Latest Articles


08.02.2012
Jonathan Metzger

We are not alone in the universe

A new type of political ecology may lend the Left a broad political platform. But we must first acknowledge wills that are not human. Jonathan Metzger explains why "more-than-humanism" calls for a complete rethink in policy, planning and the law. [ more ]

08.02.2012
Eurozine Review

Naive, the hawks would say

08.02.2012
Berthold Franke

Anger at Kohl

03.02.2012
Daniel Daianu

Markets and society


New Issues


08.02.2012

Merkur | 2/2012

07.02.2012

Springerin | 1/2012

Bon Travail
07.02.2012

L'Homme | 2/2011

Geld-Subjekte
07.02.2012

Res Publica Nowa | 16 (2011)

The tyranny of opinion
07.02.2012

Arena | 1/2012

På apornas planet [On the planet of the apes]

Eurozine Review


08.02.2012
Eurozine Review

Naive, the hawks would say

"Ny Tid" says that only diplomacy can defuse the Iranian bomb; "NAQD" warns that the Arab revolutions are not as feminist as the West thinks; "Blätter" wants an enquiry into institutional racism in Germany; "Letras Libres" pays its respects to a rare revolutionary; "Arena" asks the bane of the Norwegian far-Right to explain Breivik; "Res Publica Nowa" struggles for objectivity amidst the tyranny of opinion; "Merkur" is still angry with Kohl; Springerin observes how artists lead the market when it comes to precarity; "L'Homme" finds that international development begins in the home; and "Vikerkaar" reads 150 years of Estonian thanatography.

25.01.2012
Eurozine Review

The organized upperworld

11.01.2012
Eurozine Review

A new way to talk politics

21.12.2011
Eurozine Review

"Transparency" in scare quotes

07.12.2011
Eurozine Review

Itching powder for the Left



http://www.eurozine.com/articles/2011-05-02-newsitem-en.html
http://mitpress.mit.edu/0262025248
http://www.eurozine.com/about/who-we-are/contact.html
http://www.n-ost.org
http://www.eurozine.com/articles/2009-12-02-newsitem-en.html

My Eurozine


If you want to be kept up to date, you can subscribe to Eurozine's rss-newsfeed or our Newsletter.

Articles
Share |


Patt in Mexiko

Über ein gespaltenes Land und seine unglückliche Linke


Am 1. Dezember 2006 bediente sich Mexikos neuer Präsident Felipe Calderón einer bewährten Bankräubermethode, um den Parlamentsaal zu betreten: Ein Kommando von Leibwächtern schleuste ihn durch den einzigen Zugang, der nicht von der protestierenden Opposition blockiert war.

Mehr als sechzig Stunden hatten die Abgeordneten der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) - die parlamentarische Vertretung der Linken - im Parlamentsgebäude campiert, um den Einzug des ihrer Ansicht nach unrechtmäßigen Amtsträgers zu verhindern. Zu den vielen Absonderlichkeiten unserer unvollkommenen Demokratie gesellten sich nun Zänkereien unter den Mitgliedern der Legislative, ein Gerangel um strategisch günstige Plätze und Szenen wie aus einer Big-Brother-Show: Volksvertreter, die auf dem Fußboden des Parlaments schliefen oder auf ihren Abgeordnetenbänken Pizza mampften.

Die Opposition kontrollierte vier Türen. Es gibt aber noch eine fünfte, hinter der Rednertribüne. Und aus dieser trat am 1. Dezember Felipe Calderón. Es war, als sei er durch einen Tunnel hereingelangt. Den Abgeordneten, die erst perplex waren, dann aber lautstark protestierten, stellte er sich für genau vier Minuten: Er leistete seinen Amtseid, intonierte die Nationalhymne und verschwand, wie er gekommen war.

Als hätte der Schlosser den Schlüssel verschluckt

In der Amtszeit des Vicente Fox von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) ist es gelungen, das Land, das Mario Vargas Llosa einmal als "perfekte Diktatur" bezeichnet hat, zur perfekten Karikatur weiterzuentwickeln. Der letzte Akt dieses Karnevals fand im Parlament statt. In einer Nation, in der Symbole reale Substanz gewinnen, gelangte Calderón durch die Hintertür zur Präsidentschaft.

Die Episode beendet die entscheidende Phase des Kampfes, der vor über einem Jahr begann, als Präsident Fox versuchte, die Kandidatur des Linken Andrés Manuel López Obrador zu verhindern. Fox, der den demokratischen Wandel nach einundsiebzigjähriger Herrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) angeführt hatte, verhielt sich nun wie ein Schlosser, der eine Tür öffnet und den Schlüssel verschluckt. Da er Meinungsverschiedenheiten ablehnt, wollte er seinen Hauptgegner illegalisieren. Monatelang versuchte er, López Obrador wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten vor Gericht zu bringen. Dieser hatte als Bürgermeister von Mexiko-Stadt den Bau einer Verbindungsstraße zwischen einem Krankenhaus und einer Autobahn angeordnet - anscheinend ohne jede Genehmigung.

Das war vielleicht etwas unüberlegt, aber keinesfalls kriminell. In einem der korruptesten Länder der Welt sollte einem Staatsdiener der Prozess gemacht werden, weil er übereilt eine Abkürzung zu einem Krankenhaus bauen ließ. Für so ein solches Bagatellvergehen ist eine Geldbuße von 200 Dollar vorgesehen. Aber Fox hatte ein politisches Motiv: Ein rechtskräftig Verurteilter kann nicht zu Wahlen antreten.

Der Präsident verfolgte diese legalistische Taktik, bis Millionen von Demonstranten zeigten, dass der Bürgermeister den überaus vorteilhaften Status eines Opfers erlangt hatte. Fox wechselte die Strategie: Er versperrte López Obrador nicht länger den Weg, organisierte aber ein Unternehmertreffen, um eine Schmutzkampagne zu lancieren, mit der sein Widersacher in die Nähe von Hugo Chávez gerückt und der Öffentlichkeit als verantwortungsloser Populist präsentiert werden sollte.

Von Ende 2005 bis Mitte 2006 erlebte das Land erbitterte Kontroversen in den Medien, einen Bürgerkrieg der Diskurse. Das Ergebnis war eine nach sozialer, ethnischer und geografischer Herkunft gespaltene Wählerschaft. Noch nie hat eine Wahl so sehr polarisiert.

Liebespaare und Familien lagen sich in den Haaren, als befänden auch sie sich im Wahlkampf. Eine Feier, an der ich teilnahm, endete im Krankenhaus, weil ein Gast nach hitziger Diskussion die Treppe hinunterfiel. Kernpunkt der Streitigkeiten war die Person López Obrador. Seine Anhänger verehrten ihn mit einer Inbrunst, wie sie einst Lázaro Cárdenas zuteil wurde, als er 1938 das Erdöl verstaatlichte. Seine Feinde dagegen hassten ihn mit mehr Leidenschaft, als sie ihrem eigenen Kandidaten entgegenbrachten. Die Wahl war gewissermaßen eine Volksabstimmung über López Obrador.

Und was war die Ursache für all das? Ein in Ungerechtigkeit versunkenes Land, in dem Politik jahrzehntelang eine Form von Korruption und Straffreiheit war. Nach offiziellen Angaben leben 40 Millionen Mexikaner in Armut. Gleichzeitig gibt es 14 Millionen Verbraucher der finanzkräftigsten Kategorie, ein Markt wie in Schweden. Ist eine Gesellschaft vorstellbar als Mischung aus Skandinavien und Pakistan, ohne Ikea-Läden für die winzige Mittelschicht?

Die Wahl von Fox im Jahr 2000 hatte ungeheure Hoffnungen geweckt. Die Erwartungen waren so zahlreich und groß, dass die Handlungsunfähigkeit der Regierung niederschmetternd wirkte. Am Ende seiner Amtszeit blieb ein Gefühl enttäuschter Illusionen. Der Kleinkrieg von 2006 bekam so den Anschein einer "letzten Gelegenheit" zu wirklicher Demokratie.

Im Juni, ein paar Wochen vor der Wahl, unterzog ich mich in einer Privatklinik einem "Belastungstest". Nachdem ich mich auf dem Laufband gequält hatte, saß ich im Wartezimmer, wo ich mich einem weiteren, diesmal politischen Belastungstest aussetzte. Eine Dame zu meiner Rechten sagte: "Dieser Indio kann nicht mal Englisch." Der Herr zu meiner Linken fiel ein: "Und auf der Uni hatte er ganz schlechte Noten." Der Typ, dessen Name nicht genannt zu werden verdiente, war natürlich López Obrador. Das erinnerte mich an ein Abendessen vor wenigen Monaten im Haus einer Freundin, deren Bruder Bankdirektor ist. Verwundert über meine Absicht, López Obrador zu wählen, begann sie, die Fehler des Sozialisten aufzuzählen (alle betrafen sie die "guten Sitten"), bis ein Tischdiener das Zimmer betrat. Sie wechselte ins Englische, um nicht verstanden zu werden.

Ich sagte ihr, dass sie mit dem Verwenden einer fremden Sprache, um sich vor den Armen abzuschirmen, ein weiteres Argument für López Obrador geliefert hatte. Die Ironie der Geschichte ist, dass der Tischdiener alles verstand. Nach dem Essen trat er zu mir, um mir zu sagen, dass er als "wetback" (Illegaler) in Los Angeles gearbeitet habe. Aus Gründen der Höflichkeit hatte er die Gastgeberin nicht daran erinnert, dass Millionen Arme notgedrungen diese Sprache gelernt haben. Das ist ein weiteres Faktum unserer merkwürdigen Demokratie: die Wirtschaft des Landes wird von Migranten am Laufen gehalten, die gar nicht wählen.

Verloren im eigenen Land

Es gibt unzählige Beispiele für Situationen, in denen die politische Debatte in rassistische Themen oder die unüberwindliche Trennung zwischen "anständigen Leuten" und "Gesindel" abdriftete. Der Wahlkampf schlug so hohe Wellen, dass nur ein deutlicher Sieg eines der beiden Lager für Regierbarkeit hätte sorgen können.

Am Nachmittag des 2. Juli teilte der Präsident der bundesstaatlichen Wahlkommission mit, dass gesicherte Zahlen erst gegen 23 Uhr zu erwarten seien. Der Wahlausgang war knapper als erwartet. Um 23 Uhr wurde verkündete, dass man auch jetzt noch nicht mit Ergebnissen aufwarten könne. Kein Meinungsforschungsinstitut war bereit, Zahlen zu nennen. Der Unterschied zwischen beiden Kandidaten war geringer als die bei Umfragen übliche Fehlerquote. In den nächsten Tagen bestätigten offizielle Zahlen den Sieg von Felipe Calderón mit 0,6 Prozent Vorsprung.

Obgleich in vielen Demokratien ähnlich knappe Ergebnisse vorkommen, haben die Härte der Auseinandersetzung und die mangelhafte Informationspolitik der Wahlkommission das Gespenst des Wahlbetrugs heraufbeschworen. Eine lange Tradition von Rechtsverstößen hat die mexikanischen Wähler zu Misstrauen erzogen. Was war geschehen?

Ist es möglich, die Geheimnisse der aztekischen Nacht zu entschlüsseln, auf die ein konfuser Morgen folgte? Ein Gerücht ist in Mexiko wahrscheinlicher als jede Statistik. Das Reich der Azteken, die 300 Jahre Kolonialherrschaft, das Chaos der Unabhängigkeit und 71 Jahre mit der PRI an der Macht haben uns gelehrt, an Verschwörungstheorien zu glauben. Es ist kein Zufall, dass die härtesten Wahlen der mexikanischen Geschichte in einer Atmosphäre von Desinformation und Komplottvorwürfen stattfanden.

Als sich abzeichnete, dass ein Linker in Mexiko an die Macht gelangen könnte, eröffnete der Consejo Coordinador Empresarial, eine Dachorganisation der Arbeitgeber- und Unternehmerverbände, eine Fernsehkampagne unter der Parole "López Obrador, eine Gefahr für Mexiko". Die Verleumdungen wurden flächendeckend verbreitet. Meine sechsjährige Tochter fragte, warum uns López Obrador unsere Wohnung wegnehmen wolle. Sie hatte im Fernsehen gehört, die Linke wolle unser gesamtes Eigentum beschlagnahmen.

Obwohl die Verfassung Wahlkampfhilfe durch ausländische Politiker verbietet, erschien der Spanier José María Aznar in Mexiko, um den PAN zu unterstützen. Und in seinem Buch "Die schmutzigen Hände" dokumentiert der Journalist José Reveles die Veruntreuung von Geldern für staatliche Wohnungsbauprojekte zugunsten der Wahlkampagne des PAN. Ein ums andere Mal intervenierte Präsident Fox zugunsten des Amtsanwärters aus den eigenen Reihen und wurde vom Bundeswahlgericht verwarnt. Trotz des ungleichen Wahlkampfs ließen mehrere Meinungsumfragen einen Wahlsieger López Obrador möglich erscheinen. Im Vertrauen auf sein Charisma weigerte sich der Exbürgermeister an der ersten Fernsehdebatte mit seinen Gegnern teilzunehmen, verschärfte den Ton seiner Reden und unterließ es, außerhalb linker Kreise Bündnisse zu knüpfen.

Am Abend des 2. Juli unterhielt ich mich mit einem Freund aus Kindertagen, Geschäftsführer des Hotels Marquis, wo sich die Führungsriege der Linken traf. "Sieht aus, als sei das Ergebnis nicht so toll", meinte er zu mir. Sofort sprach ich mit befreundeten Journalisten und dem PRD nahe stehenden Leuten. Das Wort "Niederlage" wurde vermieden, aber die Zahlen boten ein viel weniger klares Bild als erwartet.

In diesem Moment hätte die Wahlkommission Zweifel an einer korrekten Stimmauszählung gar nicht erst aufkommen lassen dürfen. Unglücklicherweise wurde nicht deutlich genug gesagt, dass eine erste Auszählung möglicherweise nicht alle Stimmen berücksichtigen könnte. Als rund 3 Millionen Stimmen nicht in das vorläufige Endergebnis Eingang fanden, befürchtete man Manipulationen.

Mittlerweile hatten sich beide Kandidaten zu Siegern erklärt. Als es endlich offizielle Zahlen gab, hatte der konservative Kandidat - in einem Land mit 106 Millionen Einwohnern - einen Vorsprung von 233 000 Stimmen; das entspricht dem doppelten Fassungsvermögen des Aztekenstadions.

Die Linke erkannte das Ergebnis nicht an und mobilisierte ihre Wähler, um eine Neuauszählung "Stimme für Stimme" zu erreichen. Das Bundeswahlgericht ordnete dagegen nur eine Neuauszählung in rund sechs Prozent Wahllokalen an. Die Überprüfung erbrachte eine leichte Korrektur zugunsten von López Obrador. Die These vom elektronischen Wahlbetrug ist weniger haltbar als die vielen Beweise dafür, dass der Wahlkampf von zahlreichen Unregelmäßigkeiten begleitet war.

López erprobte einmal mehr seine Begabung zum Aktivisten: Er rief zur Besetzung des Paseo de la Reforma auf, einer der zentralen Verkehrsadern der Hauptstadt; er forderte eine vollständige Neuauszählung der Stimmen und warf gleichzeitig den zuständigen Richtern, die eine Neuauszählung hätten beschließen können, Bestechlichkeit vor. Sein Kampf fand jetzt innerhalb wie außerhalb der Institutionen statt: Er war nicht mehr der Sozialdemokrat, der den Wahlkampf gewinnen wollte, sondern Kämpfer gegen die Wahlfarce, der ein Programm des zivilen Widerstands entwarf, um auf anderem Wege das Land zu verändern.

Anderthalb Monate lang war ein Teil der Stadt von Demonstranten besetzt. Das führte dazu, dass über 2 000 Arbeitsplätze verloren gingen und die Menschenrechtskommission fast 1 000 Anzeigen vorliegen hatte, die erste in Zusammenhang mit einem Kranken, der nicht in die Klinik hatte durchkommen können. Die Linke verlor an Rückhalt und an Bündnisfähigkeit. Dagegen verkündete die Rechte triumphierend, jetzt endlich zeige López Obrador sein wahres Gesicht. Die Fernsehspots seien vielleicht etwas übertrieben, aber prophetisch gewesen: Er stelle eine Gefahr für Mexiko dar.

Zwei Monate nach der Präsidentschaftswahl wurde im Bundesstaat Tabasco, der Heimat von López Obrador, ein neuer Gouverneur gewählt. 23 Prozent derer, die bei den Präsidentschaftswahlen noch PRD gewählt hatten, stimmten jetzt für den Kandidaten des PRI. Zwar mag es auch andere Gründe für diese Wählerbewegung geben, doch zweifellos trug die konfrontative Haltung der Linken zu diesem Wahlausgang bei.

Dennoch sind die Ziele von López Obrador klarer, als es auf den ersten Blick scheint. Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat ist er nicht auf Stimmen aus, sondern will den Leuten ins Gewissen reden, vor dem Niedergang des Landes warnen. Er ist nicht pauschal gegen die Institutionen als solche, sondern nur gegen die untauglichen, die wir haben. In dieser Hinsicht war seine Mobilisierung nicht umsonst. Laut einer Umfrage der Tageszeitung El Universal glauben 39 Prozent der Leute (mehr, als am 2. Juli links gewählt haben) an einen Wahlbetrug.

Am 6. September wurde Calderón offiziell zum Wahlsieger erklärt. Bei der Bekanntgabe des Endergebnisses wartete das Bundeswahlgericht mit einer interessanten gesellschaftskritischen Darbietung auf: Es erklärte, der Consejo Coordinador Empresarial und Präsident Fox hätten auf unzulässige Weise den Wahlkampf beeinflusst, es lägen jedoch keine Beweise dafür vor, dass ihre Einmischung den Lauf der Ereignisse verändert hätten. Das heizte die Situation weiter an: Das Gericht erklärte damit seine Unfähigkeit, zu bestrafen, was es verurteilte. Es konstatierte einen Gesetzesverstoß, ohne ihn zu ahnden.

Ist nach alldem noch ein Dialog möglich? Dass der Linken übel mitgespielt wurde, steht außer Frage. López Obrador hat jetzt das Problem, wieder eine politische Strategie zu entwickeln, die die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt. Am 2. Juli haben 15 Millionen Menschen für ihn gestimmt. Am 16. September hat ihn eine Versammlung von 800 000 Menschen zum Gegenpräsidenten ernannt. Wie viele Menschen werden ihm lieber auf dem Weg zum Helden, zum Märtyrer oder zur Legende die Treue halten, als mit anzusehen, wie er "wankend wird", indem er verhandelt? Rechtfertigt das Unrecht, das ihm bei den Wahlen widerfuhr, jede Art von Dialog zu verweigern, öffentliche Räume zu besetzen und die Rolle des Gegenpräsidenten zu spielen? Wird sein Erfolg als politische Ausnahmefigur ihm die Rückkehr zur offiziellen Form der Auseinandersetzung ermöglichen, oder wird man ihn als den Linken wahrnehmen, der auf unfaire Weise verlor, sich radikalisierte und den Rückhalt verspielte, den die Linke gewonnen hatte?

López Obradors Haltung ist ambivalent. Nachdem Calderón seinen voreiligen Protest abgeschmettert hatte, rief der "Gegenpräsident" dazu auf, nicht länger über Wahlbetrug zu klagen, sondern mit konstruktiver politischer Arbeit zu beginnen. Kurz zuvor hatte er im Senat eine wichtige Gesetzesinitiative eingereicht, mit deren Hilfe die marktbeherrschenden Monopole in Mexiko kontrolliert werden könnten. Diese "sozialdemokratische" Facette seiner Person verbindet sich mit seinen nicht immer belegbaren Klagen darüber, wie er von den Medien schikaniert werde, wie man ihm Stimmen gestohlen habe und wie moralisch verkommen sei Rivale sei.

Calderón wurde zum Präsidenten mit dem geringsten Rückhalt in der jüngeren Geschichte Mexikos. 64 Prozent der Wähler hatten einen anderen auf der Rechnung. Seine Rhetorik der Einheit hat er noch durch keine einheitsstiftende Politik untermauert.

Hoffnungen zu hegen fällt schwer in einem Land, in dem Präsident Fox seine Versprechen nicht halten konnte, den Chiapas-Konflikt "in 15 Minuten" zu lösen, die Wirtschaft um sieben Prozent wachsen zu lassen und den Status der Millionen in den USA arbeitenden Mexikaner zu klären. Die Rekordhöhe der Öleinnahmen und die Geldsendungen der Migranten sorgten makroökonomisch für eine - abstrakte - Stabilität. Aber in den Straßen und auf dem Land ist die Ungleichheit eklatant. Außerdem sind die politischen Konflikte weiter ungelöst. Der jüngste Fall ist der Aufstand in Oaxaca, bei dem dutzende Menschen ums Leben kamen, Gebäude, Pkws und Lkws angezündet wurden, Kinder ein Jahr Schule verloren haben: Metapher einer Verwaltung, wo es überall brennt.

Felipe Calderón gelangte durch die Hintertür auf die Parlamentstribüne. Vieles muss sich noch ändern, damit er durch den Haupteingang der Politik eintreten kann. An dem Tag, als das Bundeswahlgericht zu seinen Gunsten entschied, entbot der Drogenhandel ihm seinen Willkommensgruß - mit der Enthauptung von fünf Personen im Bundesstaat Michoacán, wo Calderón geboren wurde. Das ist das makabre Panorama, dem sich ein Mann gegenübersieht, dessen Sieg - nach mexikanischer Art - real und zutiefst ungewiss ist.

 



Published 2007-01-22


Original in Spanish
Translation by Christian Hansen
First published in Le Monde diplomatique (Berlin) 1/2007

Contributed by Le Monde diplomatique (Berlin)
© Juan Villoro/Le Monde diplomatique (Berlin)
© Eurozine
 

Focal points     click for more

The EU: Broken or just broke?

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurocrisis.html
Brought on by the global economic recession, the eurocrisis has been exacerbated by serious faults built into the monetary union. In a new Eurozine focal point, contributors discuss whether the EU is not only broke, but also broken -- and if so, whether Europe's leaders are up to the task of fixing it. [more]

European histories (2): Concord and conflict

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurohistories2.html
Broadening the question of a common European narrative beyond the East-West divide. How are contested interpretations of historical and recent events activated in the present, uniting and dividing European societies? [more]

Changing media -- Media in change

Media change is about more than just the "newspaper crisis" and the iPad: property law, privacy, free speech and the functioning of the public sphere are all affected. On a field experiencing profound and constant transformation. [more]

Support Eurozine     click for more

If you appreciate Eurozine's work and would like to support our contribution to the establishment of a European public sphere, see information about making a donation.

Editor's choice     click for more

Katajun Amirpur
Islam and democracy
The history of an approximation

http://www.eurozine.com/articles/2011-12-19-amirpur-en.html
In Iran, official revolutionary dogma has obliged "post-Islamist" philosophers to provide profound justifications for Islam's compatibility with democracy. Katajun Amirpur puts contemporary Iranian thinking on religion and politics in the context of Khomeini-era anti-westernism. [more]

Per Wirten
Where were you when Europe fell apart?

Too many Europeans have too long avoided the question of Europe, says Swedish writer Per Wirten. To prevent the EU from turning into a "post-democratic regime of bureaucrats", intellectuals need to stop mumbling and take the fear of Europe seriously. [more]

Valeriu Nicolae
Change must start from within
Roma integration: EU rhetoric and institutional reality

European member states are answerable to the European Commission regarding the integration of Roma. But what are the chances of national policies succeeding if structural anti-Roma racism exists within European institutions themselves? [more]

Debate series     click for more

Europe talks to Europe

http://www.eurozine.com/comp/europetalkstoeurope.html
Nationalism in Belgium might be different from nationalism in Ukraine, but if we want to understand the current European crisis and how to overcome it we need to take both into account. The debate series "Europe talks to Europe" is an attempt to turn European intellectual debate into a two-way street. [more]

Literature     click for more

Steve Sem-Sandberg
Even nameless horrors must be named

http://www.eurozine.com/articles/2011-09-23-semsandberg-en.html
It is high time to lift the aesthetic state of emergency that has surrounded witness literature for so long, writes Steve Sem-Sandberg. It is not important who writes, nor even what their motives are. What counts is the "literary efficiency". [more]

Literary perspectives
The re-transnationalization of literary criticism

Eurozine's series of essays aims to provide an overview of diverse literary landscapes in Europe. Covered so far: Croatia, Sweden, Austria, Estonia, Ukraine, Northern Ireland, Slovenia, the Netherlands and Hungary. [more]

Behind the headlines     click for more

Mykola Riabchuk
Tymoshenko: Wake-up call for the EU

The EU shouldn't be surprised by the Tymoshenko verdict: its support of anything nominally reformist has been perceived as acceptance of a range of repressions, argues Mykola Riabchuk. [more]

Conferences     click for more

Eurozine emerged from an informal network dating back to 1983. Since then, European cultural magazines have met annually in European cities to exchange ideas and experiences. Around 100 journals from almost every European country are now regularly involved in these meetings.
Changing media, Media in change
The 23rd European Meeting of Cultural Journals
Linz, 13-16 May 2011

http://www.eurozine.com/comp/linz2011.html
The 23rd European Meeting of Cultural Journals took place in Linz, Austria, in May 2011. Under the heading "Changing media, Media in change", the conference explored the challenges and transformations facing media in the wake of the digital revolution. [more]

Multimedia     click for more

http://www.eurozine.com/comp/multimedia.html
Multimedia section including videos of past Eurozine conferences in Vilnius (2009) and Sibiu (2007). [more]


powered by publick.net