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Nachbarschaften

Eröffnungsrede zum 18. Treffen europäischer Kulturzeitschriften

Für Orhan Pamuk ist die Vorstellung von "Nachbarschaftlichkeit" doppelbödig: in internationalen Beziehungen signalisiert sie Frieden und kulturelles Engagement. In der Gesellschaft, insbesondere in der türkischen Tradition, impliziert Nachbarschaftlichkeit jedoch Provinzialismus und Argwohn. In seiner Rede anlässlich des 18. Treffens europäischer Kulturzeitschriften in Istanbul machte sich Pamuk dafür stark, dass Kulturzeitschriften für Nonkonformismus einstehen sollten.

Neighbourhoods


Eurozine publishes original full length articles based on panel discussions held during the 18th European Meeting of Cultural Journals in Istanbul, 4-7 November 2005. Read contributions exploring facets of the main theme and the Turkey-Europe question from a range of intellectual and geographic backgrounds.

Eurozine Editorial
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Orhan Pamuk
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Turkey and Europe: Neighbours from afar
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From neighbourhood to citizenship: EU and Turkey
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At the margins of Europe: Russia and Turkey
Emil Brix
Europe revisited. Neighbourly conflict and the return of history
Marc-Olivier Padis
The democratic neighbour: Politics of human rights in an enlarged Europe
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The Beur uprising. Poverty and Muslim atheists in France
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Faces of Istanbul
Es gibt nichts, das ich mehr genieße, als wenn ich mich mit zwei oder drei neuen Ausgaben von Kulturzeitschriften in meine Studierstube zurückziehe und sie zu lesen beginne. Was erwarte ich als Leser? Für mich bedeuten Kulturzeitschriften einen Raum, in dem die Kultur Widerstand leistet – oder Widerstand leisten sollte. Ich finde es beunruhigend, wenn Kulturjournale sich auf eine Konkurrenz einlassen mit der Sprache und den Interessen der Mainstream-Medien oder gar von ihnen beeinflusst werden. Kulturzeitschriften sollten nicht die Themen der großen Medien übernehmen, sondern darauf bestehen, ihre eigenen Probleme, ihre eigenen Anliegen zu thematisieren. Manchmal finden wir die Sprache der großen Medien reizvoll, manchmal schenken wir unsere ganze Aufmerksamkeit der Boulevardpresse, was uns hin und wieder auch gefällt. Dennoch sollten Kulturzeitschriften sich nicht mit den Angelegenheiten befassen, die von den großen, ein größeres Publikum bedienenden Zeitungen und dem Fernsehen behandelt werden. Leider sind wir in den letzten Jahren Zeugen just dieser Entwicklung geworden, insbesondere was einige der bedeutenderen Kulturzeitschriften betrifft. Um das Interesse der Leser anzusprechen behandeln auch sie die Themen, die von den großen Medien aufgegriffen, recherchiert und aufgeblasen werden. Vielleicht gewinnen sie ja damit das Interesse des einen oder anderen Lesers – doch nur für kurze Zeit. Auf lange Sicht werden sie den großen Medien nur ähnlicher. Was ich lesen will, wenn ich eine Kulturzeitschrift aufschlage, sind aber genau jene Dinge, die ich woanders nicht finden kann.

Was mir bei den Kulturzeitschriften auch Sorgen bereitet, ist, dass sie zu sehr unter dem Einfluss der angelsächsischen Welt stehen. Kulturzeitschriften sollten viel stärker mit anderen Kulturen kommunizieren, mit Kulturen, die ihnen nahe stehen, und Kulturen, in die sie eingebettet sind und die sie ansprechen. Sie sollten den allgemeinen Tendenzen der Kulturindustrie entgegenwirken, sie sollten Alternativen aufzeigen zur hegemonialen angloamerikanischen Kultur.

Wir sind hier, um über Nachbarschaft zu sprechen, ein Begriff, der für die Türkei mit der Europäischen Union zu tun hat. Allerdings sind wir noch kein wirklicher Nachbar der EU geworden. Mehr noch, von unseren benachbarten Ländern haben wir allein mit Griechenland ein einigermaßen gutes Verhältnis. Wir machen zwar Fortschritte, aber wir können nicht wirklich behaupten, dass wir gute Nachbarschaft pflegen. Eher befinden wir uns in einem ewigen Konflikt mit unseren Nachbarn. Fast könnte man sagen, dass wir unsere Probleme mit unseren europäischen Nachbarn nur zu lösen versuchen, um in die EU zu kommen.

"Nachbarschaftlichkeit" wird normalerweise als etwas an sich Gutes betrachtet. Und bei diesem Zeitschriftentreffen können wir positiv über nachbarschaftliches Verhalten nachdenken, an ein solches glauben und es zelebrieren. Das zu tun wäre sicherlich korrekt. Für den internationalen Frieden ist Nachbarschaft ein wichtiger Begriff, und gute nachbarschaftliche Beziehungen sind notwendig. Trotzdem möchte ich eine bestimmte Vorstellung von Nachbarschaftlichkeit in Frage stellen, die in unserer Kultur sprichwörtlich ist und von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.

Ja, die Türkei muss sich mit ihren Nachbarn gut stellen. Aber im eigenen kulturellen Zusammenhang habe ich so meine Probleme mit Nachbarschaft, und ich bin sicher, dass Sie die auch haben. Für mich bedeutet, in einer Stadt zu leben, mehr oder weniger frei zu sein von dem Druck, der durch die Nachbarn ausgeübt wird. Der Nachbar ist jemand, den man lieben sollte. Denn wenn wir das nicht tun, wird er leicht zu jemandem, der uns kontrolliert, uns denunziert für die Fehler in unserer Haltung und in unserem Verhalten. Der dominante gesellschaftliche Diskurs, der besagt, wir sollten uns mit unseren Nachbarn gut stellen, meint mehr oder weniger, dass wir uns mit ihnen arrangieren sollen (lass uns Frieden mit ihm oder ihr schließen, damit sie uns nicht denunziert). Dieser Diskurs ist so stark, dass wir davon überzeugt sind, dass es vernünftig ist, ihm zu folgen.

Die Moderne oder das Verlangen, dem Provinziellen zu entkommen, bedeutet in einem gewissen Sinne, den Nachbarn zu umgehen, sich den neugierigen und kontrollierenden Augen der Gemeinschaft zu entziehen.

Wie gesagt, in internationalen Beziehungen finde ich den Begriff der Nachbarschaft tatsächlich sehr wichtig. Ich schätze ihn. Ich glaube, die Türkei sollte sich mit ihren Nachbarn vertragen. Aber diejenigen unter uns, die in Großstädten wohnen, sollten froh sein, dass wir im Gegensatz zu den Kleinstadtbewohnern unsere Nachbarn losgeworden sind. Natürlich klopfen wir hie und da bei unserem Nachbarn an die Türe, wenn uns der Kaffee ausgegangen ist. So angenehm es sein mag, wenn er öffnet und uns aushilft – es bedeutet zugleich, unsere Tür zu öffnen für die Kontrollmechanismen der Gesellschaft.

In der Türkei gibt es ein Sprichwort, das besagt, "Ein Nachbar weiß, was ein Nachbar fühlt". Damit meinen wir den Nachbarn, wie er den anderen ununterbrochen kontrolliert, der beobachtet, was er tut, und über seine Exzesse berichtet, sie in einem Notizbuch festhält, bis der Augenblick gekommen ist, da er sie gegen dich verwenden kann. Dahinter steht ottomanische Tradition, in der es der Staat der Gemeinschaft auferlegt, herauszufinden, wer ein Verbrechen begangen hat; hier brauchte sich die staatliche Macht nicht in die Gemeinschaft einzuschleusen, wie wir das aus den westlichen Gesellschaften oder aus der westlichen Literatur kennen; hier existierte eine Kultur der Gemeinschaft, in der jeder Polizei und Informant war; hier wurden die Gemeinschaften durch die ottomanische Gesellschaft, die dem Millet-System große Bedeutung beimaß, transformiert zu Milieus, in denen jeder jeden bespitzelte. Aus dieser Tradition lebt unser Begriff der Nachbarschaft, ein Begriff, den wir bis heute hoch schätzen. Wir Türken zelebrieren den Begriff der Nachbarschaftlichkeit, wir bemühen uns, mit unseren Nachbarn gut auszukommen. Aufgrund dieser gemeinschaftsorientierten Gesellschaftsstruktur heißt das aber auch, mit dem Staat, mit der Polizei, mit der Armee gut auszukommen. Wegen der Nachbarn, wegen der Sorge, "Was würden die Nachbarn denken?", behält jeder seine Gedanken, seinen Gegengeist für sich.

Lasst uns unsere Nachbarn lieben, lasst uns Griechenland lieben, Iran, Syrien. Lasst uns in die EU eintreten und in Frieden leben. Aber lasst uns nicht unsere eigenen Gedanken verraten, unsere eigene Identität, unsere Persönlichkeit, nur weil wir uns darüber Sorgen machen, "was die Nachbarn sagen würden", nur weil wir uns mit unseren Nachbarn gut stellen sollen.

Kulturzeitschriften sprechen im allgemeinen die hochgebildeten und gutsituierten Menschen in einer Gesellschaft an. Die Kultur der Nachbarschaft dient vor allem den Bedürfnissen jener, die in einer modernen Stadt allein nicht überleben würden, die die moralische, ja sogar kulturelle und religiöse Unterstützung ihrer Nachbarn brauchen, um sich in einer modernen urbanen Umgebung behaupten zu können. Sicherlich sollten wir mit unseren Nachbarn ein gutes Verhältnis haben, aber wir sollten dafür nicht unsere Ideen, unseren Eigensinn opfern. Wenn sich unsere Eltern zuhause laut streiten, mag es angebracht sein, sie um Rücksicht gegenüber den Nachbarn zu bitten. Aber die Angst vor unseren Nachbarn könnte uns auch dazu verleiten, unsere Ideen aufzugeben und so zu denken wie alle anderen auch. Um auf das zurückzukommen, was ich am Anfang gesagt habe: Was wir von Kulturzeitschriften erwarten, ist, dass sie uns davor bewahren, konform zu denken.

Ich hoffe, dass diese Konferenz, wie auch der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union, nach diesen Grundsätzen verlaufen wird. Jeder von uns sollte ein bisschen anders denken, wir sollten einander nicht gleichen, wir sollten stolz sein auf unsere nachbarschaftlichen Unterschiede, nicht auf unsere Ähnlichkeiten. Das ist die Welt, nach der es uns verlangt. Und das ist auch der Grund, warum diese Konferenz den Begriff der Nachbarschaft zum Titel hat: weil wir in einer Welt der Vielfalt leben wollen.


Diesen Vortrag hielt Orhan Pamuk anlässlich des 18. Treffens europäischer Kulturzeitschriften vom 4. bis 7. November 2005 in Istanbul.

 



Published 2007-04-26


Original in Turkish
Translation by Michaela Adelberger
© Orhan Pamuk
© Eurozine
 

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