Nach der Revolution ist vor der Revolution
oder: Die schlechte Fortsetzung eines gut gemeinten Märchens
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Von der Feuilletonbranche wurde er als Prinz apostrophiert. Sie also war Prinzessin. So wurden sie ins Korsett eines weltweit erkennbaren Klischees hineingeschnürt. Folgt man dem Klischee, so sind sie diejenigen, die des Königs Erbe antreten, glücklich sein und das Land durch langes und gerechtes Regieren glücklich machen sollen. Mit einer solchen Wohlfahrtsformel endet das Märchen aber auch schon: das Happyend braucht keine Fortsetzung. In unserem Märchen kann aber auf eine Fortsetzung unmöglich verzichtet werden. Der übliche Schluss eines Prinzen- und Prinzessinnenmärchens ist nicht fähig, die Dramatik nach dem Schluss wiederzugeben. Er kann sich darum bemühen, dann wird er aber eine unverschämte Lüge sein, eine Träumerei, die mit der Wirklichkeit genauso wenig gemeinsam hat wie ein Obstgarten mit einem Parkplatz. Ist etwa ein Märchen nicht eine Lüge? Nein, das ist es nicht. Über die Lügenhaftigkeit der Lüge, die ein Märchen ist, herrscht Konsens. Es wäre lächerlich, ein Märchen der Lüge zu bezichtigen.Also gab es eine Dramatik danach. Danach: d.h. nach dem Happyend. Denn es hat es gegeben, das Happyend. Allerdings war es nur von kurzer Dauer. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Märchen und dem Leben, zwischen einer fiktionalen Wirklichkeit und der wirklichen Wirklichkeit. Selbst eine fiktionale Wirklichkeit kann nicht beliebig gestoppt werden, geschweige denn die wirkliche Wirklichkeit. Ein Märchen endet nur insofern, als es den zum Schluss (v)erklärten Zustand perpetuiert: ein Happyend ist kein tatsächliches Ende, sondern der Beginn eines Zustandes, der in seiner Konstante unendlich lang dauert – eine Umkehrung des Edenmythos, ein Trost, von dem man weiß, dass es einer ist und ihn dennoch (oder um so mehr?) braucht.
In unserem Märchen ist dieser Zustand nur ein vorübergehender. Nichts anderes als Flitterwochen nach der Heirat. Bekanntlich sind die Flitterwochen schnell vorbei. Der Prinz ist auf einmal von bösen Hofleuten umgeben, die übrigens mit orange Schals auf der Tribüne am Majdan gestanden sind und die finanzielle und organisatorische Last der Revolution maßgeblich mitgetragen haben. Jetzt sind sie böse. So böse, dass sie den Prinzen davon überzeugen können, sich von der heiß geliebten Prinzessin scheiden zu lassen? Sie hätten sich nur bedienen wollen und die Prinzessin hätte es ihnen unmöglich machen wollen. So eine Spielverderberin! Oder doch nicht? War sie es, die sich bedienen wollte, wie es die Hofleute dem Prinzen nahe gelegt haben? Oder wollten sich gar die beiden Parteien bedienen und sind dabei einander in die Haare geraten? Oder sind diese Unterstellungen lediglich böse Anmaßungen, von der von den Oligarchen beherrschten und für Kremleinflüsse anfällige Medien inszeniert? Mit Erfolg, muss man sagen. Mit einem für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verheerenden Erfolg. Es fragt sich: War es überhaupt eine Liebe oder war es Hass, der infolge eines Fehlers der Hoflexikographen – beabsichtigt oder ungewollt – an die Stelle der Liebe im Lexikon der Gefühle gesetzt wurde? Eine Zwangsheirat, die die vox populi – sozusagen – herbeigewünscht hat.
Schon ist die Prinzessin weg. Und siehe da: das Stehaufmännchen ist zurück. Die Kraft, die er vertritt, ist bereits geschrumpft wie das Balzacsche Chagrinleder oder ein Luftballon einen Tag, nachdem man ihn geschenkt bekommen hat. Ein Comeback: Er, der Mann, der es kann, ist wieder groß und stark, noch nicht so selbstsicher wie vor der Revolution, aber er wird immer selbstsicherer. Jetzt prahlt er mit einer Verfassungsmehrheit von 300 Abgeordnetenstimmen, was in die Sprache der Möglichkeiten übersetzt hieße: die Verfassung nach Belieben zurechtschneidern, den Präsidenten durch das Parlament wählen lassen. Naturgemäß ist die letztere Option keineswegs eine Schande für eine Demokratie, doch nicht für eine, wie im Märchenland Ukraine heute. Sonst wäre das Dreieck "Parlament – Präsident – Ministerpräsident" zu einer Aktiengesellschaft ohne jegliche Haftung geworden, mit den Oligarchen als Hauptaktionären und mit einem Minoritätsaktionär – dem Volk.
Warum hat es sie gegeben, die Revolution? Was für eine Frage, wenn doch die Antwort so trivial einfach ist: Er war ebenfalls ein Prinz. Der scheidende König, der trotz ausgeklügelter Kasuistik seiner Hof- (pardon: Verfassungs-)Richter nicht länger an der Macht bleiben konnte, wollte ihm den Thron und das Land vererben – in der stillen Hoffnung, das Land weiterhin (mit)regieren zu können. Das gemeine Volk wollte ihn jedoch nicht – er war halt ein böser Prinz. Das gemeine Volk, "dieses Gesindel da" nannte sich auf einmal Bürger, konnte sich – ein wahres Wunder! – selbst organisieren und ist auf den Majdan, den größten Platz in der Hauptstadt des Königtums, gegangen, um den guten Prinzen in Schutz zu nehmen. Ein beachtlicher Teil des gemeinen Volkes war dermaßen gemein, das es behauptete, nicht den Prinzen, sondern sein eigenes Wahlrecht verteidigen zu wollen: eine Frechheit ohne gleichen!
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Neulich war ich wieder in diesem Märchenland. In meinem Märchenland. Es ist nicht so weit weg, dass man es nicht erreichen könnte. Man kann es mit allen Verkehrsmitteln erreichen, die es heutzutage gibt: mit dem Bus, dem Zug, dem Flugzeug, sogar mit dem Schiff oder mit dem Fahrrad. Man braucht zwar eine Weile, bis man dorthin gelangt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat diese Weile – auf den Schienen der Eisenbahn – bis zu zwölf Stunden in Anspruch genommen, am Anfang des 21. Jahrhunderts, also heute, dauert sie zweiundzwanzig Stunden, um die Wendezeit waren es sechzehn bis siebzehn Stunden. Ich bin dorthin, zu mir nach Hause, mit dem Zug gereist. Vom Zug aus bekommt man so manches zu sehen, was einem Flugzeugfliegenden selbst bei heiterem Himmel verwehrt bleibt. Zugegeben: Flugzeuge bewegen sich schon auf einer gehobenen, abstrakteren Ebene, doch ich muss erst lernen zu verallgemeinern. Ich liebe das Detail. Ich schalte den Fernseher ein. Eine Ministerkabinettsitzung. Ich nehme ein Fernrohr – die Sitzung findet in Kiew (Kyiv) statt, ich dagegen bin in Lemberg (Lviv). Immerhin über fünfhundert Kilometer Entfernung. Im Fernglas kann ich alles en detail sehen (zu einem Fernglas können übrigens auch die Flugzeugfliegenden greifen, um zu sehen, was ein Zugreisender zu sehen bekommt). Doch was sehe ich? Wen sehe ich? Ein amtierender Vizepremierminister – war er nicht der Erfinder des Transitservers, dieses technischen Wunders? Die Engländer haben die erste Nähmaschine gebaut, die Deutschen haben den Buchdruck erfunden und die Ukrainer den Transitserver. Ist die Erfindung des Transitservers nicht verdienstvoll genug, um den Erfinder ins Amt eines Vizepremierministers zu befördern? Man würde eher nicht Nein sagen.[1] Und wer ist der da? Ein anderer Vizepremierminister, in Sachen Humanistik. Seine bisher bedeutendste Leistung ist sein Satz: "Die Schicht der ukrainischen Intelligenzija ist zu dünn, um von mir wahrgenommen zu werden." Die Frage, warum sie so dünn ist, wurde naturgemäß und in Übereinstimmung mit dem zitierten Satz nicht wahrgenommen.[2] Und wer ist das? Das hier ist der ehemalige Zentralwahlkommissionsleiter,[3] der die gefälschten Wahlresultate als rechtskräftig verkündet hat, jetzt ein Abgeordneter mit aussichtsreichen Chancen, das Amt des Zentralwahlkommissionsleiters erneut zu bekleiden. Und schließlich noch der Premierminister, "Wahlfälscher und Gewalttäter". In die Sprache eines Rechtsstaates übersetzt, hieße es: diejenigen, die die soeben erwähnten Amtsträger in dieser Weise beschuldigt haben, sind Lügner, und die Amtsträger selbst sind lupenrein. Ich, der ich derartiges wiederhole, stimme in den Lügnerchor ein. Oder habe ich irrtümlicherweise eine Zeitmaschine (wie die Nähmaschine, auch von einem englischen Ingenieur konstruiert, diesmal namens Herbert George Wells) statt eines Zugs genommen und mich in die Zeit vor der Revolution zurückversetzt? Ich nehme ein zweites Fernrohr: die Gesichter sind immer dieselben. Ein drittes Fernrohr habe ich nicht.Jetzt regieren beide Prinzen im Land, der böse und der gute. Sie machen einander Befugnisse streitig. Neuerdings hat der böse Prinz die Befugnisse an sich gerissen. Und die Prinzessin? Die Prinzessin singt "O du lieber Augustin...". Und das gemeine Volk? Lernt die fiktionale Wirklichkeit von der wirklichen Wirklichkeit zu unterscheiden, dass es gute Prinzen und Prinzessinnen nicht gibt, vor allem nicht solche, die sich um das Volk kümmern, so dass sich das Volk um nichts zu kümmern braucht. Nein, nicht doch. Die Prinzessin hat es geschafft, den (guten) Prinzen zu überzeugen, dem (bösen) Prinzen durch die Auflösung des Parlaments und die Neuwahlen Einhalt zu gebieten. Was erhofft sich die Prinzessin? Tut ihr etwa der (gute) Prinz leid? Was erhofft sich der (gute) Prinz? Die Sterndeuter alias soziologischen Institute wittern eine ungünstige Sternlage – ungünstiger als zu den letzten Parlamentswahlen, vor allem für die Partei des Präsidenten. Die so genannte Nationaldemokratie, der pro-europäische politische Flügel, der in Wirklichkeit ein buntes Gemisch darstellt von Neoliberalen über Sozialdemokraten bis hin zu Nationalisten, ist nach wie vor in zig winzige prämodern anmutende Parteien zersplittert, die von einem Hetman[4] angeführt werden – eine Annäherung der Positionen ist nicht in Sicht.
Ukraine und Europa? Es genügt, eine Reise über die Ostgrenze der EU und die Westgrenze der Ukraine zu unternehmen, es reicht, sich vor einer der europäischen Botschaften in Kiew anzustellen, in der nebulösen Vorfreude, ans Fensterchen der Konsularabteilung heranzutreten, um dort einem regelrechten Verhör unterzogen zu werden – und man wird sich des Zynismus der europäischen Beteuerungen der ukrainischen Außenminister auf einmal bewusst, in gleichem Maße wie der Nachbarpartnerschaftsrhetorik seitens der EU.
- [1] Der Autor bezieht sich auf das Gerücht, dass 2004 die Ergebnisse der Wahlen in der Ukraine auf dem Weg zur zentralen Wahlkommission in Kiev manipuliert worden seien. Vizepremier Andrij Klujew, auf den sich diese Passage bezieht, wurde damals als "Erfinder des Transitservers" bezeichnet. Mit Hilfe eines Transitservers können einkommende online-Daten sortiert werden; man vermutet, dass eine solche Technologie zur Manipulation der Ergebnisse verwendet wurde. – Red.
- [2] Der Vizepremierminister, um den es sich hier handelt, ist Dmytro Tabachnyk. Diese Aussage machte er während eines Fernsehinterviews. Auf die Frage, warum die ukrainische Intelligenzija so klein sei, eine Frage, die sich auf die Unterdrückung der Intellektuellen und Dissidenten in der Sowjetzeit bezog, verweigerte Tabachnyk die Antwort. – Red.
- [3] Serhij Kivalov, der derzeit Abgeordneter im ukrainischen Parlament – Red.
- [4] Hetman war zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert der Titel des zweithöchsten Feldherren nach dem König in Polen und Litauen. Durch ihre Unabhängigkeit vom König waren sie recht mächtig. In der Ukraine bezeichnete man zu derselben Zeit mit "Hetman" das Oberhaupt der Kosaken. Der Titel wurde während der konservativen, anti-sozialistischen Revolution von 1917-1920 wieder aufgenommen. – Red.
Published 2007-05-04
Original in German
© Timofiy Havryliv
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