Brief aus Ljubljana
Ich schreibe euch aus einem Umfeld, von dem ich sagen kann, dass es
journalistisch uninteressant, geradezu langweilig ist. Die jugoslawischen
Panzer und die weltweite Aufregung darüber sind längst Schnee von
gestern und seither wird alles immer stabiler (Nato, EU, Euro,
slowenische EU-Präsidentschaft 2008). Es geht immer weiter bergauf.
Und gute Nachrichten sind natürlich überhaupt keine Nachrichten. Diese
Medienmaxime liefert mir schlicht und einfach die Rechtfertigung für eine
Form des Schreibens, die mir - jedenfalls für diese Zeitung - sehr
behagt. Also, keine Nachrichten, stattdessen Marginalien und dergleichen.
Nicht einmal etwas über das Wetter, das ist hier nämlich genauso komisch
warm (fantastisch!) wie bei euch.
Ich schreibe euch aus einem Umfeld, von dem sich auch sagen ließe, dass
in ihm lauter Fragen brodeln. Als Kostprobe, zur schnellen Befriedigung
der Neugier, hier eine solche Frage, die unlängst aufkam: Wie sehen wir
Slowenen uns selbst, und wie seht ihr uns, zum Beispiel ihr Deutschen?
Wie sieht das slowenische Selbstbild jetzt aus, in der Zeit der
intensiven Annäherung an Europa, diesmal im Rahmen bereits etablierter
institutioneller Bindungen? Was wissen wir über den kritischen Blick
anderer auf uns, und sind wir bereit, uns damit auseinanderzusetzen?
Interessante Fragen. Dazu sei angemerkt: Wir Slowenen haben mit unserem
Selbstbild spezifische Schwierigkeiten - wir mussten keine sowjetischen
Erniedrigungen hinter dem Eisernen Vorhang erdulden. Wir haben in einem
tragikomischen, aber relativ freien Experimentierstaat gelebt und in
diesem alles andere als eine Nebenrolle gespielt. Wir waren der
entwickelte Norden, das Musterländle. Wir haben es genossen, zu den
Champions zu gehören. Wir haben die "sozialistische Selbstverwaltung"
erfunden. Wir haben auch als erste vernehmbar unser Streben nach
Demokratie, unseren Drang nach Europa verlauten lassen. Im jugoslawischen
Spiegel waren wir es gewohnt, unser Bild als das schönste zu sehen.
Der selbstständig gewordene, souveräne Slowene ist natürlich ein ganz
anderer als der Slowene in der Knechtschaft des Totalitarismus und des
Vielvölkerstaates. Heute ist er eigentlich bloß ein ganz gewöhnlicher
Neueuropäer, der in den EU-Statistiken überdurchschnittlich gut
abschneidet, ein Student im Erasmus-Programm. Allerdings nur theoretisch,
er ist auch ein Chauffeur für polnische Wasserinstallateure. Das Bild im
europäischen Spiegel ist - aber was rede ich da, ihr habt es ja vor
Augen.
Eintopf (ein traditionelles slowenisches Wintergericht): Man nehme 150 g
Trockenbohnen, ein Pfund saure Rüben, ein Pfund Kartoffeln, 2 Esslöffel
gehackte Zwiebeln, 60 ml Öl, 2 Esslöffel Mehl, 1 Esslöffel saure Sahne,
Salz, Pfeffer, gehackten Knoblauch, Lorbeerblätter, einen ausgelösten
Knochen von luftgetrocknetem Schinken. Die Bohnen über Nacht einweichen.
Dann kochen. Den Knochen separat kochen. Die Rüben in der Knochenbrühe
weichkochen. Die Kartoffeln in Würfel schneiden, kochen und mit dem
Kochwasser zu den Rüben geben. Die abgetropften Bohnen dazugeben.
Gehackte Zwiebel und Mehl in Öl anbraten. Sobald die Zwiebel anfängt,
braun zu werden, mit etwas Wasser ablöschen und fünf Minuten köcheln
lassen. Zum Eintopf hinzugießen. Salzen und pfeffern, mit Lorbeerblättern
und Knoblauch würzen, Sahne und den Schinkenknochen dazugeben.
Durchrühren und fertig kochen. Am besten passt Schwarzbrot dazu.
Ich schreibe euch aus einem Umfeld, in dem alles Alte
durcheinandergerührt ist und sich in der Verbindung mit dem Neuen
überwiegend als eine Reihe hausgemachter Absonderlichkeiten darbietet. Um
eine solche handelt es sich jedenfalls bei den regelmäßigen Auftritten
des Außenministers als Autor von Beiträgen in unserer führenden
Tageszeitung. Im Rahmen aktueller Medieneinschüchterung nutzt der
Minister den Platz in der Zeitung eifrig für seine eigenartige
Psychoanalyse der Nation - als ehemaliger Salondissident kann er das ganz
gut. Der hiesige Außenminister ist nämlich ein (Ex-) Schriftsteller, dem
die Worte glatt aus der Feder fließen - ein Kreuz ist es allerdings mit
seinen Schlussfolgerungen. Getarnt als Sorge um das geistige Wohl von
Volk und Staat, sind sie eine einigermaßen triviale Abrechnung mit
politischen Gegnern. Darüber hinaus dienen sie der Unterhaltung der
kritischen Öffentlichkeit, die dergestalt ihre "Freitagspredigt" bekommt
- wenn sie schon nicht in die Kirche geht. Jedenfalls ist es die
literarischste Predigt über den aktuellen politischen Mikrokosmos, die
bezeichnenderweise mehr über den Autor als über die "Lage der Nation"
verrät. Es lebe die Avantgarde!
Majoranragout (ein Hauptgericht): Man nehme 300 g Rindfleisch, 40 ml Öl,
4 Esslöffel Semmelbrösel, 1 Esslöffel Mehl, Salz, Pfeffer, 1 Esslöffel
getrockneten Majoran, Rosmarin. Das Fleisch in etwa 2 bis 4 mm dünne
Scheiben schneiden. Mit Majoran bestreuen und in Öl anbraten, bis der
Fleischsaft verdunstet ist. Aus der Pfanne nehmen. Im gleichen Fett
Semmelbrösel und Mehl anbraten. 10 ml Wasser hinzugießen. Wenn es
aufkocht, das Fleisch in die Pfanne legen und wenden, Majoran hinzugeben
und weichkochen. Zum Schluss salzen und pfeffern, eine Prise Rosmarin
dazugeben. Dazu passt am besten angebratene Polenta. "Kochen ist", so ein
unbekannter Denker, "eine Mischung aus Eitelkeit und Güte."
Slowenien ist in der europäischen Presse zuletzt als klaustrophobe
Gesellschaft in Erscheinung getreten, die ihre Roma vertreibt und ihnen
keinen Platz zum Leben gönnt. Warum auch sollte das typisch europäische
Klima der Intoleranz und Abwehr von Andersartigkeit ausgerechnet in
Slowenien nicht zu Hause sein? Von hier aus betrachtet war es, das kann
ich sagen, noch viel schlimmer. Es gab leidenschaftliche Wortgefechte -
mit dem Ergebnis, dass wieder mal nichts so heiß gegessen wird, wie es
gekocht wird. Es ging schlicht darum, dass die Parteien, die an der Macht
sind, zu Geiseln ihrer Wähler geworden sind. Die erforderliche Mehrheit
haben sie nämlich vor zwei Jahren vor allem dadurch gewonnen, dass sie
die im öffentlichen Bewusstsein kaum bedeutsamen "Südländer", den Bau von
Moscheen und, in gewissen regionalen Milieus, wohl auch die Problematik
der Roma thematisiert haben. Wähler denken rational: Jetzt, da die
"Unsrigen" an der Macht sind, werden wir diese Probleme im
Hauruckverfahren lösen. Da kommt man leicht auf den Gedanken, dass
derartige Exzesse auch in Zukunft stattfinden werden und dass die
machthabenden (rechten) Parteien arg in der Klemme stecken - wenn sie
keine schweren Fehler machen, steht ihnen eine weitere Amtszeit ins Haus
und ihre Wähler verstehen nicht, warum man sich neuerdings anders
verhalten soll. Sie doch nicht. Sie begreifen nicht, wie ungeschickt es
wäre, wenn Slowenien während der EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr
durch bürgerwehrähnliche Patrouillen in Dörfern auffiele. Und sie werden
das auch nicht so bald begreifen, da sie die politische Demagogie für
bare Münze genommen haben. Wer Wind sät, wird Sturm ernten!
Hefestrudel (Estragonstrudel; eine gewöhnliche slowenische Süßspeise):
Man nehme für den Teig 600 g Weißmehl, 40 g Zucker, 40 g Butter, 1
Esslöffel Koch-Rum, 15 ml Milch, 20 g Hefe; für die Füllung: 100 g
Butter, 100 g Semmelbrösel, 120 g Zucker, 3 Eier, 2 Esslöffel Sahne; fein
geschnittenen Estragon. Semmelbrösel in Butter rösten; wenn sie
abgekühlt sind, mit Zucker, Eigelb, Sahne und steif geschlagenem Eiweiß
verrühren. Den Hefeteig wie gewohnt ansetzen. Den aufgegangenen Teig
ausrollen und mit der Füllung bestreichen, die Füllung gleichmäßig mit
Estragon bestreuen, das Ganze zu einer festen Rolle formen und noch
einmal gehen lassen. Den aufgegangenen Strudel backen wir eine gute
Stunde. Zuerst bei 220, dann bei 180 Grad. Am besten passt dazu gute
Laune, da es in der Regel eine Festspeise ist.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass wir Slowenen bald alle
europäischen Standards einholen werden, zumindest die, denen wir
hinterherjagen. Für einen minderjährigen Staat in der Pubertätsphase wird
es umso schwerer, sich in die europäische Gesellschaft einzubringen,
deshalb sind Selbstbild und Identität auch so wichtig. Ein Staat, der
immer eine anonyme Provinz war, kann nicht über Nacht als europäischer
Stern aufgehen, wenn er, versteht sich, nicht nur ein teures Sternchen
sein will, das seine wahre Identität für einen kurzlebigen Erfolg
preisgegeben hat.
Ich schreibe euch aus einem Umfeld, für das im Augenblick ein Zug
charakteristisch ist, den ein (bekannter einheimischer) Dichter als
"lethargischen Hedonismus" bezeichnet hat. Die Erläuterung dieses
Begriffs würde noch einen ganzen Artikel in Anspruch nehmen. Wir haben
hier aber nur diesen einen - über "slo food" eben.
Published 2007-01-15
Original in Slovenian
Translation by Hans-Joachim Lanksch
First published in Le Monde diplomatique (Berlin) 1/2007
Contributed by Le Monde diplomatique (Berlin)
© Boris Cizej/Le Monde diplomatique (Berlin)
© Eurozine













