nicht auf einen Brigadierposten drängen, sterben und wie sie vom gewandteren bzw. körperlich stärkeren Rest der Lagerwelt verachtet werden. Ihr Mitleid gilt ihresgleichen; in den Augen der Schalamow'schen Erzähler sind sie Märtyrer. Tiere und die karge nördliche Vegetation erregen gleichfalls das Mitleid der Helden. Vom Tod aller Übrigen – der Kriminellen, der Brigadiere, der Angehörigen der Lagerleitung – wird der Leser allenfalls lakonisch in Kenntnis gesetzt.

Kein Wunder, dass das von Solschenizyn in Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch dargestellte Lager Schalamow in Erstaunen versetzte: ein Lager ohne Kriminelle, ein Lager, in dem die Wachen nicht mit dem Gewehrkolben die Planerfüllung herbeiprügeln, in dem Brot in der Matratze aufbewahrt wird (in einem Kolyma-Lager wäre es gestohlen worden) und in dem ein Kater umherspaziert (der in einem "wirklichen" Lager längst gegessen worden wäre). Kurzum, in diesem Lager ist die Grenze noch nicht überschritten, hinter der ein wirkliches Lager mit seiner alles bestimmenden Unmenschlichkeit beginnt. Es lag Schalamow fern, ein moralisches Urteil über das Lagersystem zu fällen; er beanspruchte keine Außensicht auf dieses System, und diejenigen, die wie Solschenizyn eine moralische Position für sich reklamierten, hielt er nicht nur für unaufrichtige "Geschäftemacher", sondern auch für oberflächliche Schriftsteller.[2] Schalamow wollte sich so genau wie möglich erinnern und glaubte, dass die mühsam aus der Tiefe des Gedächtnisses hervorgeholten Details und Situationen für sich sprächen und keiner weiteren moralischen Unterfütterung bedürften.

Schalamow konnte sich an vieles erinnern: daran, wie der französische Kommunist Derfel während der Arbeit starb, seine Hacke hochschwang und einfach tot umfiel; wie ein anderer ausländischer Häftling, Fritz, vor Hunger den Verstand verlor und eines Tages verschwand. Aber es quälte ihn, dass tiefere Gedächtnisschichten seiner Erinnerung unzugänglich blieben, dass das Wichtigste, was er "das Namenlose" nennt, unerreicht blieb.

All das – Derfel, den Holländer Fritz – hat mein Gedächtnis festgehalten, aber das Namenlose, das starb, schlug, pochte, mein Wesen fast vollständig erfüllte, jene Tage und Monate – daran kann ich mich nicht erinnern. Was war denn da? [...] Es fällt schwer zu rekonstruieren, was nicht in Erinnerung geblieben ist – den Schmerz des Körpers, allein des Körpers [...] ."[3]

Literatur, die sich ganz auf die Erfahrung der Auslöschung, der Vernichtung des Lebens konzentriert, stellt (das war Schalamow wohl bewusst) gewollt oder ungewollt eine Provokation für die Schreibweise dar, die auf der Kultivierung der Subjektivität des Autors und auf dem damit einhergehenden Feilen an der Ordnung der Signifikanten basiert und gemeinhin als Markenzeichen guter Literatur gilt, die es zu lesen lohnt. Die Geschichten aus Kolyma seien eine Welt ohne Einsamkeit, ohne Ausdruck schriftstellerischer Subjektivität, ohne konventionelle Fabel, ohne überzeugende literarische Charaktere, hat Solschenizyn Schalamow seinerzeit angekreidet.[4] Diesen Vorwurf sandte Schalamow Solschenizyn wie einen Bumerang zurück. Die Werke Solschenizyns sind ohne weiteres als Literatur zu erkennen, während die Schalamow'schen Texte ihren Leser erst noch heranbilden müssen. Letztere bieten dem Leser nur eine Andeutung von Fiktion und wollen in Wirklichkeit das sich unentwegt entziehende Reale einfangen, dem zu begegnen für den Leser noch traumatischer zu werden verspricht.

Um in die traditionelle Literaturgeschichte einzugehen, muss der Autor dieser befremdlichen Texte abwarten, bis die Literaturgeschichte von Grund auf überdacht und das Wesen von Literatur selbst neu bestimmt wird. Im Unterschied zu Solschenizyn war es Schalamow nicht gegeben, sich in die bestehende Geschichte der russischen Literatur einzuschreiben.

"Die Berufskriminellen-Romantik übte auf mich keine Anziehung aus. Ehrlichkeit, elementare Ehrlichkeit – das ist ein hohes Gut",[5] schreibt Schalamow in der Erzählung Wischera, in der es um seine erste Lagerhaft im Ural geht. Dass Schalamow sich dieses Gut in der Hölle der Kolyma bewahrte, hat ihm einerseits Kraft gegeben und ihm andererseits den Zugang zum Leser erschwert.

Die heutigen Russen sind das Produkt der Erziehung eines "neuen Menschen", wie sie zu Sowjetzeiten stattgefunden hat. Nachdem sie sich einmal an diese ihnen anfangs aufgezwungene Rolle gewöhnt haben, wollen sie nicht mehr über ihre Herkunft nachdenken. Das Hauptthema von Schalamow ist dagegen gerade die Frage, wie der Mensch so werden konnte, wie er ist, was ihn zum Sowjetmenschen gemacht hat. Das Schalamow'sche Lager ist "weltähnlich ";[6] in ihm bricht sich das stalinistische Universum, es dient als Modell des großen Soziums. Da das sowjetische Modell – sei es mittlerweile auch stark verändert und mit allogenen, kapitalistischen Elementen durchsetzt – weiterhin zu politischen und propagandistischen Zwecken bemüht wird, entsteht ein für das Heranreifen von Lesern für Texte wie die Geschichten aus Kolyma oder Wischera ungünstiges Klima. Diese Geschichten weisen eine immer noch zu große Nähe zum Kontext unseres Lebens auf und sind daher zu traumatisierend.

Was dagegen die westlichen Intellektuellen angeht, so waren ihre in die Oktoberrevolution gesetzten Erwartungen zu hoch, als dass sie die traumatische Kehrseite der sowjetischen Erfahrung ohne Widerstreben akzeptieren könnten, auch wenn der Zerfall der Sowjetunion bereits etliche Jahre zurückliegt.


In Millionen von sowjetischen Familien gab es Opfer der stalinistischen Repressionen, doch daraus folgte keineswegs, dass die einen über ihre Lagererfahrung berichten und die anderen etwas darüber erfahren wollten. Als der Staat zugab, dass der "Personenkult" zu Fehlentwicklungen geführt habe und die Repressionen häufig unbegründet gewesen seien, vergossen mit einfachen Erklärungen zufriedene Sowjetmenschen ein paar Tränen der Rührung und fanden sich – zumindest die meisten von ihnen – damit ab, was sie ereilt hatte. Schalamow gehörte zu den wenigen, die immer wieder Fragen stellten und im Unbewussten der Menschen stocherten, die so sehnlich vergessen wollten. Als er in einem seiner späten Texte schrieb, dass es für seine Mitbürger wichtig sei, die Wahrheit über das Leben in den stalinistischen Lagern zu erfahren,[7] meinte er damit nicht seine Zeitgenossen, sondern die künftigen idealen Leser seiner Texte. "Wichtig" ist hier nicht als Beschreibung eines Ist-Zustandes gemeint, sondern ausschließlich als normative Aussage über einen Soll-Zustand: Schalamow beschrieb nicht, was seine Zeitgenossen wissen wollten, sondern was sie hätten wissen wollen müssen. Damit hing das Schicksal dieser Prosa unmittelbar vom Verständnis der rechtlichen und intellektuellen Bewertung des Phänomens des "radikalen Kommunismus" (Benjamin) ab.

Der Solschenizyn'schen rückhaltlosen Verurteilung des Kommunismus vom nationalistischen Standpunkt aus, die mit einer Idealisierung des zaristischen Russlands einherging, wollte Schalamow sich nicht anschließen. Er war und blieb ein Mensch der 1920er Jahre: Er schilderte die Ungeheuerlichkeit der Welt der stalinistischen Lager, weigerte sich aber, den Kommunismus als solchen zu verurteilen. Wie viele seiner Zeitgenossen im Westen scheint er in der Oktoberrevolution ein nicht eingelöstes messianisches Versprechen gesehen zu haben, eine große Hoffnung, die von Stalin erstickt wurde, die aber an sich ein viel größerer Wert war als jeder Passéismus und Nationalismus. Ein Zitat aus Schalamows Erinnerungen, die erst 2005 vollständig veröffentlicht wurden, mag dies belegen:

Ich habe an einer großen, verlorenen Schlacht um die wahre Erneuerung des Lebens teilgenommen [...]. Nicht nur der Staat war einem Sturm ausgesetzt, einem erbitterten, rückhaltlosen Sturm, sondern alles, buchstäblich alle menschlichen Entscheidungen wurden auf die Probe gestellt./ Die Oktoberrevolution war natürlich eine Weltrevolution. [...] All das wurde [später] bekannt lich kaputtgemacht, zur Seite geschoben, zertreten. Jedoch gab es im Leben keinen anderen Augenblick, in dem die Revolution dem Ideal des Internationalismus so real nahe gekommen wäre. Was Lenin über den Aufbau eines Staates, einer Gesellschaft neuen Typs gesagt hat, war richtig, wobei es für Lenin mehr eine Machtfrage, eine Frage der Schaffung einer praktischen Grundlage war, während es für uns die Luft war, die wir atmeten, in unserem Glauben an das Neue und unserer Zurückweisung des Alten."[8]

Wenn jemand, der fast zwanzig Jahre in sowjetischen Lagern verbracht hat, der zum Ziel seines Lebens gemacht hat, die Wahrheit über ihre zersetzende Kraft zu sagen, solche Worte schreibt, wiegen sie sehr viel.

Deshalb kam Schalamows ablehnende Antwort auf das Angebot von Solschenizyn, den Archipel GULag zusammen zu schreiben, nicht von ungefähr. Diejenigen, die meinen, diese beiden Autoren hätten bloß auf unterschiedliche Art und Weise über das Gleiche geschrieben, irren. Sie schrieben auf unterschiedliche Art und Weise über Verschiedenes. Hätte Schalamow sich Solschenizyn angeschlossen, hätte er den Gegenstand seines Schreibens verloren. Er hatte keine fertigen Erkenntnisse über das Lager; die Stärke seines Schreibens liegt im Willen zum Fragen, in der Fähigkeit, sich zu wundern und Fragen zu stellen, auf die niemand eine Antwort wusste. Die vorherrschende Empfindung, die diese Prosa beim Leser hinterlässt, ist nicht gerechte Empörung, sondern Verwunderung angesichts des Ausmaßes der Unmenschlichkeit im Menschen. Dabei ist Schalamows Sendung weit universeller, "metaphysischer", wie Solschenizyn es einst formulierte.[9] Seine Helden, die auf der untersten Stufe der Lagerhierarchie stehen, verbindet weder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation noch zu einer sozialen Schicht, noch irgendwelche anderen gemeinsamen Merkmale. Der schriftstellerische Blick richtet sich ausschließlich auf das Einzelphänomen: Bestimmend ist nicht etwa eine umfassende Kategorie, unter die dieser oder jener Held subsumiert wird, sondern die je persönliche existenzielle Entscheidung, die in einer objektiv hoffnungslosen Situation angesichts eines unpersönlichen und unmenschlichen Systems getroffen wird. In gewissem Sinne stand Schalamow Sartre näher als Solschenizyn.


Die meisten Lagerhäftlinge waren Opfer. Jedoch sind die Menschen, in deren Namen Schalamow schreibt, nicht nur Opfer und nicht einfach bloß Märtyrer. Es sind Menschen, die bewusst eine ethische Entscheidung getroffen haben. Diese Entscheidung war weder durch Religion noch durch politische Ideologie motiviert, sondern durch etwas weniger Augenfälliges, aber nicht weniger Bedeutendes: Es ging ihnen um das, was man menschlichen Anstand zu nennen pflegt. In dem sie sich weigerten, um jeden Preis zu überleben, setzten sie sich über den Tod hinweg; sie zeigten Stärke, indem sie sich verwundbar machten.

Für alle Bewohner der Lagerwelt (die Brigadeleiter, die "Abkratzer", die Lagerverwaltung) fand Schalamow mildernde Umstände – nur nicht für die Berufskriminellen. Mehrfach wiederholt er, dass Berufskriminelle keine Menschen seien. Doch warum war Schalamow gerade in Bezug auf die Berufskriminellen so unerbittlich? Das lag daran, dass hier zwei Gesetze miteinander kollidierten: das "Gesetz" der Diebe, das das Leben der Berufskriminellen regelt, und das Sittengesetz, dem sich seine Helden unterwerfen. Das eine Gesetz schließt das andere aus; die Mehrheit der Häftlinge versucht bloß zu überleben. Die Lagerverwaltung handelt auf Befehl; ihre Gefühllosigkeit verweist auf die Unmenschlichkeit des Systems als Ganzem und kann selten einem Einzelnen persönlich angelastet werden. Unabhängig davon, welches ihre Stellung in der Hierarchie sein mag, werden alle diese Menschen von Schalamows Helden vom Standpunkt ihrer Unselbständigkeit (und letztendlich ihrer Schwäche) beurteilt.

Anders die Berufskriminellen: Wie die Träger der Moral leben die Berufskriminellen nach einem inneren Gesetz und versuchen, andere diesem Gesetz zu unterwerfen. Im Unterschied zu den "Abkratzern", den "Pridurki", die sich mit allen Mitteln vor der Arbeit im Lager drücken, und den Angehörigen der Lagerverwaltung sind sie wie Schalamows Hauptfiguren bereit, für ihr Gesetz zu sterben; sie wollen nicht um jeden Preis überleben und gehorchen keinen Befehlen, wenn diese Befehle ihrem Gesetz widersprechen. Darin ähneln sie den Häftlingen, die sich nach dem Sittengesetz richten, was Letztere zu Erzfeinden der Berufskriminellen macht. Innerhalb der Lagerwelt wird das Sittengesetz nur vom Gesetz der Diebe generell angefochten. Für einen religiösen Menschen, einen Christen, der sich am Jenseits, am Transzendenten orientiert, sind die Berufskriminellen ein zwar fremdartiges, aber äußeres Phänomen, das keiner stärkeren Ablehnung würdig ist als viele andere Erscheinungen des Lagerlebens. Für diese Menschen sind alle Arten innerweltlicher Religiosität gleichermaßen verfehlt. Anders verhält es sich mit der Ehrlichkeit, der Moral, dem kompromisslosen Festhalten an den Regeln des menschlichen Anstandes. Sie gehören in denselben Bereich innerweltlicher Religiosität wie das Gesetz der Diebe; auch diese Regeln werden in der diesseitigen Welt umgesetzt, und die Existenz eines konkurrierenden Gesetzes untergräbt sie. Während sich andere aus Schwäche oder auf Befehl (was letztlich auch als Schwäche ausgelegt werden kann) unmoralisch verhalten, tun es die Berufskriminellen im Einklang mit jenem "Gesetz", das zu ihrer inneren Überzeugung geworden ist. Sie sind gleichsam konsequent amoralisch: Ihr Gesetz verbietet ihnen, anders zu sein. Schalamows Helden können den Berufskriminellen ihre Verachtung gegenüber Frauen, ihre Homosexualität, ihre zur Schau getragene Zoophilie nicht verzeihen. Das ist jedoch nicht das Entscheidende. Der wesentliche Punkt besteht darin, dass die Berufskriminellen bewusst all das zerstören, wofür Schalamows Helden leben, wofür sie nach dem Maßstab der Lagerwelt unvorstellbare Opfer bringen.

Im Übrigen verfolgen die Berufskriminellen eine ganz andere Motivation. Die Lagerwelt ist ihre Welt – eine Welt, in der sie sich häuslich eingerichtet haben. Ihre Moral ist die Negation der Moral, und diese versuchen sie so weit wie möglich zu verbreiten, indem sie ihre Pritschennachbarn bestehlen, die Lagerverwaltung schmieren und die Ärzte bestechen und einschüchtern. Diese Pseudomoral der Berufskriminellen durchdringt die gesamte Lagerwelt und verdrängt den echten menschlichen Anstand, an den sich Schalamows Helden weiterhin halten. Deshalb gibt es für die Berufskriminellen kein Pardon.

Das Paradox besteht bei Schalamow jedoch in etwas anderem: Nach seiner Definition ist die Lagerwelt eine unmenschliche Welt; demzufolge handeln Berufskriminelle, die ihr unmenschliches Gesetz auf das Lager ausweiten, absolut konsequent. Das Gesetz der unmenschlichen Welt ist somit das unmenschliche Gesetz der Berufskriminellen. Einerseits spricht Schalamow der Lagererfahrung jegliche positive Bedeutung ab, andererseits gelingt es ihm nicht, sie ganz aus dem Geltungsbereich des Sittengesetzes herauszuhalten.


In seinen Beobachtungen beschränkte sich Schalamow auf die Welt des stalinistischen Lagers, während das sowjetische Projekt der Erziehung eines "neuen Menschen" weit über die Grenzen des Lagers hinaus reichte. Schalamow stellte fest, dass die Berufskriminellen dem Lager ihr Gesetz aufzwangen, aber er fragte sich nicht, wie, weshalb, unter welchen Umständen und in welchem politischen Klima dies möglich war. Indem er das Lager als "weltähnlich " ansah, kappte er die Verbindungen zur Welt außerhalb des Lagers.

Der Einfluss der Berufskriminellen konnte im Lager deshalb so umfassend werden, weil er sich in einen breiteren politischen Kontext einfügte. Schalamow und seine Helden landeten auf der untersten Hierarchiestufe des Lagers; von dort aus ließ sich das Unterfangen der Heranziehung eines "neuen Menschen" nicht in seinem ganzen epischen Ausmaß erkennen. Die Unterwerfung des Lagers unter die Berufskriminellen-Moral geschah aber gerade im Rahmen dieses viel weiter reichenden Vorhabens; die konsequente Verneinung der Moral durch die Berufskriminellen beförderte die Umsetzung dieses Vorhabens. Weder vor noch nach Stalin haben Berufskriminelle jemals wieder eine so exklusive Stellung im Strafvollzugssystem Russlands oder eines anderen Landes erlangt.


In seinem Schreiben ist Schalamow nicht vor der unfassbar scheinenden Erfahrung zurückgewichen, hat sich nicht von ihrem Sog abschrecken lassen; darin liegt seine Bedeutung als herausragender Zeitzeuge. Er berichtete den Menschen von dem, was sie nach seiner eigenen Überzeugung nicht zu wissen brauchten oder gar auf keinen Fall wissen dürften. Aus diesem Paradox – das uns nicht schrecken darf, denn alles Bedeutende ist paradox – können wir Mut schöpfen, uns den Spätfolgen der Stalinzeit zu widersetzen.


Warlam Schalamows Leben verlief tragisch. Gerade deshalb ist es ein gutes Beispiel dafür, zu was der Mensch aus seiner tiefsten Erniedrigung heraus fähig ist. Es lehrt uns, dass die Lebensumstände das sind, was wir aus ihnen machen; für sich allein genommen bedeuten sie wenig.

Der künftige Schriftsteller Schalamow war der Sohn eines Geistlichen, was ihm (als Vertreter einer der "Ausbeuterschichten") den Zugang zur Hochschulbildung versperrte. "Eben weil du begabt bist, wirst du nicht an einer Hochschule studieren, einer sowjetischen Hochschule",[10] brüllte ein sowjetischer Beamter Schalamow in Anwesenheit seines Vaters in Wologda an. Dieser Prophezeiung zum Trotz studierte Schalamow zwei Jahre an der Moskauer Staatsuniversität, bis er zwangsexmatrikuliert wurde, weil er seine soziale Herkunft verheimlicht hatte. Er sympathisierte mit den Trotzkisten, nicht weil er deren Ansichten teilte (die Ansichten der Narodnaja Wolja und der Sozialrevolutionäre lagen ihm näher), sondern weil es ihn stets zu den Verfolgten hinzog. Diese Neigung bewahrte er sich auch im Lager.

Seine drei letzten Lebensjahre verbrachte Schalamow in einem Altersheim. Er hörte schlecht und erblindete fast völlig. Seine Lagergewohnheiten kehrten zurück: "Bettlaken und Deckenbezüge riss er ab, knüllte sie zusammen und versteckte sie unter der Matratze, damit sie niemand stahl. Sein Handtuch band er sich um den Hals [...]. Er fiel gierig über das Essen her, damit ihm niemand zuvorkam."[11]

Das Lager holte Schalamow ein, nachdem er bereits ein Vierteljahrhundert damit verbracht hatte, seine Lagererfahrung in eine literarische umzumünzen, und der dadurch aufgebaute Abstand nicht mehr rückgängig zu machen schien. Erstaunlich ist aber etwas anderes: Bis zu seinem Tod schrieb der alte und kranke Schalamow Gedichte. Der Dichter in ihm war nicht totzukriegen; das Dichten war Teil seiner Person geworden und konnte sogar mit den zurückgekehrten Instinkten eines Lagerhäftlings koexistieren. "Wenn der Ruhm ohne Geld zu mir kommt, werde ich ihn vor die Tür setzten",[12] sagte Schalamow einmal halb im Scherz zu Irina Sirotinskaja, mit der ihn eine enge Freundschaft verband. In seinem letzten Lebensjahr fiel ein Strahl des Ruhmes auf Schalamow: Der französische PEN-Club zeichnete ihn mit dem Freiheitspreis aus; ein Erzählband von ihm erschien auf Englisch. Schalamow war enttäuscht, denn all das brachte keine einzige Kopeke ein. Drei Tage vor seinem Tod wurde er in eine sogenannte Gesundheitsfürsorgestelle für Nervenkranke verlegt, die sowjetische Entsprechung der Irrenanstalt.

 

  • [1] Warlam Schalamow, Sobranie sotschinenij, Moskva 2005, Bd. 4, S. 446.
  • [2] In seinen "Notizbüchern aus den Jahren 1954-1979" nennt Schalamow Solschenizyn einen "Geschäftemacher" (W. Schalamow, Sobranie sotschinenij, Bd. 5, S. 363).
  • [3] W. Schalamow, ebd., Bd. 4, S. 465.
  • [4] Solschenizyn schrieb, dass Schalamows Erzählungen von Anfang an nicht seinem künstlerischen Geschmack entsprachen; er habe in ihnen keine Charaktere, keine Personen mit Vergangenheit, keine individuelle Weltsicht der Helden entdecken können. Die Komposition der Geschichten aus Kolyma sei ihm verschwommen und fragmentarisch erschienen (vgl. A. Solschenizyn, "S Warlamom Schalamowym", s.o., S. 164). Was Schalamow als seine Innovation betrachtete, als fundamental neue Schreibweise, verbunden mit der Besonderheit einer wirklichen Lagererfahrung, war in den Augen von Solschenizyn ein Manko, ein Indiz für die Unvollkommenheit von Schalamows Prosa.
  • [5] W. Schalamow, Sobranie sotschinenij, Bd. 4, S.163.
  • [6] Ebd., S. 262.
  • [7] Vgl. W. Schalamow, Kolymskie rasskazy, Moskau 1992, Bd. 2, S. 416 und S. 423.
  • [8] W. Schalamow, Sobranie sotschinenij, Bd. 4, S. 432.
  • [9] Vgl. A. Solschenizyn, "Warlamom Schalamowym", Nowyj mir, 1999, Nr. 4, S. 168: "[...] denn er [Warlam Scharlamow] hat sich nie, weder schriftlich noch mündlich, vom sowjetischen System distanziert, hat ihm nie etwas vorgehalten und die ganze GULag-Epopöe bloß auf eine metaphysische Ebene verlagert."
  • [10] W. Schalamow, Sobranie sotschinenij, Bd. 4, S. 432.
  • [11] Irina Sirotinskaja, Moj drug Warlam Schalamow, Moskva 2006, S. 50.
  • [12] Ebd., S. 31.


Published 2008-02-07


Original in Russian
Translation by Elena and Dirk Uffelmann
First published in Mittelweg 36 6/2007-2008

Contributed by Mittelweg 36
© Michail Ryklin/Mittelweg 36
© Eurozine
 

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Even nameless horrors must be named

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It is high time to lift the aesthetic state of emergency that has surrounded witness literature for so long, writes Steve Sem-Sandberg. It is not important who writes, nor even what their motives are. What counts is the "literary efficiency". [more]

Literary perspectives
The re-transnationalization of literary criticism

Eurozine's series of essays aims to provide an overview of diverse literary landscapes in Europe. Covered so far: Croatia, Sweden, Austria, Estonia, Ukraine, Northern Ireland, Slovenia, the Netherlands and Hungary. [more]

Behind the headlines     click for more

Mykola Riabchuk
Tymoshenko: Wake-up call for the EU

The EU shouldn't be surprised by the Tymoshenko verdict: its support of anything nominally reformist has been perceived as acceptance of a range of repressions, argues Mykola Riabchuk. [more]

Conferences     click for more

Eurozine emerged from an informal network dating back to 1983. Since then, European cultural magazines have met annually in European cities to exchange ideas and experiences. Around 100 journals from almost every European country are now regularly involved in these meetings.
Arrivals/Departures: European harbour cities as places of migration
The 24th European Meeting of Cultural Journals
Hamburg, 14-16 September 2012

http://www.eurozine.com/comp/hamburg2012.html
Harbour cities as places of movement, of immigration and emigration, as places of inclusion and exclusion, develop distinct modes of being that not only reflect different cultural traditions and political and social self-conceptions, but also communicate how they see themselves as part of the structure that is "Europe". The 2012 Eurozine conference will explore how European societies deal variously with the cultural legacy of the "harbour city". [more]

Multimedia     click for more

http://www.eurozine.com/comp/multimedia.html
Multimedia section including videos of past Eurozine conferences in Vilnius (2009) and Sibiu (2007). [more]


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