Sofia, fluide Stadt
Stadt der MigrantInnen
Jede Definition einer Stadt rührt an die Unterscheidung zwischen Ortsansässigen und Fremden. An Sofia verblüfft zunächst, dass diese Rollen etwas durcheinander geraten sind: Die Bevölkerung der Stadt ist in 127 Jahren fast um das Zweihundertfache angewachsen und das bedeutet, dass ein Drittel der gegenwärtigen Einwohnerinnen und Einwohner Sofias MigrantInnen der ersten und ein weiteres Drittel solche der zweiten Generation sind. Die Hälfte der 20.000 EinwohnerInnen am Ende der osmanischen Zeit waren TürkInnen, die 1877 vor der vorrückenden russischen Armee flohen. Heutzutage weiß niemand mit Sicherheit zu sagen, wie viele Menschen wirklich in der Stadt leben; offiziell sind es 1,2 Millionen, doch anderen Schätzungen zufolge lebt mindestens eine halbe Million mehr illegal dort.The city as stage for social upheaval
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From class struggle to place struggle
Fast drei Viertel von Sofias Bevölkerungswachstum basieren auf Migration und das Tempo dessen ist eindrucksvoll. Drei Jahre nach der ethnischen Säuberung von 1876[1] hatte sich die Bevölkerung verdoppelt und erreichte die 20.000-Marke. Bei der Volkszählung von 1892 hatte sie sich erneut verdoppelt und Sofia hatte damit alte städtische Zentren wie Plovdiv und Ruse, die immer eine wichtige Rolle im Reich gespielt hatten, bereits überholt. In den 1950er und 1960er Jahren, als die erzwungene Industrialisierung mit dem ideologischen Projekt einherging eine geeignete Arbeiterklasse für die sozialistische Hauptstadt zu "entwerfen", setzte sich der Trend der weiteren deutlichen Bevölkerungszunahme fort. Dieser erklärt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet absurde Entscheidungen wie den Bau des größten bulgarischen Stahlwerks, Kremikovzi, im Sofia-Tal anstatt in der Nähe eines Seehafens oder von Eisenerzvorkommen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Landwirtschaft und der Industrie in den 1990ern schließlich brachte erneut viele Tausende auf der Suche nach einer Tätigkeit im Dienstleistungssektor nach Sofia.
Die "Zwei-Großväter-Taktik"
Das Ansehen der alteingesessenen Sofioter Bevölkerung war stets problematisch: Nationale Eliten drangen aus Teilen des Landes, die höher geachtet wurden (weil dort die nationale Revolution stattgefunden hatte und deren HeldInnen ebenda geboren worden waren), in die neue Hauptstadt ein, die die RussInnen aus geopolitischen Gründen ausgewählt hatten.[2] Der autochthonen bulgarischen Bevölkerung, den Shopi, haftete schnell der Nimbus der Ungehobeltheit und Rückständigkeit an. Ein Umstand, der sich in den späten 1940er und 1950er Jahren zu wiederholen schien, als die kommunistischen Ideologen die bürgerlichen – sprich städtischen – Eliten marginalisierten und systematisch Menschen armer, bäuerlicher Herkunft förderte, von denen man annahm, sie seien linientreu. Sofia wurde von ideologischen NomadInnen heimgesucht, von denen einige direkt aus dem Wald kamen, mit der Waffe in der Hand, und Reiche aus ihren Wohnungen warfen oder sie in ein Zimmer pferchten, während sie die eigene Verwandtschaft in den anderen unterbrachten. Viele Jahre lang war es ratsam, nicht zu sehr auf eine Herkunft aus Sofia zu pochen, und die so genannte "Zwei-Großväter-Taktik" wurde populär: Als Bulgare sollte man stets einen Großvater haben, der auf der jeweils "richtigen" Seite der politischen Wechselfälle steht.Wer ist nun ein wirklicher, gebürtiger Einwohner Sofias? Lebte seine Familie schon vor der Befreiung dort? Oder müsste sich diese zumindest zu Zeiten des massiven Zustroms von Flüchtlingen während der Balkankriege und danach hier niedergelassen haben? Sollte man nur die BürgerInnen aus der Zeit vor dem Kommunismus als "wirkliche Sofioter" bezeichnen oder auch die Pioniere der jüngeren ideologischen Urbanisierung mit einbeziehen?
Eine mögliche Antwort auf diese Frage ist für das ganze Land offenkundig: Ein Einwohner Sofias ist eine privilegierte Person. Urbanität als eine Art höheren Status zu betrachten geht auf osmanische Zeiten zurück, in denen Groß- und Kleinstädte sowie Dörfer besondere Rechte genossen, andere Steuern entrichteten etc. Doch selbst der Aufbau eines liberalen demokratischen Staates hat die räumliche Differenzierung nicht gänzlich ausschalten können. Erkennbar ist dies am explosiven Wachstum von Sofia: die nationalen Institutionen mit ihren gut bezahlten Jobs ließen sich hier nieder und der Stadt kam der Löwenanteil an öffentlichen Investitionen zugute. Um Konstantin Galabov zu zitieren: "Zu einer Zeit, als es in Plovdiv noch kein richtiges Abwassersystem gab, bauten wir in Sofia ein wunderbares Nationaltheater."[3]
Dieses System urbaner Privilegien wurde unter dem Kommunismus offiziell abgesegnet und verfeinert. Die Einführung von Aufenthaltsgenehmigungen (nach dem Vorbild der sowjetischen propiska und der chinesischen hukou) hatte etwas zur Folge, was ich als eingeschränkte Mobilität bezeichnen würde: Die Behörden entschieden, ob man aus dem Dorf in die Stadt ziehen durfte. Am schwierigsten war es natürlich nach Sofia zu kommen, wo es nicht nur wesentlich mehr Arbeitsplätze und Erholungsmöglichkeiten gab, sondern wo auch die Versorgungslage viel besser war. Tatsächlich ähnelte das territoriale Dispositiv sehr stark jenem, das der Kapitalismus im globalen Maßstab geschaffen hatte und das MigrantInnen aus der Dritten Welt denselben Bedingungen unterwarf. Und die Parallele zum postkolonialen Westen geht noch weiter: Das System, das ursprünglich eingeführt worden war, um nur die vom Kapital benötigten Arbeitskräfte hereinzulassen, wurde bald von Menschen dominiert, die aus familiären Gründen Aufenthaltsgenehmigungen beantragten, wobei (häufig vorgetäuschte) Eheschließungen der Grund für die Hälfte der Umsiedelungen war. Vergleichbar etwa mit der Heirat zwischen einem Deutschen und einer Philippinin diente die Tatsache, dass jemand aus Sofia kam, als eine Art Mitgift, die den potenziellen Partner wesentlich begehrenswerter machte. Kein Wunder, dass die Hauptstädter von ihren übrigen Mitbürgern gehasst wurden: "Es gibt zwei Länder, Sofia und den Rest", bekam man oft zu hören. Es mag paradox erscheinen, dass eine Stadt mit einem derart gering entwickelten Gefühl für lokale Identität statusbedingte Privilegien auf einem derart hohen Niveau aufrechterhalten konnte. Aber vielleicht ist dies nur folgerichtig, denn Privilegien entschädigen für den Mangel an kulturellem Zusammenhalt und urbanem Ethos.
Wohnungseigentum und Immobilität
Wie im restlichen Land sind in Sofia neun von zehn BürgerInnen EigentümerInnen der Wohnung, in der sie leben (anders als in Ostdeutschland war dies auch in kommunistischen Zeiten so). Ähnlich viele halten es für natürlich, ihr ganzes Leben in derselben Wohnung zu bleiben und sie dann an die eigenen Kinder weiter zu vererben. Wohnungseigentum zu verkaufen gilt als das Übel schlechthin. Der Immobilienmarkt, 1948 unter dem Kommunismus abgeschafft, kommt so nur schleppend wieder in Gang. Die Menschen finden ständig Entschuldigungen dafür ihre Wohnungen nicht zu verkaufen und sie rechneten und rechnen mit steigenden Preisen; erst bei der Aufnahme Bulgariens in die NATO (2004) und dann beim Beitritt zur EU (2007). Diese sind tatsächlich gestiegen, doch von einem Boom ist bislang nichts zu spüren. Bezeichnend dafür ist, dass viele alte Menschen in extremer Armut leben, die Zentralheizung überall außer im Schlafzimmer abstellen und sich dennoch hartnäckig weigern, die größere Wohnung zu verkaufen und eine kleinere zu erwerben. Die neuen sozialen Ungleichheiten nehmen selbst nach fünfzehn Jahren des "Übergangs" nur langsam räumliche Gestalt an. In den einzelnen Wohnhäusern gibt es daher wachsende Unterschiede – das Einkommen, die Lebensweise und die weiteren Aussichten der BewohnerInnen betreffend – und es ist nur selten möglich, sämtliche Eigentümerinnen und Eigentümer von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Fassade neu zu verputzen (daher sieht ein Großteil der Stadt aus, als hätte es dort Luftangriffe gegeben). Doch es gibt auch den Reichen, der den Boden seiner Wohnung mit einer brandneuen Stuckisolierung überziehen lässt, und es heißt, Diebe würden ihre Ziele anhand des geschätzten Preises der Fensterrahmen auswählen.
In gewisser Hinsicht stellt der Besitz einer Wohnung für viele Menschen die letzte Zuflucht vor der eigenen Erniedrigung dar, die ihnen durch den sozialen Umbruch in den 1990er Jahren widerfuhr; das belegen Ergebnisse einer Studie, die das Sozialdemokratische Institut im Jahr 2001 durchgeführt hat. Selbst wenn man ihn sich nicht leisten kann, erhält (Grund)Besitz die Illusion aufrecht, dass sich die Auswirkungen des "Übergangs" noch rückgängig machen ließen und man den eigenen Status zurückerlangen könnte. Hinzu kommt, dass die Gesetzgebung diese identitätsstiftende Seite des Eigentums berücksichtigt, indem der Besitz zerfallender Immobilien, von Ödland oder verrostenden Autos die Eigentümer äußerst billig kommt.
Man könnte sagen, die statusartige Urbanität und das Status verleihende Eigentum entschädigen für die ungeklärte, im Fluss befindliche soziale Identität der BürgerInnen. Zunächst hat man schon im 14. Jahrhundert den Adel hingemetzelt und was das Bürgertum betrifft, so wurde es erst von den KommunistInnen beseitigt und dann in den 1990er Jahren durch die beiden gegensätzlichen Maßnahmen der Rückerstattung und Privatisierung von Grundbesitz wieder zum Leben erweckt. Selbst die nationale Intelligenz hat nie eigene Standards oder Hierarchien geschaffen, sondern war immer von ausländischer Legitimation abhängig. Wenn schon die eigene soziale Stellung ungewiss ist, dann ist zumindest eine Sache sicher: die eigene räumliche Verortung. Es ist, als hätten nicht die Menschen, sondern die Orte Rechte, Kultur, ja sogar einen politischen Willen.
Auch die familiären Verhältnisse bieten eine Erklärung für diese merkwürdige Verbindung von demographischer Mobilität und dem patriarchalischen Ideal der Sesshaftigkeit. Von Kindern wird erwartet, dass sie in der Nähe ihrer Eltern leben. Auf dem Land würde der Sohn im Normalfall ein zusätzliches Stockwerk auf dem Haus seiner Eltern oder einen Erweiterungsbau daneben errichten. In Sofia ist dies weniger leicht möglich, weshalb Familien häufig versuchen, Wohnungen im selben Wohnblock oder zumindest im selben Viertel zu finden. Entscheidend ist, dass man die eigenen Eltern mehrmals unter der Woche sieht, das Kind bei ihnen in Obhut gibt, Schüsseln mit warmem Essen und Wintervorräte in Dosen mit nach Hause nimmt, die leeren Gefäße wieder zurückbringt – kurzum, in regem Kontakt mit den Eltern steht.
Um ein solches Verhaltensmuster zu durchbrechen, bedarf es eines erheblichen Maßes an Energie. Eltern dürften kaum verstehen, warum ihr Kind ans andere Stadtende ziehen will. Um sich zu emanzipieren, müssen die jüngeren Generationen drastischere Schritte unternehmen und das Land ganz verlassen. Irgendwie scheint es leichter zu sein, nach Kanada zu ziehen als lediglich die Wohnung zu wechseln. Man könnte die Fixierung auf das Eigentum aber auch unter dem Gesichtspunkt einer Urbanisierung im Grenzland-Stil betrachten. Bei der Vertreibung der TürkInnen zerstörte man ihre Häuser, so dass sie nicht zurückkehren konnten, und die Grundstücke wurden von BulgarInnen besetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schienen die Immobilienverhältnisse geklärt, doch dann führte der Zustrom von Flüchtlingen aus Thrakien und Mazedonien zu einem neuen Pioniergeist in Sachen Besiedelung. In den frühen 1920er Jahren besetzten die Flüchtlinge einen ganzen Bezirk in Sofia (Koniovitsa); es heißt, sie hätten Münzen geworfen, um die Grundstücke für den Häuserbau unter sich aufzuteilen, und sogar auf eigene Faust Straßen und Plätze errichtet, indem sie der Polizei mit Barrikaden den Zutritt verwehrten. Laut Gesetz durfte kein Haus, das ein Dach hatte, zerstört werden, also bauten sie die Häuser des Nachts von oben nach unten, um die Behörden so am nächsten Morgen vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Die späten 1940er Jahre brachten die kommunistische Verstaatlichung größeren städtischen Grundbesitzes. Sie erfolgte unter dem Deckmantel revolutionären Eifers, der den Wunsch der neuen aufsteigenden Klasse verschleiern sollte, sich gewaltsam Zutritt zur städtischen Szene zu verschaffen. Während der folgenden vier Jahrzehnte ging es darum, zu behalten, was man hatte, und wenn möglich noch etwas dazuzugewinnen. Dies geschah offenbar nicht so sehr aus egoistischen Gründen, sondern im Interesse der eigenen Kinder, da eine Familie laut Gesetz eine Wohnung von maximal 120 Quadratmetern besitzen durfte (die kommunistische Mittelschicht setzte ihre Kinder sofort nach deren Geburt auf die Warteliste). Immobilienbesitz zu verkaufen schien völlig irrational, da die Funktion des Geldes eingeschränkt war und man sich nicht sicher sein konnte, ob man den Erlös wieder in Immobilien investieren durfte. Grundeigentum zu verkaufen galt als reiner Verlust und nur auf den Tauschhandel ließ man sich gerne ein.
(Immobilien-)Märkte im Lumpenkapitalismus
Nach 1989 wurde Sofia von einer neuen Immobilien-Leidenschaft erschüttert. Die Rückerstattung funktionierte ein wenig wie eine Lotterie, bei der entfernte Verwandte über Nacht reich wurden, andere in einer Art Punischer Kriege ihren Anteil zurückholen wollten und glänzende Jeeps vor schäbigen Häuserblocks auftauchten. Das Verfahren wurde mit Absicht kompliziert gestaltet und gab Rechtsanwälten die Möglichkeit, bis zu zwanzig Prozent des wiedererstatteten Eigentums in Rechnung zu stellen, während Erbstreitigkeiten dazu führten, dass teurer Grundbesitz im Zentrum der Stadt zunehmend baufällig wurde. Diese Erben waren nicht zwangsläufig aktiv und geschäftstüchtig, denn in der Regel handelte es sich um ältere Menschen, die das Regime zuvor abgeschoben hatte und die wenig Erfahrung mit dem öffentlichen Leben besaßen. In den 1990er Jahren war Sofia mit Blumenläden, Boutiquen und Kunstgalerien übersät, da man glaubte, dass sie die Träume eines humanen Nachbarschaftskapitalismus erfüllen würden. Die Privatisierung erschütterte die Stadt dann noch stärker. Aus Geldwäschegründen bedurfte es einiger deutlich sichtbarer Zeichen wirtschaftlicher Aktivität, so dass in der ganzen Stadt noch mehr Blumenläden, Boutiquen und Galerien aus dem Boden schossen. Eine unmittelbare Folge der Wende war die spontane Anpassung des sozialistisch geplanten Raums an den sich ausbreitenden Dschungel des Lumpenkapitalismus. Ein typisches Beispiel sind Garagen, die in Läden umgewandelt wurden. Diese haben zwangsläufig kein Warenlager und können daher nur eine äußerst begrenzte Auswahl an Artikeln anbieten; also bittet der Verkäufer den Kunden häufig zu warten, um schnell über die Straße zu laufen und den gewünschten Artikel anderswo zu besorgen. Dieser improvisierte Stil war weit verbreitet und selbst heute ist es in Sofia nicht möglich, ein Geschäft zu finden, das die angebotenen Schuhe in allen Größen auf Lager hat; normalerweise kauft man, was im Schaufenster liegt, das faktisch die Rolle des Warenlagers übernimmt.Überall sind Zeichen von "Architekturfolklore" zu erkennen: wo jemand ein Erdgeschoß in ein Büro oder ein Café verwandelt, Türen und Fenster im Block öffnet, die Fassade neu gestaltet, seinem Wohnort eine separate Treppe hinzufügt, sich mit einem hübschen kleinen Privatgarten umgibt, der vom gemeinsamen Garten durch einen Zaun abgetrennt ist. "Wilde Märkte" sprießen hervor, werden einige Jahre lang geduldet und schließlich mittels einer den VerkäuferInnen aufgezwungenen Besteuerung und Verwaltung reguliert. Einige Geschäftsleute bleiben, andere, abenteuerlustigere, ziehen weiter und schieben die Grenzen des Marktplatzes noch ein wenig weiter hinaus.
Ein solcher radikaler Markt findet sich heute im Flussbett des Perlovet (der faktisch ein Abwasserkanal ist), wo Secondhand- oder gestohlene Waren, gefälschte Marken und Raubkopien von Disketten im Schutz des Flussufers und, da das Zementbett des Perlovet in Flutzeiten tatsächlich unter Wasser stehen kann, außerhalb des normalen Stadtgebiets verkauft werden. Die bizarrsten kommerziellen Unternehmungen aber sind die so genannten Kauer-Läden, bei denen ein Keller als Geschäft (normalerweise für Zigaretten, Alkohol, Lebensmittel) genutzt wird und man sich niederkauern muss, um mit dem Verkäufer ins Gespräch zu kommen. Ein amerikanischer Freund von mir fotografierte diese Läden auf seiner Reise, so sehr faszinierte ihn die Möglichkeit, dass sich ein Käufer vor dem Verkäufer verbeugt. Könnte dies ein Überbleibsel des realen Sozialismus sein, in dem der Kunde von der Gnade des Lieferanten abhängig war?


Man füge dem Ganzen noch die spontane Privatisierung von Gehwegen hinzu, wie sie Restaurants mit Hilfe von Blumenkübeln vornehmen, und das Einfassen von Parkplätzen mit Ketten. Die Laissezfaire-Ideologie, die allen diesen Aktivitäten zugrunde liegt, ist mit dem Bedürfnis verbunden, die primitive Akkumulation von Kapital zu legitimieren, von der man annimmt, sie benötige weniger Vorschriften; doch seltsamerweise sollten sich diese Vorschriften als durchaus langlebig erweisen. Offenkundig werden solche Veränderungen als ein Zeichen von Korruption wahrgenommen: Die Stadtverwaltung von Sofia ist als korruptester Ort im ganzen Land bekannt. Und auch wenn die nachbarschaftliche Aneignung von Raum zu einigem Ärger und zu Übungen in nationaler Psychologie Anlass gibt, so sind es die größeren Umgestaltungen, die die Öffentlichkeit in Wut versetzen. Auf Plätzen, die zum nationalen Erbe zählen, werden hässliche þache Geschäftsbauten errichtet; der größte Skandal war der Abriss der Stadtbücherei, die dem Millennium Center weichen musste. Tankstellen wurden in Parks angesiedelt und machen die Sofioter AutofahrerInnen zu den bestversorgten des Landes. Die neuen Bauunternehmen praktizieren die so genannte Dach-Architektur, das heißt, sie schichten fünf vom Dach verborgene Stockwerke übereinander, um so verschiedene Vorschriften zu umgehen. Die Stadt gleicht einer riesigen Baustelle, denn mit dem EU-Beitritt wurde der Unternehmergeist durch das Anschwellen der Immobilienblase noch angespornt. Zu Zeiten des Kommunismus war die andauernde Bauaktivität eines der Leitmotive städtischen Lebens, das stets von Sandhaufen auf den Gehwegen, vom Dröhnen der Betonmischer und von den mit ihrem Bier herumsitzenden Bauarbeitern begleitet wurde. Jetzt werden die Baustellen abgeschirmt und die Arbeiter trinken ihr Bier bestimmt daheim, aber es finden sich sicherlich noch ein paar Straßen, wo gerade nichts gebaut wird.
Widerstand gegen Planung
Es gab verschiedene Versuche, Sofia einen Plan überzustülpen. Der umfassendste aus dem Jahr 1938 stammt von dem deutschen Architekten Adolf Mussmann, er wurde durch den einsetzenden Krieg hinfällig und später als faschistisch bezeichnet. Pläne aus der Zeit des Kommunismus werden häufig mit negativen Erinnerungen verbunden: Was für ein Glück, dass sie den monumentalen Palast der Sowjets gegenüber dem Haus der Partei nicht gebaut haben, wie gut, dass sie den zentralen Platz nicht vergrößert und den Palast nicht zerstört haben ... Während der Übergangsjahre nach 1989 wurde die Annahme von Plänen regelmäßig von Gruppierungen blockiert, die ihre eigenen Interessen verfolgten; und als sich der Stadtrat schließlich doch für einen Plan entschied, fiel dieser ziemlich vage aus – und überdies waren die wichtigen Entscheidungen bereits gefallen. Wie andere Balkanmetropolen, etwa Athen oder Istanbul, widersetzt sich diese Stadt der Planung. Reisende spüren dies sofort, wenn sie sich dem städtischen Chaos, den Autos auf den Gehsteigen, den noch den letzten Winkel besetzenden Werbeplakaten und der Architektur Marke Eigenbau gegenübersehen. Orientalische Elemente, die einst dem Kommunismus zum Opfer fielen, schleichen sich langsam über Restaurants, Musik und körperliche Verführung wieder ein. Zigeunerinnen, von einem Ort verjagt, tauchen an einem anderen wieder auf, und selbst die Pferde und Karren, die ich aus meiner Kindheit kannte, sieht man wieder auf den Straßen.Doch es wäre falsch anzunehmen, die Gestaltung der Wirklichkeit sei ein für alle Mal aufgegeben worden. Der natürliche Zustand Sofias ist nicht die Ruhe, sondern der ständige Wandel, unabhängig davon, ob er eine geplante Ordnung anstrebt oder sich dieser widersetzt. Der psychologische Gewinn, der mit einem solchen Zustand des ewigen Übergangs verbunden ist, besteht darin, dass man sein Schicksal niemals endgültig akzeptiert, dass man nie erwachsen werden muss. Wenn man aufhört, Wohnungen für sich selbst und seine Kinder zu bauen, die Toilette in einen Schrank verwandelt und den Balkon in eine Küche, erst verstaatlicht und nachher privatisiert – dann muss man sich seinem Platz in der Welt stellen und zu leben beginnen.
Es gibt keine Erinnerung und sämtliche Hinweise auf die unmittelbare Vergangenheit wurden sorgfältig entfernt. So wie die neuen MachthaberInnen nach der Befreiung mit den Moscheen verfuhren, so zerstörten die DemokratInnen Dimitrows Mausoleum und Touristenführer ersetzten die verbotene kommunistische Vergangenheit durch Hinweise auf römische Ruinen. Warum sollte die Erinnerung die Gegenwart in ihrer Freiheit beschränken, sich zu bewegen und sich selbst neu zu erfinden?
Ausländische FreundInnen sagen uns häufig, der Charme der Stadt beruhe gerade auf ihrer Unordnung, ihrem Schmutz, ihren chaotischen Arrangements, auf der Freiheit, die sie dem Einzelnen zugesteht, sein Haus zu streichen oder es nicht zu streichen, Rosen im Hof zu pflanzen oder Tomaten. Das Modernisierungsethos dürfte der Grund dafür sein, dass wir, die Ortsansässigen, eine solche Sicht normalerweise ablehnen, weil wir uns weigern anzuerkennen, dass das, was uns umgibt, möglicherweise real ist.
Sofia wächst und weiß Gott, ob es nicht bald drei Millionen Einwohner hat, es fließt ausweichend hinunter in den Südosten und den Berg hinauf, bringt hübsche turmartige Häuser und postmoderne Bürogebäude hervor und lässt den hässlichen nördlichen Teil der Stadt mit den einstöckigen Häusern, dem Elend, hinter sich, ja lässt sogar seine Friedhöfe im Stich. Die Stadt fließt, flieht vor sich selbst. Wenn die BürgerInnen sich verflüssigt haben, eine Zeit lang in Spanien oder Griechenland und dann wieder zu Hause arbeiten, wenn sie sich auf halbem Weg zwischen Dorf und Stadt befinden, zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus – was ist da anderes zu erwarten als eine fluide Stadt?
Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen redaktionell leicht bearbeiteten Auszug aus: Katrin Klingan, Ines Kappert (Hg.): Sprung in die Stadt. Chisinau, Sofia, Pristina, Sarajevo, Warschau, Zagreb, Ljubljana. Kulturelle Positionen, politische Verhältnisse. Sieben Szenen aus Europa, DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2006. Ein Projekt von relations, einem Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes.
- [1] Sehe Ivaylo Ditchev in: taz 30.04.2007, www.taz.de/dx/2007/04/30/a0173.1/text
- [2] Südlich des Balkangebirges gelegen gehörte Sofia geographisch zu Südbulgarien. Der größere Teil Südbulgariens fiel 1879 mit dem Berliner Kongress an das Osmanische Reich zurück. Die Entscheidung der Russen, Sofia zur Hauptstadt zu erklären – weit davon entfernt, historisch oder kulturell gerechtfertigt zu sein –, war ein Zeichen dafür, dass der Süden Bulgariens sowie Mazedonien als Teil des neuen slawischen Staates bestimmt waren.
- [3] Konstantin Galabov, "Psychology of the Bulgarian", in: Roumen Daskalov/Ivan Elenkov (Hg.), Why Are We What We Are?, Sofia 1994, S. 218.
Published 2007-05-25
Original in English
Translation by Nikolaus G. Schneider
First published in dérive 24 (2006)
Contributed by dérive
© Ivaylo Ditchev
© Eurozine








