Editorial "L'Homme" 1/2006
Heiß diskutiert – das Alter
Die in den westlichen Industrieländern seit längerem steigende Lebenserwartung und der gleichzeitige Geburtenrückgang haben intensive Diskussionen über das Alter(n) ausgelöst. Politik und Medien erhitzen sich an einer Schreckensvision "überalterter" Bevölkerungsstrukturen. Alter wird pauschal zum sozialen Negativum erklärt und erscheint vor allem als Problem. Andererseits prägen – nicht zuletzt ausgehend von Wirtschaft und Werbung – Vorstellungen von besserem und erfolgreichem Altern die Debatten. Von neuen Kulturen des Alter(n)s ist die Rede, selbst einer notwendigen Alters- und Altenrevolution.
In deren Diskurs mischen sich, nach der Sozialgeschichte der 1980er und 1990er Jahre, erst neuerdings die Kulturwissenschaften ein, und noch jüngeren Datums – wenigstens im deutschsprachigen Raum – ist die Partizipation der Gender Studies. Sie zeigt sich aktuell in einer ersten Konjunktur von Tagungen, Projekten und Publikationen. Das Forschungsfeld ist damit eröffnet und angesichts der vielfach konstatierten "Feminisierung des Alters" voller grundlegender Erkenntnismöglichkeiten.
Alter(n) aus frauen- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive
Neue Fragen geraten in den Blick: Was ist Alter historisch gesehen? Was machte eine Frau oder einen Mann zu einem alten Menschen? Wie wird Alter gesellschaftlich hergestellt? Wie funktioniert das Attribut "alt", wie es mit Geschlecht, Ethnizität, Status oder Klasse verknüpft? Wie sehen subjektive Erfahrungen und Definitionen von Alter und Altsein aus? Und waren die Vorstellungen rund um das Alter(n) in der Geschichte genauso konträr wie heute?
Die Beiträge in L'Homme zeigen, dass Alter eine inhomogene Kategorie ist und konterkarieren eine biologistische Sicht. Die Autorinnen und Autoren führen in verschiedene europäische Räume und in verschiedene Zeiten – von der Antike, über die Frühe Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert. Alter, das machen sie dabei deutlich, ist immer auch ein kulturelles und soziales Konstrukt.













