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Die verdrängte Teilung


I

Zu den verblüffenden, nicht leicht nachvollziehbaren Folgen der deutschen Vereinigung gehört es, daß sie die deutsche Teilung nicht nur beendete, sondern sie auch weitgehend aus dem allgemeinen Bewußtsein verdrängt hat. Wie ein Spuk erscheinen der Gegenwart diese vier Jahrzehnte, von denen die Deutschen doch zuletzt angenommen haben, daß sie auf unabsehbare Dauer die Wirklichkeit seien, mit der sie zu leben hätten. Nun sind sie zu einem Zeitraum geworden, an den sich viele nur noch dunkel erinnern und der im Bewußtsein der Gesellschaft abgesunken ist wie ein untergegangenes Schiff in den Schlick des Meeresbodens.

Selbst das Gefühl für die Bedeutung, die dieses Ereignis in der Erinnerung derer hat, die es miterlebten, scheint zu verschwimmen: Wann war das eigentlich, daß die Westdeutschen an den Grenzkontrollstellen ergeben darauf warteten, daß ihnen der Grenzpolizist seinen Stempel in den Ausweis knallte? Wie lange ist es her, daß die Ostdeutschen die Jahre bis zum Rentenalter hochrechneten, weil da die ersehnte Westreise möglich wurde? Selbst die Überwältigung durch die Beendigung dieses Zustandes, der alle nur noch "Wahnsinn" rufen ließ, ist schon fern gerückt. Sind es wirklich nur siebzehn Jahre? Oder liegt das alles schon so weit zurück wie das Dritte Reich, die Republik von Weimar oder das Kaiserreich - vollendete Vergangenheit, eingestellt in die entrückte Welt von Ereignissen und Gestalten, die wir als Geschichte weniger begreifen als ablegen?

Das Spiel mit den Erinnerungsspannen, mit der gefühlten Zeit also, stellt vor Augen, wie weit entzogen die Periode der Teilung einem gehörig zeitgenössischen Bewußtsein bereits ist. Kaum gehört sie - obwohl sie immerhin so lang dauerte wie das Kaiserreich - noch wirklich zu unserer Gegenwart. Gewiß gibt es vieles, was aus der Zeit der deutschen Zweitstaatlichkeit im Gedächtnis haften geblieben ist, Ereignisse und Erfahrungen - der Mauerbau natürlich, die Mauertoten, die Grenzkontrollen, vielleicht auch die Rentnerreisen oder das Westpaket. Aber aufs Ganze gesehen sind diese vierzig Jahre der neuen Zeit, die mit der Wende begann, nur in verkürzter Fassung übergeben worden - zusammengefaltet wie ein Autowrack, das zum Zwecke der Entsorgung durch die Presse gegangen ist. Sie sind entwertet, auf ihren Stellenwert im Geschichtsablauf reduziert, sozusagen auf ihren historischen Materialwert - die Lebenszeit der zwei, drei Generationen, die sich mit ihr herumschlugen, eine Handvoll einschlägiger Daten, Regierungswechsel, Parteitage und Olympischer Spiele, die in die Jahre etwas Ordnung bringen, dazu das Auf und Ab des individuellen Daseins, Hochzeiten, Kindstaufen und Examen, und der Wandel der Lebensformen, den eine solche Zeitspanne bereithält. Übriggeblieben sind Privatgeschichten, Anekdoten, Traumata. Trauen sie sich nicht mehr in die Öffentlichkeit des neuen, vereinten Deutschland?

Jedenfalls trägt die Zeit der Teilung so gut wie nichts zum Zeitbewußtsein der Gegenwart bei. An der Stelle, wo sich ein so einschneidender Vorgang ereignet hat wie die Teilung eines Landes, exekutiert an seinem lebendigen Körper, mitten hindurch durch Familien, Biographien, Schicksale, findet sich in der kollektiven Erinnerung eine zertretene Stelle, eine historisch-gefühlshafte Öde, vergleichbar jenen wüsten Orten auf den Landkarten, wo nur noch der Name einer Gemarkung an ein untergegangenes Dorf erinnert.

Allerdings liegt ja auf der Teilung auch schwer der Eindruck, daß sie nur eine historische Sackgasse war, aus der die Deutschen Gott sei Dank wieder herausgekommen sind. So ist die Teilung aus einem Bewußtsein, das auf der Höhe der Zeit sein will, quasi herausgefallen: Vier Jahrzehnte lebten die Deutschen in einer Lage, die man sich vorher nicht vorstellen konnte - und hinterher, wie sich herausstellt, offenbar auch nicht. Und ist denn nicht der Eindruck weit verbreitet, daß die Deutschen im wiedervereinigten Land schon wieder so leben, als sei es immer so gewesen, als sei es gar nicht geteilt gewesen? Selbst die Probleme, mit denen die neuen Länder kämpfen, Deindustrialisierung und Abwanderung, halten die Zeit der Teilung nicht mehr im öffentlichen Bewußtsein; dabei sind sie doch nicht zuletzt deren Folgen. Im Angesicht einer Gegenwart, die wieder in die Geschichtsspur des Einheitsstaates eingebogen ist, ist das Leben mit der Teilung zur Episode geworden - vierzig Jahre verweht, eine ärgerliche Geschichte, die vorbei ist.

Der Vorgang ist so sehr Teil unseres Zeitbewußtseins geworden, daß man verblüfft ist, wenn man ihn öffentlich vergegenwärtigt findet. "Gedenkt der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen", heißt die Inschrift, die noch immer am Bremer Marktplatz steht, ganz im Vollton des Schicksalspathos, mit dem die Zeitgenossen auf die deutsche Teilung in den frühen Nachkriegsjahrzehnten reagierten, angebracht von ihrem legendären Bürgermeister Wilhelm Kaisen. Nur ist sie ergänzt durch den Halbsatz, sie "erinnert an die deutsche Teilung von 1949 bis 1989" - und so trifft den Betrachter die Erkenntnis, wie die Beschwörung eines Ereignisses, das eben noch tief ins Gefühlsleben der Nation griff, zum Epitaph auf eine abgeschlossene Epoche geworden ist, abgetan und eingesargt zwischen zwei Jahreszahlen wie der Dreißigjährige Krieg oder die Regierungszeit eines Monarchen.

Zur Erklärung dafür reicht es nicht aus, daß es viele Gründe gibt, sich der Erinnerung an die deutsche Teilung zu verweigern, und daß es überhaupt, alles in allem genommen, gut ist, daß sie vorbei ist. Ohnedies kann man sich des Gefühls nicht erwehren, daß eine Verwünschung - nicht gedacht soll ihrer werden - über diesem Zeitabschnitt liegt. Selten kommt es ja auch vor, daß man an einer Epoche kaum etwas findet, was ihr die Spur eines guten Andenkens verschaffen würde. Die Rechtfertigungen, mit denen sie versehen wurde - erst die Verteidigung eines historischen Experiments, später die Stabilisierung einer bedrohlichen Weltlage - sind ohnedies längst verwelkt, ihre Überzeugungskraft ist auch bei ihren Verteidigern von Zweifeln eingeholt worden.

Aber in erster Linie ist es doch die Massivität der Veränderung durch die Vereinigung, die die Teilung dem Bewußtsein der Gegenwart so weit entrückt hat. Es ist sozusagen der Rückstoß ihrer Beseitigung, eines Vorgangs von nachgerade tektonischer Gewalt, der die Erinnerung an das, was gestern noch unerschütterbar schien, in den Orkus des Vergessens gerissen hat. Bereits das Sturzgeburthafte der Vereinigung stieß einen Prozeß an, in dem die sich herausbildende neue Realität allen Anstrengungen, sie zu begreifen, immer schon voraus war - und je mehr sich diese Entwicklung in Richtung auf die Einheit beschleunigte, desto rascher blieb die Teilung zurück. Schließlich war es die Selbstverständlichkeit, ja die Unwidersprechbarkeit, mit der das Leben im vereinten Lande von der Gegenwart Besitz ergriff, die sich vor die Erinnerung an die geteilte Vergangenheit stellte und sie Schritt für Schritt in den Hintergrund drängte.

Erschien es nicht bald als halbe Erfindung, daß es da vor kurzem noch zwei Staaten gab, die Rücken an Rücken standen und das Land so unnachsichtig besaßen, daß es als Ganzes fast nur noch in der Erinnerung an Gestern und Vorgestern existierte? Daß da, wo jetzt nichts mehr ist als Landschaft, Autobahngeschwindigkeit und Alltagsroutine eben noch Mauer und Grenzstreifen, Unterschied und Fremdheit waren - Abgeschlossenheit nach der einen Seite und ein bürokratisches Regiment in ihrem Schatten, Abgeschriebenheit auf der anderen Seite, jedenfalls in bezug auf den anderen Teil des Landes, gemildert durch mühsame Reparaturarbeiten am Zustand der Teilung? Nichts mehr davon, alles weg, fast mit einem Schlage, ersetzt durch das Gegenteil: Zuviel lange Unvorstellbares wurde Wirklichkeit, als daß die Wirklichkeit von gestern noch vorstellbar wäre.

Zugleich hat eine dramatische Umwertung der Perspektive stattgefunden, in der die Teilung wahrgenommen wurde. Eben noch der tiefe Einschnitt, der unwiderruflich das Ende einer gemeinsamen Geschichte der Deutschen und nichts Geringeres als deren Aufspaltung in zwei voneinander getrennte deutsche Geschichten einzuleiten schien, gilt sie nun als bloße Unterbrechung ihres überlieferten, auf den Einheitsstaat gerichteten Gangs. Binnen kürzester Zeit verlor die Teilung auch alle die Attribute, die über die Jahrzehnte hinweg ihr politisches und historisches Gewicht angegeben hatten. War sie nicht der symbolische Ausdruck der bipolaren Welt gewesen, der deutsche Beitrag zum Weltdrama der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ja sogar - wofür sie zumindest bei den aufgeklärten Köpfen in der Bundesrepublik gegolten hatte - die gerechte Konsequenz des Zweiten Weltkriegs, wo nicht einer noch tiefer gehenden, noch länger zurückreichenden deutschen Daseinsverfehlung?

Nun ist sie kaum mehr als ein historisches Unglück, das den Deutschen in der Folge der historischen Groß- und Kleinkonstellationen der Nachkriegszeit zugestoßen ist: die Spaltung eines Staates, das ruinöse Experimentieren mit einer Gesellschaft auf der einen Seite, die Gewöhnung an einen absurden Zustand auf der anderen, als Folge davon Beschädigungen diverser Art, im Osten sehr real, im Westen eher indirekt. Stand die Nation nicht eben noch vor dem definitiven Ende einer in Jahrhunderten herangewachsenen Gemeinsamkeit? Nun rückte der große Umbruch des Herbstes 1989 die Deutschen doch wieder in die Fluchtlinie einer Vergangenheit, die lange zurückreicht, in das mit Drittem Reich und Krieg vergangene Deutschland, in die Geschichte, in der die Nation sich gebildet hat - auch wenn sich das wieder geeinte Deutschland in Selbstverständnis und seiner europäischen Situierung signifikant von den früheren deutschen Staaten unterscheidet.

Heimlich gewann das Ende der Teilung und die Wiedergewinnung der Einheit so etwas wie den Rang eines schlüssigen Resultats der Nachkriegsgeschichte, obwohl diese doch über die längste Zeit in eine ganz andere Richtung gegangen war - als habe das, was sich eben noch keiner vorstellen konnte, so kommen müssen, wie es dann geschah. Rechtfertigt sich Geschichte, wenn sie gelingt, durch sich selbst? Das Wunder, das die Aufhebung der Teilung nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte darstellte, mutiert zur Verwunderung darüber, daß es diesen Zustand überhaupt und so lange gegeben hat.

Selbst im Osten, von der deutschen Teilung ungleich massiver getroffen als der Westen, hat die neue Gegenwart sie verdrängt, obwohl diese vier Jahrzehnte doch noch jedem, der sie erlebt hat, in den Gliedern sitzen und zwar so tief, daß sie sich auch den jungen Leuten in den neuen Ländern als eine Art kollektiver Phantomprägung mitteilen. Dieses Sich-Entziehen der Vergangenheit hindert auch der Umstand nicht, daß die DDR, kaum daß ihr Untergang von der Geschichte besiegelt war, eine merkwürdige, sich mit den Jahren noch steigernde Wiederkehr erlebt, in den neuen Ländern, aber auch darüber hinaus. Man hätte sich in der Zeit der Teilung schwerlich vorstellen können, daß der kleinen, engen Welt der FDJ-Lieder und der Jugendweihe, der man zu Wendezeiten so rasch als möglich entkommen wollte, inzwischen mit einer nicht immer nur ironischen Zuneigung gedacht wird, und daß die Staßfurt-Radios und Trabis, denen damals nur Verachtung galt, nun Museumsrang haben - ganz zu schweigen von dem Spiel mit Pionierhalstüchern und Volksarmeeuniformen, das diese gespenstische Wiederkehr nostalgisch umflattert und ihr den selbst schon gebrochenen Begriff "Ostalgie" eingebracht hat.

Tatsächlich wird die Barriere, die der Kulturschock der Vereinigung im Osten zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufgerichtet hat, von dieser Wiederkehr gerade nicht überwunden, sondern im Gegenteil erhöht. Die Rückkehr der DDR als kleine, irgendwie doch behagliche Welt, mit den Schlagerstars und fröhlichem Jugendleben - in welche Reihe dann auch, für den anspruchsvolleren Geschmack, das preisgünstige Gesundheitswesen und der wohlsubventionierte Kulturbetrieb gehören -, zieht ihr den Stachel, ohne den sie nicht zu haben war. Diese weichgespülte, präparierte DDR blendet die Militanz der Machtausübung ebenso aus wie die Ärgernisse der Mangelwirtschaft, vor allem aber die Teilung, die die DDR doch eigentlich hervorgebracht hat und ohne die sie jedenfalls nicht existieren konnte.

II

Vielleicht kann man in dem Versinken der Teilung auch eine späte Bestätigung dafür finden, daß der Zustand des geteilten Landes, der den Deutschen im Westen wie im Osten zur Normalität geworden war, eben doch anormal war. Oder wie wäre sonst zu begreifen, daß die in Jahrzehnten geknüpfte, mit Macht und Verträgen bewehrte Zweistaatlichkeit sich fast über Nacht auflöste, sobald nur die Mauer geöffnet und die Apparatur von Partei, SED-Staat und Stasi zusammengebrochen war? In diesem Stoff waren offenbar zu viele Fragwürdigkeiten, Vorbehalte und Widersprüche enthalten, als daß er von Dauer hätte sein können. Nun muß man sich fragen, was man vielleicht schon früher hätte fragen sollen: War es denn wirklich denkbar, daß ein über lange Zeit historisch gewachsenes Gebilde wie dieses Deutschland auf die Dauer in zwei Teilstaaten würde existieren können, die willkürlich nach den Interessen zweier weltpolitischer Machtzentren geschnitten waren? Ließ sich dieser Zustand dadurch mit einem Hauch von Normalität versehen, daß die Deutschen ihm so zu Leibe rückten wie geschehen: mit entschlossenem Pragmatismus, wachsender Resignation, verklemmten Schuldgefühlen und bemühtem Gerade-Denken des Krummen? Konnte überhaupt ein Zustand Bestand haben, der die Versuche zu seiner Rechtfertigung immer wieder durch seine Praxis selbst demontierte, sozusagen in einem Prozeß permanenter Korrosion, bewirkt durch das Maß an Leid, Absurdität und Widersinn, das die deutsche Teilung hervorbrachte?

Haben wir das wirklich für möglich gehalten? Ja, wir haben es, und deshalb könnte es sein, daß es auch die Zerknirschung über diese Selbsttäuschung, Scham und Trauer sind, die die Teilung aus dem Horizont der Gegenwart verdrängen. Natürlich müssen es sich die Deutschen nicht zum Vorwurf machen, daß sie die Teilung nicht verhindert und daß sie sie nicht aus eigener Kraft überwunden haben - die Verhältnisse waren nicht so, daß sie Herren ihres Schicksals hätten sein können. Aber Zweifel an ihrem Verhalten weckt die Art und Weise, wie sie sie nicht überwanden, sie hinnahmen und ihr schließlich einen Hauch von Legitimität gaben. Am Anfang, als die Teilung noch jung war, drückte sich die Verblüffung darüber oft in der moralischen Entrüstungsgeste aus, die auf andere Nationen zeigte: Wie anders lägen die Dinge, wenn London durch eine Mauer oder Frankreich durch einen monströsen Grenzstreifen getrennt würden! Später, als die Deutschen die Teilung akzeptiert hatten und mit ihr zu leben lernten, galt die Irritation eher der Schicksalsergebenheit, mit der sie das taten, und ihrer von Selbstzufriedenheit nicht freien Bereitschaft, sich die Dinge positiv zurechtzudeuten.

Aber war es wirklich nur politische Vernunft, die die Deutschen in den letzten zwei Jahrzehnten mehr Gedanken darauf verwenden ließ, wie die Teilung zu rechtfertigen und zu managen sei, als darauf, wie sie zu beenden wäre? Und auch wenn man einräumt, daß die Politik des friedlichen Nebeneinanders der beiden Staaten einschließlich der damit verbundenen Reparaturarbeiten an den fatalsten Folgen der Zweistaatlichkeit die einzige Praxis war, die bei der nicht abzusehenden Dauer der ost-westlichen Spaltung der Welt übrigblieb, so weckt die Hingabe, mit der die Deutschen diese Politik vollzogen haben, doch Zweifel daran, ob sie der Herausforderung gerecht geworden sind, die die Teilung für die gewachsene Gemeinsamkeit des politischen und gesellschaftlichen Lebens bedeutete.

Sieht man von heute aus beispielsweise auf die schon wieder von der Natur überwachsenen, von gewöhnlicher Geschäftigkeit besetzten einstigen Grenzstreifen, so wirkt es gespenstisch, daß über die Jahre hinweg im Stil einer Haupt- und Staatsaktion an ihrer Markierung gearbeitet wurde und die Grenzkontrollanlagen zu wahren Monumenten der deutschen Teilung wurden. Und alle Einsicht in die Gegebenheiten, denen die Politik im Kalten Krieg und inmitten festgezurrter Machtverhältnisse Rechnung tragen mußte, löscht nicht die gemischten Empfindungen darüber aus, daß die Deutschen so lange so ergeben mit den Zumutungen der Teilung lebten. Zu der Perversität der monströsen, landschaftsdeformierenden Anlagen zur Verhinderung jeden Grenzübertritts, was die DDR stolz "moderne Grenze" nannte, und den Millionenbeträgen, die der Westen bereitstellte, um die deutsch-deutsche Infrastruktur teilungstauglich zu machen, trat der Gleichmut, ja die Selbstzufriedenheit, mit der die Deutschen mit alledem umgingen.

Gewiß, die Bundesrepublik hat der DDR nicht den Strick verkauft, an dem sie hängen sollte - wie es nach Lenins Ausspruch die Kapitalisten in ihrer Profitgier tun -, auch wenn immer wieder kolportiert wurde, westdeutsche Geschäftsleute hätten den Zement und den Stacheldraht für die Mauer geliefert, aber sie überließ ihr Milliarden, die den Zustand erträglich machen sollten, den sie doch überwinden wollte. Das Paradoxon ist nach dem Mauerfall als Einwand gegen die Deutschlandpolitik gewendet worden, und auch wenn die Vorhaltung, die Deutschlandpolitik habe entgegen ihrer ursprünglichen Intention die Teilung weniger gemildert als verlängert, wesentlich polemisch war, so rührt sie doch an ein Unbehagen, das nicht unbegründet ist. Denn es bleibt ein Einwand auch gegen eine alles in allem genommen vernünftige Politik, daß der Deutschlandpolitik über den von ihr angestrengten Verhandlungs- und Vertrauensbildungsprozeduren und den damit erreichten Abkommen und Verträgen mehr und mehr ihr Gegenstand, eben das ganze Deutschland, aus dem Blick geriet. Oder genauer und gerechter: daß sie nicht verhindern konnte, daß dieses Deutschland zu einer Größe wurde, die zur Wende, ja selbst noch danach auf dem Kurszettel der geltenden Werte eigentlich schon nicht mehr notiert wurde. Die Rede vom "Unteilbaren Deutschland" - wie die Institution hieß, die als eine Art Volksbewegung gegen die Teilung gegründet worden war - zog nicht nur Spott auf sich, durchaus ungerechtfertigt, denn die Seminare, Vorträge und Publikationen, die sie veranstaltete, hatten ihre Verdienste; die bittere Erkenntnis, die diese Einrichtung und ihr Name herausfordert, bestand in der Einsicht, daß Deutschland teilbar war, allen Sonntagsreden, Tagungen und Publikationen zum Trotz - und daß die Deutschen Anteil daran hatten.

Es gehört zu diesem Bild, daß der brachiale Schnitt durch Deutschland den Charakter des Unabänderlichen annahm, mit den Jahren sozusagen etwas Naturwüchsiges gewann. In gewisser Weise verschwand die Teilung nicht erst mit der Vereinigung: In ihrer Monstrosität war sie schon vorher aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt und gleichsam domestiziert worden. Die menschenverachtende Zumutung war längst Teil des deutsch-deutschen Status quo, nicht nur im Westen, wo der Wandel der Zeitläufte den Schildern mit der Aufschrift "Auch drüben ist Deutschland" und den Mauerdenkmalen auf den Plätzen den Eindruck des Anachronistischen aufdrückte, sondern auch im Osten, wo die Menschen eine raffinierte Praxis entwickelten auszublenden, was man nicht ändern konnte. Es bedurfte schon der Schüsse an der Mauer oder der Entdeckung der Selbstschußanlagen an der Grenze, um den gewaltsamen Charakter der Teilung dann und wann wieder grell aufblitzen zu lassen.

Aber die Deutschen hatten ihren Frieden mit der Lage gemacht. Längst hatte die deutsche Teilung den Status einer Vorgegebenheit deutscher Existenz erhalten - nicht anders als der Zusammenbruch 1945, aus dem heraus sie ja entstanden war. Vielleicht täuscht der Eindruck nicht, daß hinter der Duldungsstarre und Empfindungslosigkeit, mit der die Deutschen den Zustand der Teilung über sich ergehen ließen, in der Ferne der andere große Einschnitt ihrer Geschichte zu spüren war, das Kriegsende und der Zusammenbruch, die das Land zum ohnmächtigen Objekt der Weltgeschichte gemacht hatten. Natürlich ist es richtig, daß die deutsche Zweistaatlichkeit die direkte Folge der Geschichte war, in der die in den Abmachungen der Siegermächte markierten Grenzen in ihrem ost-westlichen Verlauf von der weltpolitischen Konfrontation zwischen freier Welt und Sowjetimperium ideologisch überhöht und militärisch befestigt wurden. Aber abgestützt war sie auch in dem lähmenden Schwächegefühl der Deutschen, das seit dem Zusammenbruch am Grund der Nachkriegszeit lag. Es gab den Initiativen und Absichten, die in der Nachkriegszeit immer wieder aufflackerten, um der Teilung zu wehren, das Vorzeichen des Unschlüssigen und des Halbherzigen.

III

Geht ein Ereignis wie die deutsche Teilung verloren, läuft eine ganze Epoche Gefahr, aus der Geschichte herauszufallen. Sechzehn Jahre nach dem Ende der Zweistaatlichkeit macht es schon Mühe, sich die Umstände dieses Zustandes ins Gedächtnis zurückzurufen. Selbst Mauer und Zonengrenze, ihre gewaltigen und gewaltsamen Bastionen, sind abgesunken ins Halbdunkel der Erinnerung, und mittlerweile bedarf es historischer Führer oder der Fähigkeit von Fährtensuchern, um ihren Verlauf auszumachen. Erst recht tut sich die Gegenwart schwer, sich eine Vorstellung von den Folgen für das öffentliche und private Leben zu geben. Dabei bleibt es doch ein großes, in seinen Konsequenzen kaum zu Ende zu denkendes Ereignis, wie sich die Teilung fortsetzte und verzweigte im öffentlichen und privaten Leben, wie die große Grenze millionenfache kleine Abgrenzungen nach sich zog, zwei, drei Generationen lang, quer durch Familien und Freundschaften, Klassen und Vereine, Institutionen und Einrichtungen - ein monströses Myzel von Trennungen, ein gewaltiges Geflecht von Rissen und Bruchlinien, das einen guten Teil der deutschen Nachkriegsgesellschaft durchdrang. Kann man überhaupt ermessen, wie weit das reichte, wie viele davon betroffen waren?

Schwierige Topographie, die über dem Land lag, eingesenkt in die Biographien, eingewoben in die Geschichten, in denen es von sich sprach: der Bruder in Düsseldorf, die Schwester in Leipzig, die Schuljahre in Halle, das Studium in Freiburg, die einen geblieben, die anderen gegangen, die einen drüben, die anderen hüben - geteilter Himmel, geteilte Verbindungen, geteiltes Leben. Denn geteilt waren auch die Biographien selbst, wie sie sich entwickelten mit ihren Jahresringen und Abfolgen, zwischen Osten und Westen, seltener Westen und Osten - erst zehn, zwanzig Jahre Pionierorganisation und Marxismuslektionen, später dann Italienurlaub und Eigentumswohnung, allerdings kaum je umgekehrt.

Bedroht vom Verschwinden ist eine Geschichte, die tief geht. Zu ihr gehören die frühen Jahre, in denen die Teilung die Farbe von Terror und blanker Not hatte, von unverblümtem Machtwillen und militanter Gewalt. Die Begleitumstände sind selbst der Nachkriegsarchäologie nicht mehr recht zugänglich: das Auseinanderreißen eines Landes, das noch ganz unbeirrt in seiner Einheit lebt, ein Kalter Krieg, der mit der Berlinblockade, seinen Flüchtlingsströmen und seiner ideologischen Militanz nahe am heißen Krieg war. Der Mauerbau, die große, bis dahin nicht vorstellbare Amputation, hat diese Teilung zementiert, aber sie auch von dieser Bodenschicht des deutschen Nachkriegsschicksals, ihrem Fundament, abgetrennt. Diese Geschichte umfaßt die Opfer, die Mauer und Stacheldraht gefordert haben, aber auch das Sich-Gewöhnen an diesen Zustand. Sie enthält ihre spektakulären Ereignisse - vom Aufstand des 17. Juni 1953 bis zur Biermann-Ausweisung 1976 - und die Zerreißproben von Familienzusammenführung und deutsch-deutschen Verhandlungen, die die Verhältnisse nicht weniger grell beleuchteten als die Raketen, die über der Grenze aufstiegen, wenn eine Flucht entdeckt wurde. Sie schließt den langsamen Ortswechsel ein, den die Teilung im öffentlichen Bewußtsein erfuhr - vom Zentrum der deutschen Dinge, das sie am Anfang bildete, zum Anhängsel einer Zweistaatlichkeit, die sich in zwei Staatsgebilden verfestigte, als sei sie für die Ewigkeit gemacht.

Mit dieser Geschichte verbindet sich schließlich eine scheinbare Stabilisierung der deutschen Verhältnisse - und zugleich, in den späten siebziger und achtziger Jahren, der Drang Hunderttausender nach der Ausreise, auch bekannter Namen, Schauspieler und Autoren, ein Exodus, der die Teilung des Landes als großes Thema wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit hineintrug, mit dem die DDR auszurinnen begann. So sehr die Teilung zeitweise in der Existenz der zwei Deutschlands verschwand, so sehr unterlegte sie ihr Dasein mit einem Untergrund des Zweifelns und Verzweifelns, des Konflikts von Bleiben und Gehen, des Zwiespalts von Verweigerung und Selbstbehauptung, der nicht aufhörte.

Es gehört dazu, daß dieses Land vier Jahrzehnte lang an Erfahrungen grenzte, von Erfahrungen durchzogen war, in denen der Zustand der Teilung gegenwärtig war. Denn für zwei, drei Generationen gehörten monströse Bauwerke wie Grenzstationen und Abfertigungsanlagen zu seiner Topographie, und an gestanzten Formeln wie "innerdeutsche Beziehungen" oder "menschliche Erleichterungen" war abzulesen, wie es um das Land stand. Sein seelisches Inventar umfaßte Erfahrungen wie die, im Bahnhof Friedrichstraße in Berlin in der Schlange zu stehen und Schritt für Schritt vorzurücken in sein katakombenhaftes Inneres, das wie einen Schatz die Möglichkeit des Grenzüberschreitens barg. Namen wie Herleshausen, Rudolphstein oder Marienborn, inzwischen nur noch rasch vorbeischießende Ortstafeln an der Autobahn, waren mythische Größen deutscher Gegenwart, umrankt von Hunderten von Geschichten über Wartezeiten, Schikanen und Zwischenfälle. Generationen erfuhren die stumpfe, sprachlose Verblüffung über das plötzliche Auftauchen von Grenzbefestigungen und Mauer, mitten zwischen den Hügeln des hessischen Berglands, in den grünen Ebenen Norddeutschlands oder im Berliner Häusermeer. Und dazwischen fuhren die Züge, die auch noch Interzonenzüge hießen, als es längst keine Zonen mehr gab, mühsame, langsame, selten besonders saubere Arbeitstiere des Bahnverkehrs, die die dünnen Verbindungsfäden zwischen Osten und Westen zogen und denen das Bild vom "Silberhaarexpreß" anhing, weil sich in ihnen die hohen Lebensalter ballten, während junge Leute so gut wie gar nicht vorkamen.

Doch nicht nur die Erinnerung an das geteilte Deutschland schwindet, sondern auch das Gefühl, wie das geteilte Deutschland aussah und wie es sich anfühlte. Bald wird man beispielsweise kaum noch nachvollziehen können, was in dem Mosaik deutscher regionaler Vielfalt die Distanzen zwischen Osten und Westen wogen, als sie nicht nur räumliche Entfernungen und landsmannschaftliche Unterschiede enthielten, sondern die Unüberwindbarkeit von Grenzen, die Kaum-noch-Vergleichbarkeit von Lebensverhältnissen. Und daß das Leben in diesem Land über Jahrzehnte hinweg mit Abschieden gespickt war - auf den rußigen DDR-Bahnhöfen oder in der Glashalle am Bahnhof Friedrichstraße, dem der Volksmund den Name Tränenpalast gab, in einem Dresdner Vorort oder einem mecklenburgischen Flecken, in denen an irgendeinem fahlen Morgen jemand endgültig die Tür hinter sich schloß: Augenblicke, auf immer verbunden mit einem kleinen Herzriß, weil auf ihnen für einen Moment spürbar das Gewicht der Teilung des ganzen Landes lag.

Man muß diese Erfahrungen multiplizieren mit den Zahlen der Flüchtlinge und Ausreisen, der Verwandtenbesuche und Rentnerreisen, um zu ermessen, mit welchem Gewicht die Teilung auf der Nation gelegen hat. Dazu rechnen auch die Wagenschlangen an den Grenzkontrollstationen zu den Festtagen, die sich dann ins Land verteilten, und die Besucher, die alljährlich im Frühjahr und im Herbst die Leipziger Messe zu einem zwiespältigen Ereignis machten, weil die merkantile Veranstaltung einen heimlichen Berührungspunkt von Ost und West umschloß. Die Statistik zählt über zweieinhalb Millionen Ost-West-Wechsler bis zur Mauer, dann für ein paar Jahre fast Stillstand, dann das langsame Sickern jener, die auf abenteuerliche Weise von Osten nach Westen gelangten, bis schließlich die große Bewegung der Ausreisen begann, die schon der Vorbote des Endes war.

Von noch weniger Dauer sind vermutlich auch die Erinnerungen an die Empfindungen und Reflexe, die die Kontrollprozeduren und Meldereglements verbreiteten, die das Leben im geteilten Land durchzogen. Noch einmal dringen in ihnen die Erfahrungen des beschädigten Lebens herauf, die Ängste und Sehnsüchte, die in den Biographien übriggeblieben waren von Krieg und Nachkrieg, von Flucht und Bombennächten, von Repression und Entbehrungen, aus denen die damaligen Deutschen kamen. Das plötzliche Schweigen, mit dem im Interzonenzug das Gespräch der alten Damen und Herren über die Lebensschicksale in Krieg und Nachkrieg, Söhne und Töchter abstarb, wenn sich die polternden Stiefel der Grenzpolizisten näherten, und wie es wieder anfing, sobald die Grenzprozedur überstanden war. Die ängstliche Beflissenheit, mit der die Helden der westlichen Welt, reiseerprobt bis nach Feuerland und ausgestattet mit allen Wohlstandssymbolen, vor den Grenzkontrolleuren standen, die zumeist forsch Pässe, Brieftasche und Kofferraum visitierten. Das seltsam wattierte Klima, das penetrante Um-den-heißen-Brei-Herumreden, in dem Deutsche-West und Deutsche-Ost sprachen, wenn das sogenannte gesamtdeutsche Gespräch auf der Tagesordnung stand, weil es niemandem weh und allen wohl tun sollte.

Und hinter den Frontlinien, im tiefen Osten, zwischen Maiaufmarsch und westlicher Tagesschau: die Verwandlung, die Ferrero-Küßchen und Racke rauchzart erfuhren und die sie zu Fetischen machten - fast wie die Transsubstantiation von Brot und Wein beim Abendmahl -, weil sie die unerreichbare Welt des Westens versinnbildlichten, zur Botschaft des kleinen Luxus und der ersehnten anderen Lebensmöglichkeiten. Aber vielleicht ist es ein Zeichen dafür, wie etwas vergeht, wenn dem großen Drama, das in den Geschichtsbüchern steht, die vielen kleinen Dramen abhanden kommen, die seine Wirklichkeit ausmachten.

Bald wird man nicht mehr nachvollziehen können, wie im zweigeteilten Land beim Blick auf den jeweils anderen die Empfindungen von Nähe und Ferne, Vertrautheit und Distanz, Verbundenheit und Unverständnis miteinander rangen. Rührend muten sie heute schon an, diese Reisen, zu denen immer wieder Reporter und Schriftsteller aufbrachen, diese Expeditionen "nach drüben", in "ein fernes Land", die so beharrlich und suchend den Blick richteten auf die Wandzeitungen in den Schulen und die Schweineställe in den LPGs, das Grau der Fassaden und die Öde der Plattenbauten, als ob sie die Antwort geben könnten auf die Fragen, die die Teilung aufwarf. Und je näher sie blickten, desto ferner blickten diese Plakatwände und Pflasterstraßen, diese gealterten Fabriken und verkommenen Züge zurück und antworteten mit Fragen: Wie weit waren die Deutschen im Westen und im Osten voneinander entfernt? Längst Makulatur sind auch die Bücher und Artikel, in denen dieses Thema hin und her gewendet wurde, verweht die Seminare in den Evangelischen Akademien und die Vorträge in den Volkshochschulen. Was haben sie vermocht gegen den Eindruck des Verschieden-Werdens, der Entfernung, der Entfremdung? Spätestens seit den sechziger Jahren wird dieser Prozeß zum Siegel der Zweistaatlichkeit, wird - wie es der junge Hans Magnus Enzensberger 1964 formulierte - die Zerrissenheit zur deutschen Identität. Das war als Provokation formuliert, aber es war eher eine Diagnose.

Auf der Liste der Abgänge, die das Bild der Teilungsjahrzehnte verblassen lassen, steht auch die Politik. Schon erscheint ganz unglaubhaft, wie die Deutschen über die Jahre hinweg auf den Zustand der Zweistaatlichkeit reagiert haben. Mit Staunen findet man in den Archiven die Zeugnisse dafür, welche Hingabe und Erbitterung in Auseinandersetzungen gesteckt wurde, bei denen es um nichts anderes ging als um Erklärungen, Entschließungen und die Arbeit von Kommissionen. Hat man denn wirklich geglaubt - wie es anfangs schien -, daß Mauer und Grenzbefestigungen durch die Macht des Bekenntnisses und des Wunsches in der Spanne weniger Jahre so in sich zusammenfallen würden, wie die Mauern des biblischen Jericho durch den Klang der Posaunen? Aber die SED war ja auch fest davon überzeugt, daß ihr alberner Feldzug gegen den Begriff "deutsch" den Weg zu einem eigenen Staatsgefühl planieren werde.

Nicht weniger lang erhielt sich bei den Politikern der Bundesrepublik die Überzeugung, daß die Unterschrift eines westdeutschen Politikers unter einem ostdeutschen Dokument die Anerkennung der DDR befördern könne, während die DDR offenbar fest daran glaubte, das Abspielen der DDR-Hymne nach einem Sportsieg werde ihre Anerkennung fördern. Es ändert nichts an der Verwunderung über dieses deutsch-deutsche Gerangel um Begriffe, Titel und Sprachregelungen, das über Jahrzehnte hinweg die Deutschlandpolitik erfüllte, daß damit vielleicht doch der Rechtsstatus Deutschlands bewahrt und das öffentliche Bewußtsein beeinflußt worden sind. Selbst die späteren großen Schlachten um die Deutschland- und Ostpolitik, in denen es ja tatsächlich um wichtige Weichenstellungen ging, wirken heute wie Gespensterdebatten. Haben die Anerkennung des Status quo in Deutschland und die Verhandlungen zwischen Bundesrepublik und DDR, die dadurch ermöglicht wurden, wirklich zur Bewahrung der Einheit der Nation beigetragen? Oder sie gerade untergraben, weil die westlichen Deutschen damit den DDR-Oberen einen Schein von Legitimität gaben? Niemand weiß es, aber niemanden interessiert es noch - geschlagene Schlachten, vergessene Siege. Denn zu befürchten ist, daß die Teilung kaum zu bremsen war, auch nicht von jener Praxis der kleinen Schritte, die vom Auf-der-Stelle-Treten kaum zu unterscheiden war, vom harten Handel um den Ausbau der Transitautobahnen, vom Ringen um Städtepartnerschaften und von den zwölfjährigen Verhandlungen über ein Kulturabkommen.

Vor allem aber gab es der Teilung den Charakter der Unabänderlichkeit, daß den Deutschen der Gedanke an ihre Einheit langsam, aber nachhaltig abhanden kam. In diesem allmählichen, stillen Verschwinden steckt der dramatische Kern der Teilungsgeschichte. Nicht allein ihre Vollendung in den beiden deutschen Staaten, auch nicht deren Hinnahme und selbst nicht die Unterschiede, die sich im Westen und im Osten herausbildeten, besiegelten diesen Zustand, sondern der erstaunliche Grad, in dem die Deutschen die Vorstellung eines einheitlichen Staates als Rahmen ihres Lebens aus ihren Gedanken ausgeschieden hatten. Der Nationalstaat, der nicht nur für bald achtzig Jahre die politische Form der deutschen Existenz war, sondern auch für einen nicht geringen Teil ihrer Geschichte als deren Ziel gelten konnte, wurde zum verlorenen Schatten der Deutschen. Vermutlich war es erst dieser stille, unmerkbare Abschied von der bisherigen Geschichte, der die Herrschaft der Teilung über die Gegenwart vollendete.

Gewiß dauerte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit fort, deponiert zumeist in den Reservaten von Kultur, Geschichte oder auch nur der Erinnerung. Doch der Glaube, sie könnten noch einmal in einem Staat zusammenleben, ging den Deutschen zunehmend verloren, im Westen wie im Osten. Die staatliche Einheit wurde über die Jahre hinweg zu einem Gedanken von gestern und geriet schließlich auf die Seite jener Vergangenheit, von der die Deutschen sich entfernten - allen den Zeitabschnitten, in denen die Geschichte sie gewogen und für zu leicht befunden hatte, das Dritte Reich, die glücklose Republik von Weimar, auch das wilhelminische Kaiserreich. Wer überhaupt eine Wiedervereinigung noch zu denken wagte, der plazierte den Zeitpunkt dafür bezeichnenderweise jenseits der eigenen Lebenszeit und räumte damit ein, daß ein solches Ereignis alle praktisch vorstellbaren Ereignisse, ja den Denk- und Vorstellungshorizont der eigenen Existenz überschritt. Schließlich wurde die Einheit den Deutschen so fremd, daß es sie verblüffte, wenn andere - Franzosen, Engländer oder wer sonst - sie als Angehörige eines einheitlichen Staates und einer Nation in Anspruch nahmen und mit Deutschland als politischer oder historischer Größe rechneten. Gelegentlich reagierten sie mit Abwehr darauf, als geschehe ihnen eine Zumutung. Nichts belegt die Tiefe dieser Verdrängung deutlicher als der Umstand, daß sie den Gedanken der Aufhebung der Zweistaatlichkeit in einer wieder möglichen staatlichen Einheit nicht einmal mehr dann zu denken wagten, als die Maueröffnung ihn in greifbare Nähe rückte.

Mittlerweile ist gar nicht mehr zu überschätzen, was die Teilung an langfristigen Veränderungen hinterlassen hat. Erst nach der Wende ist wirklich ans Licht gekommen, daß diese vier Jahrzehnte eine Zeitspanne gewesen sind, die das Gefüge der Kräfte und Potentiale, der Produktivitätszentren und Wohlstandszonen in Deutschland verschoben hat. Nun erst begreifen wir, daß das Gesicht Deutschlands, wie seine Räume und Regionen es seit hundert Jahren und länger modelliert haben, in seiner Tiefe und seiner Breite neue Züge bekommen hat. Bis dahin, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und noch im Dritten Reich war es seine nüchtern-fleißige Mitte, die - neben der Ruhr und Schlesien - die Bastion des industriellen Deutschland bildete, dazu Berlin als Metropole, während der Süden Gemütlichkeit und Lebenskultur verkörperte. Nun zeigte sich, kaum war die Ost-West-Teilung verschwunden, daß Wirtschaft und Industrie ihre Schwerpunkte in den Ballungsgebieten im Westen und Süden gefunden haben, auf dem weiten Bogen von München über Stuttgart und Frankfurt bis zum Ruhrgebiet, der zugleich die westeuropäische Wohlstandszone ausmacht, während Berlin und das mittlere Deutschland an die Peripherie von Wirtschaftskraft und Wohlstand geraten sind. Die historische Erfolgsgeschichte des Westens, der Niedergang des Ostens haben die gewachsenen Strukturen gekippt, die regionale Physiognomie Deutschlands neu geformt - Bayern, Baden-Württemberg und Hessen stehen nun dort, wo einst Sachsen und Sachsen-Anhalt waren, und was Berlin einmal war, ist längst in der Entwicklung von München, Frankfurt und Düsseldorf aufgegangen.

Die Entwicklung eines Jahrhunderts ist in vier Jahrzehnten nachgerade umgekehrt worden. Nichts spricht dafür, daß sich das in absehbarer Zeit wieder ändern könnte, etwa in dem Sinne, daß die alten Kräftefelder sich wieder herstellen und der mitteldeutsche Raum mit Berlin in seine alte Rolle einrückte. Dagegen ist es mehr als wahrscheinlich, daß im vereinten Deutschland das meiste so bleiben wird, wie es nie vorher in der neueren Geschichte des Landes war - Westen und Süden die produktiven Zonen, Hort von Kapital und Steueraufkommen, Ziel auch der binnendeutschen Wanderung, der Osten dagegen Entwicklungsland und Armenhaus. Berlin, die stärkste Industriestadt Mitteleuropas, ein Märchen aus uralten Zeiten, der Wirtschaftsstolz von Leipzig und Chemnitz eine Legende. Und kaum etwas belegt diese Veränderung so schlagend wie der Umstand, daß den Regionen, in denen beispielsweise die Wiege des deutschen Autobaus stand, erst dann eine Art Anschluß an die Tradition gelingt, wenn Porsche aus Stuttgart nach Leipzig kommt, VW aus Wolfsburg nach Westsachsen und Opel aus Rüsselsheim nach Eisenach. Aber selbst eine Aufgabe wie die ost-westliche Ergänzung der Verkehrswege, die die Teilung ganz ins Nord-Südliche umgebogen hatte, erweist sich als schwierig und zeitaufwendig.

Aber die Teilung hat nicht nur die regionale Gestalt verändert, die das Bild Deutschlands über einen langen Zeitraum bestimmt hat. Sie geht tiefer, in den gewachsenen Zusammenhang der Deutschen hinein, und trifft damit ein historisches Moment ihrer Existenz, das zurückreicht bis zum 1871 gegründeten Einheitsstaat und weit darüber hinaus. Nichts anderes ist an der Sonderbarkeit abzulesen, daß ausgerechnet die Wiedergewinnung ihrer Einheit die Deutschen dazu gebracht hat, ausschweifender und ausdauernder über die Unterschiede von Ost- und Westdeutschen zu rechten als in den Jahren, in denen sie getrennt waren. Natürlich spielen dabei die bekannten aktuellen Diskrepanzen mit, das wirtschaftliche Gefälle ebenso wie die Verunsicherung, die die Vereinigung in Ostdeutschland angerichtet hat. Aber der Austausch der Vorurteile, den sich Westen und Osten, Wessis und Ossis seit gut einem Jahrzehnt zumuten, verrät auch, daß die vierzig Jahre der Teilung das Erbe der Gemeinsamkeit angegriffen haben, das von den siebzig Jahren des zweiten Reiches auf die Deutschen gekommen ist.

Dieses Reich war ja, jenseits von Glanz und Verirrungen, Fortschritten und Katastrophen, für die es in der deutschen Geschichte steht, auch die Fassung, in der die deutschen Territorien zusammenwuchsen und ihre Bürger zu einer Gesellschaft wurden. Die Zweistaatlichkeit hat diesen Prozeß zwar nicht rückgängig gemacht, aber doch sein Ergebnis ein Stück weit aufgetrennt. Es bezeichnet diesen Vorgang, daß der Riß, der sich nun in der deutschen Gesellschaft abzeichnet, gerade nicht den überlieferten landsmannschaftlichen Identitäten und einzelstaatlichen Verwerfungszonen folgt, wie das bis an den Beginn des vergangenen Jahrhunderts der Fall war, sondern der Ausdehnung der verblichenen Teilstaaten. Er hat deshalb auch nichts mit den hergebrachten deutschen Spannungen zu tun, für die etwa das Verhältnis von Süd- und Norddeutschen, Rheinländern und Preußen einsteht, gestern und ein bißchen auch noch heute. Die immer wieder versuchte Relativierung der Ost-West-Differenzen mit dem Hinweis darauf, daß Bayern und Niedersachsen doch auch ihre Schwierigkeiten im Umgang miteinander haben, geht deshalb an der Sache vorbei. Denn diese Differenzen, die das vereinigte Deutschland entzweien, haben die Deutschen nicht als Bayern und Niedersachsen, Mecklenburger und Sachsen, sondern als West- und Ostdeutsche.

IV

Mit dem allmählichen Verschwinden der Teilung gingen aber nicht nur ein paar Erinnerungen verloren, sondern auch das Ereignis, ohne das die Gegenwart weder zu begreifen noch zu bewältigen ist. Denn die Zeit der Teilung mag zwar sub species aeternitatis und vielleicht auch im großen Rahmen der deutschen Gesamtgeschichte als Episode gelten, weil sie schließlich doch vorübergegangen ist und in ihren Folgen möglicherweise auch weniger schwer wiegt als die großen Verwerfungen unserer Geschichte, Drittes Reich und Dreißigjähriger Krieg. Doch in bezug auf den Ausschnitt der Geschichte, der an unserem Zeitbewußtsein noch irgendwie mitwirkt, also der vergangenen hundert oder hundertfünfzig Jahre, bleibt sie ein epochaler Einschnitt, der Deutschland tief versehrt hat, sichtbar im Osten, verdeckter im Westen. Zu stark hat die Teilung in die Substanz von Gesellschaft und Nation eingegriffen, zu lange werden wir auch mit den Tatbeständen leben müssen, die sie geschaffen hat. Insofern ginge mit ihr der Hintergrund verloren, vor dem die Gegenwart das Profil gewinnt, das sie als eine Zeit von Bedeutung ausweist.

Was bleibt denn von ihr, wenn man die Teilung ausblendet? Ein Land, plötzlich auf achtzig Millionen gewachsen, zu einem Drittel ein Sanierungsfall, als Ganzes verhakt in die üblichen Sozialstaatsdebatten und Verteilungskämpfe, aber ohne Bewußtsein von dem Ort, den es in der eigenen Geschichte und in seiner Gegenwart besetzt. Hält man nicht die Geschichte der Teilung dagegen, zeigt die deutsche Gegenwart nur ein flaches historisches Profil - eine ächzende und etwas lustlose Angelegenheit, die kaum jemandem Anstrengung oder Enthusiasmus abverlangen kann. Erst die Erinnerung an die Teilung, der Blick zurück, gäbe der Gegenwart die Perspektive, die ihren Rang erkennbar macht.

 



Published 2007-01-03


Original in German
First published in Merkur 1/2007

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