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18.11.2008
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Die Wissenschaft der Anderen

Das Phänomen der Laienschriften, kritisch und nur leicht genervt betrachtet

Wissenschaftler werden gelegentlich mit "Laienschriften" konfrontiert: scharfsinnigen Denkschriften eines (häufig akademisch gebildeten) Außenseiters, der einer ganzen Forschungsrichtung, einem ganzen Fach nachweist, daß der Generalschlüssel zur Lösung des Zentralproblems schlicht übersehen wurde, obwohl er doch offen zutage liege ... Und dann wird zumeist qua Beziehungswahn und Verschwörungstheorie das Rätsel gelöst. Doch was ist, wenn Laienschriften tatsächlich zu einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel führen, wie Thomas S. Kuhn und Bruno Latour gezeigt haben? Diese ehrwürdige subakademische Institution der Laienschrift hat ein neues, ein riesiges Ausdrucksfeld in den Weblogs gefunden. Ist das eher ein Anlaß zur Freude – endlich eine Spielwiese für Spinner – oder zur Beunruhigung, daß nützliche Irritationen nun versickern? Wolfgang Kemp denkt in seinem witzigen Essay ziemlich ernsthaft über das Verhältnis von Wissenschaftlern und Laien im Prozeß des technologischen Fortschritts nach.

Die Tür zu meinem Büro ist selten geschlossen. Auch die anderen Türen des langen Institutskorridors stehen offen. Bei unseren US-amerikanischen Kollegen und Kolleginnen wäre das eher eine Pflicht und eine Vorkehrung, um verfängliche Situationen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wir dagegen bilden uns ein, daß wir ein "visible college" darstellen und Wissenschaft sichtbar machen, als Gemeinschaft und als Arbeitsform – selbst wenn die Ansicht so wenig spektakulär ist, die wir bieten: Menschen an Schreibtischen und vor Computern. Offene Türen, das heißt natürlich auch, daß an deren Rahmen nicht nur Studenten pochen, sondern ebenso die Welt, die große Stadt in all ihrer Unsortiertheit. Zwischen der City und mir ist keine irgendwie kontrollierte Schwelle oder Schleuse. Wer will, steht in meinem Zimmer. Gemessen an der Freiheit des Angebots wollen das nur wenige. Darunter leider sehr oft solche, die nur eines wollen: stehlen.

Neulich stand eine junge Frau in der Tür, eine Französin, und verlangte, daß ich eine Kopie ihrer Scheidungsurkunde beglaubige. Es sei Mittag, alle Büros ringsum hätten zu, ich solle das gefälligst machen. Dazu sei ich nicht berechtigt, erwiderte ich. Doch, das könne jeder Beamte, in Frankreich sowieso, und ich solle mich nicht so anstellen. Ihr Ton bedeutete: nicht so typisch deutsch anstellen. Dann stieß sie mit dem Fuß auf. Das hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Aber es stimmte mich nicht um. Ich gab zu bedenken, daß wir noch nicht einmal über ein Siegel verfügten, und das entschied die Sache. Ein anderer Besucher erschien nicht ganz so überraschend wie die typische Laufkundschaft. Der Mann hatte bereits einen anderen Kollegen angesprochen, der ihn aber weggeschickt hatte und mich bat, beim nächsten Mal zu übernehmen – er habe Angst vor diesem Menschen. Es trat auf, unangemeldet: ein kompakt gebauter Offizier der US-Army, vierschrötig, hätte man früher gesagt, der in gutem Deutsch und sehr bestimmt vortrug, er wolle eine Dissertation schreiben und habe auch schon ein Thema: die Lahn als Kunstlandschaft. Von der Mündung bis zur Quelle wolle er die Städte und Monumente abhandeln, die ihm kunsthistorisch interessant erschienen. Was ich davon hielte?

In einem Moment wie diesem sagt man nicht, das ist kein Dissertationsthema. In einem solchen Moment geht man automatisch zum Verfahrenstechnischen über. Ich erklärte, daß eine Promotion den Magister voraussetze. Kein Problem, erwiderte er und holte aus seiner Tasche ein flaches Kistchen, annähernd DIN-A4 groß. Es war mit einem grünen Lederimitat bezogen und enthielt eine metallene Tafel, in die sein Studiendiplom eingraviert war. Ich weiß nicht mehr, welchen Grad der Fremde bei welcher amerikanischen Universität erworben hatte. Das Objekt beeindruckte mich, nicht aber sein Inhalt. Ich sagte, das ändere nichts an der Notwendigkeit eines Fachstudiums in Kunstgeschichte. Darauf starrte er mich nieder. Ich verstand jetzt meinen Kollegen und seine Aversion. Es war dieser Laserblick, den sie auf Militärakademien lehren, eine Blickoffensive, stark genug, im Rekruten den letzten Willensrest zu zerbröseln wie einen übriggebliebenen Weihnachtskeks.

Zwei Enttäuschungen wurden hier gleichzeitig produziert. Das Versprechen der offenen Tür erfüllte sich nicht. Dahinter wurde gemauert. Die andere Seite enttäuschte, weil sie – im ersten Fall – nicht einsehen wollte, daß eine Universität kein Amt und – im zweiten Fall –, daß sie kein Briefkasten ist, in den man eine Arbeit zur Begutachtung einwirft, sondern ein Ort gemeinsamen Lernens und Arbeitens. In den Zeiten von Fernuniversitäten, E-Learning und Teilzeitstudium ist diese Selbstverständlichkeit immer schwieriger durchzusetzen. Ich weiß nicht, ob es noch andere Professionen gibt, deren Klientel in zwei so verschiedene Klassen zerfällt. Die Kunden von Lehrern, Rechtsanwälten, Ärzten, Beamten, Pfarrern mögen ja jeder für sich betrachtet höchst individuelle Ausprägungen der Spezies Mensch sein, aber im Moment der (Be)Handlung stellen sie eine konforme Gruppe dar: Laien hier, Professionelle dort. Ausgerechnet in Academia und nicht zuletzt dank gutgemeinter offener Büro- und Hörsaaltüren haben es die Universitätslehrer und -wissenschaftler nicht nur mit der einen ihnen anvertrauten Klientel der Studenten, sondern außerdem mit einer unsortierten und selbst aktiven Gesellschaft der Laien, Autodidakten, Wissenschaftsamateure und Fachwechsler zu tun. Gemeint ist also nicht das weitverbreitete Phänomen des Gasthörers oder Seniorenstudenten, sondern das des Gastwissenschaftlers oder des "nichtdisziplinären Akteurs", wie er in der Sprache der Wissenschaftstheorie heißt. (Ich kann bei allem folgenden problemlos bei der Er-Form bleiben; wir betrachten eine rein männliche Domäne.)

Kleine Münzen

Die Mehrzahl dieser Akteure schaut nicht bei mir vorbei. Sie bedient sich der Post und neuerdings auch des Internets, um mich als Druckstation für ihre "Anhänge" zu benutzen. Ihre Sendungen sind gattungsmäßig nur schwer einzuordnen. Den klassischen Aufsatz, die monographische Abhandlung oder gar den Essay findet man darunter nicht. Damit ist im Grunde auch nicht zu rechnen, weil diese Ausarbeitungen mir nicht geschickt werden, um sie auf ihre Veröffentlichung hin zu überprüfen. Ich spreche hier, was die Absender angeht, nicht von Sonntagshistorikern, Heimatforschern, Hobby-Archäologen usw. Diese haben ihre Zirkel, ihre Standards, ihre Organe und ihr eigenes System der Begutachtung. Aus diesen völlig selbständigen und hochproduktiven Kreisen erreicht einen allenfalls der Sonderdruck einer fertigen Arbeit, nicht aber ein Manuskript.

Die Texte, die mir unverlangt zugesandt werden, würde ich einerseits Denkschriften nennen, denn mit ihnen möchten die Autoren mir zu denken geben, mich auf unerträgliche Defizite der Forschung, Ungerechtigkeiten in der Bewertung eigenwilliger Forschungshypothesen und auf groteske Fehlentwicklungen im institutionellen Leben der Wissenschaft aufmerksam machen. So gesehen sind es nicht vorrangig Beiträge zu begrenzten Forschungsgebieten, und das Wort Denkschrift soll auch nicht so verstanden werden, als wären diese Schriften das Ergebnis eines tiefen und systematischen Nachdenkens. Das verhindert die Natur der anderen Gattung, in deren Einflußbereich sie verfaßt wurden, und das ist der Brief. Was die äußere Form und den literarischen Stil angeht, ist diese Zugehörigkeit nicht sehr ausgeprägt, doch als Hervorbringungen jenes "pensée nomade", den Brigitte Diaz als den Antrieb des Briefeschreibens ausgemacht hat, lassen sie eine strenge Durchführung vermissen und sind sozusagen grundsätzlich ablenkbar. Außerdem sind und bleiben sie Sendungen, speziell an mich und an niemanden sonst gerichtete Postillen und nicht – ich wiederhole mich – Briefbeilagen, die durch mich in die Form der Veröffentlichung transformiert werden sollen.

Wobei nicht von vornherein ersichtlich ist, warum ich als Empfänger ausgewählt wurde. Sicher, es kommt vor, daß mich jemand anschreibt, der mich bei einem Vortrag erlebt oder in der Zeitung etwas von mir gelesen hat. Nachforschungen ergaben aber für die Mehrzahl der Einreichungen, daß ich nach Befragung von Vorlesungsverzeichnissen oder Websites oder aufgrund von mündlichen Informationen ("Da gibt es doch den...") konsultiert wurde und zwar in meiner allgemeinsten Eigenschaft als ein Wissenschaftsbeamter, von dem man ein Urteil und eine Rückmeldung erwarten darf. Das bedeutet, daß eine Art Geisterkommunikation stattfindet, denn weder nehmen die Korrespondenten Bezug auf von mir vorgegebene Themen noch repräsentieren sie für mich jenes Gegenüber, das die Wissenschaftstheoretikerin Helga Nowotny "imaginierte Laien" nennt, also jenes Publikum, das konzeptuell in meine eigenen Überlegungen und Ausführungen eingeht, wenn ich zum Beispiel für einen größeren Leserkreis schreibe – siehe den impliziten Betrachter oder Leser der Rezeptionsästhetik. Ganz im Gegenteil, würde ich sagen: Für diese Leute habe ich nicht geschrieben oder habe ich umsonst geschrieben. Oder haben andere geschrieben: Einer der wenigen Autoren, der mich konkret auf eine Veröffentlichung hin ansprach, wollte sich, angeregt durch meine Rezension, das "Buch über Paul Kersten" besorgen – ich erinnere mich aber nicht, jemals ein Buch über einen Menschen mit diesen Namen gelesen, geschweige denn rezensiert zu haben. Auch den Herrn Schmidt, den zu grüßen der Korrespondent bat, konnte ich nirgends einordnen: "Vielleicht interessiert es ihn, was aus mir nach all den Jahren geworden ist?" Vielleicht ja, aber bisher habe ich ihn nicht erreichen können.

Geisterkommunikation ist das eine Stichwort; ich möchte ihm gerne noch ein zweites zugesellen, das in die gleiche Richtung weist. Man könnte diese Mitteilungsform auch mit einem Begriff der Gruppe Adilkno als "vague media" bezeichnen ("vague formats" würde unser Material noch besser treffen): "Vague media do not go in for success. They do not achieve their goals. They do not follow the model of argument, but that of contamination. Once you tune in to them, you get the attitude."

Ganz und gar nicht anstecken lasse ich mich durch die zwei Kategorien von Zuschriften, die leider die Mehrzahl bilden. Zuallererst die Texte, die sich in einer satirisch-humoristischen Haltung dem Wissenschaftsbetrieb nähern. Dazu gibt es Anlaß genug, aber allen Außenstehenden, die hier mitmachen wollen, sei mit Nachdruck gesagt: Überlaßt diesen Part den Insidern! Sie treffen aus der Nähe (sich) besser. Und außerdem: Auch Satire und Witz entwickeln sich weiter. Was für die Abiturzeitung noch gut genug war und was bei Morgenstern oder Loriot wunderbar funktionierte, das geht überhaupt nicht mehr. Ähnliches wäre auch für die kulturkritischen Einsendungen zu sagen, von denen wir ebenfalls lieber verschont blieben. "Seither befindet sich die kunst- und kultursituation deutschlands im nullzustand: ersatzweise kultur der technik (film, foto) überlassend oder, schlimmer, dem kommerz und dem 'freien markt' (!?). Eine herrenlose kunstszene." Dazu kann man stehen, aber warum diese tonnenschweren Gemeinplätze? Mit einem konkreten und intelligent durchanalysierten Fallbeispiel könnte man mich erreichen.

Die typographischen Eigenwilligkeiten des gerade anzitierten Textes lassen sich übrigens nicht reproduzieren, die Randzeichnungen auch nicht; man kann überhaupt als Regel aufstellen, daß Laienschriften an ihrer alternativen Textgestaltung erkennbar sind. Der uns später begegnende Verfasser B. schreibt zum Beispiel gerne y statt ü. Das liest sich dann so: "die frage ist daher vielleicht am ehesten wie man von europa aus und speziell in bezug auf den verfasser von seinem bisherigen kenntnisstande aus schritt fyr schritt und meter fyr meter in richtung dieser verschytteten kulturen kommen kann". B. nennt auch einen Grund für diese Schreibweise. Der früheste Vorfahr, den er nachweisen kann, schrieb seinen Namen so, mit y anstelle des ü. Das war um 1500, in Franken. Wir dürfen aus diesem Anlaß einmal das total heruntergekommene Wort "einschreiben" benutzen und sagen: Sich in des Spitzenahns Graphie einschreibend, kommt B. seinem Ziel nicht Schritt für Schritt, sondern mit einem Riesensprung näher. Wir werden davon hören. Was also unsere Autoren an Stringenz und Konkretheit der Argumentation vermissen lassen, ersetzen sie durch eine rührende Sorge um die äußere Textgestalt, vielleicht weil sie wissen, daß sie Unikate hervorbringen. Zu diesem Komplex gehört auch eine hohe Empfindlichkeit in Sachen geistiges Eigentum. Seine Einsendung begleitet einer meiner Verfasser mit einem Zitat aus Hans Peter Hilligs Standardwerk Urheber- und Verlagsrecht: "Auch Werke von geringem schöpferischen Wert ('Kleine Münze') genießen Urheberrechtsschutz."

Nun gehört es nicht zum Schicksal der kleinen Münzen, daß jemand sie kopiert. Treten sie in Textform auf, ist ihr Los meist das der sog. senkrechten Archivierung. Von Zeit zu Zeit geht eine solche Denkschrift ohne konkreten Adressaten bei uns ein und wird von den Sekretärinnen sorgsam in Umlauf gebracht. Ein neues Rundschreiben der Verwaltung könnte von meinen Kollegen nicht mit kälteren Augen angesehen werden. Vermutlich bin ich der einzige, der diese Kultur verstehen will, bevor sie ganz verschyttet wird.

Die Mathematisierer

"Der Grad an mathematischer Sophistication, der in den härteren Wissenschaften verlangt wird, ... frustriert das Forschungsverhalten der Laien in einem Maße, das die unreifen Wissenschaften bisweilen mit Neid betrachten." Das schreibt der Wissenschaftssoziologe Mark A. Schneider in Culture and Enchantment (1993), einem der ganz wenigen Bücher, das unsere Thematik streift und das darüber hinaus unbedingt empfehlenswert ist, wenngleich ich in bezug auf die zitierte Aussage Schneider widersprechen möchte: In meinem Fach, in der Kunstgeschichte und vor allem in der Geschichte der Architektur kann man ziemlich sicher sein, daß ein erheblicher Teil von Laieneinsendungen eine mathematische Basis hat – wie "sophisticated" diese ist, soll hier nicht zur Debatte stehen. Dabei wäre überhaupt nichts gegen Kompositionsanalysen einzuwenden, die uns mit Hilfe einiger Schemata den Aufbau von Bildern oder Bauten erläutern.

Das Problem besteht darin, daß mathematische Zergliederungen sich mit ein, zwei geometrischen oder arithmetischen Figuren niemals zufrieden geben. Was sie nie begreifen werden, ist die Self-fulfilling Prophecy ihrer Operationen. Je mehr Punkte sie markieren und je mehr imaginäre Linien sie einführen, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, daß sie stichhaltige, ja höchst eindrucksvolle Ergebnisse erzielen. Eine einfache Rechnung kann nachweisen, daß die Ansetzung von nur vier Markierungen 64 Arrangements erlaubt. Computer verarbeiten spielend viel größere Mengen von möglichen Kombinationen und führen zu einem immer engeren Netz von irgendwie interpretierbaren Regelmäßigkeiten, Baugeometrien oder gar symbolischen Figuren. Wolfgang Wiemer hat schon vor vielen Jahren bei einer Vermessung einer süddeutschen Klosterkirche den Computer errechnen lassen, daß neun Prozent zulässiger Abweichung aller Meßdaten, die bei einem größeren Bau so anfallen, über 50 000, ein Prozent immer noch 7000 "bedeutungsvolle" Verhältnisse ganzer Zahlen oder geometrischer Strecken ergeben. (Das hat den Autor natürlich nicht daran gehindert, seinem Bauwerk eine höchst komplexe, aber detailgenaue Geometrie nachzuweisen.) Wir hören dann immer nach vollbrachter Demonstration das Argument: "Das kann kein Zufall sein!" Nein, das ist es auch nicht.

Ich will hier nicht auf die diversen Vorschläge eingehen, die mir unterbreitet wurden; sie mitsamt ihren Diagrammen zu referieren, würde den Rahmen sprengen. Unvergeßlich bleibt mir aber, wie ich, frisch an eine Universität berufen, von einem mir unbekannten Kollegen aus dem philosophischen Seminar aufgesucht wurde, der offenbar nur auf ein neues Opfer gewartet hatte. Der Philosoph kam in Begleitung eines Studenten, der mit ihm zusammen ein Gemälde des Nicolas Poussin so total durchgerechnet und auskonstruiert hatte, daß aber wirklich jeder Astansatz und jedes nachlässig auf dem Boden verstreute Architekturfragment in einem beziehungsvollen Figurensystem aufging. Ich sehe heute noch das Spinnennetz weißer Linien vor mir, das die beiden über die arme Malerei geworfen hatten und das ein großartiges Eigenleben führte – den Grund erkannte man kaum noch. Man lernt daraus, daß die "nichtdisziplinären Akteure" vielerlei Gestalt annehmen können, auch die von ausgewachsenen Wissenschaftlern.

Wie ich mich verhielt? Nicht sehr überzeugend und souverän, vermute ich mal. Ich konnte damals nur meine intuitive Skepsis artikulieren und mich um ein endgültiges Urteil drücken. Was hätte es auch geholfen, zumal einem Philosophen gegenüber, damit zu argumentieren, daß vom Fach sein auch heißt zu wissen, was geht und was nicht geht und womit man sich blamieren kann? Dies ist ja gar kein Argument, sondern eine jener von den Kritikern des Wissenschaftssystems so giftig angegriffenen Regeln einer Hausordnung, die angeblich nur dazu dienen soll, die Ein- und Ausgänge strikt zu regulieren. Der Philosoph, der sich in Kunstgeschichte sehr gut auskannte und über ihre philosophischen Aspekte Bedeutendes publiziert hat, ist mit seinem Poussin more geometrico nie an die Öffentlichkeit gegangen. Das war wohl weder auf die Verstocktheit kunsthistorischer Gatekeeper noch auf eigene bessere Einsicht zurückzuführen, es verhielt sich vermutlich genau so, wie Adilkno sagt: Vage Medien sind nicht zielorientiert. Man muß sich auf ihre Wellenlänge einstellen, dann schwingt man mit.

Das Mathematisieren ist nicht nur ein sich selbst bestätigender Ansatz, er bringt auch jenen Mehrwert mit, den wir oben mit dem Wort Denkzettel angesprochen haben. Die Laien haben ein sicheres Gespür dafür, daß die Geisteswissenschaften sich dagegen sträuben, mit naturwissenschaftlichen Methoden zu arbeiten. Diese Enthaltsamkeit und das damit einhergehende Grenzwächtertum machen sie sich aus zwei Gründen nicht zu eigen: Erstens weil sie so ein Terrain weitgehend für sich haben, zweitens weil sie einem Ideal von Wissenschaftlichkeit anhängen, das auf den ersten Blick sehr attraktiv wirkt, und das ist die zwingende Gewißheit. Damit können sie in den Geisteswissenschaften aber wenig ausrichten. Dieser Typus der Untersuchung hat für die Mathematisierer den Extrareiz, daß die Gewißheit sich aus der Auflösung eines Geheimnisses ergeben soll. Es verhält sich ja so, daß die Berechnungen in der Regel ex post gewonnen werden und sich nicht auf entsprechende historisch verbürgte Verfahrensweisen stützen können. Das macht das Vorhandensein von Kompositionsschemata nicht unmöglich, nur bringt uns die Gleichsetzung von Mathematisierung und Arkanpraxis auf eine abschüssige Ebene. Nimmt man erst einmal an, daß die Künstler und Architekten der Vergangenheit ihre Operationen nicht veröffentlichen wollten oder durften, fühlt man sich berechtigt, alles im Lichte der Verschlüsselung zu behandeln und deren Grad lieber hoch als niedrig anzusetzen.

Die Gewißheit verlangt aber dann doch, so wie die Dinge stehen, nach einer Sanktion durch den Experten, vielleicht weil sie im Geheimen ahnt, daß sie selbstinduziert ist. Meine Einsender erwarten wohl Ähnliches wie die Französin, die mich als Ersatznotar haben wollte: Sie wünschen sich die legitimierende Instanz und darüber hinaus eine weitherzige Instanz, die zwischen ihren Sonderwegen in der Wissenschaft und ihren Aberrationen im realen Leben keinen Unterschied macht. (Beides geht merkwürdig oft zusammen.) Ich kann mir sonst kaum erklären, warum ein Dr. P. aus Rüttenscheid, von Haus aus Molekularbiologe, mich des öfteren mit Aktenstücken versorgt, die seine Zusammenstöße mit unserem Rechtssystem dokumentieren, angefangen bei so banalen, aber lästigen Vorkommnissen wie einem Ladendiebstahl – "Niemals in der Geschichte stand eine so GEWALTIGE Überwachungsmaschinerie bereit, um einen Apfel vor unerlaubtem Zugriff zu verteidigen" – und weiterreichend bis hin zu Auseinandersetzungen mit den großen Themen der Naturwissenschaften, die allerdings schon in statu nascendi vom anderen "System" der Wissenschaften behindert, wenn nicht ganz vernichtet werden: "Der aktuelle Beitrag ist ein unfreiwilliger Nachtrag zu meinem Manuskript 'Kosmologie zwischen Mondfinsternis und einstürzenden Neubauten'. Das Manuskript wurde am 1.5. zusammengefaßt und zwischen 6. und 8. Mai aus dem Gedächtnis rekonstruiert, da mein Computer auf seltsame Weise kaputt gegangen war, nachdem ich die 'Sicherheitsschleuse' der Universitätsbibliothek passierte."

Only connect

Ein solches Malheur ist ein festes Motiv in dem Drama, das die beiden Kontrahenten miteinander aufführen. Viele Einsender sind von den Instanzen der Wissenschaft vorgeschädigt, bevor sie sich bei denselben melden können. "Allerdings gibt es auch da Probleme mit der studierten Zunft" – ein Standardsatz. Und weil dem so ist, lassen sich die unliebsamen Erfahrungen als Ladendieb und als alternativer Wissenschaftler nur schwer voneinander trennen. Und sie sollen auch nicht nach Art der zünftigen Wissenschaft getrennt werden, aus grundsätzlichen konzeptuellen Erwägungen heraus nicht: Dr. P. versteht seine "Beiträge" als Bekundungen eines "wissenschaftlichen Interesses", das "der Abwendung und Bekämpfung des Bösen" verpflichtet ist. Vom Bösen weiß man, daß es immer und überall ist und daß es sich dem außerwissenschaftlich Wissenden gerne in Zeichen mitteilt. "Der Apfel brachte mich zur Erkenntnis, daß meine Geschichte (nicht nur) mit der Geschichte des 3. Reiches auf fatale Weise verbunden ist, und daß das PLUS [in einem Laden dieser Kette geschah der Apfeldiebstahl], das schweizerische oder das Rote Kreuz das HACKENKREUZ darstellen und das Bestialische markieren." Das ist auf der niederen Ebene des Zeichenmaterials nicht einsichtig, aber man erkennt das größere Muster, das im übrigen so verschieden von dem Muster der Mathematisierer nicht ausfällt. Beziehungsgespinste hier wie dort. Wir ahnen schon, daß das "Verbundensein" des Dr. P. eine Kategorie darstellt, in die vieles ungeklärt hineingeht: Kausalität, Kontinuität, Analogie, Identität.

Ein Beziehungsforscher von hohen Graden ist B. Sein Schaffen, dessen Ergebnisse meist nur eine CD faßt, produziert Zusammenhänge auf zwei an sich verschiedenen Ebenen, die aber je nach Bedarf – und der Bedarf ist groß – zur Deckung gebracht werden können. Doch ist zunächst erläuternd zu sagen, daß B. den seltenen Typus einer Personalunion von Einsender und Gasthörer verkörpert. Das ist dem Adressaten seiner Ausarbeitungen lange Zeit verborgen geblieben, denn B. sitzt in Seminaren, ohne einen Mucks von sich zu geben. Schriftlich und zeitversetzt zeigt er dem Seminarleiter dann, was eine Harke ist, und die Harke ist in den Händen von B. ein gewaltiger Schau felbagger, mit dem die lächerlichen Rinnsälchen der Spezialwissenschaften erst ineinander und dann in den großen Strom der Universalgeschichte geleitet werden. Den Besuch eines archäologischen Seminars zu den Ursprüngen der Mysterienkulte und eines kunsthistorischen Seminars zum Thema Anfänge nahm B. zum Anlaß, eine Traditionslinie zwischen Phrygien und seinen diversen Kulten und einem mittelalterlichen Freskenzyklus herzustellen, der die Gründungssage der böhmischen Przemysliden illustriert – das sind grob gerechnet 1800 Jahre, die B. durch die Konstruktion "eines an eine Dynastie gebundenen Wissenschaftssystems" überbrückt. Materiell heißt das, daß zwischen den Herrschergeschlechtern und durch die Zeiten irgendwie Bücher gewandert sind oder sonstwie "Palastwissen" transportiert wurde.

In der mir vorliegenden Einsendung reicht die Bücherkette von der Bibliothek der Tang-Dynastie in Changan über elf Stationen bis zur Bibliothek des Topkapi-Serails – eine Fernleihe also, die zeitlich und räumlich noch weit über die gesetzten Anfangs- und Endpunkte der Linie Phrygien – Przemysliden hinausschießt: "Hierbei wird dabei vorausgesetzt, daß der in der chinesischen Historiographie überlieferte sog. 'Schatz der westlichen Chou aus 711 v. Chr.' im Wesentlichen wohl das Archiv bzw. der Kultschatz der Dynastie von Yamu ist, wobei der Stammsitz von Yamu demzufolge auf dem Burgberg von Hamadan wäre, wo damit auch der Schatz eingelagert worden sein muß, genau wie dann die Schätze von Alexander d. Gr. laut Arrian. Es ist also kein Zufall, daß gerade auch Arrian über Gordion und da wiederum den gordischen Knoten im Kontext von Alexander berichtet (der den gordischen Knoten zwar auch nicht gelöst hat, aber zerschlagen hat)." Und jetzt schnalle der Zeitreisende sich bitte an: "Weiter würde dies – konsequent zu Ende gedacht – nur bedeuten können, daß dann die Schang-Dynastie nur die Dynastie von Hammurabi sein kann, die Hsia-Dynastie nur die Dynastie von Sargon, Noah seine Residenz auf dem Tempelberg von Jerusalem gehabt haben kann, so daß im Tempelberg auch sein Grab sein muß und die neun Urkaiser des Konfuzianismus können damit nur die ersten neun Dynastien Ägyptens sein" – hier blenden wir uns aus: Wem ist zuerst schwindlig geworden?

Solange B. nüchtern bleibt, sind seine Kontinuitäten durch Kontakte hergestellt und erzeugt Berührung Ähnlichkeit, doch zeigt das letzte Zitat an, daß das höhere Ziel seiner Wissenschaft nicht Analogie, sondern Identität heißt. B. achtet den Vorzug der historischen Zeit, daß sich die Phänomene und Personen nicht auf den Füßen herumtreten, gering: "Der alttestamentliche Kalendernullpunkt mit um 4000 v. Chr. würde damit auf Desaratha (gemäß Rama-yana) zurückgehen, wobei der Sohn von Desaratha, Rama, damit der Kain der Bibel wäre, Eva die erste Ehefrau von Desaratha und Desaratha damit biblische Schlange mit (einer) Residenz in Ayodhya in Indien..." Wir halten wieder an, mitten in den Katarakten. Gut gefallen hat mir das keusche "einer" in Klammern: B. möchte ja genau sein, und wer weiß, vielleicht fährt ihm jemand in die Quere und behauptet, die biblische Schlange hätte gleich mehrere Residenzen gehabt. Aber in der Vorkehrung gegen diese Möglichkeit liegt ein Zentralmotiv von B.s Denkstil beschlossen: Besser die Schlange hat nur eine Residenz gehabt, denn was den manischen Gleichsetzer antreibt, könnte man mit einem eigens für ihn geschaffenen Begriff Pleromaphobie nennen. B. will die Fülle der Phänomene, die Verschiedenheit historischer Individualitäten, die unverwechselbare Einmaligkeit der Ereignisse rückgängig machen. Wissenschaft heißt für ihn nicht die Reduktion des Weltgewimmels auf ein Prinzip, sondern auf eine Wesenseinheit oder Personalidentität. Dieser Antrieb steht in einem krassen Mißverhältnis zu der ganz erstaunlichen Anzahl der historischen Fakten, über die B. wie selbstverständlich verfügt und die seinem vermutlich einzigen Leser gänzlich neu und fremd sind – von Eva und der Schlange mal abgesehen. Warum aber will jemand so vieles wissen, um sich mit dem Einen zu begnügen?

Nun darf man nicht glauben, daß B. über der Verkettung der universalgeschichtlichen Vorgänge den wichtigsten aller Zusammenhänge aus den Augen verliert, den Zusammenhang mit sich selbst. Unsere Einsender, soweit sie zur Only-Connect-Fraktion gehören, tun das eigentlich nie. Für B. hat die Geschichte das Prinzip Genealogie zur Verfügung gestellt, das es ihm ermöglicht, seinen eigenen roten Faden, die Blutlinie, in den Hauptstrang der Historie einzuflechten. B. macht aus diesem Hauptmotiv seiner historischen Forschungen kein Geheimnis. Er will sich und seine Familie bis zu den Merowingern verfolgen, die auf jeden Fall eine ideale Ansippungsgruppe ergeben. Ich hätte B. gerne die Episode aus Heimito von Doderers Merowingern erzählt, wo ein älteres Mitglied dieser hochgradig inzestuösen Sippe einen ungezogenen Jungen ausschilt, bis dieser ihn mit den Worten stoppt: "Sag mal, wie sprichst du eigentlich mit deinem Onkel!?"

Leider kann ich B.s langen Stammbaum hier nicht referieren, da die Beweisführung sehr viel mit seinem Namen zu tun hat, von dem wir schon wissen, daß er sich in früher Zeit mit y schrieb. Das war um 1500, und damit ist B. noch nicht bei den Merowingern, aber das kann noch werden. "was mag sich im bewußtsein eines menschen ändern wenn er sich durch seine vorfahren und deren herrschaften durchgearbeitet hat bis zum beginn der habsburger kaiserzeit (und damit des endes von konstantinopel) ... nochmals einen bewußtseinswandel mag es geben wenn man sich auch durch die zeit und person von friedrich I barbarossa durchgearbeitet hat da er vielleicht der mächtigste mann seit den (fryhen) merowingern gewesen sein könnte..."

Interessant ist das Wort "durcharbeiten" – der Charakter der Selbstreflexion legt eine Freud-Referenz nahe, aber ich würde das nicht unterstützen: B. arbeitet sich durch, wie man sich durch eine große Menschenmenge durcharbeitet, dies ist Langstreckenhistorie, Geschichte wird nicht erinnernd wiederholt, sondern zurückgelegt. Möglichst früh anzukommen, ist B. aus einem Grund wichtig, der uns wieder zur Universalgeschichte bringt. B. setzt alle Hebel in Bewegung, um vor der Zeitenschwelle 1500 genealogisch sicheren Boden zu gewinnen, denn dann stößt er in Begleitung seiner Familie in jenen Zeitraum vor, da das Oströmische Reich noch bestand und damit jener riesige Kontakthof eröffnet war, den er "EuroAsia" nennt, in dem zwischen Ost und West dieser jahrtausendlange Austausch der Identitäten stattfand – wir haben davon gehört.

Von der Einsendung zur Sendung

Es ist im Moment schwer zu sagen, ob wir von einer aussterbenden Mitteilungsform sprechen. Die Laien aller Arten haben mit dem Weblog ein neues Medium in die Hand bekommen, das zwei Vorteile vereint: Der Blog repräsentiert den höchsten technologischen Standard und verschafft den Teilnehmern das gute Gefühl, ganz vorne mit dabei zu sein. Und mit ihm ist der gefürchtete Flaschenhals der Kommunikation verschwunden: der Premium-Adressat, wie ihn die Experten, die wissenschaftlichen Autoritäten, die Peers, die Herausgeber verkörpern. Die lesen und kommentieren mit Sicherheit keine Weblogs. Dieser Vorteil ist allerdings kein ungeschmälter, denn wenn der Laie alten Stils sich an ein identifizierbares und privilegiertes Gegenüber wandte, so senden die Online People in den widerstandslosen Raum des WorldWideWeb und hören von irgendwo, wenn sie Glück haben, ein Echo, das nach Art der Echos eben schwach und ähnlich klingt. Ganz gleich, ob es sich um echte Weblogs oder um Websites mit selbstgemachten Texten handelt, als Forum oder Arena – beliebte Begriffe in diesem Kontext – taugt das neue Medium gar nicht, denn wie Joseph Rago zu Recht schreibt: "Das Internet funktioniert sehr gut, wenn es darum geht, Leute zu vereinen und zu isolieren, die der gleichen Meinung sind, dagegen gelingt es ihm kaum, Andersdenkende in eine Auseinandersetzung zu verwickeln."

Nun könnte man sagen, daß Weblogging ohnehin wissenschaftsfern operiert. Problembewußtsein, Recherche, Analyse, die Grundtugenden und -verfahren des Wissenschaftssektors sucht man vergebens. Blogs bedeuten den Triumph des Adhocismus, sie sind schnell geschrieben, kurz – 250 Worte lautet die Empfehlung –, und sie lassen sich ihre Themen diktieren. Wenn sie gut sind, haben sie eine Stimme. Wenn sie lang sind oder über Links längere Texte zur Verfügung stellen, ist die Chance groß, daß wir in eine Spezialität der Geheimwissenschaften eingeführt werden. Der Dominanz der Pornographie bei der gewerblichen Nutzung des Internets entspricht auf den Wissensseiten, die von Amateuren verantwortet werden, das Übergewicht aller möglichen Glaubenslehren: von einer massiven Präsenz der großen religiösen Texte geht das über historische Geheimlehren bis hin zu den jeweils aktuellen Varianten von New Age, Esoterik, Fantasy. Bilder und Texte vor schwarzem Untergrund, das ist das Kennzeichen. Fiat obscuritas! Oder: Die lange Nacht der Wissenschaften, einmal anders verstanden. Die neuerdings vielbeschworene "wisdom of crowds" ähnelt, wenn man sie sich personifiziert vorstellt, doch sehr stark einem Wizard, einem Magus.

In krassem Gegensatz zu diesen Realitäten stehen übrigens die Erwartungen, die eine so weltferne Wissenschaft wie die Wissenschaftstheorie in die Onliner, die "nichtdisziplinären Akteure", die Laien setzt. Zwar sieht sie diese amorphe Gruppe traditionell in der Rolle der Rezipienten und erweitert so nicht das Untersuchungsspektrum ihrer Subdisziplin, die unter dem Sigel PUS firmiert: Public Understanding of Science. Den PUS-Leuten, die ein trockenes Befragungs- und Statistikgewerbe betreiben, geht es immer nur um die Frage, wie die Öffentlichkeit die Rolle und die Ergebnisse der professionellen Wissenschaft versteht und verarbeitet. Laien, die Wissenschaft machen, kommen da nicht vor. PMS, Public Making of Science, bleibt ein großes Desiderat. Aber wie dem auch sei, die Wissenschaftstheorie entwirft das Bild eines neuen Typus von "Wissensproduktion", den sie postnormale oder postakademische Wissenschaft nennt: Nicht mehr nur Experten, sondern "extended peer groups" seien ihre Träger; die mit einer Problemlösung befaßten Forscher und die vom Problem Betroffenen sollten auf "Agoras" oder "Hybriden Foren" gleichberechtigt zusammenkommen und die jeweiligen Forschungsziele und -verfahren "verhandeln" (das Lieblingswort dieser Theoretiker). Helga Nowotny, die sich in dieser Angelegenheit stark engagiert, spricht auch von einer "socially distributed expertise". Welche Phänomene in der Wirklichkeit diesem Entwurf eines "Modus 2" der Wissensproduktion nahekommen oder ihn gar decken, bleibt unklar, aber es macht sich immer gut, wenn man beim Launch einer neuen Ebene oder Stufe Patin steht: Modus 2, Web 2.0, Pop 2 – you name it.

Der eine Fehler der Laien besteht darin, daß sie, die sie auf Verzauberung nicht verzichten können, diese aber nicht im Verfahren des Forschens, sondern in gewissermaßen vorgeprüften Gegenstandsbereichen und/oder bei sich selbst suchen. Eine Variante besteht darin, daß der Laienwissenschaftler sich den entsprechenden Kick aus der Entzauberung holt und Forschung nur als Enthüllung von Geheimnissen versteht – siehe unsere Mathematisierer. Ein zweiter Fehler ist, daß die Laien aus ihrem Hauptdefizit, ihrem Laienstatus, nicht mehr machen. Was sie in ihre Selbstbezüglichkeit nämlich nicht mit aufnehmen, dort nicht instrumentalisieren und katalysatorisch nutzen, das ist präzise ihre Rolle als Laie – ihr Status vis-à-vis der Wissenschaft. Keiner von ihnen wagt, was wiederum nur der Wissenschaftler wagt, obwohl er in der Rolle des Berufslaien nichts zu suchen hat. "Als Professor Latour das Salk Institut betrat, war seine Kenntnis der Naturwissenschaften praktisch nicht existent, seine Beherrschung des Englischen sehr schlecht, und er war ohne tiefere Kenntnisse in der Wissenssoziologie." Professor Latour begriff seinen Laienstatus als einen einzigartigen Vorteil bei der Erforschung des "Laboratory Life" der Hard Sciences, denn "er befand sich so in der klassischen Position des Ethnographen, der in ein ihm völlig fremdes Environment entlassen wird".

Da tun sich doch ungeahnte Möglichkeiten auf! Allerdings nicht für die Profis, denn denen müßte man zurufen, wenn es denn nötig wäre: Don¹t try this at home! Der pseudonaive Ethnologe, der "nichts Wissenschaftliches im Labor" entdecken konnte, nur die Anfertigungen von "Inskriptionen" und die Bearbeitung von "Statements", der lieber Analphabet blieb, um nicht von den Alphabeten angesteckt zu werden, machte sich lächerlich. Der Laie dagegen, der echte uninformierte Beobachter hätte als Ethnomethodologe, ja überhaupt als Virtuose der unvoreingenommenen Beobachtung fast aller Phänomene ein unglaublich dankbares Betätigungsfeld. Viele Türen stünden ihm offen!

 



Published 2007-12-11


Original in German
First published in Merkur 703 (2007)

Contributed by Merkur
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