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Zur Sache an sich jetzt

Spektakularisierung der "Blogospähre", Citizen Journalism und der "Bild-Blog"


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Read also Geert Lovink's article, Blogging, the nihilist impulse, in which the media theorist and Internet activist formulates a theory of weblogs that goes beyond the usual rhetoric of citizen journalism.
Wer sich als engagierter Netizen mit Blogs beschäftigt, ist entweder schnell begeistert oder schnell genervt. Der Begriff "Blog" beschwört eine Menge Mythen herauf. Aufbruch in die neue verkabelte Welt, Besiedelung des Cyberspace, digitale Revolution etc. Blogs, so die landläufige Meinung unter BefürworterInnen, lösen all das ein, was unter den unterschiedlichsten Stichworten in der bislang noch recht kurzen Internetgeschichte in Aussicht gestellt wurde: eine gerechtere, demokratischere Ordnung. Und wer wollte nicht dabei sein, wenn das endlich Wirklichkeit wird? Internet-Gurus, so unterschiedlich wie der niederländische "Net-Squatter turned Institutsgründer" Geert Lovink und der japanische "E-commerce-Papst turned Netzaktivist" Joi Ito gehören zu den Unterstützern der Sache.

Lovinks kommendes Buch etwa heißt "Zero Comments" – anspielend auf die Kommentarebene der Blogs. Ito hat der Bewegung mit der Blog-Suchmaschine Technorati dagegen ein digitales Denkmal gesetzt. Wer sich wie diese beiden Herren schon seit einer Weile im Netz herumtreibt – wer also beispielsweise noch etwas von den anarchischen 1980er Jahren mitbekommen hat, oder dem Internetboom in den 1990ern und dem Crash der New Economy zu Beginn des 21. Jahrhunderts – der dürfte in der Blog-Bewegung eine Wiedergeburt des Internet erblicken. Doch der Hype um die Blogs kann bald ziemlich nerven. Beispielsweise der Lärm optimistischer Schlagzeilen oder die Geschwindigkeit, mit der neue Geschäftsmodelle die soziale Dynamik versilbern sollen. Nerven tut vor allem die Beliebigkeit des Begriffes.

Blogs tauchen mittlerweile in allen erdenklichen Zusammenhängen auf. "Playboy", Samsung, Angela Merkel, Afrika und Lotte Lieschen – alle haben einen Blog. Die Verbreitung stellt für den Trend eine große Selbstbestätigung dar, und selbst die schlechte Presse, die er immer wieder in herkömmlichen Printmedien bekommt, kann ihn nur beflügeln, denn auch durch sie bleibt der Blog in aller Munde. Es scheint jedoch, dass dieses Klima auch die innovativen Projekte in der sogenannten "Blogospähre" dazu verleitet, lieber Marketing zu betreiben als sich auf die Sache zu konzentrieren. Dazu würde nicht zuletzt Kritik und Infragestellung der Bewegung gehören: Gerade das selbstverständlich Wirkende sollte in Zweifel gezogen werden; etwa der Anspruch des Blogs, eine Art Graswurzel-Journalismus zu betreiben.

Im Gegensatz zu der landläufigen Kritik, Blogs würden "zwielichtige Meinungsbildner" (NZZ) in die Welt setzen, soll an dieser Stelle das "Unseriöse" der Blogs nicht mit dem Amateurhaften, sondern mit der Professionalisierung der Blogs gegengelesen werden. Zuallererst überrascht nämlich, wie viele Projekte, die sich vor Jahren einfach nur "Webzine" genannt hätten, nun als Blog daherkommen. Online-Magazine, kleinere oder größere, die täglich Artikel zu bestimmten Themen publizieren, treten jetzt als Blog auf. Oder Webseiten von KünstlerInnen und anderen als Creative Professionals tätigen Ich-AGs, die gestern noch zu purer Selbstdarstellung samt Dokumentation der eigenen Arbeit, Lebenslauf etc. dienten ­auch sie präsentieren sich heute als flotte Blogs, die Teil der Bewegung sein wollen.

Es versteht sich von selbst, dass diese Akteure zu der Vielfalt der "Blogospähre" beitragen. Gleichzeitig werden durch solche Tendenzen die "eigentlichen" Ansprüche der Bewegung aufgeweicht. Die, wollte man sie in diesem Zusammenhang auf den Journalismus zuspitzen, vor allem in der Selbstermächtigung der Netizen begründet liegen – vis-à-vis den Großen und Etablierten sowie vis-à-vis den vorherrschenden Strukturen und Hierarchien. Es gilt, seine Kritikfähigkeit nicht einzubüßen; es sich nicht nehmen zu lassen, den Mund aufzumachen und zum Ausdruck zu bringen, wenn man sich belogen, benachteiligt oder schlichtweg ungerecht behandelt fühlt – als arbeitslose, alleinstehende Mutter von vier Kindern, als SchülerIn an einer Gesamtschule, oder als Rentner.

Laien, die das Wort ergreifen und sich in Diskussionen einmischen, die sonst nur ExpertInnen zugänglich sind. Die sich Gehör verschaffen, selbst wenn sie nicht Rhetorik studiert, keine PR-BeraterInnen und auch keine Aktienanteile in der Medienindustrie haben, die einem eine gewisse Lautstärke garantieren. Die die Gehirnwäsche, die Betrügerei und die Ausbeutung anprangern, die ganze Abzocke des spätkapitalistischen Staates und der genauso spätkapitalistischen Wirtschaft nicht mehr einfach so hinnehmen und schreiben, schreiben, schreiben, immer dann, wenn es besonders weh tut. Und sich dabei kein Blatt vor den Mund nehmen, auch nicht, wenn das Gegenüber, das einen so sehr provoziert hat, die mächtigste Zeitung des Landes ist. Im Gegenteil, je mächtiger das Gegenüber, desto größer die Motivation, seine Kritikerfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Und so ist es wohl kein Zufall, dass das populärste deutschsprachige "Blog" sich ausschließlich der "Bild-Zeitung" widmet: ihren täglichen Lügen, ihrer unerträglichen journalistischen Selbstgefälligkeit, ihrem Einfluss und ihrer meinungsbildenden Macht. Rund 50.000 Menschen tummeln sich täglich auf der Website des Bildblogs. Verglichen mit den zwölf Millionen LeserInnen der "Bild" nicht gerade viel, aber genug, um zum Branchenführer der "Blogospähre" aufzusteigen. Weit abgeschlagen folgen die anderen Blogs mit nur bis zu einem Siebtel soviel Visits pro Tag. Dieser Umstand scheint quasi für sich selbst zu sprechen. Der zivile Ungehorsam hat sich im Internet dort verdichtet und multipliziert, wo es gilt, dem größtmöglichen Unrecht zu begegnen.

Nichts müsste man dieser perfekten Erfolgsgeschichte des Citizen Journalism hinzufügen, wenn der Gründer dieser Plattform nicht ein ehemaliger Angestellter der "FAZ" wäre, der seinen hoch dotierten Job bei Deutschlands namhaftester Tageszeitung an den Nagel gehängt hat, um den "Bildblog" aufzuziehen. Der berufliche Hintergrund des "Bildblog"-Kopfs wird allenfalls herbeizitiert, um seinen Altruismus, sein Gespür für das nächste große Ding und seine Glaubwürdigkeit zu belegen. Vielleicht sogar auch, um die Qualität des Projekts zu legitimieren. Aber die Tatsache, dass hier ein Profi zusammen mit anderen Profis auseinander nimmt, was die intellektuelle Mittel- und Oberschicht ohnehin undiskutabel findet – müsste sie nicht Fragen provozieren?

Könnte, ja müsste man nicht fragen, was es über die "Blogospähre" aussagt, wenn der in den eigenen Reihen allseits respektierte Branchenführer von einem professionellen Journalisten angetrieben wird und nicht von irgendeinem Durchschnittsbürger, der einfach genug hatte, sich täglich von der "Bild-Zeitung" aufs Korn nehmen zu lassen? Sollte man ferner nicht fragen, wer eigentlich diese 50.000 Menschen sind, die sich den "Bildblog" zu Gemüte führen, und ob ihr Interesse die Leserzahl des erklärten Feindes nicht um virtuelle 50.000 steigen lässt? Schließlich dürfte es sich bei den 50.000 wohl nicht um die gemeinen LeserInnen der "Bild-Zeitung" handeln, sondern um Menschen, die es ohnehin schon besser wissen, und – was jetzt eine böse Unterstellung ist – sich darin lediglich bestätigen lassen wollen.

Letzteres ist Spekulation. Gewiss aber ist folgendes: Die gut besuchten Blogs werden nicht vom Mob gemacht. TVBlogger, Lawblog, Spreeblick und Mein Parteibuch, die neben dem "Bildblog" unter den Top 5 der deutschsprachigen Blogs rangieren, sind alles andere als Projekte von AmateurInnen. Der "Bildblog" zeigt aber auch, dass der Graswurzel-Touch gefragt ist. Der Auftritt von "Spreeblick" wirkt sicherlich nicht zufällig so dilettantisch. Jonny Haeussler, der mit dem Grimme-Online-Award prämierte Kopf dieses Projekts, hätte es sicherlich auch schicker programmieren lassen können. Der Erfolg des "Bildblog" legt nicht zuletzt auch nahe, dass der Citizen Journalism vor allem dann besonders gut funktioniert, wenn er Journalismus ist, der von JournalistInnen für JournalistInnen oder Möchtegern-JournalistInnen gemacht wird. Insofern sollte "die Sache" an sich noch einmal grundsätzlich in Frage gestellt werden.

 



Published 2007-07-23


Original in German
First published in Springerin 1/2007

Contributed by Springerin
© Krystian Woznicki/Springerin
© Eurozine
 

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