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Articles

Der Rhythmus der Gesellschaft

Die algerische Erfahrung als Grundstein der Soziologie Pierre Bourdieus


Bewußte Fremdheit und kontrollierte Distanz sind die epistemologischen Prinzipien der Soziologie Bourdieus. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die frühe, ethnographisch orientierte Studie "Algérie 60. Structures économiques et structures temporelles", die allerdings erst 1977 in Frankreich und dann 2000 gekürzt und in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Die zwei Gesichter der Arbeit" veröffentlicht wurde. Das Erkenntnisprinzip der Fremdheit umfaßt die Verweigerung des raschen Einverständnisses und des unmittelbaren Erkennens sowie den abstandnehmenden und Abstände beachtenden Blick, der dennoch unbedingt verstehen will, und der keineswegs frei ist von Zuneigung zu den ihm Fremden. Wenn Bourdieu als Forschender im "Feld" ist, dann geht es ihm immer um "dieses zugleich objektivierende und liebevolle, distanzierte und doch enge Verhältnis zum Gegenstand, so etwas Ähnliches wie das, was man unter Humor versteht".[1]Doch nur der versteht sich auf Humor, der nicht vollständig "eingetaktet" ist in die Welt, die ihn umgibt. Und nur der, der einen eigenen Takt findet, entwickelt das notwendige Feingefühl für andere Rhythmen.

Die Zeit als Ethnograph in Algerien war für Bourdieu eine Schule des fremden Blicks. Auf dem epistemologischen Lehrplan stand dort auch die Fotografie. Denn die Praxis des Fotografierens schafft Abstände, aber als erfolgreiche Praxis setzt sie auch die Fähigkeit zur Nähe voraus, also beobachten zu können und manches Detail zu entdecken, das den Betrachtern auf den ersten Blick entgeht. Die Fotografie, die in Algerien eine so zentrale Rolle spielte, hat Bourdieu interessanterweise in der Folgezeit nicht zur Methode der Sozialforschung ausgebaut und gekürt. Sie ist für ihn im wesentlichen eine Methode der Dokumentation und der methodischen Selbstkontrolle geblieben. "Ich habe diese Sache (das Fotografieren, B.V.) sehr wichtig genommen, habe Hefte angelegt, in die ich die Negative eingeklebt habe, und außerdem hatte ich Schuhschachteln, in die ich das Filmmaterial einordnete. (...) schließlich hatte das Material zwei Funktionen: zum einen eine dokumentarische Funktion. Manchmal machte ich Fotos aus dem einzigen Grund, um mich später daran erinnern zu können, um später etwas beschreiben zu können, oder aber ich fotografierte Gegenstände, die ich nicht mitnehmen konnte. Aber es gab auch noch etwas anderes: Das Fotografieren war auch (...) eine Art und Weise zu schauen. Es gibt ja diese kleinbürgerliche Spontansoziologie, die sich über die Leute lustig macht, die sich mit dem Fotoapparat über die Schulter gehängt auf den Weg zu ihren touristischen Ausflügen machen und schließlich vor lauter Fotografieren die Landschaft gar nicht mehr wirklich betrachten. Ich habe das schon immer für Klassenrassismus gehalten. In meinem Fall zumindest war das eine Art und Weise, meinen Blick zu schärfen, genauer hinzusehen, einen Zugang zum Thema zu erlangen."[2]

Schließlich ist mit den epistemologischen Prinzipien kontrollierter Fremdheit und Distanz auch ein spezifischer Habitus des wissenschaftlichen Schreibens verbunden. Wenn Bourdieu über Arbeiter- und Bauernfamilien in der algerischen Übergangsgesellschaft schreibt, über ihre vielfältigen Erfahrungen und ihre differenzierten Perspektiven auf den sozialen und wirtschaftlichen Wandel, dann erspart er seiner Leserschaft die eilige Biedermeiersolidarität des spontansoziologisch Engagierten, der sich unbesehen auf die Seite derer schlägt, die er für "schwach" hält. Auch verzichtet er auf die selbstherrliche Welterklärungsgeste halbgebildeter Zeitdiagnostik, die sich auf alles und jedes einen Reim zu machen versteht. Wir kennen beides in Überfülle. Dieser seit den frühen Algerienstudien erkennbare Wille zur systematischen Fremdheit und die permanente Reflexion des eigenen Verhältnisses zur beziehungsweise des eigenen Standpunktes in der sozialen Welt, machen Bourdieu und seine wissenschaftliche Arbeit so interessant, jedenfalls entschieden interessanter als der Streit um die vielen kleinen akademischen Münzen, in denen erörtert wird, ob Bourdieu nun ein Determinist des Sozialen sei, oder ob in seinen späten Werken ("La misere du monde") nicht doch zu sehr die subjektive Perspektive dominiere. Bemerkenswert ist schließlich, daß Bourdieu auch später in Paris, als er alle akademischen Weihen empfangen hatte, die Position des Fremden nicht verlassen hat - diese biographische Konstante ist eindrucksvoll dokumentiert in dem Text "Ein soziologischer Selbstversuch".[3]

Der anhaltende inhaltliche Ertrag der Transformationsstudie "Algerie 60" besteht in dem soziologisch zentralen Befund, daß allen sozialen und ökonomischen Übergangsprozessen eine spezifische Rhythmik des Sozialen zugrunde liegt. Auf diese Weise entsteht in Bourdieus Analyse wirtschaftlicher Transformationen und sozialer Mobilitäten ein Gefühl für die Bedeutung der Zeit: für die unterschiedlichen Zeitordnungen des wirtschaftlichen Handelns; für die zeitlichen Investitionen, die notwendig sind, um familiäre Bindungen zu schaffen und zu erhalten; für die Zeitspannen, die soziale Aufstiege kosten, aber auch für die jähe Unmittelbarkeit oder die quälende Langsamkeit sozialer Abstiege. Pierre Bourdieu entwickelt am Beispiel Algeriens um 1960 ein eindrucksvolles Lehrstück individueller, familiärer und wirtschaftlicher Tempi, Rhythmen und Taktfolgen. So werden in Bourdieus Studie die Funktionsbedingungen der modernen Ökonomie als temporale Ordnungsmuster sichtbar. Die Kosten- und Gewinnberechnung, das Sparen, der Kredit und die Investition sind nichts anderes als die Repräsentation eines besonderen, sozial geprägten Verhältnisses zur Zeit, als eine fortwährende Auseinandersetzung mit der Zukunft, als der bewußte Wille, die Zukunft zu gestalten, ja als eine ausschließliche Fixierung auf die Zukunft. Während die bäuerlichen Gesellschaften aus der Vergangenheit heraus leben und das Vergangene durch bestimmte, zyklisch wiederkehrende Arbeitsformen und ritualisierte soziale Handlungen gegenwärtig halten, lebt die moderne Ökonomie alleine mit Blick auf die Zukunft. Die Vergangenheit ist das, was zu überwinden und zu zerstören ist, die Gegenwart ist alleine als Startpunkt in die Zukunft von Interesse. Die Vernichtung des Vergangenen, das Nicht-ruhen-Können in der Gegenwart sind die Prinzipien modernen, kapitalistischen Wirtschaftens. In der Konfrontation bäuerlichen und industriellen Wirtschaftens werden die differenten Rhythmen, die divergenten Moralvorstellungen und die diametral entgegengesetzten Vorstellungen vom Verpflichtungscharakter sozialer und familiärer Bindungen sichtbar.

Mit dem Siegeszug der industriellen Moderne, der auch ein Siegeszug der staatlichen Gestaltung von Sozialbeziehungen ist, entfällt der strikte Verpflichtungs- und Bindungscharakter der Arbeit, der für bäuerlich geprägte Gesellschaften so typisch ist. Hier werden je nach Jahreszeit und Lebenszyklen (Geburt, Hochzeit etc.) immer wieder alle Hände benötigt, und die Verweigerung der Arbeit kommt einer manifesten Zerstörung des Sozialen gleich. "Die Arbeit ist weder ein Ziel noch eine Tugend an und für sich. Was an ihr geschätzt wird, ist nicht ihre an einem wirtschaftlichen Ziel orientierte Stoßrichtung, sondern die Tätigkeit an sich und unabhängig von ihren ökonomischen Funktionen, aber nur insofern und insoweit sie eine gesellschaftliche Funktion erfüllt. (...) Müßig sein, bedeutet gerade für denjenigen, der einer großen Familie angehört, seine Verpflichtungen gegenüber der Gruppe zu vernachlässigen, sich seinen Pflichten, den Arbeiten und den Lasten, die nicht von der Zugehörigkeit zur Gruppe zu trennen sind, zu entziehen."[4]

In der Welt staatlicher Intervention und industriellen Arbeitens büßt die Arbeit ihren Status als soziale Pflicht und als Ausdruck familiärer Gebundenheit ein. Exemplarisch hierfür steht heute die soziale Verachtung der sogenannten Hausarbeit, deren "hauptamtliche" Verrichtung entweder als Ausdruck von Zurückgebliebenheit (bei Frauen) oder mangelnder Durchsetzungsfähigkeit (bei Männern) betrachtet wird. Die regulierte Erwerbstätigkeit, die außerhalb des Hauses verrichtet wird, steigt zur zentralen Vermittlungsinstanz von Status und Prestige auf, zum Generator von Identität und Zugehörigkeit, zum Medium der individuellen Selbstbestätigung und Selbsterfahrung. Individuelle Anpassungsbereitschaft und nicht mehr soziale Rücksichtnahme sind die normativen Maximen erfolgreichen Erwerbstätigseins. Ein Ausdruck der radikalen Individualisierung der Arbeit ist schließlich die Formel, daß heute jeder mehr denn je an sich selbst arbeiten muß - auch wenn er für andere arbeitet.

In Bourdieus frühen Algerienstudien finden wir mithin alle Grundsteine seines soziologischen Denkens bereits gelegt. Seine Studien leuchten erstens die temporalen Ordnungen bäuerlichen und industriellen Wirtschaftens aus, sie verdeutlichen zweitens die historische Varianz des Arbeitsbegriffs und sie verzeitlichen drittens die sozialen Verschiebungen im Strukturgefüge der Gesellschaft. Bourdieu erweist sich bereits in diesen ethnographischen Übungen als eindrucksvoller Empiriker und Theoretiker wirtschaftlicher Dynamiken und sozialer Geschwindigkeiten. Das Soziale wird von ihm als ein temporeiches und variationsreiches Kräftespiel aufgezeichnet, und er kann empirisch zeigen, daß von den Tempi und Rhythmen dieses Spiels die Orte im sozialen Raum in unterschiedlicher Weise ergriffen werden, aber auch in selektiver Weise profitieren können. Die Beschleunigungen und die Verlangsamungen sozialen und wirtschaftlichen Wandels kennen stets Gewinner und Verlierer.

Die algerische Übergangsgesellschaft bietet hierfür eine Fülle an Anschauungsmaterial. Dazu zählt die Herausbildung eines neuen Subproletariats, das sich aus den zerfallenden Strukturen der bäuerlichen Welt rekrutiert. Es ist in einer unerquicklichen Gegenwart von Gelegenheitsarbeiten gefangen und dazu genötigt, sich in einem Niemandsland provisorischen Wohnens und familiärer Entwurzelung aufzuhalten. Die Beschleunigung der wirtschaftlichen Verhältnisse zerstört rasch traditionelle Strukturen des Sozialen und führt zu erneutem Stillstand, der allerdings mit dem Stillstand einer bäuerlich vorindustriellen Ökonomie nichts mehr zu tun hat. Es ist ein Stillstand, der keine Vergangenheit mehr hat, aber auch keine Zukunft kennt. Dieser Entwicklung korrespondiert der rasche Aufstieg neuer Arbeitstypen: beispielsweise des industriellen Arbeiters, der Bürokraft oder des Technikers, die angeregt und erregt sind durch die neuen und mannigfaltigen Möglichkeiten beruflicher Individualität und materiellen Konsums. Bourdieu untersucht die Etablierung dieser neuen Mittelschicht, um darzulegen, daß auch in diesen Fällen die Vergangenheit zerstört wurde, getragen von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So wird deutlich, daß nicht nur soziale Absteiger den Halt ihrer familiären und sozialen Vergangenheit verlieren, sondern daß auch jeder soziale Aufstieg stets mit einem Verlust erkauft wird. Denn der Aufsteiger muß notgedrungen einen Bruch mit der eigenen sozialen Vergangenheit vollziehen. Soziale Aufwärtsmobilität erfordert eine Ablösung vom familiären und sozialen Umfeld des Herkunftsmilieus. Dieser Ablösungsprozeß von der Vergangenheit führt trotz aller neuen Freiheits- und Wohlstandsgewinne immer auch das Risiko gegenwärtiger und zukünftiger Verwundbarkeit mit sich. Daraus läßt sich über den empirischen Fall der algerischen Übergangsgesellschaft hinaus geradezu ein soziologisches Gesetz formulieren: Soziale Aufsteiger wirken in der Regel nicht nur angestrengt und erschöpft von den Mühen ihres Wegs, sondern sie fürchten auch stärker als andere um die von ihnen erreichte soziale oder berufliche Stabilität. Unsicherheit und Selbstzweifel haben ihren Ort gerade in den Sozialmilieus der Aufsteiger.

In einem seiner populärsten Texte, "Prekarität ist überall", formuliert Pierre Bourdieu - annähernd vier Jahrzehnte nach seinem Algerienaufenthalt - auf dem Treffen "Rencontres européenne contre la precarité" im Dezember 1997: "Paradoxerweise muß man - wie ich in meinem frühesten und vielleicht zugleich aktuellsten Buch über Arbeit und Arbeiter in Algerien gezeigt habe - wenigstens ein Minimum an Gestaltungsmacht über die Gegenwart haben, um (...) die Gegenwart unter Bezugnahme auf einen Zukunftsentwurf zu verändern. Im Unterschied zum Subproletarier verfügt der Proletarier über dieses Minimum an gegenwärtiger Gewißheit und Sicherheit, das die Grundvoraussetzung dafür ist, überhaupt die Idee in Betracht zu ziehen, die Gegenwart in Bezug auf die erhoffte Zukunft umzugestalten."[5] Während im sozialrevolutionären Topos vom "Proletariat" stets die Hoffnung auf eine andere, eine bessere Zukunft mitschwang und sich eine geradezu säkulare Heilsbotschaft verdichtete, zeichnet sich die aktuelle Debatte um die Herausbildung eines "Prekariats" dadurch aus, daß die Zukunft verschlossen scheint und sich ein Zwang zur Fokussierung auf die Gegenwärtigkeit durchsetzt. Im neuen sozialen Ungleichheitsvokabular der Prekarität, das auf den Entzug von beruflicher Statussicherheit, auf die Aufhebung rechtlicher Ansprüche der Arbeitnehmer und auf schwindende materielle Leistungen in der Arbeitswelt anspielt, scheint die unumgehbare Notwendigkeit auf, mit einer schlechten Gegenwart zu Rande kommen zu müssen. Eine Gesellschaft, in der das Prekariat dominiert, wäre in der Lesart Bourdieus eine stagnierende Gesellschaft, die sich selbst keine bessere Zukunft mehr zutraut, da sie sich ihrer Vergangenheit zu wenig bewußt und mit ihrer Gegenwart zu sehr beschäftigt ist. So gesehen, bezeichnet Prekarität viel weniger eine statistische Frage (wie viele Prekarier gibt es genau und wer gehört alles dazu?), als vielmehr ein genuines Zeitproblem, das heißt ein grundlegend verändertes Verhältnis der kollektiven Rhythmen, Tempi und Takte des Sozialen. "Prekarität ist überall" bedeutet dann nicht, daß wir alle früher oder später zu prekär Beschäftigten werden, sondern daß ein Gutteil der Gesellschaft schlicht aus dem Takt geraten ist, ohne für sich (bislang) einen neuen Rhythmus des Sozialen etabliert zu haben. Diesen Rhythmus zu finden, ist selbstverständlich keine nur wissenschaftliche, sondern auch eine politische Aufgabe; ihr hat sich Bourdieu in den letzten Jahren seines Lebens mit einer Intensität gewidmet, deren Vorbote sein in den Algerienstudien materialisiertes Gespür für den sozialen Sinn der Zeit gewesen ist.


 

  • [1] Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung, herausgegeben von Christine Frisinghelli und Franz Schultheis, Graz 2003, S. 32.
  • [2] Ebenda, S. 25f.
  • [3] Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch, Frankfurt am Main 2002.
  • [4] Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft, Konstanz 2000, S.53.
  • [5] Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, Konstanz 2004, S. 109.


Published 2006-07-18


Original in German
First published in Mittelweg 36 3/2006

Contributed by Mittelweg 36
© Berthold Vogel/Mittelweg 36
© Eurozine

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