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Bausteine zu einer Theorie der Wiederjudmachung


Es gibt noch eine Chance, aus dem Event ein Ereignis zu machen: 2005 könnte als das Jahr der Normalisierung in die deutsche Geschichte eingehen. Es fehlt nicht mehr viel, nur noch eine kleine Drehung, und das Einstein-Bombardement in allen Medien, auf allen Kanälen, etikettiert als Kampagne für Innovation, naturwissenschaftliche Bildung, Unkonventionalität und ein neues Weltbild, demonstriert eine Wende im ach so schwierigen deutsch-jüdischen Verhältnis oder – wie der Berliner sagt – bei der Wiederjudmachung. Es gab in der Geschichte immer wieder Beispiele für die Verwandlung von Gräbern und Gräberfeldern in heilige Stätten, und die Grundsteine für die Errichtung eines heiligen Ortes wurden ja bereits gesetzt. Die Rekonstruktion der Vergangenheit bedarf aber auch der Heiligen und Helden. Was immer dieses Einsteinjahr an Absurditäten noch bringen mag, es ist ein kleiner Schritt zum besseren Verständnis der Physik, aber ein großer für die deutsch-jüdische Symbiose post mortem.

Man muss nicht kulturtheoretisch gebildet sein, um zu erkennen, dass es im Einsteinjahr weniger um den Jubilar als um eine Inszenierung geht – auch wenn zunehmend schwerer zu erkennen ist, wer sich zu welchem Zweck neben dem – O-Ton Fernsehen – "größten Physiker aller Zeiten" abbilden lässt (abgekürzt GRÖPhAZ, um ihn nicht zu verwechseln mit dem GRÖFAZ[1] ... man könnte die Ereignisse in Ton und Bild auch nach Peinlichkeit sortieren). Sinnstiftung? Leitbild? Selbsterhöhung von Politikern und Politikerinnen, eventuell, nebenbei, Werbung für Wissenschaft ... all das passiert wohl, wenngleich der Verdacht, dass Einstein hier instrumentalisiert wird, nach all dem Getöse schon altbacken erscheint. Es geht offenbar gar nicht mehr um Zwecke, sondern um die Präsenz oder Performanz oder Aufmerksamkeitssteuerung oder wie die Geschäftigkeit frei von Inhalt sonst noch genannt wird.

Schon zu Beginn dieses vielfachen Jubiläumsjahres wurden ungeplante Nebeneffekte der Einstein-Beehrung sichtbar. Es spornt meine Fantasie an, zu überlegen, wohin es führt, wenn Top-down für Querköpfigkeit und Unkonventionalität geworben wird und welch überraschende Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft sich auftun, wenn das Unangepasste zum Mainstream und der Narr zum Leitbild wird! Weniger Fantasie brauche ich, um mir vorzustellen, was diese Heimholung Einsteins für die deutsche Identität bedeuten kann.

Die letzte Januarwoche 2005 war in dieser Hinsicht ein Glücksfall für Liebhaber von Nahaufnahmen. Es wurde das Einsteinjahr im Deutschen Historischen Museum eröffnet, der Deutsche Bundestag und parallel dazu die UNO feierten 60 Jahre Befreiung von Auschwitz, und im Sächsischen Landtag sorgten Abgeordnete der NPD dafür, dass sich wieder geschämt wurde. Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, die Eliminierung der zarten Pflänzchen einer demokratischen Regierung, der Überfall auf fremde Länder, der Völkermord, der so fremdländisch Shoa heißt ... all das wird von Jahr zu Jahr mehr reduziert auf ein deutsch-jüdisches "Verhältnis" oder, noch knapper, auf "die jüdische Frage". Die zwölf "schrecklichen" Jahre' erscheinen in den meisten Einstein-Elogen relativ kurz und gelegentlich wie eine Art Fremdherrschaft – eine glückliche Zeit mit Segelpartien wurde abgelöst durch, wie es in einer der peinlichsten TV-Einstein-Vernutzungen hieß, "den Lärm der Ungläubigen". Seit Jahrzehnten wird versucht, das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte zu normalisieren (und seit Jahrzehnten kommt immer wieder ein störender Pups aus den Gedärmen, der die unverdauten braunen Bröckchen verrät, diesmal also die sächsische NPD, was soll das Ausland von uns denken).

Zur Eröffnung des Einsteinjahres Ende Januar hatte Frau Bulmahn Einstein zitiert mit dem Satz: "Nachdem die Deutschen meine jüdischen Brüder in Europa hingemordet haben, will ich nichts mehr mit Deutschen zu tun haben, auch nichts mit einer relativ harmlosen Akademie." Und hinzugefügt: "Das hat er uns ins Stammbuch geschrieben. Dieses werden wir auch bei allen Veranstaltungen, Ausstellungen, Kongressen und Veröffentlichungen mit großem Respekt beachten. Wir wollen und dürfen Albert Einstein mit den Feiern zum Einsteinjahr nicht 'eindeutschen'." Das Weitere konnte die Ministerin nicht steuern. Absichten, zumal gute, verwandeln sich bekanntlich schnell und meistens hinter dem Rücken der Beteiligten.

Schon bei der ersten Konferenz zeigte sich, dass jeder seinen Einstein hat – nicht nur die Physiker, die Pazifisten, die Berliner und Berner und Princetoner und Wissenschaftshistoriker, die sich eine gewisse Aufwertung ihres Fachs erhoffen. Natürlich wurde genau darauf geachtet, dass auch der jüdische Einstein und Einstein als Jude und Unterstützer des Staates Israel und Mitbegründer der Hebrew University ausreichend gewürdigt wurde. Auch unter den Israelis, den deutschen und amerikanischen, religiösen, zionistischen und säkularen Juden fand jeder sein Zitat und sein Idol und zelebrierte seinen Einstein. Weniger Aufhebens wurde um Einsteins antideutsche Äußerungen gemacht.

Je nach Ort und Zielgruppe der Veranstaltungen wird unterschiedlich zitiert und akzentuiert, gern erwähnt wird die jüdische Herkunft der erstaunlich vielen deutschen Physiker, die Nobelpreise bekamen. Diejenigen, die nicht berühmt wurden, sind für die Inszenierung weniger wert, aber es wird inzwischen auch nach ihnen geforscht und gefahndet. Man braucht nicht zu fürchten, dass den Stadtplanern und Wissenschaftspolitikern die Namen berühmter jüdischer und möglichst auch noch wissenschaftlich relevanter Emigranten ausgehen, nach denen sich weitere Institute und Straßen benennen lassen – in Adlershof und anderswo. Eines Tages wird man auch nach denen forschen, die es nicht in die Emigration und zu einem Lehrstuhl in den USA geschafft haben.

Ob die Physik dank dieser Werbekampagne mehr Studenten oder gar Studentinnen bekommt, wage ich zu bezweifeln, sicher nicht bleiben wird der von Edelgard Bulmahn beschworene Respekt vor Einsteins Wunsch, nichts mehr mit Deutschland zu tun zu haben. Seine abwehrende Haltung gegenüber dem Nachfolgestaat des Dritten Reichs wird in den Filmen und Artikeln nicht so prominent herausgestellt wie seine Verbindung zu Berlin oder auch Ulm. Ob der Bruch (nicht nur Einsteins) bei Veranstaltungen, Ausstellungen, Kongressen und Veröffentlichungen "mit großem Respekt beachtet wird", ist vor allem deswegen schwer zu beantworten, weil im pluralistischen Geplauder alles irgendwo und irgendwann gesagt wird. Einige störende Details verschwinden nur auf eigentümliche Weise, weil die Liaison der Wissenschaftler mit der Unterhaltungsbranche ein sehr komplexer Vorgang ist, in dem nicht unbedingt die Argumente zählen.

Das ist die List der Geschichte. Was bleibt, sind nicht die Aussagen, es sind nicht die rationalen Überlegungen, sei es zur Quantentheorie, zum Weltfrieden oder zum Umgang mit einem Idol, die werden vergehen oder vergessen oder ausgetauscht. Sinnstiftend ist auch nicht die Relativitätstheorie, sondern die Allgegenwart des Exilanten, der als Genie und Narr und Deutscher präsent ist. Er hat, ohne sich wehren zu können, in Deutschland eine Heimat bekommen. Nicht nur im Kronprinzenpalais, auf Bonbons und Kaffeetassen. Er ist ins Gedächtnis und in die Ahnengalerie der Deutschen aufgenommen worden. Vielleicht werden nebenher Schüler animiert, sich mit Quanten und Lichtteilchen zu befassen, und die Wissenschaftsgeschichte kann ihr Profil als Heroenlieferant schärfen.

Einstein ist nicht mehr, wie er von sich selbst noch sagte, ein jüdischer Heiliger. Er wurde wundersam verwandelt, nein, nicht in einen deutschen Heiligen, aber immerhin in einen Heiligen für die Deutschen, und das ist unter den gegebenen Umständen für die Identität und die Konstruktion einer akzeptablen Vergangenheit noch viel besser. Kommunikationstechnisch mit Blick auf mediale sinnstiftende Verwertung stellt sich nun noch die Frage, wie die Einsteinereien sich verstetigen ließen. Damit sich die Investition lohnt, brauchen wir ein Bild, das bleibt, und es sollte, im Sinne des Abschieds vom Postkarten-Image, nicht das mit der herausgestreckten Zunge sein. Ein bisschen christlicher, mehr deutschjüdische Symbiose, als Material für eine positive Identifikation der deutschen Jugend. Viel innovativer als die relative Verkürzung der dunklen zwölf Jahre wäre es, sie ins Positive zu wenden: zwecks Konstruktion einer würdigen Vergangenheit zum Beispiel mit Einstein, flankiert von Marlene Dietrich zur Rechten und Max Schmeling zur Linken ... per Satellit und GPS-System auf die Stelen des Eisenmann-Rosh-Mahnmals projiziert (das ließe sich bei Bedarf auch löschen, modifizieren oder ersetzen).



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  • [1] Für die jüngeren Leser: GRÖFAZ war die Bezeichnung für den "Größten Führer aller Zeiten"; sie wird dem Volksmund der Hitlerzeit zugeschrieben.


Published 2005-06-08


Original in German
First published in Gegenworte 15 (2005) (German version)

Contributed by Gegenworte
© Hazel Rosenstrauch/Gegenworte
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