Alte und neue Geschichtsmythen
Mit der Osterweiterung kommt ein Diskurs auf, der immer vehementer die Vorstellung eines einigenden Gründungsgedankens der Europäischen Union in Frage stellt. Die innerstaatlichen Debatten um die Verstrickungen der je eigenen Vergangenheiten werden somit auf eine europäische Ebene verlagert. Ein wesentlicher Exponent dieser Auseinandersetzung ist der renommierte polnische Journalist Adam Krzeminski mit seinem vielbeachteten Essay "As many wars as nations. The myths and thruths of World War II". Bei ihm wird der Gründungsgedanke der EU, der die ehemals blutigen Differenzen in einem "Nie wieder!" überwinden sollte, zum "Gründungsmythos", den es gleich zweimal in Frage zu stellen gelte.
European histories
In order for there to be solidarity within the enlarged EU, it will be necessary to develop a broader historical consciousness that accommodates the experiences of the new members. And if Russia's relations with its neighbours are to be harmonious, the taboos surrounding the Great Victory will need to be addressed. [more]
Introduction
European histories: Towards a grand narrative?
Jan-Werner Müller European memory politics revisited
Siegfried Beer
The Soviet occupation of Austria, 1945-1955. Recent research and perspectives
Thomas von Ahn
Democracy or the street? On the stability of the Hungarian political system
Philipp Ther
The burden of history and the trap of memory
Jean Meyer
Memories and histories: The new Spanish Civil War
Claus Leggewie
Equally criminal? Totalitarian experience and European memory
Tatiana Zhurzhenko
The geopolitics of memory
Éva Kovács
The mémoire croisée of the Shoah
Eva-Clarita Onken
Latvian history in the process of democratization
François Dosse
Historicizing the traces of memory
Patrick Garcia
Politics of memory
Jean-Pierre Minaudier
Incompatible memories?
Timothy Snyder
Balancing the books
Isolde Charim
Historical myths new and old
Andreas Langenohl
State visits
Lev Gudkov
The fetters of victory
Volker Hage
Buried feelings
ll'ya Kukulin
The regulation of pain
Adam Phillips
The forgetting museum
Christian Semler
Is the tide of German memory turning?
Klaus Naumann
Displacement as an issue of German self-understanding
Vita Matiss, Tzvetan Todorov
Memory of evil, enticement to good
Pierre Nora
Reasons for the current upsurge in memory
Ronit Lentin
Postmemory, received history and the return of the Auschwitz code
Christoph Kleßmann
Dealing with the recent past
Krzeminski unterstellt, dass die Vorstellung eines "Gründungsmythos" selbst ein Mythos sei - anders gesagt, ein hegemoniales Unternehmen, das eine bestimmte Erzählung der Vergangenheit vorherrschen lässt und dabei sowohl die unterschiedlichen Erfahrungen als auch die verschiedenen Mythologisierungen unterschlägt.
Versuchen wir zu verstehen, was dies bedeutet. Krzeminski weist nicht nur die ehemals vorherrschenden Kriegsnarrative der USA und der UdSSR zurück, die diese für je unterschiedliche Legitimationen missbraucht haben. Krzeminski verneint auch den Holocaust, seit den 1970er Jahren die zentrale Perspektive auf die Geschehnisse, als gemeinsame Grundlage der EU. Der industrielle Massenmord wird als gemeinsame europäische Grunderfahrung zurückgewiesen. Aus seiner Sicht scheint der Holocaust als Gründungsmythos der EU unzureichend, da er eine Universalisierung bedeute, die die nationalen Erfahrungen unterschlägt. Unausgesprochen wird das Narrativ des Holocaust im Hinblick auf die EU damit gleichfalls zu einem hegemonialen Diskurs. Genau in diese Kerbe stösst auch Timothy Snyder mit seinem Text "Vereintes Europa, geteilte Geschichte": Die Osterfahrungen seien nicht integriert in der EU, so Snyder. Dies wäre die Ursache für die mangelnde europäische Einheit und Solidarität. Während es bei Krzeminski die Unterscheidung zwischen den - traumatischen - Erfahrungen und den Mythologisierungen gibt, fehlt diese Differenz bei Snyder völlig. Er spricht nur von den Ost-Erfahrungen, was gleichbedeutend mit den Leiden, die der Osten erfahren hat, ist. Beiden gemeinsam ist aber die Stossrichtung, nach der eine tatsächliche europäische Einigung nur dann möglich wäre, wenn sie die Kriegserfahrungen ihrer neuen Mitglieder zu integrieren vermag. Es gelte, das vorherrschende Narrativ der EU zu korrigieren und eine Geschichtsversion durchzusetzen, die ein Ankommen bei der - derzeit unterschlagenen - historischen Wahrheit wäre. Es geht bei dieser Auseinandersetzung also um die Anerkennung der Erfahrungen des Ostens, d.h. um die Anerkennung seiner Leiden. Das ist die zentrale Perspektive. Dies impliziert nun zweierlei.
Zum einen wird dagegen angegangen, dass für die Zeit von 1939-1945 die Rolle des Opfers eindeutig bestimmt ist. Anders gesagt, implizit wird die Erinnerung an den jüdischen Genozid zum jüdischen "Opfermonopol", zu einem Narrativ, das die Würdigung und Anerkennung aller anderen Opfer verdeckt. Zum anderen zeigt sich hier das Misstrauen gegen die europäische Gedenkpolitik, die als neues Hegemonieunternehmen bewertet wird.
Insgesamt scheint es aber, dass solche Positionen die derzeitige Entwicklung falsch einschätzen. Diese lässt sich besser mit dem französischen Lacanianer Jean-Claude Milner in den Blick bekommen. Milner entwirft ein Bild, in dem sich ein europäischer demos von der Vorstellung des EINEN Volkes, also eines begrenzten Ganzen, hin zu jener eines unbegrenzten Ganzen entwickelt, das tendentiell alle inkludiert und zunehmend keine Ausnahmen mehr kennt. Durch seine konstante Erweiterung werde Europa zunehmend zu dem, was der Psychoanalytiker Jacques Lacan "nicht-alles" genannt hat: eine unabgeschlossene, unbegrenzte, allumfassende Einheit. Bedingung für solch ein Europa sei aber, "das Auslöschen aller trennenden historischen Traditionen und Legitimationen" - im Gegensatz zu Krzeminski, der ganz im Gegenteil die Rückkehr der konfrontativen nationalen Mythen, deren "clash", sieht: Die Fortsetzung des Krieges mit den Mitteln der Erinnerung.
Mit Milner muss man gegen Krzeminski also einwenden: die von ihm erhoffte Befreiung von den trennenden Narrativen findet längst statt - und Ereignisse wie die von ihm angeführte Nichtteilnahme der Litauer und Esten an den Feierlichkeiten zum Siegesgedenken in Moskau sind nur die eine Seite der Entwicklung. Deren andere, nachhaltigere Seite lässt sich mit Milner in der genau gegenteiligen Bewegung erkennen: die nationalen Differenzen der Erinnerung werden zunehmend aufgehoben. Diese werden dabei aber nicht unterschlagen und verdrängt. Vielmehr erleben wir das Entstehen eines neuen Mythos, der genau aus diesen Erzählungen gewebt wird: die nationalen Heldenlegenden, die heroischen Erzählungen werden ersetzt durch jene des eigenen Leidens und Opfertums. In diesem Sinne sind Texte wie die angeführten performativ: Sie tragen zur Fortbildung dieses neuen Mythos bei. Die moralische Gleichsetzung aller Opfer des Zweiten Weltkriegs ist längst über den Revisionismus hinaus zu einem allgemeinen Diskurs geworden, der die allgemeine Anerkennung des Leidens einfordert - jenes der Deutschen unter den Allierten Bombardements ebenso wie jenes der Vertriebenen.
In der alten Bundesrepublik Deutschland ging es noch um eine unbezwingbare Empathie mit den fremden Opfern. Ich erinnere mich an eine Folge der "Lindenstraße" - jene TV-Serie, die alle deutschen Befindlichkeiten in alltagstaugliche Konflikte zu übersetzen wusste -, wo dieser Drang seinen idealen Ausdruck in den pubertären Aufwallungen einer Jugendlichen fand, die ihn in einer Rasur ihres Haupthaares auslebte, um sich derart kahlköpfig ihrer schockierten Umwelt als Erinnerung an einen KZ-Häftling zu präsentieren. Heute hat sich diese "unmögliche Empathie", diese "inakzeptable Identifikation" (Diederich Diederichsen) mit den fremden Opfern vehement verschoben - hin zur Entdeckung des eigenen Opfertums. Wenn es heute einen "clash" der Erinnerungen gibt, dann ist es jener der konkurrierenden Opfererzählungen. Grundlegend ist: die neue Erzählung, jene die die europäische Einheit herstellen und die in der Anerkennung aller Opfer bestehen soll, ist erreichbar nur durch die Aufweichung des Opferbegriffs bis hin zu einem Allgemein-Menschlichen, das von der Differenzierung in Opfer und Täter absieht.
Im Westen vollzieht sich dies durch die Privatisierung des Gedenkens. Die gefühlte Geschichte füllt zusehends den gesamten Erinnerungsraum. Die Zeit von 1939 bis 1945 wird als subjektiv erlebte Leiderfahrung erzählt. Damit wird ein biographischer Blick auf die Geschichte eröffnet. Dies bedeutet heute, 60 Jahre danach, vorwiegend jenen einer Familienerinnerung, die nicht mehr hauptsächlich an die eigene Erfahrung gebunden ist. Dabei kommt es naturgemäß zu Konstruktionen, in denen versucht wird zu rationalisieren, zu exkulpieren - kurz, ein Gutes auszumachen. Geschichte als Erinnerung an innerfamiliäres Leid vollzieht sich vor allem unter dem Zeichen des Verstehens.
Solche Privatisierung rückt statt gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge den Menschen als Einzelnen in den Vordergrund. Nun könnte man argumentieren - und genau dies passiert ja überall -, dass dies einen Zugewinn an historischer Konkretion bedeutet. Tatsächlich aber befördert es die Entpolitisierung der Geschichte. Denn die Konkretion des Persönlichen ist gleichzeitig auch eine Abstraktion: Sie lässt alle näheren Bestimmungen hinter sich und schließt die Erfahrungen des Einzelnen unmittelbar mit dem allgemein-menschlichen Leid in einem neu definierten, universellen Opferbegriff kurz. Damit entsteht ein ganz anderer Opfermythos. Und dieser fügt sich nahtlos in die gegenwärtig vieldiskutierte europäische Gedächtnispolitik ein.
Dieser neue Opferstatus ist ambivalent: einerseits bedeutet er das Einreihen ins Allgemein-Menschliche, andererseits erlaubt er es gleichzeitig, einen "Distinkstionsgewinn zu erzielen" (Norbert Frei), denn die Anerkennung als Opfer bringt einen identitären Mehrwert. Dieser besteht nicht zuletzt in einer neuen Subjektivität, die sich nach dem Wort des französischen Philosophen Alain Badiou folgendermaßen charakterisiert lässt: "Mensch, das ist das, was sich als Opfer wiederzuerkennen vermag". Das mag vielen nationalen Geschichtserzählungen als Befreiung erscheinen. Wenn sich herausstellen sollte, dass dies das spezifisch Europäische dieser Subjektivität ist - dasjenige, was Snyder als "gemeinsame europäische Kultur" sucht -, dann wäre dies eine pervertierte Realisierung des europäischen Gründungsgedankens. In jedem Fall aber muss man Snyder und Krzeminski entgegenhalten, dass der gemeinsame Blick auf die Vergangenheit sich bislang offenbar nur durch ein Weniger an Konkretion, durch eine Entpolitisierung des Gedenkens und nicht durch ein Mehr an Wahrheit erreichen lässt.
Published 2005-09-30
Original in German
© Isolde Charim
© Eurozine








