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Ins Herz Rumäniens

Mircea Stanescus Fotofolge


Nacht - ein heller Punkt, eine Schaufensterpuppe in einem Brautkleid. Dämmerung - ein dunkler Lastwagen auf einer Landstraße. Wohin? Eine verriegelte Tür. Ein angebrochenes Glas. Eine Wand, auf die das Wort real geschrieben ist. Der Künstler, Mircea Stanescu, vor einer Containerwand mit der Aufschrift Romania.

Sind wir angekommen? An welchem Ort?

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Current exhibition:
Leonhard Lapin
Suprealism
[Summer 2007]

Previous exhibitions:
Cecilia Parsberg
The wall
[Summer 2006]
Josef Schützenhöfer
Art comes from labour
[Spring 2006]
Mircea Stanescu
Airbag
[Autumn 2005-Spring 2006]
In Stanescus Momentaufnahmen leuchtet für Augenblicke ein Land auf, das wir 'Rumänien' zu nennen gewohnt sind. Doch kennen wir es wirklich? Die Kamera durchstößt die Oberfläche und trifft auf solches, das nicht fassbar wird. Angerührt verdichtet es sich zu Paravents. Wovor schirmen sie ab? Was verdecken sie? Verstellen Sie überhaupt, oder steckt alles in ihnen selbst?

Hier drängt alles in die Fläche - Altes wie Neues, die Natur ebenso wie das Produkt. Auf gealterten Wänden Zeichen, Schilder, Abziehbilder. Schilder auf Türen, auf Fenster. Plakate, flache Briefkästen, bedruckte Badetücher. Ein übergroßes Benetton-Plakat United Colors auf farblosen Häuserwänden. Landkartengleich abblätternde Reste von Farben. Fresken, die die Zeiten überdauert haben, schauen aus weiß getünchten Untergründen. Farbig bedruckte Suppentüten Let's dip Dracula. Dahindämmernde Reste der Zivilisation auf ölverschmutzten Wassern. Selbst der Tod ist flach: alte Grabdenkmäler, die in der Patina ihres lichten Staubs in das Plane vergehen. Auf einer Wand - der wievielten? - das Bild eines Schafes mit Totenkopf, und ein schwarzer Vogel, die Flügel wie im Flug gestreckt, zusammengepresst auf dem Boden. Vorbestimmtes Los derer, die von hier wegfliegen wollen?

Die Zeichen, die vielen Zeichen - was wollen sie sagen? Sie weisen keine Wege, sie verraten nur sich selbst in der Kontrasignatur, sie führen ad absurdum. Der Pfeil Bufet zeigt auf das Schild Clinica Urologie. Das Badetuch Canary Islands - wo sind diese Eilande hier, und für wen? Magic Body steht da auf einem Haus, und gleich darunter for sale. Und gewiss ist es kein Meteor, der im verschmutzten Wasser schwimmt. Ihr Schweine! Was habt Ihr aus Rumänien gemacht?

Ein Land im Umbruch. Romanische Heilige, Relikte einer fremdgewordenen Vergangenheit, starren ungerührt von ihrem Tympanon. Der Schmerz jedoch zerreißt das Bild - und sei es nur ironisch, im Bild, durch das Bild. Zugeschlagene und verriegelte Türen, eingeschlagenes, zerborstenes Glas, und immer wieder der ans Kreuz Geschlagene, Genagelte. Der wahrlich gezeichnete Christus mit den Wundmalen auf seinen Füßen. Mit der Dornenkrone auf dem Plakat und gleich daneben er selbst. Der Gekreuzigte im Angebot eines Schaufensters und als flacher Blech-Jesus am Wegesrand mit dem hübschen Röckchen gegen die Kälte. Welche Kälte?

Das Neue trifft auf das Alte. Es gibt keine Vermählung. Alles steht unversöhnlich da. Der Blick erfasst beides, und der Schmerz wird zum Lachen. Die steinerne Meerjungfrau räkelt sich im Sonnenschein, derweil die Zwerge sie bewachen, abgestellt, wie die Bewohner dieses Landes. Sie warten - worauf? Dass einer kommt und sie kauft?

Der totale Kapitalismus als europäisches Hinterhofprogramm: Durch eine Fensterscheibe geblickt, eine Auslage. I like Dracula steht da, gleichsam als Aufschrift für das Ganze, das like als leuchtend-rotes Herz, das Herz Rumäniens im Klischee seiner Versatzstücke. Der große Ausverkauf im Kleinen: Dracula, gezähmt in allen Variationen, und daneben Folklorepüppchen, Tässchen, Teller, und als Zugabe die Weisheit, Eulen en gros. Alles in einem zu haben - hier wenigstens ist sie verwirklicht, die Gleichheit. Zukunft ist noch nicht da, während das Vergangene sich verabschiedet, und die Gegenwart hebt sich selber auf. Nichts von all dem schamlos sich Zeigenden ist real, real ist nur das Wort, geschrieben wie mit Blut. Aber auch das ist nicht echt.

Mit dieser real existierenden Irrationalität in all der Unfasslichkeit ihrer nicht dingfest zu machenden Luftblasen füllt Mircea Stanescu seinen persönlichen air bag. In die Verschiebungen flächiger Kulissenwelten bannt er die un-entschiedene Gegenwart seines Orts, an dem Altes wie Neues, Vergangenes wie Künftiges zu einer unstet oszillierenden Materie gerinnen. Das Skurrile, das den Aberwitz dieser Zeit wie ein Spiegel reflektiert und im Zurückwerfen zerbirst, schließt in seinen Bruchstücken, mit seinen verriegelten Durchgängen nicht nur das Heile in sich, das über all dies hinaus ist. Es nimmt im Diesseits auch den Künstler in sich auf. Mircea Stanescu verlässt das Kameraauge und erklimmt mit der Pose längst gestürzter Diktatoren verwaiste Sockel. Und er lehnt an den Buchstaben, die das Wort Romania formen, doch sein Fahrrad hat er schon unter sich. Wer im Zickzack der Ironie unterwegs ist, vermag selbst dem Irrealen zu entkommen, vorausgesetzt, er nimmt einen Airbag als Schutz.

 



Published 2005-10-03


Original in German
© Hans Rainer Sepp
© Eurozine

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