Überlegungen zu einem Funktionswandel der Schrift
Kafkas Erzählung In der Strafkolonie stellt die Beschriftung eines Menschen als einen ebenso rätselhaften wie durchaus üblichen Vorgang dar. Sie wird wie alles Außergewöhnliche und Schreckenerregende bei diesem Autor lakonisch und fast ohne jeden Ausdruck von Entsetzen geschildert. In einem fremden Land führt ein Offizier einem Forschungsreisenden einen eigentümlichen Apparat vor. Dessen Aufgabe ist es, Verbrecher zu exekutieren. "Dem Verurteilten wird das Gebot, das er übertreten hat" mit einem komplizierten System von Nadeln "auf den Leib geschrieben". Die Strafe wird exekutiert, indem sich die "Inschrift im Körper vollzieht". Das Gebot wirkt also tödlich, nachdem es skriptural direkt auf den Menschen aufgebracht worden ist, der ihm gehorchen sollte, aber nicht gehorcht hat. Damit schwindet die Distanz zwischen dem Gesetz und dem, der ihm untertan zu sein hatte. Indem beide eins werden, wird der lebendige Leib zur Leiche; die Maschine beschriftet ihn zu Tode. Wer nicht an die Geltung des einen Gesetzes glauben mochte, muß bei einem Verstoß gegen dieses Gesetz buchstäblich dran glauben. Und zwar ohne Prozeß und ohne daß man ihm sagt, warum. Er "kennt sein eigenes Urteil nicht". Es wäre auch nutzlos, es ihm zu verkünden. Denn wer zu dieser Form der Todesstrafe verurteilt wird, entziffert die Schrift, wie es bei Kafka heißt, "mit seinen Wunden". Sein Urteil erfährt er als Inschrift auf seinem Leib. Seine Schuld wird ihm nicht weiter erläutert sie ist "immer zweifellos".
Es erscheint naheliegend, diese Erzählung als eine Furcht und Angst erregende Strafphantasie aufzufassen. Neben ihrer ungeklärten Schuldproblematik und neben der kaum nachvollziehbaren Verfahrensweise des Geschehens gerät dabei aber leicht die besondere Art der in ihr geschilderten Bestrafung aus dem Blick: die Beschriftung. Ist es nicht ganz und gar unvorstellbar, Menschen hinzurichten, indem man sie beschriftet? Würde damit nicht ein Tabu verletzt, das so tief reicht, daß es fast überall beachtet, aber meist nicht einmal explizit formuliert wird?
Denn es steht zu vermuten, daß in traditionalen und selbst noch in vielen industriellen Gesellschaften eine gewisse Scheu oder gar ein unausgesprochenes Verbot herrschte, Personen zu beschriften. Selbst die in vielen Kulturen bei Tätowierungen gewählten Muster sind entweder nur geometrisch und arabeskenhaft oder figürlich. Fast nie aber scheint es sich auch bei Primitiven um Schriftzeichen zu handeln. Bei ihnen dienen Tätowierungen meist als Schutz-, Zauber- und Drohmittel, sind Ausdruck eines Schmuckbedürfnisses sowie Stammes- und Rangzeichen. Insofern bildet die Eintätowierung der Blutgruppe (nicht des Namens) bei Angehörigen der SS auf der Unterseite des linken Oberarms keine Ausnahme. Makaber ist freilich, daß man auch KZ-Insassen ihre Häftlingsnummer auf den Arm tätowierte. Täter und Opfer waren mithin durch ihre Beschriftung aneinander gebunden und aufeinander verwiesen. Bei den einen führte sie letztendlich zu Zwangsarbeit und zur Vergasung, bei den anderen notfalls zur Lebensrettung, schlimmstenfalls zur Vereitelung einer Fahnenflucht, günstigstenfalls zur Pension. Doch völlig undenkbar wäre es selbst hier gewesen, die Beschriftung direkt als Exekution einzusetzen.
Welche Gründe mag es gehabt haben oder immer noch haben, daß man Menschen nicht beschriftete? Und was hat es zu bedeuten, daß die Scheu davor in den postindustriellen Gesellschaften des Westens ein Stück weit verschwunden ist? Denn außer der unseren scheint es keine Kultur zu geben, deren Angehörige zwar nicht unbedingt auf ihrer Haut, wohl aber auf ihrer Kleidung Schriftzeichen tragen. Zwar gilt auch bei uns die Schrift noch als riskant. Denn es gibt nicht gerade wenig Probleme im Umgang mit ihr, so etwa die immer noch zu beobachtende Kontaktangst beim Anblick von Formularen oder gar die Hemmungen angesichts von Fragebogen zur eigenen Person. Aber selbst wer sich in solchen Fällen mit dem Schreiben schwertut, hat oft keinerlei Bedenken, auf seiner Kleidung Schriftliches fixiert zu sehen.
Folglich wird mancher nicht einmal die Frage verstehen, was sich verändert haben könnte, wenn Menschen dazu übergehen, sich bereitwillig zu beschriften oder beschriften zu lassen. Noch weniger wird er darin das Symptom einer grundlegenden Einstellungsänderung gegenüber der Schrift erkennen, die sich offenbar in postmodernen Gesellschaften durchgesetzt hat.
Feinere Gemüter empfinden die Beschriftung von Menschen, und sei es auf ihren Kleidungsstücken, nach wie vor als ungut. Sie sehen darin eine Zurichtung zum Zwecke ihrer Verfügbarkeit. Historisch mag das seinen Grund darin haben, daß Soldaten (allen voran wohl die amerikanischen) die ersten waren, die ihre Namen außen auf den Uniformen, und zwar direkt auf ihrer linken Brusthälfte trugen. Gerechtfertigt wurde dies durch die egalitäre Forderung nach allgemeiner Gleichstellung aller Militärangehörigen sowie durch die libertäre Forderung, jeden Soldaten identifizieren und individuell ansprechen zu können. Das brachte davor keine andere Armee fertig.
Nach ihren Ursprüngen im Militär entwickelte sich die Beschriftung von Personen weiter über den Sport. Mit seiner unverhältnismäßig raschen weltweiten Ausbreitung innerhalb weniger Jahrzehnte scheint er ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Einfallstor der Beschriftung von Menschen gewesen zu sein. In den zunehmend internationaler werdenden Wettkämpfen der Einzeldisziplinen sowie im zuweilen unübersichtlichen Mannschaftssport erschien es sinnvoll, die Sportler nicht mehr nur durch die Farben ihrer Trikots, sondern darüber hinaus zunächst durch Nummern, später auch durch Namen zu kennzeichnen. Da sich dem Sport vor allem junge Menschen widmeten, brachte man die Menschenbeschriftung von Beginn an fast zwangsläufig mit Sportlichkeit und Jugendlichkeit in Verbindung. Die Beschriftung erwies sich zudem als praktisch, weil sie die kultische Verehrung berühmter Idole erleichtert.
Ausgangspunkt der Namensnennung auf Sporttrikots waren offenbar wiederum die Vereinigten Staaten. Denn amerikanische Colleges und Universitäten waren die ersten, die ihre Sportler mit den eigenen Wappen und später zusätzlich mit Namen auf ihrer Bekleidung ausstatteten. Diese Art der Kennzeichnung setzte sich in den USA rasch auch bei außeruniversitären Vereinen sowie bei deren Anhängern durch und griff dann auf andere Länder über. Beschriftete Pullover und T-Shirts des American Football wurden zu einer Mode, die weltweit ebenso populär wurde wie das Tragen beschrifteter Basecaps. Beides ist um so erstaunlicher, als es sich hier um Accessoires amerikanischer Nationalsportarten handelt, von denen außerhalb der USA kaum jemand begriffen haben dürfte, wie sie funktionieren.
Jugendliche überall auf der Welt tragen inzwischen die Insignien und Schriftzüge von Vereinen, von deren Existenz sie so gut wie nichts wissen, deren Sportarten sie nicht verstehen und die sie in aller Regel auch nicht unterstützen können. Es genügt ihnen, sich auf diese Weise mit ihnen zu identifizieren. Dies geschieht durch eine emotionale Vermischung von Sportlichkeit, Jugendlichkeit und Amerikanismus, die offenkundig problemlos funktioniert, weil ihre Verbreitung über den Sport unbedenklich und harmlos erscheint. Mit naiver Begeisterung wird dabei die Beschriftung von Kleidungsstücken so selbstverständlich in Kauf genommen, daß schon die Frage nach ihren Gründen auf Unverständnis stößt. Und das, obwohl sie eine ästhetisch auffällige, aber bisher trotz ihrer weltweiten Verbreitung kaum beachtete Änderung im Erscheinungsbild heutiger Menschen darstellt.
Der Einwand, es handle sich hier nur um eine Mode, greift zu kurz. Denn Moden sind stets mehr als nur Moden. In ihnen kommt das Lebensgefühl einer Zeit zum Ausdruck. Und dieses Gefühl tritt nicht zufällig zutage. Moden sind durchaus keine nichtssagenden Oberflächenphänomene, auch wenn (und gerade weil) sie vielfach Oberflächen markieren und ihnen kurzfristig Signalwirkung verleihen. Zwar folgt ihnen jeder freiwillig, aber diese Freiwilligkeit erscheint im allgemeinen als so attraktiv, daß sie rasch nachgeahmt wird und bald fast wie verordnet wirkt. Daher endet die Mobilisierung, die Moden nach sich ziehen, stets in einer Art sanftem Zwang zum Konformismus. Ihr Kennzeichen ist eine besondere Mischung von individueller Aufmerksamkeitserregung und sozialer Zurichtung.
Der Reiz des Innovativen, den sie auf Dauer stellen, darf sich nicht abnutzen und muß sich daher immer wieder selbst überbieten. Folglich konnte Walter Benjamin sie bestimmen als "ewige Wiederkehr des Neuen". Diese treffende Formulierung verweist auf den mit jeder Mode gegebenen Drang zu originell erscheinender Selbstdarstellung und Eigenwerbung. Beide unterliegen einem Zwang zu permanenter Erneuerung, damit ihre Träger fortwährend Aufmerksamkeit gewinnen und nicht am Ende antiquiert wirken. In jeder Saison muß etwas anderes her, und sei die Veränderung noch so minimal. Denn erst die Abweichung vom Bekannten sichert erhöhte Aufmerksamkeit und verschafft die erwünschte Distinktion.
Welche besondere Bedeutung dabei der Schrift zukommt, zeigt sich seit einigen Jahrzehnten an den nach außen gewendeten Markenzeichen auf Klei dungsstücken. Die Etiketten von Hüten, Mänteln, Jacken und Hosen, ja selbst von Unterwäsche, die bis vor etwa dreißig Jahren unter der Oberfläche der Stoffe verborgen blieben, treten mittlerweile nach außen. Sie werden immer häufiger direkt auf die Kleidung aufgenäht. Daran wird deutlich, wie sehr sich im Bewußtsein der Menschen das Verhältnis zur Welt der Waren und ihrer Schriftzüge geändert hat.
Kaum jemand käme zwar auf die Idee, sich selbst als Ware zu begreifen, bloß weil er deren Markenzeichen für jedermann sichtbar trägt. Immerhin aber meinen die Leute, sich auf diese Weise mit einem Prestigegewinn schmücken zu können. Ihr Konsumverhalten dient ihnen zur Suche nach etwas Besonderem. Keineswegs haben sie das Gefühl, daß die Verkaufsstrategien von Konzernen ihr Leben bestimmen oder daß sie sich ihnen unterwerfen. Nein, sie sehen in den Markenzeichen, die sie tragen, einen Zugehörigkeitsausweis zu gehobenen Konsumentenschichten. Die Beschriftung ihrer Kleidung dient ihnen, wie sie meinen, als Erkennungsmerkmal von etwas Besserem oder zumindest von etwas Anderem. Sie sind ganz einfach wer, weil außen was auf ihnen draufsteht. Und das kommt ihnen alles andere als merkwürdig vor, selbst wenn sie in der Öffentlichkeit zuweilen fast wie Litfaßsäulen wirken. Menschen treten also durch ihre Beschriftung als Werbeträger hervor und vermarkten bestimmte Produkte. Bemerkenswert ist, wie achtlos sie dies tun. Der Werbung gegenüber herrscht offenbar eine weitgehende Indifferenz. Umstandslos wird sie eben als Werbung zur Schau getragen.
Dies zeigt sich vor allem an einem Kleidungsstück, das wie keines zuvor die Mode der Beschriftung von Menschen weltweit durchgesetzt hat, am T-Shirt. Das T-Shirt ist mehr als nur ein Gebrauchsartikel der Freizeitkultur. Es signalisiert Nähe zu Jugendlichkeit und Sport sowie Distanz zur Arbeitswelt. Es ist geschlechtsindifferent, kann also problemlos von Männern wie Frauen getragen werden. Obwohl es von seinem Ursprung her jugendlich wirkt, wird es mittlerweile von Angehörigen fast aller Altersgruppen getragen. Und es ist vor allem eins: billig. Jeder kann es sich leisten. Trotzdem muß, wer es trägt, nicht fürchten, als billig zu gelten, also der Unterschicht zugerechnet zu werden. Er darf sich vielmehr einer Sphäre zugehörig fühlen, die von ihrem Anspruch her soziale Unterschiede entkonturiert, ja die Klassenschranken für nichtexistent erklärt. Und gerade dies Informelle des mit den T-Shirts etablierten Kleidungsstils scheint dessen Attraktion auszumachen.
Kein Wunder, daß es sich bestens als Werbeträger eignet. Dies gilt um so mehr, seit man herausgefunden hat, wie leicht es zu bedrucken ist. Alle möglichen Markennamen oder Warenzeichen werden auf ihm unters Volk gebracht. Wie einwandsimmun das vor sich geht, erweist sich dort, wo bestimmte Schriftzüge die Signets von Produkten parodieren sollen. So etwa wenn "Kultur" mit denselben Schrifttypen gestaltet wird wie "Coca Cola". Gelegentlich äußert sich ein Rest von schlechtem Gewissen in den schalen Witzen, die man auf Kleidungsstücken zu lesen bekommt. Nicht selten sollen sie als Protest gegen die Übermacht der Werbung aufgefaßt werden. Doch sie bleiben ebenso hilflose wie ohnmächtige Versuche, sie zu denunzieren. Wenn die Reklame den Menschen buchstäblich auf den Leib rückt, wird deutlich, wie ihre Sprüche noch im Protest gegen sie die Oberhand behalten. Man richtet sich eben mit ihnen ein, und zwar so sehr, daß man nur schwer noch auf sie verzichtet. Unser Alltag ist mittlerweile, ohne daß uns dies noch sonderlich auffällt oder gar stört, fast rundum überzogen von einer Schicht aus schriftförmigen Werbemaßnahmen. Wer sich leeren Flächen konfrontiert findet, die nicht mit Schriftzügen bedeckt sind, die für irgend etwas Reklame machen, der verspürt fast schon einen Horror vacui.
Sehr oft verraten die Beschriftungen auf den T-Shirts vorgeblich hemmungsloser Witzbolde eine gewisse Unsicherheit ihrer Träger hinsichtlich ihres sozialen Status. Sie verrät sich durch gewollt lustige Zugehörigkeitsbehauptungen, früher besonders gern durch die Nennung der Namen von Gefängnissen. So las man eine Zeitlang recht häufig, diese Hemden seien "Eigentum von Alcatraz". Oft tauchen auch die Insignien berühmter Sportvereine auf. Das aber ist keineswegs immer als Zeichen einer Mitgliedschaft oder gar als weitergehende Verpflichtung auf diese Vereine zu verstehen. Nein, in der Kultur der T-Shirts geht es meist eher darum, die Blicke anderer auf sich zu lenken, statt sich auf eine konkrete Unterstützung zu verpflichten.
Es gibt T-Shirts nicht zuletzt auch als Mitbringsel von Reisen. Mit ihnen verbindet sich ein gewisser Exotismus; denn niemand käme auf die Idee, seinen Besuch in der Drosselgasse durch Tragen eines entsprechenden Kleidungsstücks unter Beweis zu stellen. Die Namen von Touristenorten sollen nicht immer nur Weltläufigkeit demonstrieren, sondern die genannten Orte werden zuweilen durchaus auch makabrem Humor preisgegeben. So heißt es etwa: "Besucht Venedig, bevor es im Meer versinkt".
So gut wie nie findet sich auf T-Shirts eine individuell zurechenbare Aussage, für die ihr Träger als Person einsteht. Allenfalls in versprengten Randgruppen des politischen Spektrums stößt man noch auf politische Parolen. Wer wirklich etwas will, so wird unterstellt, der macht sich lächerlich oder unglaubwürdig, wenn er sich auf seinem T-Shirt dazu bekennt. Am besten kommt ein wegwerfender Gestus an, der irgend etwas ins Blaue hinein proklamiert. Er ist meist nicht im Ernst ironisch, sondern tut nur so, als wäre er es. In dieser merkwürdig präpotenten Sprache gibt es jede Menge unsinniger Verlautbarungen, aber kaum eine konkrete Anrede anderer, die sie als Gesprächspartner nachhaltig einzubinden sucht.
Zuweilen stehen auf T-Shirts auch Anzüglichkeiten, also ausgesprochen fetzige oder verdeckt obszöne Sprüche, zum Beispiel "Schicken ist fön". Auffallend ist zudem eine Tendenz zur Paradoxierung, die witzig sein soll. So etwa in Formulierungen wie "Zoo York" oder "Trash". Generell dienen hier wie in anderen Lebensbereichen die Subkulturen amerikanischer Großstädte als Ideenlieferanten. Nach ihrem Vorbild formt sich dann bei uns rasch allerlei provinzieller Biedersinn, der eher platt als witzig wirkt und dessen öde Sprüche kaum zu denken geben.
Schrift ist heute überall präsent. Doch ihre Allgegenwart erhöht nicht ihre Dignität, sondern vergleichgültigt sie. Durch ihre ubiquitäre Präsenz schwindet die Hochachtung vor ihr. Über Jahrhunderte hinweg blieb Geschriebenes nur den exklusiv Wissenden und Erkennenden, also den Priestern, Beamten und Gelehrten vorbehalten. In der Neuzeit, vollends jedoch in der Postmoderne begründet und erzwingt die Verschriftlichung aller Lebensverhältnisse eine allgemeine Alphabetisierung. Wer es nicht zum Lesen und dann auch noch zum Schreiben bringt, der gehört einfach nicht dazu.
Läßt sich die auf T-Shirts aufgebrachte Schrift vielleicht als Protest gegen solch exklusiven Zwang interpretieren? Handelt es sich hier um den Ausweis einer offensiven Entkulturierung, ja eines neuen, scheinbar unbekümmerten Illiteratentums? Steckt darin wenn nicht Widerstand, so immerhin Obstruktion gegen eine allgemein geforderte schriftfixierte Sozialkompetenz? Will man sich der disziplinierenden Macht einer standardisierten (und folglich auch standardisierenden) Schrift nicht mehr dauerhaft unterworfen fühlen? Weigert man sich also, weiterhin Hochachtung oder gar Angst vor ihr zu haben? Und das gerade dann, wenn man ihrer nicht sonderlich mächtig ist? Oder sind dies am Ende nur Fragen, die sich Sozialpädagogen stellen?
Beim wegwerfenden Umgang mit Schrift kommt es nicht mehr darauf an, daß jemand zuvor den Übergang vom Lesen zum Schreiben geschafft hat. Sobald er auf seinem T-Shirt Geschriebenes am Leib trägt, signalisiert er, auch wenn das nicht stimmen kann, es könnte von ihm sein. Und dies um so mehr, je gleichgültiger es ihm in Wahrheit ist. Gerade wer das Schreiben nicht allzugut beherrscht, kann sich mittlerweile zum Herrn über die Schrift aufschwingen, indem er sie ostentativ an sich herumträgt und ihr auf seiner Kleidung einen oft nichtssagenden Wert zumißt. Häufig genug bedient er sich dabei gewollt provokanter Verstöße gegen die Orthographie. Schrift erscheint diesem herabsetzenden Gestus nicht als gehobenes Kulturgut, sondern sie wird ostentativ verhöhnt beziehungsweise erniedrigt zum Trash. Man empfindet sie als allgegenwärtigen verbalen Sondermüll. Diesem Schriftmüll begegnet man mit scheinbar unüberbietbarer Gleichgültigkeit. Der Sprache als Schrift wird unter solchen Verhältnissen keine oder eine nur geringe weltaufschließende Macht zugemessen.
Bei dieser regressiven Indifferenz der Schrift gegenüber kommt es nicht mehr darauf an, ob Personen beschriftet werden oder Sachen. Wo alles beschriftet ist, können es auch Menschen sein. Und darf man nicht vermuten, daß die Hemmung vor solch offensiver Einebnung des Unterschieds von Personen und Sachen in traditionalen wie industriellen Gesellschaften die Beschriftung von Menschen verhindert hat?
Eine beinahe ebenso offensive Einstellung zur Schrift zeigt sich, wo sie zur Sachbeschädigung eingesetzt wird wie in den Graffiti. Graffiti haben sich seit Beginn der siebziger Jahre fast zeitgleich durchgesetzt mit der Beschriftung von Kleidungsstücken. Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei ihnen um territoriale Markierungen durch Jugendliche an herausgehobenen Stellen im Raum der Öffentlichkeit. Sie wurden zunächst mit Filzstiften aufgetragen, dann in glatte Oberflächen geritzt und schließlich mit Spraydosen gesprüht. In ihrer Destruktivität sind sie meist vollkommen sinnlos und nutzlos. Sie füllen ganz einfach leere Flächen mit, wie es scheint, wilden Schmierereien. Doch obwohl sie aggressiv unleserlich sind, sind sie nicht einfach bloß pubertäres Gekritzel. Denn sie halten sich, wo sie nicht, selten genug, figurale Darstellungen bilden, an die Schrift; die bleibt, auch wenn die Graffiti kaum zu entziffern sind, ihr Medium und ihre Norm. In der jugendlichen Subkultur der Sprayer wäre es undenkbar, Wandflächen oder öffentliche Verkehrsmittel ausschließlich mit ornamentalen statt mit skripturalen Elementen zu versehen. Warum?
Graffiti stellen meist nur Eingeweihten bekannte individuelle Signaturen ihrer Urheber dar. Ihren Ursprung und ihre bis heute größte Verbreitung haben sie in Form sogenannter Tags. In der Subkultur versteht man darunter schwer zu entziffernde skripturale Kürzel, die wie Paraphen wirken. Ihr geheimes Ideal ist eine ebenso anarchische wie repetitive und stereotyp verkürzte Individualschrift. Wo immer gerade noch Platz ist, setzt eben jeder Writer, Scratcher oder Sprayer seine Signatur. Und dabei gilt: Je bunter und elaborierter, desto besser. Eine starke Binnenorientierung der Tags an Gruppen zeigt sich daran, daß es lange verpönt war, die Kürzel anderer zu überschreiben. War ein Objekt mit Graffiti versehen, galt es als "gebombt", konnte also nicht erneut von einem anderen Sprayer durch Beschriftung beschädigt werden. Als gruppenintern bekannte, aber strikt nur Einzelnen zuzuordnende Geheimzeichen beförderten Graffiti von Anfang an die Bandenbildung. Und die tritt möglicherweise verstärkt auf, seit Graffiti (wie durch die deutsche Strafrechtsänderung von 2005) unter erhöhte Sanktionsdrohung gestellt sind. Denn damit steigert sich für jedes Bandenmitglied der Reiz der als Fame bezeichneten Reputation bei anderen Sprayern durch schwierige oder gefährliche Einsätze.
Auffallend ist, daß es, abgesehen von der Zunahme rechtsradikaler Sprüche im provinziellen Osten Deutschlands, in den Großstädten des Westens so gut wie keine an Wände geschriebenen politischen Parolen mehr gibt. Auch die öffentlich bekundeten pubertär denunziatorischen Liebeszeugnisse früherer Zeiten sind mittlerweile ebenso verschwunden wie die meisten Klosprüche oder die verdeckt moralischen Maximen des Alltags. Undenkbar, daß noch auf einem Bauwagen stünde "Wer hupt, hat unrecht" oder gar "Macht kaputt, was euch kaputtmacht". Fast überall sind neben vergleichsweise wenigen figuralen Zeichnungen kurze, für Nicht-Eingeweihte unergründbare Buchstabenfolgen an die Stelle von Worten oder gar ganzen Sätzen getreten.
Obwohl sie sich fast zeitgleich entwickelt haben, gehören Graffiti einer anderen Welt an als die Schrift auf der Außenseite von Personen. Kaum jemand käme auf die Idee, T-Shirts mit Graffiti zu versehen. Nein, persönliche Signaturen in Form kaum zu entziffernder Schriftzeichen müssen an Wände geschrieben werden, nicht auf die Oberfläche von Kleidungsstücken. Und umgekehrt würde heute niemand die Slogans von T-Shirts auf U-Bahnwag gons oder Brücken malen oder sprühen. Darin herrscht in den Subkulturen Konsens. Aber warum? Wird hier nicht am Ende nach wie vor ein Unterschied gemacht zwischen Personen und Sachen?
Namensschilder, wie sie Menschen heute unter bestimmten Bedingungen zu tragen genötigt sind, haben für viele noch immer etwas von anstaltsförmiger Zurichtung und institutionellem Zwang. Vor allem ältere und sensiblere Zeitgenossen, die diese Schilder bei Tagungen oder auf Kongressen tragen müssen, empfinden das nach wie vor als lästig oder gar zudringlich. Sie neigen dazu, sich für diese Etikettierung zu entschuldigen. Die meisten von ihnen überlassen solche Namensschilder lieber Soldaten, Sportprofis oder dem Dienstleistungspersonal.
Doch was mögen die Gründe dafür gewesen sein, daß man in der Vergangenheit Menschen ganz einfach nicht beschriftete? Vielleicht ahnte man mehr oder weniger halb bewußt, daß dies einem Durchgriff auf ihr Selbstverhältnis gleichkam, also auf ihre unabschließbare innere Lebendigkeit und Bewegtheit. Die war offenbar mehr als die bloße Spiegelung eines Ich in einem Selbst, wie uns manche glauben machen wollen. Wußte man vielleicht schon seit jeher, daß sich Reflexivität nicht stillstellen läßt durch Schriftzeichen? Oder argwöhnte man, daß das, was diese Zeichen an einer Person bezeichnen sollen, in ihnen nicht aufgeht?
Solche Ahnungen und solches Wissen führten in der Theorie zu den nicht enden wollenden Schwierigkeiten im Begriff des Namens. Der nimmt eine durchaus zweideutige Stellung ein. Namen können ebenso prägnant sein wie nichtssagend. Denn ein Name tut genau das, was er nicht soll; er trennt die Person von ihr selbst, schafft eine uneinholbare Distanz in ihrem Selbstverhältnis. Er attribuiert ihr etwas vorgeblich ganz Eigenes, das ihr indes notwendig immer auch äußerlich bleibt, weil es jedem anderen zugesprochen werden könnte und nicht selten auch zugesprochen wird. Der Name markiert damit eine Grenze der Sprache. Sie, die in allem daheim zu sein scheint (wenn es denn zur Sprache kommt), paßt gerade nicht recht oder nur unzureichend auf den Menschen. Er, der als ihr Hüter auftreten kann, wenn er es gut mit ihr meint, geht selbst nicht in sie ein oder vielmehr: Er geht nicht ganz in sie ein. Keine bloße Zuweisung von Namen zu Menschen oder von Menschen zu Namen kann die Bedeutung beider voll und ganz einfangen. Wenn also Namen, wie Jacques Derrida bemerkt hat, Randbestimmungen der Sprache sind, dann gehören sie zwar zu ihr, aber auch wieder nicht.
Stärker noch als die Sprache verführt die Schrift zu der Illusion, Namen träfen ganz und gar auf diejenigen zu, die durch sie benannt werden. Denn weil die Schrift dinghafter ist als die Sprache, scheint man mit ihr Namen leichter festhalten zu können. Doch selbst in ihrer Schriftform sind Namen von den durch sie Bezeichneten immer auch ablösbar. Und gerade weil das so ist, führen Namen zu den hartnäckigsten und kaum zu behebenden verbalen Fehlstellungen. Denn wo Sprache und Schrift namentlich werden, halten sie auf Dauer genau das nicht fest, was sie festhalten sollen.
Mehr noch als die Sprache ist die Schrift auf Allgemeines aus. Vor allem seit der Erfindung des Alphabets geht sie über das sachlich Vorzufindende hinaus auf etwas Ideelles, auf Universalisierungen, auf Gedanken. Ihre im Vergleich mit einfacheren Notationssystemen unvordenkliche Abstraktheit erhebt sie allem Anschein nach über das Einzelne. Im Gegenzug soll, was beschrieben und vollends was beschriftet wird, intentional zumindest, gerade als Einzelnes sein, was es ist und wie es ist. Und zwar auch dann, wenn genau das nicht geht (oder wenn es nicht genau genug geht). Denn Namen sind und machen, was sie bezeichnen, sowohl allgemein, wie sie es vereinzeln. In der Aufschrift des Namens treten beide Aspekte auseinander. Sie legt zwar fest, wie einer heißt, und zeigt es allen. Doch genausogut könnte jeder andere ebenso heißen.
Ihrem Anspruch nach sollen Namen nicht altern. Sie stehen über der Lebenszeit wie über der Biographie; beide kommen in ihnen direkt nicht vor. Folglich scheinen Namen tendenziell unveränderlich. Doch dieser Anspruch ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Denn gerade auch Namen entgehen nicht der alles Lebendige durchwirkenden Dialektik von Sein und Heißen. Sie können kaum abschließend feststellen, was sie festzuhalten behaupten. Also müssen viele Namen, auch wenn die Schrift sie festzustellen sucht, immer mal wieder geändert werden.
Um dagegen seine Unveränderlichkeit potenziert zur Geltung zu bringen, ist der Gott der Juden ohne Namen. Er sagt von sich: "Ich bin, der ich bin." Oder "Ich bin, der ich sein werde." Damit paradoxiert er sich über die Zeit hinweg, und zwar in der Zeit. Daß er namenlos bleiben soll, hat nicht bloß zur Folge, daß sein Name nicht auszusprechen, also auch nicht anders als durch das unaussprechbare Tetragrammaton "Jhwh" zu verschriften ist, sondern vor allem daß er einer Festlegung, ja sogar dem Wechsel entzogen ist. Der Name Gottes kann weder festgestellt werden noch sich ändern. Er ist über allem. Weil Namen vor allem in ihrer Schriftform stets auch bildhafte Qualität gewinnen und besitzen können, ergibt sich daraus zwingend, daß man sich von diesem namenlosen Gott kein Bild machen soll und darf.
Dies ist die wohl größte Weisheit einer Schriftreligion: Sie läßt ihren Gott ohne Namen und versagt ihm damit auch dessen Verschriftung. Seine Namenlosigkeit und unbeschreibliche Unabbildbarkeit bedingen einander. Würde sein Name, so glaubt man zu wissen, leisten, was er nicht leisten kann, so wäre er das Zeichen eines Einzigen, und zwar ein Bildzeichen. Als solches aber wäre er ein Idol, das jedem Götzendienst offen stünde. Jeder Name würde den lebendigen Gott einfangen, festlegen und vereinseitigen, ihm die Macht nehmen, hinaus zu sein über alle Bestimmungen, die von ihm zur Sprache gebracht werden können. Die Namenlosigkeit des jüdischen Gottes dient mithin einer Potenzierung seiner Macht durch die Behauptung ihrer fortdauernden Unbestimmbarkeit, ja Unerreichbarkeit. Gleichzeitig bietet sie diesem Gott, der nicht zu bestimmen ist und unerreichbar bleibt, die unumschränkte Freiheit, stets auch anders zu sein, mithin eine Art innerer Unendlichkeit zu besitzen.
Einen interessanten Ausweg aus diesem Problem hat der Islam gefunden. Seine Konzeption des Monotheismus verbietet zwar nicht die Nennung des Namens Gottes, wohl aber dessen figürliche Darstellung. Aus diesem Verbot folgert der Islam ein generelles Darstellungsverbot von Kultfiguren. Doch wo es keine figürlichen Darstellungen geben darf, weist die Schrift einen Ausweg. Denn sie kann so konfiguriert werden, daß sie an deren Stelle tritt. Dies geschieht, indem die Schrift in kultischen Zusammenhängen die Form des Ornaments annimmt. Wenn der Koran als geoffenbarte Schrift des einen Gottes selbst sakrale Qualität besitzt, kann die Schrift durch ihre religiöse Wendung zum Ornament sozusagen sekundär sakralisiert werden, ohne damit bloß dekorativ zu sein. Auf diese Weise umgeht und verstärkt sie das Bilderverbot, das ja in jeder seiner Formen eine Intensivierung der Schrift betreiben sollte. Die Auflösung der Schrift ins Ornamentale ist im Islam mehr als nur Dekor und keineswegs bloß deren Regressionsform. Gerade vor dem Hintergrund des Bilderverbots erscheinen die Arabesken der Schrift im religiösen Kontext weder vegetabilisch noch nur geometrisch oder bloß konstruiert. Jenseits des Dekorativen verweisen sie auf ein Geistiges, das den Menschen wesentlich ist, nicht auf etwas primär Naturhaftes. Das verbotene Bild des einen Gottes erscheint hier sozusagen umschriftet.
Kaum irgendwo erfährt man mehr über die Menschen als beim Blick auf ihre Götter. Denn von den Göttern läßt sich lernen, wie es mit den Menschen steht. Doch auch für sie gelten Darstellungsverbote. Die reichen bis in die Niederungen der alltäglichen Kommunikation. Dort wirken sie allerdings auf einer Metaebene eher umgekehrt als Gebote, durch die bestimmte sprachliche Darstellungsformen ausgeschlossen werden sollen.
In der Rhetorik gibt es die Stilfigur des "argumentum ad hominem". Mit ihr macht jemand einen Anwesenden zum Gegenstand einer These. Dies, so wird unterstellt, sei unzulässig, weil es notwendig zu Fehlschlüssen führe. Denn ein auf nur eine Person bezogener Umstand beeinträchtige den allgemeinen Wahrheitsgehalt der Argumentation. Aber nicht nur dank ihrer eingeschränkten Wahrheitsfähigkeit gilt diese Stilfigur als unzulässig. Verpönt ist sie auch, weil sie vor allem in mündlicher Rede als extrem unhöflich und zudringlich empfunden wird. Kaum sind mit ihr lähmende Idealisierungen oder fruchtlose Streitereien zu vermeiden. Denn in beinahe jedem "argumentum ad hominem" steckt eine Ablenkung von der Sache.
Wer "ad hominem" argumentiert, arbeitet mit einer Zuschreibung, die selten entfernt ist von Schleimerei oder Herabsetzung, Schönrednerei oder Kränkung. Als unwahrhaftig gilt sowohl eine schillernde Schmeichelei wie eine (sei es noch so verdeckte) Schuldzuweisung. Im Vordergrund steht beide Male eine Person und nicht die Auseinandersetzung mit einer Sache. Unumwundene Schmeicheleien wie direkte Schuldzuweisungen gelten als taktlos, weil sie schützende Distanzschranken aufheben. Sie kleben einer Person Etikettierungen auf, die sie oft kaum mehr loswird. Wenn solche Etikettierungen einer vielleicht veralteten Auffassung gemäß schon im sprachlichen Umgang verletzend wirkten, so mußte dies noch stärker gelten in der direkten Anwendung der Schrift auf einen Menschen.
In der alltäglichen Kommunikation besteht eine der subtilsten Kränkungen darin, über jemanden in dessen Anwesenheit zu reden, ohne ihn als Gesprächspartner einzubeziehen. Man spricht dabei einen Menschen an, ohne ihn anzusprechen. Man macht ihn auf diese Weise zum Thema, aber doch mehr noch zur Unperson oder gar Sache, denn man schließt ihn zwar als Zuhörer ins Gespräch ein, schließt ihn aber zugleich als Teilnehmer aus der Unterredung aus. Man depersonalisiert ihn gleichsam, während er doch als Person nach wie vor präsent ist. Aus Erfahrungen dieser Art speist sich wohl das allgemeine Unbehagen an sprachlichen Transitivierungen.
Es sperrt sich gegen den feststellenden Zugriff der Sprache, der noch stärker durchgreift, wenn sie sich der Schrift bedient. Paulus brachte diesen Gesichtspunkt zur Sprache, als er schrieb (!) : "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig." Mit diesem oft zitierten Satz bezeichnete der Apostel die mortifizierende Macht der Schrift. Er stützte sich dabei auf die Idee, das geschriebene Gesetz der Juden sei unfähig, für den Einzelmenschen als Heils- und Lebensnorm zu gelten. Der Starrheit und Strenge abgelebter religiöser Gesetzestexte solle der lebendige Geist des Glaubens gegenübertreten. Und der sei durch schriftliche Fixierung allein nicht zu fassen und vor allem nicht zu halten.
Das nahm eine zentrale Konzeption des europäischen Individualitätsdenkens vorweg. Ihm galt das Wesen der Person als unsagbar. Das "individuum est ineffabile" ist eine Bestimmung, die immer wieder als Merksatz der scholastischen Philosophie angeführt wird, ohne jedoch in ihr nachweisbar zu sein. Wenn das Individuum im Wesentlichen nicht zu sagen sein sollte, dann war es schon gar nicht zu beschriften. Unsagbarkeit und Unbeschreibbarkeit umgaben es wie ein schützender Kokon. Seine unabschließbare, also eingeschränkte sprachliche Erkennbarkeit schloß die Unmöglichkeit ein, es zutreffend zu beschriften. Es war, was es wurde, und nicht, was man von ihm hätte behaupten und außen auf es draufschreiben können.
Im 18. Jahrhundert kam es zu einer bis dahin unvorstellbaren Globalverschriftung der Welt. Die schien einen Zusammenhalt alles nur Denkbaren, Vorfindbaren, Vergangenen und Zukünftigen in dem einen Notationssystem der alphabetischen Schrift zu garantieren. Und das trat vorzugsweise als Buch hervor. Seit dem 20. Jahrhundert entstanden durch einen zuvor nicht gekannten technischen Fortschritt die neuen Medien einer digitalen Verschriftung in Verbindung mit elektronischen Speichertechniken. Durch sie fand die Schrift Eingang in einen übergreifenden Datenverbund. Der ging hinaus über die schon mit den Buchstaben und dem Alphabet gegebene partialisierende und partialisierte Auflösbarkeit und Rekombinierbarkeit von Schriftzeichen. Mit dem Alphabet war bereits ein enormer Abstraktionsgewinn erreicht gegenüber einfacheren, also notwendig konkretistischeren Zeichensystemen wie Bildsequenzen oder Knotenschnüren.
Seither wird die Geschichte der Schrift bestimmt von ihrer zunehmenden Abstraktheit. Die verläuft von der alphabetischen Schrift über die mathematische hin zur digitalen. Die Schrift wird dabei immer "leerer". Sie ist da und doch nicht ganz da. Diese neue Schrift ist überall gleichzeitig: Sie scheint uferlos in ihrer Verbreitung und schier unabschließbar zu sein. Längst hat sie sich vom Druck gelöst. In ihrer kulturell vorherrschenden Form tritt sie nicht länger primär als Manuskript oder Brief, als Zeitung oder Buch in Erscheinung, sondern in Form von Daten.
Die neue Schrift aus Bits und Bytes ist ganz und gar unanschaulich und verbürgt doch zum Schein alle Anschaulichkeit dieser Welt. In ihr, die mittlerweile fast alles Wirkliche durchdringt, erscheint nichts mehr unumwunden als wirklich. (Und genau das meint der leicht irreführende Ausdruck, sie sei "virtuell".) In der Sukzessivität der Schrift blieb ihr Zusammenhalt noch angewiesen auf ein zeitlich erfahrbares Nacheinander. Das Geschriebene mußte notwendig in einer geregelten Folge in Erscheinung treten und wahrgenommen werden. Mit der elektronischen Verdatung der Welt entsteht der Schein eines jederzeitigen und ubiquitären Zugleich alles je Aufgezeichneten. Seinem Anspruch nach soll es überall und immer abrufbar und verfügbar sein. In ihm wird einer der wichtigsten Unterschiede zwischen allen vorherigen Notationssystemen eingeebnet, der zwischen Buchstaben und Zahlen. Beide werden auf einer Ebene abgebildet. Doch damit nicht genug, auch die Differenzen zwischen Schriftzeichen und Bildern, ja sogar zusätzlich die zwischen Noten und Tönen verschwinden.
Das neue Notationssystem ist nicht länger gebunden an singuläre Zeichenträger, wie sie Bücher selbst dann darstellen, wenn sie in großen Mengen verfügbar sind. Der digitale Datenverbund ist allem Anschein nach kaum mehr einem einzigen Datenträger zuzuschreiben oder zuzurechnen. Seine Inhalte sind zwar nicht wirklich überall, aber sie sind überall wirklich abzurufen. Und das macht sie merkwürdig unwirklich. Die neuesten Formen von Schrift scheinen in besonderer Weise derealisiert. Ihre Vernetzung ist tendenziell grenzenlos. Die im Internet zusammengeschalteten Millionen von Computern kennen nur noch solche Grenzen, die durch politische Einflußnahme erzwungen werden. Doch von seinen technischen Voraussetzungen her macht das Netz vor nichts und nirgendwo halt.
Durch ihre Vernetzung und Verdatung gewinnt die Schrift in bis dahin unbekanntem Umfang regulierende Funktionen. Gleichzeitig verliert sie ihre normative, vor allem auch ihre singuläre Autorität. Beides scheint unwiederbringlich dahin. Denn diese Autorität war gebunden an ihre vorgebliche Einzigartigkeit. Im Idealfall war dies über Jahrtausende hinweg die Autorität eines heiligen, von Gott geoffenbarten Buches oder Gesetzes. Längst ist die Autorität der einen Schrift diffundiert in die unüberschaubare, in sich äußerst heterogene Vielheit von Schriften. Trotz ihrer digitalen, alles durchdringenden Präsenz haben diese Schriften keine vergleichbare normative Macht. Ihre Reichweite wurde zwar unvorstellbar erweitert, aber ihre erfahrbare Geltung scheint damit einhergehend erheblich eingeschränkt. Nicht selten werden sie verständnislos und ohne Argumente außer Kraft gesetzt beziehungsweise achtlos übergangen.
Diese Entwicklungen gehen einher mit einer Diffusion sinnhafter Darstellungen der Welt. Und der begegnen viele mit einer emphatischen, ja zu weilen fast frenetischen Bejahung des Sinnverlusts, gelegentlich auch durch ein lächelndes Einverständnis mit dem Sinnlosen. Gefragt scheint nicht mehr das Absurde; denn in dem wirkte noch eine widerständige Kraft. Nein, das gegenwärtig Sinnlose ist schriftlich kaum zu fassen; es ist konturenlos weich und scheinbar folgenlos.
Sein Medium ist das Internet. In dessen uferlosen Sphären kann jeder jederzeit schriftliche Verlautbarungen von sich geben, ohne Gefahr zu laufen, sich bloßzustellen. In seiner Banalisierung und Idiotisierung betreibt es Mimikry an den skripturalen Kosmos der Tradition, der durch die Karriere des Netzes entmächtigt erscheint. Noch der blühendste Blödsinn kann sich hier aufführen, als sei er ein Beitrag zu irgendeiner Sache. Spätestens mit dem Internet hat eine generelle Tendenz zu sprachlicher Regression und Infantilisierung Schriftform gewonnen.
In einer Welt, in der alles unüberschaubar verschriftet ist, können es auch Menschen sein. Wenn denen die Schrift so auf den Leib gerückt ist, daß sie sie ostentativ zur Schau tragen oder in sinnlosen Kürzeln öffentlich von sich geben, können sie sich gerade dadurch einer Identifizierung mit ihr verweigern und ihre Gleichgültigkeit dem traditionalen Kosmos der Schrift gegenüber zum Ausdruck bringen. Ihre Indifferenz speist sich nicht mehr aus der alten Klage darüber, daß in der Schrift die Substanz des Individuellen verloren geht, oder aus der ebenso alten Klage über ihre zunehmende Indirektheit, die früher oft einherging mit der Beschwerde über die Nachträglichkeit und Umständlichkeit alles Schriftlichen. Beides ist angesichts der inzwischen herrschenden Verhältnisse noch zu sehr substanzorientiert. Die neuere Indifferenz gegenüber der Schrift stellt sich dar als heiterer oder verärgerter Schwachsinn, der ohnehin nichts mehr zu erwarten behauptet. Es herrscht eine teils aufgeräumte, teils wütende Zustimmung auf die vorgebliche Abwesenheit allen Sinns. Schrift wird zur Staffage eines Sinnverlusts, der gerade nichts mehr beklagt, sondern sich auf Signaleffekte zur Einwerbung von Aufmerksamkeit reduziert, also nur mehr eine neue Form von Sprachlosigkeit vorführt.
Published 2007-05-14
Original in German
First published in Merkur 5/2007
Contributed by Merkur
© Klaus Laermann/Merkur
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