Über die Ziele der Diskurse
Eine Antwort auf György Schöpflin
Illiberal Europe?
Parliament or the soapbox? Populist politics are enjoying renewed success in Europe, above all in the former socialist countries. A new Eurozine focal point investigates the rise of "democratic illiberalism". [ more ]
Eurozine editorial
Illiberal Europe? On the new populism
Ivan Krastev
The populist moment
G.M. Tamás
Counter-revolution against a counter-revolution. Eastern Europe today
Ralf Dahrendorf
Eight remarks on populism
Jacques Rupnik
Populism in eastern central Europe
Svetoslav Malinov
Radical demophilia. Reflections on Bulgarian populism
Antony Todorov
National populism versus democracy
Jacek Kochanowicz
Right turn. Polish politics at the beginning of the twenty-first century
Andrea Huterer
The fight for law and justice. On the political rhetoric of the Kaczynskis
Aleksander Smolar
The return of the radicals
Eszter Babarczy, Gábor Csordás, Jody Jensen, János Salamon, Gábor Schein
Does a civil-war mentality exist in Hungary?
Thomas von Ahn
Democracy or the street? On the stability of the Hungarian political system
György Schöpflin
Democracy, populism, and the political crisis in Hungary. A response to Thomas von Ahn.
Thomas von Ahn
On the aims of discourse. A response to György Schöpflin
Gábor Szétey, Szilvia Szilágyi
"And I am gay." Interview with Hungarian secretary of state Gábor Szétey
Matjaz Hanzek
When will words become actions? Reflections on hate speech in Slovenia
Jérôme Sgard
Nicolas Sarkozy, Gramsci reader. New power and the temptation of hegemony
Julian Petley
The retreat of reason
Gleich zu Beginn spricht György Schöpflin vier Fünfteln der gesamten ungarischen Medienlandschaft pauschal jegliche Objektivität ab. Diese würden nicht nur das linke Medienspektrum repräsentieren, sondern auch noch unmittelbar von der Regierung und der Sozialistischen Partei manipuliert werden. Folglich sei das, was diese Medien schreiben, nicht das Ergebnis einer unabhängigen Meinungsbildung, vielmehr tanzten sie "als Transmissionsriemen der Regierung nach deren Pfeife". Wie zum Beweis führt er eine kurze Passage aus der "Skandalrede" des Ministerpräsidenten an, in der es heißt (hier die vollständige Passage):
Wir müssen versuchen, diese Dinge [gemeint sind auf der Klausurtagung angesprochene politische Projekte der Partei, über deren einzelne Durchführungsschritte Gyurcsány zugibt, noch nicht ganz im Klaren zu sein] gleichzeitig voranzutreiben, die Kooperation und Aufrichtigkeit unter uns aufrechtzuerhalten, uns der Unterstützung des Koalitionspartners zu versichern, die Leiter und führenden Publizisten der einflussreichsten Blätter darauf vorzubereiten, was sie erwartet; sie in diesen Prozess mit einzubeziehen; lernen, nicht in jedem Moment aufzufahren, und voranzugehen.
Aus Gyurcsánys Worten lässt sich allenfalls ein Interesse an einer professionellen Medienkampagne seiner Partei ableiten, wie sie wohl in allen Mediendemokratien üblich ist. Dagegen müssen sie bei Schöpflin nicht nur als Beweis dafür herhalten, dass sich eine tiefe Kluft durch die ungarische Medienlandschaft zieht, sondern auch dafür, dass die Medien im Zeitraum zwischen der "Skandalrede" und ihrem Bekanntwerden unbillig beeinflusst wurden. Soviel geben diese Worte aber nicht her: György Schöpflin behauptet hier ohne faktischen Beweis eine Manipulation der Medien durch die Regierung. Das Ziel, das er damit verfolgt, liegt auf der Hand: Die von mir verwendeten Referenzen seien das Ergebnis staatlicher Einflussnahme, folglich nicht objektiv und daher nicht zitierfähig. Dass die ungarische Medienlandschaft auch die von mir konstatierte Spaltung widerspiegelt, bestreite ich damit nicht. Schöpflin geht aber weit darüber hinaus, wenn er pauschal eine Vielzahl von unterschiedlichen Medienorganen mit Beweisen für unmündig erklärt, die nur scheinbar handfest sind.Political crisis in Hungary
This article is a response to György Schöpflin's article,"Democracy, populism, and the political crisis in Hungary", itself a response to Thomas Von Ahn's article, "Democracy or the street? Fragile stability in Hungary".
Hingegen vermisst György Schöpflin zu Recht ein von der ungarischen Gesellschaft verinnerlichtes Demokratieverständnis, das nicht durchgehend politisiert, sondern überparteilich und pluralistisch ist. Dies ist aber kein Problem der institutionellen Ausgestaltung eines Systems, sondern seiner Handhabung! Die Straße als politisch legitime Institution darzustellen, zeugt in diesem Zusammenhang von einer mehr als ambivalenten Handhabung, zumal der Fidesz und ihr Vorsitzender ihre parlamentarische Präsenz im vergangenen Herbst auf ein Minimum reduziert haben. Ein wesentlicher Bestandteil einer über ihre institutionelle Ausgestaltung hinaus funktionierenden Demokratie ist es jedoch, demokratische Spielregeln einzuhalten - auch bei dem an sich legitimen (und für eine starke Oppositionspartei selbstverständlichen) Versuch, eine Regierung aus dem Amt drängen zu wollen. Wenn sie ihre Strategie aber auf Kräfte stützt, die jenseits des demokratischen Konsenses stehen, dann muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, anti-parlamentarische Strategien zu verfolgen.
György Schöpflin rechtfertigt dieses Vorgehen seiner Partei mit der Behauptung, sie hätte sich an die Spitze der Demonstrationen gestellt, um auf diese Weise die ungarische Demokratie, die Regierung und den Fidesz selbst vor dem Ausbruch des "echten" Extremismus zu schützen. Damit deutet er das antiparlamentarische Gebaren seiner Partei zu dem eines staatspolitischen Heilsbringers um. Hätte sie sich aber nicht gerade dann in aller Deutlichkeit von antisemitischen, romafeindlichen und faschistoiden Äußerungen "ihrer" Demonstranten auf dem Parlamentsplatz, in Internetforen und anderswo distanzieren müssen? Im Dilemma zwischen seinen Machtinteressen und den verantwortungsethischen Spielregeln, die für das oben erwähnte Demokratieverständnis unentbehrlich sind, hat sich der Fidesz für Erstere entschieden. Zu besagten Spielregeln gehört es aber, dass man sich von Äußerungen distanziert, die im Kern auf eine undemokratische - weil Teile der Gesellschaft ausschließende - Ideologie abzielen. Erfolgt diese Distanzierung nicht, ist ein wesentliches Kriterium populistischer Politik erfüllt.
Freilich lassen sich auch die Sozialisten im stärkeren Maße von Interessen als von Einsichten leiten. Die Strategie, die Gyurcsány zum Sieg verholfen hat, ist unter moralischen Gesichtspunkten zu verurteilen, wenngleich er damit im verfassungsrechtlichen Rahmen geblieben ist. Es überrascht jedoch kaum, dass Schöpflin in seiner Antwort jene Passagen meines Textes ausblendet, in denen ich mich zu Gyurcsány äußere. Dabei scheint sich derzeit meine Hypothese zu bewahrheiten, wonach seine Rede ihn zwar kurzfristig fest im Sattel gehalten hat, langfristig aber sein politisches Scheitern herbeiführen kann. Bestätigt wird dies durch die gegenwärtigen Umfrage-Ergebnisse, die den Fidesz so weit vorne sehen, wie seit dem Sommer 1998 nicht mehr. Es bleibt somit eine Ironie der gesamten Situation, dass Gyurcsány heute wohl nicht mehr Ministerpräsident wäre, wenn sich in Ungarn seit 1989 eine politische Kultur hätte entfalten können, in der sich nicht zwei Lager mit Ausschließlichkeitsanspruch bekämpfen.
Schließlich ein letztes Beispiel: Eine dichotomische Unterscheidung von "instrumentalisierter" und "nicht-instrumentalisierter" Geschichte, die mir György Schöpflin unterstellt, ist seine eigene Erfindung. Ich habe zwischen verschiedenen, politisch motivierten Geschichtsnarrativen über virulente Ereignisse der ungarischen Vergangenheit unterschieden, die einem gesellschaftlichen Konsens über diese Ereignisse entgegenstehen. Ein solcher Konsens, der notwendigerweise gar nicht objektiv sein kann, wäre aber wesentlicher Bestandteil im Selbstbild einer Gesellschaft, die mit sich ausgesöhnt ist. Schöpflin scheint sich weniger für diese These zu interessieren als dafür, mir ins Blaue hinein zu unterstellen, Vorurteile unter dem Deckmantel der Objektivität zu verbreiten.
Es bleibt festzuhalten: Es sind Argumentationsstrategien wie diese, mit denen die tonangebenden Eliten im ungarischen politischen Diskurs versuchen, sich gegenseitig die Legitimität abzusprechen. Sie zielen auf eine Ideologisierung der gesellschaftlichen Spaltung ab, nicht auf ihre Überwindung. Indem sich György Schöpflin an diesem Spiel beteiligt, läuft er mit in jene "Falle" hinein, in der sich - wie er schreibt - sowohl die ungarische Linke als auch die Rechte bereits befinden - und von der er meint, ich hätte sie nicht erkannt. Die Überwindung dieser Kluft wäre aber nötig, weil sie mehr als alles andere Grund für die politische Krise in Ungarn ist. Dies bestätigt auch der Verlauf der letzten Monate, in denen der Straße zwar immer weniger politische Bedeutung zugekommen ist, die unversöhnliche Haltung der beiden großen Parteien aber nach wie vor das politische Klima bestimmt.
Published 2007-06-12
Original in German
© Thomas von Ahn
© Eurozine







