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Dekadenz als Exportschlager

Semantiken und Strategien im Kampf der Kulturkritiken


Anfang der achtziger Jahre, als die politische, (sub)kulturelle oder einfach lebenslustige Expressivität ihren vorläufigen Höhepunkt in Aufklebern, Ansteckern und Jutebeuteln gefunden hatte, prangte auf so manchem Auto, Schulranzen und Trageutensil der Spruch "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben!". Das typischerweise von älteren Generationen reklamierte und pädagogisch instrumentalisierte Dekadenzmotiv, auf das damit angespielt wurde, begleitet die gesamte abendländische Kulturgeschichte und wohl alle Hochkulturen. Neu war bloß die mit der respektlos ironischen Selbstbezichtigung vollzogene affirmative Wendung des Dekadenzvorwurfs. Die Postmoderne hatte die "Spontis" erreicht.

Doch steckt darin möglicherweise mehr als eine, je nach Standpunkt amüsante oder ärgerliche, weil zutreffende Sottise? Ist die Affirmation einer traditionell mit der Dekadenzrüge versehenen hedonistischen Haltung eventuell die angemessene Strategie in jenem semantisch ausgetragenen Kampf der Kulturkritiken, den man nur mit einem "Kampf der Kulturen" verwechseln kann, wenn man übersieht, wie universell das Dekadenzmotiv ist? Der Umgang mit ihm gehört zu den derzeit größten und wichtigsten politischen Herausforderungen angesichts der Tatsache, daß der islamische Fundamentalismus das Bild eines im Zuge von Individualismus, Hedonismus und Pazifismus moralisch hoffnungslos dekadenten Abendlandes zeichnet und jedwede "westoxication" bekämpft. Ist es anstelle des ohnmächtigen Protests gegen dieses auch innerhalb des Westens selbstkritisch verbreitete Zerrbild vielleicht richtiger und aussichtsreicher, sich offensiv zu den bemängelten Werten beziehungsweise Wertverlusten zu bekennen?

Eine politische Ideengeschichte der Dekadenz ist immer noch ein Desiderat, vermutlich auch wegen ihrer Polysemie als politischer Kampfbegriff. Ihre Wurzeln liegen im römischen Republikanismus. Vor allem Sallust hat den Niedergang auf einen von Sorgenfreiheit begünstigten Sittenverfall zurückgeführt. Die Stadt Rom, so beurteilt Sallust die Entwicklung, habe ihren Aufstieg dem natürlichen menschlichen Streben nach Ruhm und Stärke und der tugendhaften Sorge nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Gemeinwesen zu verdanken gehabt. Sobald aber das Römische Reich zu maximaler Stärke nach außen und optimaler Entwicklung im Inneren gediehen sei, die ständige Bedrohung durch einen äußeren Feind und der Ansporn zu gesellschaftlicher Weiterentwicklung also gewichen seien, sei die Tugendhaftigkeit vor allem bei der Jugend mit geschichtsgesetzlicher Zwangsläufigkeit in eine dekadente Lasterhaftigkeit umgeschlagen.

Zweifellos kannten die griechischen Poleis ähnliche Befürchtungen, und dennoch ist Dekadenz als politisches Problem eine Erfindung des römischen Republikanismus. Dem Grund hierfür kommt man auf die Spur, wenn man sich weniger mit den Dekadenzbefunden aufhält als mit den Lösungsvorschlägen. Dann ist zu sehen, daß Sallust typischerweise das gute Leben in Friedenszeiten geißelt und äußere Feinde zu Katechonten eigener Dekadenz stilisiert. So heißt es im Bellum Iugurthinum, alle üblen Erscheinungen seien erst im Frieden und infolge Überflusses aufgekommen, und also sei der Frieden problematischer als der in sozialmoralischer Hinsicht segensreiche Krieg. Auf dem Grunde der römisch-republikanischen Dekadenzkritik liegt das Postulat einer militaristischen, mindestens aber heroischen Haltung.

Das ist insoweit erklärlich, als die Dekadenzfeststellung mit einer tiefgreifenden Skepsis verbunden ist, ob sich die Gesellschaft gleichsam am eigenen politischen Schopf aus der Krise ziehen kann. Im Rahmen des für das alteuropäische Denken kennzeichnenden zyklischen Geschichtsbildes gelten nämlich die sozialmoralischen Qualitäten als indirekt selbstzerstörerisch, insofern sie jene Blüte des Gemeinwesens hervorbringen, die letztlich dekadenzförderlich ist und also ihre eigenen Reproduktionsbedingungen untergräbt, bis sie sich in den auf Überlebensimperative konzentrierten Kriegszeiten regenerieren. Die aus dem Krieg geborene griechische Polis kannte keine dem Imperium Romanum auch nur annähernd vergleichbare Friedenszeit, und sie kannte auch nicht dieses Luxusproblem einer geschichtsphilosophisch übersteigerten Desintegrationsfurcht. In Rom aber wechselte es schließlich die Fronten und wurde gegen die römische Republik verwendbar, als Augustus die Bürgerkriege überwinden wollte und eine Sittenreform propagierte, deren Durchführung dem Prinzeps obliegen sollte.

Im neuzeitlichen Denken ist die römische Dekadenzsemantik vor allem durch Machiavelli verwurzelt worden, und bis hin zu Montesquieu ist der militaristische Aspekt im Dekadenzbegriff zentral geblieben, so etwa, wenn der Baron in seinen Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence feststellt, die in Roms heroischen Zeiten kaum nennenswerte Kavallerie sei als Resultat zunehmender Dekadenz ausgebaut worden – Kriegskunst erweise sich hingegen in der Infanterie. Schon den Universalhistoriker Montesquieu plagt indessen kein zyklischer Verlauf der Geschichte mehr, und an der Schwelle zur Moderne gerät auch das Dekadenzmotiv endgültig in die Umlaufbahn jenes Fortschrittsbewußtseins, das mit dem von Reinhart Koselleck herausgearbeiteten Verständnis der Geschichte als "Kollektivsingular" verbunden ist.

Das hiermit an die Stelle des zyklischen Denkens tretende lineare Geschichtsverständnis entwickelt sich jedoch nur infolge der historistischen wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zu einem wahrhaft horizontalen Linearitätsverständnis, dessen geschichtsphilosophische Zurückhaltung aus der Vorstellung unabsehbarer Zukunftsoffenheit resultiert. Für Verfallstheorien ist in diesem Kontext kein Raum mehr, wie sich an der wissenschaftlichen Historiographie des alten Rom ablesen läßt, die nach Edward Gibbon und Theodor Mommsen den Dekadenzbefund nurmehr mit spitzen Fingern angefaßt hat. In der Regel wird aber die Linearität sehr wohl als Aufstieg oder Niedergang gedacht, und hierdurch werden die Dekadenzphantasien sogar noch angeheizt. Für progressistisches Denken ist Dekadenz nicht mehr eine in ihrer zyklischen Unvermeidlichkeit tolerable intermittierende Erscheinung, sondern ein endgültig zu überwindender Verrat am Fortschritt. Und für ein geschichtsphilosophisches Niedergangsbewußtsein gilt unter umgekehrtem Vorzeichen ebenfalls, daß Dekadenz nicht als periodisches Phänomen eingestuft werden kann, sondern als finale Verderbnis kompromißlos zu bekämpfen ist. Les extrèmes se touchent!

Wie so oft ist es auch bei diesem Thema Nietzsche, der die Problematik in einem einzigen Aphorismus beschrieben, bedacht und bewältigt hat. So heißt es in der Götzen-Dämmerung: "Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen Schritt für Schritt weiter in der décadence (– dies meine Definition des modernen 'Fortschritts' [...])." Damit werden die unversöhnlich konträren Perspektiven in fürwahr dialektischem Sinne aufgehoben: Nietzsche verbleibt im Universum des modernen Fortschrittsdenkens, erklärt die Dekadenz zum dauerhaften Begleiter, verzichtet aber auf ihre Perhorreszierung und jegliche sozialmoralischen Bereinigungsvorhaben. Auf diese ironische Relativierung der Problematik geht jene Bifurkation in der aktuellen Dekadenzsemantik zurück, aus deren Beobachtung sich die Idee eines "Dekadenzexports" speist. Einerseits nämlich liegt in der Verweigerung von Nietzsches ebenso aufgeklärter wie abgeklärter Haltung der Keim für die Radikalisierung des Dekadenztadels vom republikanischen Kampfbegriff hin zu einem des Okzidentalismus im Sinne von Ian Buruma und Avishai Margalit, das heißt zu einem gegen westliche Werte wie Urbanität, Bürgerlichkeit, Rationalität und Emanzipation gerichteten und die westliche Kultur in toto für dekadent erklärenden Ideologem. Andererseits führt ein direkter Weg vom Einklang mit Nietzsches Überlegung zu einer affirmativen Wandlung der Dekadenzsemantik. Beide Varianten und ihren Zusammenhang gilt es zu erörtern.

Mit der Moderne ist die Dekadenzschelte so eng verknüpft wie mit militaristischen Vorstellungen von Heldenmut. Denn an der Schwelle zur Moderne steht mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und ihrer Apostrophierung des "individual pursuit of happiness" ein Dokument, das zum roten Tuch jedweder Dekadenzkritik taugt. Mit dem individuellen Glücksstreben wird nämlich genau diejenige Orientierung zum Prinzip gemacht, die seit jeher als Dekadenzsymptom galt. Wie aus der Antike bekannt, werden aber auch im modernen Dekadenzdiskurs weniger die Schattenseiten der vermeintlichen Verfallserscheinungen konkretisiert als vielmehr Gegenbilder entworfen, deren Attraktivität aus der Stilisierung einer konträren Gesinnung resultiert: Heroismus statt Hedonismus heißt das Programm jedweden Dekadenzlamentos, und die Verlustanzeige für heroische Opferbereitschaft im Dienste eines Kollektivs ist bereits der politische Aspekt der Unterscheidung zwischen "deutscher Kultur" und "westlicher Zivilisation". Sie führt von den "patriotischen Besinnungen" Werner Sombarts, dessen während des Ersten Weltkriegs vorgenommene Unterscheidung zwischen angloamerikanischem Händlergeist und deutschem Heldentum der Kritik des Strebens nach Daseinsverschönerung dient, bis zu Carl Schmitts Polemik, der Liberalismus habe alle politischen Vorstellungen denaturiert, weil sein freiheitlicher Individualismus Gewalt und das Opfer im Dienste höherer Werte ablehne.

Nichts anderes als dieser okzidentalistische Antiliberalismus speist auch den gegenwärtig virulenten fundamentalistischen Dekadenzdiskurs. Eine zentrale Stellung nimmt hierin der islamistische Ideologe Sayyid Qutb ein, dessen heutiger Einfluß kaum überschätzt werden kann, bis hin zu Osama Bin Laden. Qutbs Denken ist besessen von Phantasmagorien allgegenwärtiger Dekadenz, im Orient als Voraussetzung des Kolonialismus, im Okzident als sein Ansporn, und bereits in der römischen Antike mit ihrem das westliche Denken prägenden, bloß zivilreligiösen Wohlstandsstreben, gegen das Qutb einen Dschihad für die Wiedererrichtung der Souveränität und Autorität Gottes ausruft. Solchermaßen erfährt der Dekadenzdiskurs durch den islamischen Fundamentalismus eine sekundäre Sakralisierung, mit der sich erweist, daß alle prägnanten Begriffe der fundamentalistischen Kulturkritik sakralisierte politische Begriffe sind.

Demgegenüber ist die Anknüpfung an Nietzsches Haltung zur "décadence" so gegensätzlich, daß sie per se als antifundamentalistische Strategie wirkt. Formuliert worden ist sie von Theodor W. Adorno, der in seinen Stichworten festgestellt hat, "Fortschritt ereigne sich dort, wo er endet" und damit aus dem eigenen Bann ausbricht. Verbürgt sieht Adorno dieses Verständnis in dem allseits diffamierten Begriff der Dekadenz, dem er per Zitat von Peter Altenberg den positiven Aspekt moralischer Verfeinerung abgewinnt: "Pferde-Mißhandlung nicht mehr mit ansehen können, ist die Tat des dekadenten nervenschwachen Zukunfts-Menschen! [...] Alle Menschen werden einst ganz fein, ganz zart, ganz liebevoll sein [...] Wahre Individualität ist, das im voraus allein zu sein, was später alle, alle werden müssen!"

Folglich ist die Dekadenz für Adorno "die Fata Morgana jenes Fortschritts, der noch nicht begonnen hat" und "das abgespaltene, willkürliche, privilegierte Glück" heiligt. So wird die Dekadenzsemantik um eine affirmative Variante moralischer Sublimierung bereichert, mit der gleichzeitig der gesamte Dekadenzbegriff reflexiv wird, das heißt es wird möglich, verschiedene Verwendungsweisen zu unterscheiden und zu nutzen. Während der konventionelle Dekadenzbegriff stets pejorativ ist und ausschließlich negative Assoziationen erzeugt, die es zumal unter alteuropäischen Vorzeichen undenkbar machten, einen Dekadenzvorwurf auf sich sitzen zu lassen und darob Gelassenheit zu zeigen, ist es nunmehr möglich, einen Dekadenzbefund als rhetorische Strategie zu erkennen, auf die mit einer semantischen Verkehrung zu antworten ist: Dekadenz als Signum moralischer Überlegenheit.

Der Kampf um die Deutungshoheit über den Dekadenzbegriff hat damit entscheidend an Vielfalt gewonnen, geht es doch jetzt nicht mehr nur darum, wer mit seinem Dekadenzvorwurf zuerst kommt. Nun ist es auch möglich, den Spieß umzudrehen, wie es Raymond Aron mit seinem antikommunistischen Plädoyer für das dekadente Europa unternommen hat. Diese semantische Strategie erscheint auch für die Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus aussichtsreich. "Dekadenz" könnte den nachhaltigsten Exportschlager des Abendlandes ausmachen, mit dem ihm der Sieg im Kampf der Kultur(kritik)en sicher wäre.

Eine ähnliche Strategie haben Uderzo und Goscinny bereits Caesar angedichtet, der im fortgeschrittenen Zustand seiner Comicexistenz das unbesiegbare gallische Dorf durch den Kontakt mit Geldwirtschaft und Konsumismus – durch Dekadenz – in die "Obelix GmbH & Co. KG" zu verwandeln und derart in seiner Kampfbereitschaft zu beeinträchtigen suchte. Von dem feinen Gespür der berühmten Comicautoren abgesehen, hiermit die Attraktivität des römisch-republikanischen Kampfbegriffs über das Ende der Republik hinaus betont zu haben, wird mit der Propagierung von Dekadenz als Exportartikel allerdings etwas anderes geltend gemacht. Es geht nicht um eine Strategie des Konsumismus im wörtlichen Sinne eines Abkaufs von Drohpotential, wie es Karl Marx vor Augen hatte, als er in seinem Manifest der Kommunistischen Partei glossierte, "die wohlfeilen Preise ihrer Waren" seien "die schwere Artillerie", mit der die Bourgeoisie "alle chinesischen Mauern in den Grund schießt". Mit dieser Pointe hat Marx zwar die erstaunlich militaristische Rhetorik der dekadenzkritischen Tradition bereichert, der er nach Montesquieus Reflexionen zu Infanterie und Kavallerie noch die Artillerie beigesellt hat.

Der Sinn der Dekadenzexportstrategie bemißt sich vielmehr nach dem Anwurf Sayyid Qutbs, die freie Welt führe ihren Kampf häufiger mit Zungen, Stiften und Wohltätigkeitsorganisationen als mit Waffen. Genau diesen Kampf um kulturelle Sublimierung muß die westliche Welt führen und gewinnen. Als Ergebnis dieser besonderen Form "auswärtiger Kulturpolitik" in der Weltgesellschaft wäre dann mit John Lennons Imagine anzuzielen, daß auch außerhalb der westlichen Welt die Maxime individuellen Glücksstrebens lautet: "nothing to kill or die for". Wie jeder erfolgreiche Export beginnt indessen auch derjenige westlicher Dekadenz mit heimischen Voraussetzungen. Denn was die derzeitige Misere des Abendlands ausmacht, ist ihr Changieren zwischen der Scylla eines reaktionären Einstimmens in okzidentalistische Dekadenzvorwürfe und der Charybdis eines politisch korrekten relativistischen Multikulturalismus. Die richtige Antwort auf diese beiden entgegengesetzten Formen kleinmütiger Selbstverleugnung ist das entschiedene Eintreten für eine reflektierte Dekadenz, wie es einem konventionellen Begriffsverständnis nur als Paradoxie erscheinen kann.

Ist das dann sinnvollerweise überhaupt noch Dekadenz zu nennen? In der politischen Semantik hat Begriffsrealismus keinen Sinn, und so reicht es zur Bejahung dieser Frage, daß die Feinde von Freiheit und individuellem Glücksstreben den Dekadenztopos wählen. Rhetorische Auseinandersetzungen lassen sich nicht durch defensive Zurückweisung von Etikettierungen gewinnen, sondern nur durch die offensive Erlangung der Deutungshoheit über Begriffe. Gegen Verleumdung gibt es kein anderes Mittel, erst recht nicht interkulturell, denn hierfür gilt eine Einsicht der römischen Dekadenzexperten: "semper aliquid haeret" – es bleibt immer etwas hängen. Also muß die Semantik von Dekadenz affirmativ gewendet werden. Wir sind die Gesellschaft, vor der uns fundamentalistische Eiferer immer gewarnt haben!


 



Published 2007-08-28


Original in German
First published in Merkur 8-9/2007

Contributed by Merkur
© Karsten Fischer/Merkur
© Eurozine
 

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