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Editorial "L'Homme" 1/2005


Dieses Heft soll und kann keine Bestandsaufnahme der Feminismen in Ost-, Mittel- und West-Europa bieten, wohl aber einen Beitrag zum Dialog. Denn der vorangestellte Titel "Übergänge" zeigt an, dass wir uns in und um Europa zurzeit in einem Transformationsprozess befinden, der nicht nur unsere politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch unsere Welt-Anschauungen und unser Lebensgefühl ergreift. Während die einen vom "Wiederbeginn der Geschichte" (Ralf Dahrendorf) reden, ist die Verunsicherung der anderen groß, wie die Prozesse der Globalisierung, die Entgrenzung der Märkte, der Verlust gewohnter Sicherheiten und gleichzeitig die Zunahme unserer Freiheitsräume und Verantwortlichkeiten auszubalancieren sind. Auch wenn sich insbesondere aus der Geschlechterperspektive die Integration der Einzelstaaten in eine Europäische Union als Rechtsgemeinschaft durchaus als eine Erfolgsgeschichte darstellen ließe, weil neue Standards für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gemeinsamen Arbeitsmarkt geschaffen und durchgesetzt wurden, so beklagen andere zu Recht, dass gerade die einseitige Marktorientierung dieser Gleichstellungspolitik nicht nur eine Folge der zu geringen Repräsentation und Partizipation von Frauen in den europäischen Institutionen und Entscheidungsgremien ist, sondern auch zur Aussparung und Vernachlässigung des gesamten frauenpolitischen Bereichs der so genannten sexual politics geführt hat. Immerhin stellen Beobachterinnen und Beobachter fest, dass der von der Ökonomie geleitete Integrationsprozess spätestens seit den Verträgen von Maastricht (1992) und Amsterdam (1997), erst recht mit dem Vertrag über eine europäische Verfassung, ein politisches Projekt geworden ist, in dem es auch um das "Sozialmodell Europa" geht. Dieses beansprucht, ein Gleichgewicht zwischen freiem Markt und solidarischer Gesellschaftsordnung und damit zwischen Freiheit und Gerechtigkeit herstellen zu wollen. Doch der Weg dahin, der mit der Erweiterung der EU seit 2004 auf 25 Staaten und der Öffnung für weitere Beitrittsländer beschritten wurde, ist offen. Seine Dynamik ist nicht abzusehen, und die entscheidende Frage bleibt, inwieweit dieses neue, größere Europa tatsächlich auch für Frauen und andere bisher unterrepräsentierte Gruppen oder Bevölkerungsteile jenseits der offiziellen Politik Gestaltungsräume eröffnet. Immerhin sind sich Europa-Skeptiker und Europa-Träumer einig in der Beobachtung, dass das Projekt Europa nur in der Vielfalt seiner Kulturen und der Anerkennung von Unterschieden, ja im Respekt vor dem Anderssein anderer eine Zukunft haben wird.

Die Einbindung der Ost-West-Feminismen in die Europa-Problematik ergibt sich daraus, dass nicht zuletzt seit der weltpolitischen Wende von 1989 für den Feminismus in Ost und West eine neue Epoche angebrochen ist. Für den westlichen Feminismus als soziale Bewegung und als theoretische Perspektive jedenfalls bedeutete der Fall der Mauer eine Zäsur. Sie zeigte sich vor allem darin, dass die politische Agenda von neuen Prioritäten bestimmt wurde, in der Geschlechterpolitik keinen Stellenwert hatte. Zugleich wurde deutlich, dass ein Feminismus, der nur westliche Erfahrungen und Zielsetzungen spiegelt, nicht die Frauen repräsentieren kann. Schliesslich war die Erwartung falsch, dass die Frauen aus den ehemals sozialistischen Staaten sich dem West-Feminismus nur anzuschliessen bräuchten, um seine politische Relevanz zu erhöhen. Im Gegenteil, die ersten Begegnungen zwischen Ost- und West-Feministinnen haben - dies wurde immer wieder berichtet - eher zu Irritationen und Verstimmungen als zu produktiver Verständigung geführt.

Die inzwischen nach Mittel-Ost-Europa erweiterte L'Homme-Herausgeberinnenschaft wollte wissen, inwieweit diese Einschätzung oder dieses On-dit immer noch gilt. Denn seit 1989 ist einige Zeit vergangen, und es interessiert, wie Frauen der jüngeren Generation aus Ost und West inzwischen die Bedeutung von Geschlechterfragen beurteilen. Möglicherweise haben auch wechselseitige Lernprozesse eingesetzt, die nicht zuletzt im europäischen Einigungsprozess die gerühmte Dialogfähigkeit stärken. Die im Folgenden veröffentlichten Beiträge sind beispielhafte Antworten, die sich jeweils aus unterschiedlichen Kontexten und Erfahrungen speisen und für die Vielfalt der Perspektiven und Standorte und die Ungleichzeitigkeit politischer Prozesse stehen. Und doch repräsentieren sie im Spektrum der Meinungen jeweils typische und pointierte Stellungnahmen, die die Komplexität, aber auch die Unterschiedlichkeit feministischer Annäherungen und Analysen erahnen lassen und neugierig machen.

Anja Weckwert, die als eine in Westdeutschland ausgebildete junge Akademikerin schon die Früchte einer institutionalisierten Frauen- und Geschlechterforschung genießen konnte, analysiert die Diskurse und Kontroversen feministischer Theorie, insbesondere die Rede vom "Relevanzverlust der Kategorie Geschlecht", vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse. In ihrer Gegenwartsdiagnose stellt sie eine Reihe von Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten fest, insbesondere zwischen einer kulturellen Modernisierung der Geschlechterverhältnisse und den Beharrungstendenzen sozialer Ungleichheit. Geschlechtsbezogene Ungleichheiten finden sich noch immer in allen Bereichen gesellschaftlicher Organisation, vor allem in Arbeitsmarkt und Beruf, auch in der Alltagspraxis von Paarbeziehungen. In der Theorie werden diese soziokulturellen Phänomene von einer De-Thematisierung der Geschlechterdifferenz begleitet. Im Rekurs auf die Ergebnisse neuerer feministischer Forschungen vermag Weckwert aufzuzeigen, wie die Ungleichheitsverhältnisse durch Individualisierungsprozesse scheinbar zum Verschwinden gebracht werden. Das heute nicht unproblematische Verhältnis junger Frauen zum Feminismus wird anhand einer eigenen empirischen Studie über die "Häcksen", einer Frauengruppe des Chaos Computer Clubs, illustriert, die sich einerseits von dem Feminismus als kämpferischer sozialer Bewegung distanzieren, andererseits mit ihren Frauen fördernden Aktivitäten durchaus frauenpolitische Ziele verfolgen. Das Fallbeispiel zeigt, dass Frauenbewegung und Feminismus, ebenso wie Frauenforschung und Frauenpolitik heute getrennt voneinander auftreten können, das heißt personell nicht durch bestimmte Erfahrungen verbunden sein müssen. Frau kann zur Feministin werden, ohne je einer Frauenbewegung angehört zu haben, sie kann ebenso - schon der Terminus steht weniger unter Ideologieverdacht - Geschlechterforschung betreiben, ohne sich feministischen Perspektiven oder Politiken verpflichtet zu fühlen. Dieser Befund eröffnet gleichwohl Perspektiven sowohl für eine an den Universitäten institutionalisierte Geschlechterforschung als auch für feministisches Theoretisieren, denn es bedeutet, dass auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Ungleichheit möglicherweise zu kritischer Theorie und Praxis befähigt.

Der Beitrag von Ralitsa Muharska belegt beispielhaft die Bedeutung und Möglichkeit intellektueller Subversion. Als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin aus Bulgarien versteht sie es, die Kommunikationsstörungen im feministischen Ost-West-Dialog in feministisch poststrukturalistischer Manier als Machtverhältnisse zu identifizieren und gleichzeitig zu parodieren. Wenn angesichts der schwierigen Bedingungen und des Negativbildes, dem der als westlich identifizierte Feminismus im eigenen Land begegnet, Spott und Bitterkeit mitschwingen, so ist diese Form der Distanzierung doch zugleich ein Weg, das Schweigen beziehungsweise das Unverständnis im Ost-West-Dialog zu durchbrechen. Denn es werden viele Fragen an uns gestellt, die bisher nicht beantwortet wurden. Dabei scheinen zwischen den Bruchstellen und Übersetzungsschwierigkeiten eines bisher nur "geborgten" Feminismus Antworten durch - zum Beispiel die, dass die Fremdheit osteuropäischer Feministinnen überwunden werden könnte, falls es in feministischen Diskursen gelingt, sich auf der Grundlage von Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu verständigen.

Ganz anders lesen sich die "Erfahrungen mit Feminismus", die Nadejda Alexandrova in ihrem Bericht reflektiert und den wir in der Rubrik "Forum" abdrucken. Hier spricht eine junge bulgarische Wissenschaftlerin, die ihr feministisches Bewusstsein im internationalen und intellektuellen Austauschprogramm der Gender Studies an der Central European University von Budapest geschult hat und sich nun befähigt fühlt, sowohl ihre persönliche Familiengeschichte als auch ihre berufliche Laufbahn als Feministin zu organisieren.

Die grundsätzliche Frage, welche Effekte die Förderung von Frauenprojekten und Frauen- beziehungsweise Geschlechterstudien vor dem Hintergrund postsozialistischer Verhältnisse haben, hat Susan Zimmermann in ihrem Beitrag "Frauen- und Geschlechterstudien im höheren Bildungswesen in Zentralosteuropa und im postsowjetischen Raum" untersucht. Ihr Augenmerk gilt den beteiligten Akteurinnen und Akteuren sowie den vielfältigen Interessen, die sie mit ihrem Engagement verfolgen. Susan Zimmermann gibt Einblick in die regional unterschiedlich ablaufenden Prozesse von Internationalisierung, die teilweise mit der Privatisierung von Bildung verknüpft sind, und beleuchtet, welche strategischen Funktionen Gender Studies dabei zugeschrieben werden. Die Autorin schliesst ihre differenzierte Dokumentation der jüngsten Geschichte der Frauen- und Geschlechterstudien im zentralosteuropäischen/postsowjetischen Raum vorsichtig optimistisch - gerade dort könnte Frauen- und Geschlechterforschung ein doppelt kritisches Potential entfalten, indem nämlich über Geschlecht hinaus der Kontext internationaler Ungleichheit explizit gemacht und reflektiert wird.

Eine anschauliche und beeindruckende Ergänzung hierzu bietet das Interview, das die Autorin mit Svetlana Shakirova, einer Philosophin und Aktivistin aus Kasachstan geführt hat und das in der Rubrik "Im Gespräch" nachzulesen ist.

Der Beitrag von Andrea Zink war nicht ausdrücklich für den Schwerpunkt "Ost-West-Feminismen" eingeplant. Dass er dennoch vorzüglich passt, verdankt er einer feministischen Perspektive, die selbst die Parodien und Spielereien um die Konstruktion der Geschlechterverhältnisse in einem sich als postmodern verstehenden Bestseller als dennoch restaurativ und konservativ entlarvt. Es handelt sich um den 1984 erschienenen Lexikonroman "Das chasarische Wörterbuch" des serbischen Schriftstellers Milorad Pavic, in dem die Geschichte des untergegangenen Volkes der Chasaren, das vom 7. bis zum10. Jahrhundert nach Christus am Kaspischen Meer gelebt haben soll und eine Rolle im serbischen Volksmythos spielt, in zweigeschlechtlicher Version in einer männlichen und weiblichen Fassung lustvoll, beliebig und verrückt nacherzählt, parodiert und fingiert wird. Ein wichtiges Moment der postmodernen Gestaltung des Romans ist die scheinbare, ironisch bis spöttische Beliebigkeit in der Geschlechtergestaltung, die jedoch, wie Andrea Zink in ihrer Kritik belegt, erneut den Geschlechterdualismus in einer heterosexuellen Matrix festschreibt. "Eine feministische Kritik," so die Autorin, "verstanden als Kritik am Geschlechterdualismus und den damit verbundenen Machtverhältnissen, unterstützt dieser postmoderne Text zumindest nicht."

Zusammen mit den Konferenzberichten, Rezensionen und vielfältigen Informationen, die dieses Heft im Anschluss an die erwähnten Beiträge anbietet, wird der Facettenreichtum feministischen Argumentierens und Recherchierens deutlich, auch wenn damit im Ost-West-Dialog allenfalls ein neuer Anfang gemacht ist. Möglicherweise aber ist die Sensibilität für die Geschlechterdifferenz und die mit ihr immer noch verbundenen Ungerechtigkeiten, die das Ziel der Rechtsgleichheit trotz Verschiedenheiten nicht aus dem Auge verliert, eine gute Vorbereitung für ein europäisches Projekt, das der Vielfalt der Kulturen und der Ermöglichung unterschiedlicher Individualitäten - nicht unbedingt Identitäten - verpflichtet bleibt.

Was mit diesem Heft nicht geleistet werden konnte, ist das ursprüngliche Vorhaben, auch die Wurzeln europäischer Feminismen und internationaler Kooperationen, die in das 19. Jahrhundert zurückreichen, als gemeinsame historische Erfahrungen und Plattform heutiger Diskurse in Erinnerung zu rufen. In der Einleitung zu einem frühen Sammelband über "The Woman Question in Europe" aus dem Jahr 1884, herausgegeben von Theodore Stanton, dem Sohn der amerikanischen Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton, vergleicht die irische Schriftstellerin und Aktivistin, Frances Power Cobbe, die Frauenbewegungen mit den Wechselspiel der Gezeiten - ein Bild, das uns auch heute noch von den verschiedenen "Wellen" des Feminismus sprechen lässt. Sie schrieb, und dies mag unsere Skepsis auch in Bezug auf die Zukunft des Feminismus als geistige Strömung oder als soziale Bewegung ein wenig mindern:

Of all movements, political, social and religious, of past ages there is; I think, not one so unmistakably tide-like in its extension and the uniformity of its impulse... This movement has stirred the entire sex, even half of the human race. Like the incoming tide, also, it has rolled in separate waves, and each one has obeyed the same law, and has done its part in carrying forward all the rest...

(Theodore Stanton Hg., The Woman Question in Europe, London 1884, XIIIf.)


 



Published 2005-07-18


Original in German
Contributed by L'Homme
© L'Homme
© Eurozine
 

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