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Ausgegrenzt von der Mauer, eingesperrt in Traditionen

Am härtesten trifft der Sperrwall die palästinensischen Frauen


Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Anfang 2002 zum ersten Mal von der Mauer hörte. Ein Freund von mir, Mitarbeiter einer NGO, hatte das nördliche Westjordanland bereist, vor allem die Stadt Qalqiliya, nachdem viele Bewohner dieser Region von der schrecklichen Mauer berichtet hatten, von der sie eingeschnürt werden sollten, die den Lebensunterhalt erschweren und sie vom Zugang zu Feldern und Wasser abschneiden werde. Nach seiner Rückkehr begann er zu recherchieren und stiess auf weitere Informationen über die israelischen Pläne. Diese Erkenntnisse stellte er im Rahmen eines kleinen Workshops vor. Wir waren sprachlos und wütend, konnten uns aber nicht recht vorstellen, was die Mauer in der Praxis für uns bedeuten würde. Erst später, als die Mauer immer näher rückte, reagierten auch in Ramallah die Leute. Als die ersten Zementplatten in der Nähe des Checkpoints Qalandia errichtet wurden und die Mauer sich wie eine gigantische Schlange um Jerusalem zu winden begann, wurde auch uns der Ernst der Lage restlos klar. Die Mauer schuf konkrete, kaum mehr rückgängig zu machende Fakten und rückte die mögliche Zwei-Staaten-Lösung in weite Ferne, sie wirkte sich auch auf den Alltag der Menschen aus.

In den Jahren der zweiten Intifada, die im Jahr 2000 begann, haben sich viele Palästinenser in ihren Dörfern und Städten zuletzt wie eingeschlossen gefühlt. Durch die vielen permanenten oder zeitweiligen Kontrollpunkte oder andere Massnahmen des israelischen Besatzungsregimes, schliesslich durch die Mauer. Die Folge ist, dass sich unser "Land", der "nationale Befreiungskampf" und das Leben überhaupt auf die Städte, Dörfer, in vielen Fällen das jeweilige Wohnviertel beschränkt. Eine kollektive palästinensische Anti-Mauer-Bewegung ist so niemals wirklich entstanden. Abgesehen von vereinzelten Grossaktionen, besonders in den Dörfern bei Ramallah (etwa Belieen und Beit Sira), kam es auf der palästinensischen Seite nur zu lokalen Protesten. "An unserem Protest haben sich mehr ausländische Solidaritätsgruppen und israelische Friedensaktivisten beteiligt als Palästinenser aus anderen Dörfern und Städten", brachte eine Frau in Beit Sira das Problem auf den Punkt. Ich beschloss, ihm auf den Grund zu gehen. Dazu musste ich zuerst das Gefühl des Eingesperrtseins überwinden, musste ich Ramallah verlassen, mir die Mauer aus der Nähe ansehen und mit anderen Frauen darüber sprechen, welche Auswirkungen sie auf ihr Leben hat.

Ich fuhr auf die Dörfer bei Ramallah und sprach mit den Frauen. Mein erster Eindruck war, dass mehr passiert, als in den Medien berichtet wird. Für diese Frauen war die Mauer der Mittelpunkt ihrer Aktionen, ihres täglichen Kampfes. Die Mauer ist eine Fortsetzung der Unterdrückung, die sie erleiden. Tagtäglich sind sie mit dieser neuen Realität konfrontiert. Die Frauen beteiligten sich nach dem Freitagsgebet an der friedlichen Demonstration, weil sie verhindern wollten, dass auch der Rest ihres normalen Lebens von der Mauer zerstört wird. Es war ihre einzige Hoffnung, die Mauer nicht nur aufhalten, sondern vielleicht auch zu Fall bringen zu können.

Umm Muhammad, eine stolze Frau aus Betunia, erzählte mir von ihrer Auseinandersetzung mit einem israelischen Soldaten, der sie daran hindern wollte, ihre Ziegen zurückzuholen, die, angelockt vom grünen Gras, die militärische Sperrzone betreten hatten. Mit den Worten "Die Weide ist mein Land, die Ziegen haben schon immer hier gegrast", schob Umm Muhammad den Soldaten beiseite. Er konnte sie nicht aufhalten, aber sie weiss, dass es beim nächsten Mal anders sein wird. Vielleicht wird ein anderer Soldat sie erschiessen, wie andere Dorfbewohner, selbst Kinder, die nicht mehr auf ihren Spielplatz konnten. Andere Frauen berichteten mir von friedlichen Demonstrationen in ihren Dörfern, von den Jugendlichen, die versucht hätten, ihre Väter vor Gummigeschossen und Tränengas zu schützen, von ihren Männern, die erschossen oder nachts verhaftet wurden, weil sie an der Demonstration teilgenommen hatten. Für die Frauen, getrieben von der Sorge um ihre Familien, ist der Kampf eine emotional erlebte Realität.

Zugleich macht sich eine wachsende Hilflosigkeit bemerkbar, das Gefühl, in einem langen, ungleichen Kampf allein dazustehen. In Betunia sagten mir die Frauen: "Es ist aussichtslos. Selbst wenn wir protestieren und unsere Söhne erschossen oder verhaftet werden – die Mauer wird weitergebaut." Eine Frau sagte: "Sieh nur, was in Belieen passiert, dort findet jede Woche eine Demonstration statt, an der israelische Friedensaktivisten und Vertreter ausländischer Solidaritätsgruppen teilnehmen, aber den israelischen Besatzern ist das doch egal. Sie halten an ihren Plänen fest." Und eine andere Frau: "Wir haben protestiert und alles versucht, aber es hat nichts gebracht. Acht Monate hatten wir tägliche Auseinandersetzungen mit der Armee. Die Mauer wird weitergebaut. Wir haben alle Hoffnung verloren. Wir fühlen uns allein gelassen in einem Kampf, der unsere Möglichkeiten übersteigt."

Die israelische Besatzungsmacht behindert systematisch diesen Kampf. Jedes Dorf, jede Stadt steht einer starken und aggressiven Militärpräsenz allein gegenüber. Das hat vor allem dazu geführt, dass kein kollektiver nationaler Kampf gegen die Mauer geführt wird.

Frauen sind von der Mauer weit stärker betroffen als jede andere gesellschaftliche Gruppe. Abgeschnitten von Land und Wasser, haben sie die Hauptverdienstmöglichkeit ihrer Familien verloren. Ihre Männer kommen nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen in Israel, ihre Kinder haben keinen Zugang mehr zu Schulen und Spielplätzen. Und die Bewegungsfreiheit von Frauen wird noch zusätzlich durch die Tradition eingeschränkt.

Als ich morgens in Beit Sira ankam, stand Souad mit ihren fünf Kindern am Strassenrand, und dort stand sie noch immer, als ich das Dorf am Nachmittag wieder verlassen wollte. Über die angebotene Mitfahrgelegenheit nach Ramallah war sie sehr froh. Die Kinder quetschten sich hinten in mein Auto. Und ich hatte die Gelegenheit, ihre Geschichte zu hören. Souad hat ihre Eltern, die in Beit Hanina bei Jerusalem wohnen, seit sechs Monaten nicht mehr besucht. Nach der Errichtung der Mauer, sagte sie, seien die Verbindungen ins Dorf immer unregelmässiger und teurer geworden. Sie habe es sich einfach nicht leisten können, zu ihren Eltern zu fahren, aber heute müsse sie ihren Sohn ins Krankenhaus bringen. Das einzige Krankenhaus, das aus finanziellen Gründen in Frage komme, sei das UNRWA-Spital in Jerusalem. Alle Dörfer im Umkreis der Mauer sind, was medizinische Versorgung, Märkte, höhere Schulen und Arbeit angeht, auf die nächstgelegene Stadt angewiesen (in diesem Fall Ramallah). Wenn ich nicht vorbeigekommen wäre, sagte Souad, wäre sie nicht mehr weggekommen, es wäre zu spät gewesen. Eine Frau, die spät in die Stadt fährt, wird von der Gemeinde nicht akzeptiert. Um Gerüchte zu vermeiden, wäre sie umgekehrt und hätte es am nächsten Tag noch einmal versucht.

Umm Alkheir aus Betunia sagte: "Mein Mann, Abu Alkheir, hängt an unserem Land. Seit die Mauer gebaut wurde, hat er nur noch Sorgen. Es ist das schönste und grünste Stück Land. Aber nun gibt es so viele Schwierigkeiten. Die Soldaten haben ihm erklärt, dass er ohne Passierschein nicht auf sein Feld kann. Wenn er nach seinen Oliven- oder Feigenbäumen sehen will, muss er tagelang für einen israelischen Passierschein anstehen. Oft sind diese Passierscheine nur ein paar Stunden gültig. Wenn wir durch die Sperre gehen, um zu unserem Land zu kommen, müssen wir unsere Personalausweise abgeben. Und vor allem pünktlich zurück sein, denn sonst bekommen wir künftig keine Passierscheine mehr." Umm Alkheir lud mich ein, mit ihr auf das Dach des Hauses zu steigen, von dort aus könne man das grüne Stück Land sehen und die Mauer, die die Sicht und den Zugang versperre. Palästinenser können die Sperrzonen nur mit Passierschein betreten. Nach Angaben von OCHA-OPT im Governorat Qalqiliya (2006) werden immer mehr Passierscheinanträge abgelehnt – im Juli 2005 waren es 30 Prozent gegenüber etwa 25 Prozent Anfang 2005. Betroffen sind vor allem Landarbeiter, Bauern, Ehefrauen und weitere Familienangehörige, die in der Landwirtschaft mithelfen. Etwa 50 Prozent dieser Personen erhielten in der ersten Hälfte 2005 keinen Passierschein, bei den Landbesitzern waren es 9 Prozent. Die Landbesitzer sind davon insofern betroffen, als sie sich bei der Bewirtschaftung ihrer Felder auf Familienmitglieder und Lohnarbeiter stützen. Der Oliven- und Feigenanbau ist traditionell Sache der Frauen. Viele Frauen erhalten jedoch keinen Passierschein, weil das Land auf den Namen ihres Mannes registriert ist und die israelischen Militärbehörden die Frauen nicht als "Landbesitzer" anerkennen. Eine Frau sagte: "Wir haben genug Olivenöl für den eigenen Bedarf erzeugt. Heute müssen wir alles kaufen, das heisst, wenn überhaupt Geld da ist."

An manchen Stellen gibt es Durchlässe in der Mauer, die den Palästinensern den Zugang zu ihrem Land ermöglichen sollen. Diese Tore befinden sich aber meist in einiger Entfernung von diesem Land. Da die alten Strassenverbindungen durch die Mauer zerschnitten wurden, müssen die Bauern manchmal über das Land anderer Bauern fahren, um auf ihre Felder zu kommen. So gibt es in Jayyus (Governorat Qalqiliya) nur zwei Durchlässe, wo es zuvor zehn Pisten gab. Für landwirtschaftliche Nutzer werden die Tore dreimal täglich geöffnet, meist für 20 bis 60 Minuten. Nach Zwischenfällen kann es passieren, dass die Tore tagelang geschlossen bleiben. Traktoren und andere Nutzfahrzeuge dürfen oft nicht passieren. Bauern müssen zu Fuss gehen oder einen Esel nehmen, um zu ihren Feldern zu kommen und die Erzeugnisse mitzubringen. Jeder Passierschein ist nur für ein bestimmes Tor gültig. Auf manchen Passierscheinen ist aber ein falsches Tor angegeben, und es liegt im Ermessen des Soldaten, ob er den Bauern passieren lässt.

In Beit Sira war die Situation noch schlimmer. Es ist das letzte Dorf vor der Grünen Linie. Durch die Mauer, die das Dorf von drei Seiten einschliesst, hat sich der Ort in ein "Flüchtlingslager" verwandelt, wie mir die Frauen erzählten. Besonders verbittert waren sie, weil sie nicht nur von ihren Feldern abgeschnitten waren, sondern auch von dem Wasser, das sie früher zur Bewässerung und zum Trinken verwendet hatten. Fatma, Mutter von sechs Kindern, berichtete verzweifelt, dass ihr Land die einzige Verdienstmöglichkeit sei. Weil das Dorf so dicht an der Grünen Linie liege, seien viele Männer nach Israel zur Arbeit gefahren. Nur zehn Minuten Fussweg seien es vom Dorf bis zur Fernstrasse zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Ihr Mann habe als ungelernter Arbeiter in Israel gearbeitet. Nun, nach der Errichtung der Mauer, kämen die Männer nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen. Die Landwirtschaft ist jetzt die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Kurz vor Errichtung der Mauer hatten Fatma und ihr Mann Gemüse gepflanzt. Als die Mauer dann stand, war die Bewässerung der Pflanzen ein tägliches Problem. Es war verboten, Wasser mit einem Traktor auf die Felder schaffen. Zur Quelle in der Nähe ihrer Felder hatten sie aber auch keinen Zugang mehr. "Das herrlichste Wasser der Welt", sagte Fatma. Heute muss sie zu Fuss gehen, wenn sie die Gemüsefelder bewirtschaften will. Die Kinder helfen mit, können aber kaum mehr als den Eigenbedarf tragen. Wenn es doch etwas mehr ist, kann sie es verkaufen und verdient etwas Geld für den Haushalt. Für Frauen ist es ein grosses soziales Problem, an den Durchlässen angehalten und durchsucht zu werden. Viele Familien sehen es lieber, wenn die Frauen keine landwirtschaftliche Arbeit verrichten, statt sich der demütigenden Behandlung durch israelische Soldaten auszusetzen.

Die Mauer schränkt die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Frauen, ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten und damit ihre Teilhabe am Wirtschaftsleben ein. Sie nimmt ihnen den Zugang zu medizinischen und schulischen Einrichtungen und zum Markt. Die Mauer ist deswegen so bedrohlich, weil sie im Leben der Frauen Fakten schafft, die kaum mehr rückgängig zu machen sind.


 



Published 2006-09-05


Original in English
Translation by Matthias Fienbork
First published in du 8/2006

Contributed by Du
© Hadeel Rizq-Qazzaz/du
© Eurozine
 

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