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Die Töne der Globalisierung

Beobachtungen aus Zürich


Globalisierung sehen, sehen und sehen, zum Beispiel am Fernseher zwischen hundert Sendern switchen, die Bilderflut durchrauschen. Wir sind "just landed" auf dem Flughafen von Zürich; die führerlose Bahn gleitet geisterhaft vom einen zum anderen Trakt. Die Hallen sind frei von Widerhall. Das Sounding ist clean; dann muhen Kühe, das Chalet Suisse bringt Töne und Holz ins Spiel ein. Die Ankunft ist Therapie. Globalisierung und ihre Beschwörung kann man auch hören.

Hört sich die Welt flach an, so ganz nach dem gängigen Slogan von Thomas L. Friedman "The world is flat?" Manche, die viel reisen, bejahen diese Frage. In Zürich, Wien, Sevilla, New York oder Moskau, weltweit vernimmt man ähnliche Töne. Nivellierung, Angleichung und Monotonie nehmen zu, besonders wenn man in die großen Waren- und Shopping-Arenen geht. Folgen die Geräusche und Töne im Zuge der Globalisierung dem Satz von Adam Smith, seiner politischen Ökonomie?[1] Er hatte die Weltökonomie im Auge. Er setzte das Jahresprodukt für jedes Land aus drei Ordnungen zusammen: jene, die von der Bodenrente leben, jene, die vom Lohn existieren und solche, die im Profit schwimmen. Die drei Ordnungen sind konstitutiv, meint er, für jede zivilisierte Gesellschaft.

Wir spielen etwas mit diesem Lehrsatz und deuten den Globus als eine Welttonhalle. Globalisierung ist dann ein Prozess, der sich hören lässt: In jedem Land gibt es drei Tonordnungen, Töne und Geräusche, die aus dem Besitzstand des kulturellen Bodens leben, solche, die aus der Arbeit der Menschen entstammen und Töne, die im Luxus ihr Eigenleben führen. Wir erkunden diese Hypothese am Fallbeispiel von Zürich.[2]

Töne aus der Bodenrente trifft man in Zürich am Bellevue bei einem Föhneinbruch an. Die lauten würdigen Zürcher Trams klingen, rattern und dröhnen noch ganz aus Eisen und Metall; ihre Töne verstärken sich. Die Geräusche der Eisenbahnzüge vom gegenüber liegenden Seeufer schwellen an. Das Föhnfenster Richtung Alpen hellt sich gelb-rötlich auf. Das Stimmungsbild legt sich über all die vielen kleinen Stimmen-, Geräusch- und Tongebilde. Die Stimmungsformation lebt aus der Bodenbeschaffenheit, der Tektonik, dem Klima, dem Wetter. Wenn man Wien, Moskau oder Paris kennt, ist es klar – diesen Tag gibt es nur in Zürich, der Stadt zwischen den Moränen, die der Föhn noch kleiner macht als sie eigentlich ist.

"Paris s'éveille." Die Geräusche aus der Arbeitszone klingen anders. In den Tönen hört man, wie die Stadt arbeitet, sich bewegt oder vergnügt. Man schließt die Augen und hört sich die Laute an: die Schritte der PassantInnen, Gesprächsfetzen, die Signale von Vehikeln und zuweilen die Laute von Hunden. Dazu gehört das Rattern der fahrbaren Einkaufstaschen und Reisekoffer. Die Töne entstehen aus schnellen Bewegungen der in die gleiche Richtung eilenden Menschen; die Geräusche vereinen sich zu einem Fluss, weil sich die Töne der einzelnen Schritte verlieren wie die Details in einer unscharfen Photographie. Wenn man die Augen öffnet, ist man nicht überrascht: Man blickt zurück auf den Bahnhof, wo sich das dreistellige Netz der Geräuschmaschine kreuzt, die S-Bahn-Linien im Sous-Terrain, die Trams an der Oberfläche und die Züge hin und zurück zum Flughafen.

Die hektischen Geräusche der PassantInnen, der Töne aus der Arbeit, begegnen den Tönen, die im Luxus ihr Eigenleben führen. Die Töne der Luxus- und Profitzone sind anders. Sie kümmern sich wenig um Boden oder Arbeit. Sie haben sich wie ein Profitcenter organisiert. Sie schweben aus Lautsprechern, Sound-Anlagen und den öffentlichen oder privaten Systemen der Tonkreation und -übertragung. Zuletzt ist ganz vorsichtig, aber immer stärker das Internet hinzugekommen. Diese Tonordnung hat sich in den letzten Jahren verselbständigt. Sie durchdringt schleichend die Geräusche aus Arbeit, Bewegung, Tätigkeit und Mühe. Sie arbeitet bewusst mit Animation; sie stimmt ein, verlockt, dämpft. Sie versucht in Konsumrevieren Lustordnung zu sein.

Die These von Thomas L. Friedman – die Welt ist flach – heißt übertragen in die Welttonhalle, dass die drei Ordnungen auf der Erde ähnlich werden. Mit der Bildung der einen Welt, OneWorld, formen sich auch die lokalen Ton- und Klangreiche ähnlich. Die akustische Globalisierung steht nach dieser These vor der Tür. Wir überprüfen diese These in Zürich und wählen Stationen aus, wo man den Puls der Globalisierung spüren und hören kann, Orte, wo sich globale und lokale Töne mischen.

Weltgeldgesellschaft – die Schweigende

Zürichs Rolle als Banken- und Finanzplatz ist bekannt. Durch die Stadt fließen Ströme von Geld, Wertpapieren, Aktien. Das Geld rollte schon früher ohne großen Lärm. Ich höre es aber noch rollen; damals in den 1960er Jahren war das Geld noch versilbert, schwerer und klingend. Die Schritte der ein- und ausgehenden Broker im Börsengebäude widerhallten kräftiger, und die Bügelfalten der Anzüge waren schneidender als heute. Die Schalterdame besprach das Geld durch die Begrüßung und Verabschiedung; die Stimme klingt noch nach von meinem letzten Besuch vor dem Wechsel zur Karte. Dann die Automaten – Tippgeräusche, das innere Rauschen im Automaten, das Klicken, das leichte Zischen der Noten, das Schnappen und Weggehen. Noch stiller und rasanter die Tonfolgen im Warenhaus; ein Zischgeräusch nimmt die Karte ein und wirft sie aus – ohne Nebentöne. Die Geräusche aus Aktivitäten und der Arbeit mit Geld sind ruhig, ja zuweilen unheimlich still geworden. Das Klingen der Münzen wurde zum Rauschen oder Zischen, bis es in den virtuellen Medien ganz verstummt. Man spürt dies im Perimeter der Banken, schon vor dem Öffnen der automatischen Glastüren. Die Geldgesellschaft liebt das Schweigen. In Zürich ist dieses omnipräsent; man spürt es in der Diskretheit und darin, wie diese das Bild der Stadt bei AusländerInnen und SchweizerInnen prägt. Zürich ist und bleibt eine stille Stadt – im Image und als Realität.

Weltverkehrsgesellschaft – die Nähe zur Ferne

In der Erinnerung an die 1960er Jahre hörte man die internationale Gesellschaft auf dem Hauptbahnhof und an der Bahnhofstrasse. Der Verkehr dröhnte und rauschte um die Bahnhofsanlage, die noch ganz Fläche ohne unterirdische Passagen war. Die dritte Tonordnung hörte man noch kaum, und selbst die Lautsprecher offenbarten sich im Befehlston. Der Flughafen hob sich als Ton- und Geräuschlandschaft klar vom Bahnhof ab. Was ist in Zürich einmalig, wenn man heute vom Bahnhof zum Flughafen fährt? Es ist die Nähe in die Ferne; man hat kaum die Stimme für die Abfahrt gehört, folgt jene, die den Flughafen ansagt. Man nimmt die letzten Töne der Stadt direkt mit ins akustische Gewebe, das den Flugpassagier bis zum Abflug einhüllt. Kontraste und Vielfalt liegen ohne Pausen ganz nah zusammen – wie zwei kurz aufeinander folgende Crescendos. Man hat – in der Schweiz allgemein – fast immer zu wenig Zeit, um sich zurückzulehnen, Pausen zu genießen, z. B. auf einer Fahrt von Heathrow nach London City.

Weltfluchtgesellschaft – die Schnelle

Zürich hörte sich in den 1960er bis -70er Jahren noch wie eine Stadt an, die aus ihren Eigentönen lebte. Heute ballen sich jeden Morgen die Pendlergeräusche vor allem an den Eintrittsstellen in die Stadt, an den Bahnhöfen. Die Agglomeration ist auf der Flucht in die Stadt und am Abend zurück aus der Stadt. Die Pendlerzüge sind spezielle Tongefüge; meist kaltes Schweigen, mit dem Rauschen von Gratiszeitungen, Gesprächsfetzen und Musik, die eigentlich nicht aus den Ohrmuscheln dringen sollte. Etwa ab sieben Uhr nehmen die Laute der schnellen Schritte, der hastigen Gesprächsfragmente am Handy, ausgelassene Töne von SchülerInnen zu. Die für die Schweiz typische Raffung der Landschaft, die hohe Dichte von Haltestellen, lässt Geräusche und Töne kaum ausklingen. Schnelligkeit und Dichte verbinden sich im tonalen Gefüge. In Zürich kann man in kurzen Abständen die Töne ganz unterschiedlicher Quartiere und BewohnerInnen hören.

Zürich im Eventrausch – Weltrauschgesellschaft

Die Stadt Zürich hat sich in den letzten Jahren in die Richtung zur Eventstadt hin bewegt. In der Tat hören wir in den neuen Trendhallen und Lokalen in Zürich West und an vielen anderen Orten schrille Töne. Der Sechseläuteplatz ist fast ununterbrochen bespielt – die Bahnhofshalle rauscht mit – sie, das eigentliche Tonhalle-Heiligtum der Stadt mit dem Engel über dem Gewoge. Tonal gesehen hat das stille Zürich vom Paradeplatz tatsächlich ein zweites, lautes Gesicht bekommen. Die Love Parade war dabei ein Antrieb, aber auch die vielen Leerräume, welche das Verstummen der Industriemaschinerie hinterlassen hat.

Adam Smith kann man als Vater des Szenarios Entwicklung zu einer einheitlichen Welt sehen. Folgen ihm auch die Töne? In vielem gibt es andere Beobachtungen. Konstantin Leontjew,[3] ein Sozialphilosoph im ausgehenden 18. Jahrhundert, hält dem liberalen Ökonomen ein starkes Bild entgegen. Die Tonordnungen leben primär aus der "Bodenrente". Sie sind, meint er, gleich wie Gesellschaften Organismen einer bestimmten Kultur. Die einzelnen Töne sind wie die Individuen und Gruppen despotisch eingebunden in diesen ganzen Organismus; Töne, die ausfallen oder ausbrechen, sind so verderblich wie das Herz, das seine Pflicht zum Ganzen nicht mehr ausüben will. Die Welt der Töne ist nicht flach, sondern sehr vielfältig und einmalig. Die Töne suchen die Despotie der Eigenart – sie sammeln sich und revoltieren gegen die Abflachung und gegen eine Welt der Oberfläche, OneWorld. Die akustische Globalisierung hat – nach dieser These – den Kampf überhaupt nicht gewonnen; er ist offen. Wir hören leicht aus dieser Annahme eine moderne Stimme der Soziologie – Samuel Huntington. Er neigt zu der Ansicht, dass der Kampf der Kulturen für die Zukunft bestimmend sein wird.

Was meinen die Töne und Geräusche selbst zu den Thesen? Ich bin am Vorabend aus Moskau in Zürich gelandet und schreite – es ist Sonntagmorgen – durch die Stadt. Ich höre eine Cobra-Tram fast lautlos vorüber gleiten, höre aber die Domglocke dafür etwas lauter. In Warschau, Moskau oder Berlin fliehen die Geräusche flach auseinander; die Bodenrente ist hier die schnelle Flucht in die endlosen Tiefebenen hinaus. Ich höre in Zürich, wie die Töne und Stadtgeräusche wie eh und je auseinander streben, um wieder von den Abhängen der Moränen zurück zu kehren. Die Töne leben aus dieser Bodenrente; bleiben wirksam auch ohne Föhn und quietschende alte Trams.

Literatur

Friedman, Thomas L. (2005), The world is flat. A short history of the twenty-first century. New York: Farrar, Straus and Giroux.
Huntington, Samuel P. (1998): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York: Simon Schuster.
Meier-Dallach, H. P. & Meier, H. (1992). "Die Stadt als Tonlandschaft. Beobachtungen und soziologische Überlegungen". Sociologia Internationalis, Sondernummer Gesellschaft und Musik, Beiheft 1, Berlin: Duncker & Humblot. S. 415-428.
Walicki, Andrzej (1973): Rosyjska filozofia i my'sl spoleczna od O'swiecenia do marksizmu. Warszawa: Wiedza Powszechna.

 

  • [1] "... those who live by rent, who live by wages, who live by profit. These are the three great, original, and constituent orders of every civilised society, from whose revenue that of every other order is ultimately derived." (Adam Smith, 1776).
  • [2] Vertiefter mit dem soziologischen Hintergrund beschäftigt sich der Artikel "Die Stadt als Tonlandschaft" (Meier-Dallach, H. P .et al.1992).
  • [3] Konstantin Leontjew ist ein typischer Vertreter des konservativen Russlands in der großen Debatte der Sozialphilosophie. Sie warf im 19. Jahrhundert große Wellen. Er sagt etwa: "Der liberal-egalitäre Prozess ist das Gegenprinzip zum Prozess der Entwicklung. In diesem hält eine Idee im Inneren den Gesellschaftskörper stark zusammen, [...] begrenzt die auseinander strebenden zentrifugalen Tendenzen." Er wendet sich kategorisch gegen Fortschritt, Liberalisierung, Gleichheit oder Individualisierung und meint: "Der Kampf gegen jeden Despotismus, jenen der Stände, Werte, Klöster – ja sogar gegen den Despotismus des Reichtums, ist nichts anderes als ein Verfallsprozess, die Nivellierung der morphologischen Kontraste, die Zerstörung der Eigenart [...] des Gesellschaftskörpers."


Published 2007-04-11


Original in German
First published in dérive 27 (2007)

Contributed by dérive
© Hans-Peter Meier-Dallach/dérive
© Eurozine
 

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