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Die Vergangenheit gebrauchen zum Nutzen der Gegenwart!

Das Nanking-Massaker und die chinesische Geschichtspolitik


China ist auf dem Wege, politisch, ökonomisch und militärisch eine Weltmacht zu werden, deren Handeln uns mittelbar und unmittelbar betrifft. Wie China mit seiner wachsenden Macht umgeht, ist eine der entscheidenden Fragen dieses Jahrhunderts. Um diese Frage beantworten zu können, ist es nützlich zu wissen, wie China sich selber sieht, wie es sich selber definiert - auch im Hinblick auf seine Zukunft und seine Vergangenheit.

Unter der Herrschaft Maos wurde Chinas Vergangenheit, seine mehrtausendjährige Geschichte, wesentlich negativ gesehen: als etwas Rückständiges, "Feudales", das es zu überwinden galt, sollte das Ziel eines maoistischen Kommunismus erreicht werden. Den Höhepunkt dieser revolutionären Überwindung der Vergangenheit stellten die ungeheuren Zerstörungen der "Kulturrevolution" dar. Die maoistische Politik des permanenten Klassenkampfes in China wie in der ganzen Welt wirkte entzweiend und destabilisierend nach außen wie nach innen und führte China in ein halb anarchisches, halb totalitäres Chaos, an den Rand des wirtschaftlichen Bankrotts und außerdem in eine fast vollkommene außenpolitische Isolierung.

Obwohl Mao nach seinem Tod weiterhin als Galionsfigur und Nationalheiliger des kommunistischen Chinas geehrt wurde, änderte sich die Politik Chinas nach innen wie nach außen grundlegend. Statt Umsturz und Klassenkampf waren nun Stabilität und Einheit gefordert - unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas, deren Einparteiendiktatur nicht in Frage gestellt wurde, im Gegenteil: Sie galt und gilt als einziger Garant gegen Chaos und Uneinigkeit, für wirtschaftliche Entwicklung und nationale Unabhängigkeit. Es erfolgte ideologisch ein Wechsel vom revolutionären Universalismus Maos zum stabilisierenden, vereinigenden Partikularismus der chinesischen Geschichte und des chinesischen Nationalismus. Während der Klassenkampf die Chinesen spaltete und gegeneinander stellte, vereinte ihre gemeinsame Geschichte sie, und vor allem vereinte sie im Innern wie nach außen die Geschichte der "Hundert Jahre Demütigung" durch die imperialistischen Mächte seit etwa 1840, die nach Maos Tod in den Mittelpunkt rückte.

Die Betonung der Opferrolle Chinas durch die Betonung der "Hundert Jahre Demütigung" sollte einerseits die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung herausstellen: Nie wieder dürfe das Land wirtschaftlich - und damit militärisch - so schwach sein! Nationalismus wurde seit den achtziger Jahren zum einen als Motor für die wirtschaftliche Entwicklung entdeckt und gefördert, zum anderen deshalb, weil er den zwar nicht offiziell, aber faktisch aufgegebenen Kommunismus als Staatsideologie ersetzte. Als eine solche integrierende Ideologie war der Nationalismus vor allem nach der gewaltsamen Niederschlagung der Oppositionsbewegung vom Tiananmenplatz 1989 wichtig und auch als Mittel im Kampf gegen die sogenannte geistige Verschmutzung, womit in der Regel der Einfluß ausländischer westlicher Ideen gemeint war, wurde er eingesetzt.

Während unter Mao der siegreiche Kampf des chinesischen Volkes gegen den Imperialismus gefeiert wurde und den Feinden der maoistischen Revolution vernichtende Schläge angedroht wurden, traten nun die chinesischen Opfer des Imperialismus, vor allem des japanischen Imperialismus in den Vordergrund. Und als chinafeindlich wahrgenommene Akte, sei es eine Kritik an der Unterdrückung der uighurischen Minderheit oder der Empfang des Dalai Lama im Europaparlament oder Kritik an überhöhten Opferzahlen des Nanking-Massakers wurden nun mit einer Standardformel als "Verletzung der Gefühle des chinesischen Volkes" geradezu weinerlich beklagt.

Der neue chinesische Nationalismus ist ein "Opfernationalismus", um eine treffende Formulierung des südkoreanischen Historikers Jie-hyun Lim zu benutzen. Ein solcher Opfernationalismus sollte jedoch nicht mit einer pazifistischen oder passiv-nachgiebigen Politik verwechselt werden; er kann Ressentiments und Haß und den Wunsch nach Rache wecken und schüren sowie als aggressive Rechtfertigung der eigenen Politik, auch der eigenen aggressiven Politik, dienen: Können denn Opfer Unrecht tun? Seit den achtziger Jahren ist der japanische Imperialismus und insbesondere das Nanking-Massaker zum Paradigma des chinesischen Opfernationalismus geworden. Kein anderes historisches Ereignis vermag diese entscheidende Entwicklung im historischen Selbstverständnis Chinas besser zu verdeutlichen und verständlich zu machen als das Nanking-Massaker.

Nanking fiel am 13. Dezember 1937. Am Vortag schon war die Verteidigung der Stadt weitgehend zusammengebrochen, die meisten chinesischen Soldaten in der Stadt versuchten zu fliehen, sich ihrer Waffen und Uniformen zu entledigen und Zivilkleidung anzulegen, Offiziere und der Oberbefehlshaber Nankings flohen und ließen ihre Truppen im Stich. Eine geregelte Kapitulation der chinesischen Truppen fand nicht statt.

Unmittelbar nach dem Fall wurde die Stadt Opfer furchtbarer Verbrechen der japanischen Armee: Tötung von Kriegsgefangenen und Zivilisten, Vergewaltigungen, Brandstiftungen und Plünderungen. Und das mehrere Wochen lang, bis in den Februar 1938 hinein. Die getöteten Kriegsgefangenen stellten die höchste Opferzahl. "Nach dem Fall von Nanking begannen japanische Soldaten die Kriegsgefangenen und unbewaffnete Deserteure, die sich ergeben hatten, hinzurichten." Am ersten Tag töteten Soldaten der 16. Division zwischen 24 000 und 32 000 chinesische Kriegsgefangene und fliehende Soldaten. Das wurde in den folgenden Tagen innerhalb und vor allem außerhalb der Stadtmauern fortgesetzt.

Eintragungen aus den Feldtagebüchern japanischer Soldaten: "17. Dezember, leichter Schneefall - Heute verbrachte ich einen Teil des Tages bei dem triumphalen Einzug in Nanking. Aber während der meisten Zeit mußte ich mich mit dem Beiseiteschaffen von Gefangenen beschäftigen [...] Es waren über 20 000. Es endete in einem großen Fiasko - wir verwundeten und töteten eine Zahl unserer eigenen Leute." Ein anderer Soldat nimmt ebenfalls an der "beispiellos großartigen Zeremonie" in Nanking teil. Dann heißt es: "Ich beteiligte mich an der Erschießung der verbliebenen 10 000 oder mehr Gefangenen."

Zu den in der Stadt verbleibenden Ausländern gehört der Deutsche John Rabe, der zum Vorsitzenden des Nanking Sicherheitskomitees gewählt worden war, das dem Schutz der Zivilbevölkerung dienen sollte. Rabe führte detailliert Tagebuch - es ist mittlerweile unter dem Titel Der gute Deutsche von Nanking veröffentlicht worden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan, China und den USA. Die Zahl der getöteten Zivilisten und Gefangenen schätzte Rabe auf 50 000 bis 60 000. Die "vorsichtige Schätzung" der Toten innerhalb der Stadt durch den amerikanischen Arzt Dr. Wilson, einschließlich der Kriegsgefangenen, beläuft sich auf 100 000. Der amerikanische Soziologe Lewis Smythe an der Universität Nanking gibt nach einer Untersuchung im Frühjahr 1938 die Zahl der zivilen Opfer in der Stadt und Umgebung mit etwa 34 000 an.

Schon während der Kämpfe in Shanghai vom August bis Mitte November 1937 waren chinesische Kriegsgefangene getötet und auf dem Weg von Shanghai nach Nanking waren Frauen vergewaltigt, Zivilisten getötet, Plünderungen und Brandstiftungen begangen worden. Die Soldaten hatten den Befehl erhalten, den Unterschied zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten nicht zu beachten. Bereits im August 1937 hatte der japanische Generalstab eine Direktive erlassen, wonach die chinesischen Gefangenen nicht nach den Regeln des internationalen Rechts zu behandeln seien: "In der gegenwärtigen Situation wird das Kaiserreich, um in China einen totalen Krieg zu führen", die einschlägigen völkerrechtlichen Verträge und Abkommen "weder anwenden noch in Übereinstimmung mit all den konkreten einzelnen Artikeln handeln." (Das widersprach den ausdrücklichen Aufforderungen der beiden Vorgänger des Kaisers Hirohito an ihre Soldaten, das Völkerrecht zu respektieren.) Den Stabsoffizieren in China wurde aufgetragen, das Wort "Kriegsgefangener" zu vermeiden. In der Tat war ja weder von japanischer noch von chinesischer Seite dem Gegner der Krieg erklärt worden: Beide Seiten fürchteten eine Einstellung der Waffen- und Rohstofflieferungen anderer Länder, vor allem der USA, die als Neutrale dazu verpflichtet gewesen wären. Der Krieg wurde offiziell als Zwischenfall bezeichnet.

Das Nanking-Massaker stellt also nicht einen plötzlichen Zusammenbruch der Disziplin und ein plötzliches Ausbrechen von Gewalttätigkeiten dar, sondern die Fortsetzung dessen, was auf dem Marsch von Shanghai nach Nanking geschah. Gleichwohl war das Massaker "völlig ungeplant"; "es gab keine Befehle zur 'Vergewaltigung' von Nanking. Und das Kaiserliche Hauptquartier befahl auch nie die völlige Vernichtung des Gegners als Ziel der Einkreisungskampagne von Nanking. Dauerbefehle, keine Gefangenen zu machen, existierten jedoch." So der amerikanische Historiker Herbert P. Bix in Hirohito and the Making of Modern Japan (2000).

Wer den Befehl zur Liquidierung der Kriegsgefangenen gegeben hat, ist nicht klar. Verdächtigt wird neben anderen der Generalleutnant Prinz Asaka, Onkel der Kaiserin und Befehlshaber der Truppen in und um Nanking. Der Oberbefehlshaber der japanischen Truppen in Zentralchina, General Iwane Matsui, hatte vor der Einnahme der Stadt den ausdrücklichen Befehl erteilt, die Gefangenen nicht zu töten.

Seine Befehle wurden mißachtet. Wie war es möglich, daß eine für ihre Disziplin berühmt-berüchtigte Armee wie die japanische, "die Preußen Asiens", ein derartiges Maß an Insubordination bewies? Schon der Marsch nach Nanking, nach der Schlacht um Shanghai, stellte einen Akt der Insubordination seitens der Armeeführung an der Front dar: Ein solcher Vormarsch war von der obersten Armeeführung in Tokyo weder geplant noch befohlen worden und wurde erst nachträglich abgesegnet.

Hier finden wir auch einen wichtigen Grund für die künftigen Verbrechen: Infolge der fehlenden Planung des Vormarschs durch den Generalstab war die Versorgung der Truppen nicht gesichert, sie mußten sich "aus dem Land ernähren", was darauf hinauslief, sich die Mittel dafür von der chinesischen Bevölkerung zu beschaffen - und das geschah meist gewaltsam, Widerstand führte zum Tode. Diese Gewaltherrschaft über die Zivilbevölkerung zog dann weitere Gewalttaten nach sich: Plünderungen, Brandstiftungen, Vergewaltigungen, willkürliche Tötungen: ein halb gewollter, halb geduldeter Zusammenbruch der Disziplin im Verhältnis zur gegnerischen Zivilbevölkerung.

Auch bei der Tötung der Kriegsgefangenen spielte die Versorgungslage eine Rolle: Die Zehntausenden von Gefangenen zu ernähren, schien angesichts des eigenen Mangels ebenso unmöglich, wie sie freizulassen, hätten sie sich doch den feindlichen Truppen wieder anschließen können. Das mag zur Erklärung dieser Verbrechen beitragen, zu ihrer Entschuldigung taugt es sicher nicht.

Noch in den zwanziger Jahren hatte sich das Militär weitgehend im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung bewegt und war den politischen Entscheidungen der zivilen Regierung gefolgt. Das änderte sich radikal in den dreißiger Jahren, wobei äußere Veränderungen wie etwa das Erstarken Chinas und des chinesischen Nationalismus unter Tschiang Kai-schek und die Weltwirtschaftskrise, der Einfluß totalitärer Ideologien und Politik wie Faschismus und Kommunismus ebenso eine Rolle spielten wie interne imperialistische, militaristische und ultranationalistische Ideologien.

Der letzte Premierminister, der es noch vermocht hatte, Entscheidungen der Zivilregierung gegen den Widerstand des Militärs durchzusetzen, wurde im November 1930 von dem Mitglied einer ultranationalistischen Bewegung erschossen. Im folgenden Jahrzehnt zeigte es sich, daß sich hinter der Fassade eines disziplinierten, hierarchisch streng geordneten, den Befehlsweg von oben nach unten skrupulös achtenden und homogenen Militärs ein nahezu chaotisches Gegeneinander von Fraktionen und politischen Ideologien, von Armeeeinheiten und Offizieren, von Befehlsanmaßungen und Befehlsverweigerungen verbarg. Es zeigte sich in einer nicht enden wollenden Serie von politischen Morden und Putschversuchen.

Die meisten militärischen Aggressionen seitens der japanischen Armee wurden damals von Offizieren mittleren Rangs provoziert, sowohl im Generalstab wie in Übersee, wobei das Oberkommando ihre Initiativen meist im nachhinein guthieß. Diese Form der militärischen Entscheidung von unten nach oben wurde zu einer verhängnisvollen strukturellen Schwäche des japanischen Militärs, des japanischen Staates. Die Unfähigkeit, das Militär zu kontrollieren und zu bändigen, wurde zu einem zentralen Problem des Landes. Es wurde paradoxerweise so gelöst, daß man gleichsam dem Militär selbst seine Kontrolle und Bändigung auftrug, was katastrophale Folgen hatte.

Es wäre ein allzu vereinfachendes Bild, würde man die Wegbereiter von imperialistischer Aggression und Krieg einzig beim Militär suchen, sie fanden sich ebenfalls und immer zahlreicher in der Regierung und der politischen Klasse im allgemeinen, bei den Intellektuellen und beim Volk - wie es auch umgekehrt Militärs gab, die sich dem Marsch in den Untergang entgegenzustemmen versuchten. Breite Kreise der japanischen Bevölkerung unterstützten die verhängnisvolle Politik jener Jahre.

Alle Versuche, das Nanking-Massaker und andere Verbrechen aus der japanischen Identität und jahrtausendealten Kultur abzuleiten, haben bislang keine überzeugenden Resultate erbracht. Nicht weil die kulturelle Fragestellung an sich absurd wäre, sondern weil sie in diesem Fall nicht greift. Überzeugendere Erklärungsgründe bieten die Leitkultur und politische Ideologie der damaligen Zeit, die sich deutlich von früheren Perioden japanischer Geschichte unterscheiden - zum Beispiel der eher einem Führerkult als dem traditionellen Bild ähnelnde Kaiserkult, der damalige japanische Etatismus, Totalitarismus und Militarismus, die mehr mit den gleichzeitigen internationalen Strömungen des Faschismus und Kommunismus zu tun haben als mit Samurais und Tennoverehrung.

Ein weiterer entscheidender Faktor dürfte die damalige, gleichsam rassistische Verachtung der Chinesen seitens vieler Japaner sein; das widersprach ebenfalls dem traditionellen Bild Chinas und hatte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts seit der chinesischen Niederlage im ersten chinesisch-japanischen Krieg entwickelt und seit der Propagierung einer japanischen Herrenrasseideologie in den dreißiger Jahren.

Kein anderes Land hatte mehr unter der japanischen Aggression zu leiden gehabt als China, sowohl was die Dauer des Krieges betraf wie die materiellen Verluste und die an den Bürgern des Landes begangenen Verbrechen. Noch vor Ende des Krieges bereitete die Kuomintang-Regierung Prozesse gegen die japanischen Kriegsverbrecher vor. Nach Kriegsende begannen die Prozesse vor dreizehn Militärgerichten in verschiedenen Teilen Chinas, einer davon in Nanking, um die dort begangenen Verbrechen zu bestrafen. General Matsui und Außenminister Hirota stehen wegen des Nanking-Massakers in Tokyo vor dem Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten, dem Pendant zu den Nürnberger Prozessen. Prinz Asaka wird verhört und verfaßt eine schriftliche Aussage, in der er abstreitet, daß es in Nanking zu irgendwelchen Verbrechen gekommen sei; als Mitglied der kaiserlichen Familie kann er aber nicht vor Gericht gestellt werden. So wollen es die Amerikaner, genauer: General MacArthur, Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte im Fernen Osten und der neue Herrscher des besetzten Japans. Der Kaiser gilt ihm als unverzichtbar für den Wiederaufbau des Landes und dessen Transformation in ein demokratisches, pazifistisches Staatswesen.

Das Gericht in Tokyo beschäftigte sich ab Juli 1946 mit dem Nanking-Massaker. Zum erstenmal erfuhr nun auch die japanische Öffentlichkeit von den Greueltaten. In allen anderen Anklagepunkten für nicht schuldig erklärt, wurde General Matsui zum Tod am Galgen verurteilt: "Das Gericht ist überzeugt, daß Matsui wußte, was (im fraglichen Zeitraum in Nanking) geschah. Er tat nichts oder nichts Wirkungsvolles, um diesen Schrecken Einhalt zu gebieten [...] Er hatte die Macht, und es war seine Pflicht, seine Soldaten in Schranken zu halten und die unglücklichen Bürger von Nanking zu schützen. Er ist strafrechtlich verantwortlich für sein Unterlassen, dieser Pflicht nachzukommen." Der ehemalige Außenminister Hirota wurde aus dem gleichen Grund zum Tode durch den Strang verurteilt: "Seine Untätigkeit kam strafbarer Fahrlässigkeit gleich." General Matsui und Hirota wurden am 23. Dezember 1948 zusammen mit fünf anderen Angeklagten in Tokyo hingerichtet. Der Tokyoter Prozeß setzte die Zahl der Opfer des Nanking-Massakers auf mehr als 200 000 fest.

Das Gericht in Nanking selber verhandelte 1946/47 nur gegen vier wegen des Nanking-Massakers angeklagte Japaner: Alle vier wurden zum Tode verurteilt und bald darauf hingerichtet. Der Prozeß in Nanking setzte die Zahl der Opfer des Massakers auf mindestens 300 000 fest. Das ist heute in China eine heilige Zahl, an der keine Zweifel erlaubt sind.

Das Nanking-Massaker ist zu einem wesentlichen Bestandteil der modernen chinesischen Identität geworden. Der neue chinesische Opfernationalismus ist antiwestlich, vor allem aber antijapanisch, und dabei spielt das Massaker von Nanking als übergreifendes Symbol aller von Japan an China begangenen Verbrechen eine wichtige Rolle. In einer Umfrage von mehr als 100 000 jungen Chinesen Anfang dieses Jahrhunderts gaben 83,9 Prozent das Nanking-Massaker als das Thema an, das sie am meisten mit Japan verbinden. Die Behauptung der Kommunistischen Partei Chinas, die Japaner besiegt und China von ihrer brutalen Herrschaft befreit zu haben, stellt eine zentrale Herrschaftslegitimation der Partei dar.

Dabei war das Nanking-Massaker nach dem Sieg der Kommunisten 1949 zunächst gänzlich in den Hintergrund getreten: Die Partei wollte die Chinesen als siegreiche, vorwärtsschreitende und in die Zukunft blickende Revolutionäre, nicht als hilflose Opfer der Vergangenheit. Nur an die westlichen Ausländer der Nankinger Sicherheitszone wurde erinnert: Im Kampf gegen den westlichen Imperialismus mußten sie nun, als Kollaborateure der Japaner verunglimpft, die Rolle des Bösewichts spielen. Daneben diente der Fall Nankings der gegen die Kuomintang gerichteten Propaganda: Ihre Unfähigkeit, die Stadt zu verteidigen, und die unrühmliche Flucht der militärischen Führung wurden betont. Von Historikern der Universität Nanking 1962 zusammengetragene Forschungsergebnisse zum Massaker wurden von der Regierung unter Verschluß gehalten, die Veröffentlichung untersagt.

Bis in die siebziger Jahre hinein hatte die maoistische Politik des permanenten revolutionären Ausnahmezustands mit ihren verheerenden Kataklysmen die durch die Aggressionen und Verbrechen Japans entstandenen antijapanischen Gefühle der Chinesen überdeckt. Die Japaner wurden - und werden auch heute wieder - häufig als "Teufel" bezeichnet. Während bei anderen Nationen ein spezifizierendes Attribut hinzutritt - westliche Teufel, amerikanische, britische Teufel -, sind die Japaner Teufel schlechthin.

Mit der Normalisierung der Verhältnisse und dem Wirtschaftsaufschwung konnten diese Gefühle nun hervortreten - gelegentlich stärker, als der Regierung lieb war. Die Regierung muß seitdem den Balanceakt leisten, einerseits den antijapanischen Nationalismus als die stärkste die gesamte Bevölkerung einigende Kraft zu fördern und für sich nutzbar zu machen, und andererseits diese Kraft soweit zu kontrollieren, daß die Beziehungen zu Japan, soweit sie für China nützlich sind, keinen Schaden nehmen.

Umgekehrt versuchte auch die vor allem studentische Oppositionsbewegung in China immer wieder, den antijapanischen Nationalismus für ihre Ziele einzuspannen und die Regierung wegen einer zu nachgiebigen, japanfreundlichen Haltung anzuschwärzen. Einen "tiefsitzenden Haß auf die Japaner" stellt ein ausländischer Beobachter Anfang des neuen Jahrtausends fest: "Japan-Bashing wird von niemandem in Frage gestellt und nimmt weiter zu".

Der amerikanische Sinologe Peter Hays Gries hat 2004 in seinem vielbeachteten Werk China's New Nationalism die Ablösung der heroisch-siegreichen Nationalerzählung der Mao-Zeit durch die Demütigungs- und Opfernationalerzählung beschrieben. Gries zufolge wurde das Bild Chinas als einer vom westlichen und japanischen Imperialismus vergewaltigten Frau mit den achtziger Jahren kennzeichnend für den neuen Opfernationalismus, und das Nanking-Massaker wurde immer mehr zum zentralen Symbol dieser Opferrolle Chinas.

Zahlreiche Erinnerungen und historische Darstellungen werden veröffentlicht, Filme zum Thema gedreht. 1985 wird in Nanking das Museum zur Erinnerung an das Massaker eröffnet. Im Juli 1987 wird das Museum des Widerstandskrieges des chinesischen Volkes gegen Japan fertiggestellt. Die vielbändige historische Reihe Vergeßt die nationale Demütigung nicht! beginnt zu erscheinen. Ab 2001 wird der Nationale Demütigungstag - nach Vorbildern aus der vorkommunistischen Zeit - wieder eingeführt.

Die Rolle der japanischen Verbrechen im Unterricht der staatlichen Schulen nimmt seit den achtziger Jahren ständig zu: 1980 werden der Darstellung des Nanking-Massakers in den Lehrbüchern der Mittelschulen noch 150 Zeilen gewidmet, 1992 sind es 520; die Kritik richtet sich nunmehr generell gegen Japan, nicht mehr gegen die japanische Armee der damaligen Zeit. Auch die Opferzahlen nehmen mit dem Wechsel des herrschenden politischen Paradigmas zu: Unmittelbar nach Kriegsende hatte die Kuomintang erklärt, 1,75 Millionen Chinesen seien von den Japanern getötet worden (sicher eine zu niedrige Zahl); die chinesischen Kommunisten sprachen nach der Machtübernahme von 9,32 Millionen getöteter Chinesen; diese Zahl stieg auf 22 Millionen in den achtziger Jahren; seit 1995 sind es 35 Millionen.

Ein außerordentlicher Teil des Unterrichts, nicht nur des Geschichtsunterrichts, beschäftigt sich mit Japan. Schon die Sechs- und Siebenjährigen lernen die Invasion und Grausamkeit der Japaner kennen, einschließlich eindringlich-detaillierter bildlicher Darstellungen. Informationen über die Grausamkeit der Japaner erhalten die Kleinen selbst im Musikunterricht. Nachdem die Kinder gelernt haben, wie grausam die Japaner waren, erfahren sie, daß die KPC ihr Blut zur Rettung des Landes vergoß und Japan schließlich besiegte. Wenn die Kinder neun sind, lernen sie endlich die verschiedenen grausamen Methoden der Japaner kennen, Menschen zu ermorden. Über das Nachkriegsjapan erfahren sie fast nichts; Positives darüber und über die chinesisch-japanischen Beziehungen fehlt, das gilt ebenso für die japanische Entwicklungshilfe, die von keinem anderen Land übertroffen wird: Dutzende von Milliarden Dollars an Krediten zu besonders günstigen Konditionen und Schenkungen bleiben unerwähnt.

In dem Maße, wie die japanischen Verbrechen an Umfang und Bedeutung gewinnen, wächst die Legitimität der KPC als derjenigen Macht, die die grausamen japanischen Imperialisten besiegt hat. Eine Rolle bei der Durchsetzung des Opfernationalismus hat wohl auch die weltweite Veränderung des Opferbildes in den letzten Jahrzehnten gespielt: Opfer waren nicht länger Gegenstand der Verachtung oder bestenfalls des Mitleids, sie wurden Gegenstand der Anerkennung, der Verehrung gar, sie wurden zu einem moralischen Kapital und verschafften moralische Autorität. Das hatten am deutlichsten die Opfer des Holocaust gezeigt. Der Holocaust war zum wichtigsten moralischen Kapital der Juden und des Staates Israel geworden. Das wollten viele andere auch gerne haben. So konzentrierten sich auch zahlreiche Chinesen in Amerika auf das Nanking-Massaker als Zentrum ihrer Identität: Das Buch der Sinoamerikanerin Iris Chang The Rape of Nanking (1997) hat den Untertitel: The Forgotten Holocaust of World War II.

Der Opfernationalismus sieht sich ja generell dem Problem konfrontiert, daß seine Opfer nicht die einzigen sind, daß gerade das 20. Jahrhundert furchtbare Verbrechen und ungeheure Opferzahlen in zahlreichen Ländern aufzuweisen hat. Von Historikern wurde dieses Dilemma sarkastisch als die "Konkurrenz" oder die "Olympiade der Opfer" bezeichnet. Dabei ist weltweit der Holocaust das Verbrechen, an dem sich alle anderen messen müssen. Japans Opferstatus, der durch die Namen Hiroshima und Nagasaki repräsentiert wird, gilt es zu entwerten. Iris Chang weist ausdrücklich darauf hin, daß die von ihr angegebene Opferzahl des Nanking-Massakers höher sei als die von Hiroshima und Nagasaki zusammengenommen. Begeisterte Rezensenten ihres Buches betonten denn auch, daß das Nanking-Massaker einzigartig sei und "praktisch keine Parallelen in der neueren Geschichte" habe: daß es also Holocaust-Status beanspruchen kann. Schon 1983 hatte eine offizielle Publikation der Gedenkstätte in Nanking die dort begangenen japanischen Verbrechen als "einzigartig in der Geschichte der Menschheit" charakterisiert.

Im Vorspann eines sehr erfolgreichen chinesischen Films über das Nanking-Massaker heißt es, daß dieses so furchtbar war wie Auschwitz und Hiroshima. Dem Beispiel Israels folgend, wo am Holocaustgedenktag die Sirenen heulen und der Verkehr minutenlang zum Stillstand kommt, heulen nun ab 1995 am 13. Dezember in Nanking die Sirenen. Dem früheren Hauptquartier der berüchtigten Einheit 731 der japanischen Armee in Harbin, Nordostchina, soll auf Wunsch Chinas der Status einer UN-Welterbe-Stätte zuerkannt werden - nach dem Vorbild von Auschwitz und der Hiroshima-Gedenkstätte.

Iris Changs Buch ist zugleich eine wütende Polemik gegen Japan als eine verbrecherische Nation, die ihre düstere Vergangenheit verschweige und verdränge, was für Chang "eine zweite Vergewaltigung" darstellt. In Wirklichkeit ist seit den siebziger Jahren in keinem anderen Land gründlicher wissenschaftlich über das Nanking-Massaker geforscht worden, sind mehr Veröffentlichungen zum Thema, einschließlich zahlreicher Übersetzungen, erschienen, in keinem anderen Land ist heftiger über das Thema gestritten und diskutiert worden als in Japan. Die Geschichtsschulbücher in Japan behandeln das Nanking-Massaker fast ausnahmslos, wenn auch zuweilen nur kursorisch; weniger als ein Prozent der japanischen Schüler benutzen ein Geschichtsbuch, worin es nicht erwähnt wird. [1]

Zweifellos gibt es in Japan Leugner und Minimalisierer des Nanking-Massakers oder anderer japanischer Verbrechen, und es gibt sie nicht nur am Rande der Gesellschaft; manche von ihnen haben wichtige politische Stellungen inne - ab Kabinettsrang jedoch ist bislang jeder entlassen worden, der solche Ansichten öffentlich vertritt. Auch hat sich Japan im Friedensvertrag von San Francisco verpflichtet, die Urteile der Prozesse anzuerkennen, und damit auch das Urteil über das Nanking-Massaker.

Bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Japan 1972 verzichtete Peking auf alle Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg, wie es schon zwanzig Jahre zuvor Taiwan getan hatte. Ein Friedensvertrag wurde 1978 unterzeichnet. 1972 trägt Japan zum erstenmal China gegenüber eine offizielle Entschuldigung vor: Japan fühle sich zutiefst verantwortlich für das von Japanern dem chinesischen Volk angetane Leid. Weitere und umfassendere Entschuldigungen folgen, 17 offizielle insgesamt bis 2005. Allerdings wurden diese Entschuldigungen häufig durch Äußerungen und Handlungen japanischer Politiker konterkariert, etwa die notorischen Besuche des Yasukuni-Schreins. Das gab China einen Grund - oder einen Vorwand -, diese Entschuldigungen als unzureichend zu verwerfen.

Die in der westlichen Öffentlichkeit oft anzutreffende Meinung, wenn nur erst jene japanischen Revisionisten zum Schweigen gebracht und stillgestellt wären, stünde einer Versöhnung der beiden Länder nichts mehr im Wege, ist naiv. Die kontinuierliche Verdammung und Demütigung eines verbrecherischen Japan vor der Weltöffentlichkeit ist eine weitaus attraktivere Option für die meisten Chinesen als eine Versöhnung. In einer Rede vor chinesischen Diplomaten erklärte Präsident Jiang Zemin 1998: "Wenn wir mit Japan zu tun haben, [...] müssen wir beständig das Thema Geschichte betonen und dieses Thema immer erörtern."

Der Chinaexperte Gordon G. Chang schreibt über die politischen Führer Chinas: "Indem sie die Identität Chinas als antijapanisch definierten, haben sie es politisch unmöglich gemacht, irgend etwas anderes als die vollständige Demütigung Japans zu akzeptieren." Andererseits ist Japan mittlerweile der wichtigste Wirtschaftspartner Chinas und als Investor und Hightech-Exporteur bis auf weiteres unverzichtbar. Das ist mit einer "vollständigen Demütigung Japans" nicht zu vereinbaren. Resultat dieses Konflikts ist ein riskanter Balanceakt der Regierung nach außen wie auch nach innen.

Die chinesische Regierung beziehungsweise die KPC gerät zunehmend unter den Druck des von ihr selbst geförderten neuen Nationalismus, dessen sie nach dem Bild des Zauberlehrlings kaum mehr Herr wird. Jedenfalls ist dieser neue Nationalismus nur noch durch die Verschärfung von Überwachen, Kontrollen und Strafen zu bändigen, das heißt durch die Reduzierung von Freiheiten, die nach Maos Tod gewährt und gewonnen worden waren.

Mit dem neuen Opfernationalismus hat die chinesische Regierung, hat die KPC eine problematische Grundlage geschaffen - sowohl für ihre Beziehungen zur eigenen Bevölkerung wie auch zu Japan und der westlichen Welt. China war Opfer furchtbarer Verbrechen, begangen von westlichen und japanischen Imperialisten. Daran besteht kein Zweifel. Das Problem besteht darin, wie China mit diesem Faktum umgeht: ob also, mit anderen Worten, die chinesische Geschichtspolitik die richtige ist und letztlich im Interesse Chinas und dem des Rests der Welt. Denn es ist durchaus interpretationsbedürftig, was die Weisung des großen Steuermanns Mao zu bedeuten hat: "Die Vergangenheit gebrauchen zum Nutzen der Gegenwart!"


 

  • [1] Zur politischen Instrumentalisierung des Nanking-Massakers vgl. Takashi Yoshida, The Making of the "Rape of Nanking". History and Memory in Japan, China, and the United States. New York: Oxford University Press 2006.


Published 2007-07-03


Original in German
First published in Merkur 7/2007

Contributed by Merkur
© Siegfried Kohlhammer/Merkur
© Eurozine

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