Europäische Geschichten. Auf dem Weg zur Meistererzählung?
Einleitung
Die Europäer müssen ihre Geschichte neu schreiben
Geschichte ist quer durch Europa vom Gegenstand der Historiker zunehmend zur öffentlichen Sache und zum Instrument der Politik geworden. Von der glücklichen Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsjahre über die Einklagung der Verantwortung für historische Verbrechen durch die 68er bis zur Geschichtsbesessenheit der letzten beiden Jahrzehnte[1] im Westen, von der verordneten Befreiungsgeschichte zur Befreiung der Geschichte(n) im Osten, haben sich höchst verschiedene "Erinnerungskulturen" herausgebildet, die anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes auf besonders dramatische Weise kulminieren und aufeinanderstoßen.European histories
In order for there to be solidarity within the enlarged EU, it will be necessary to develop a broader historical consciousness that accommodates the experiences of the new members. And if Russia's relations with its neighbours are to be harmonious, the taboos surrounding the Great Victory will need to be addressed. [more]
Introduction
European histories: Towards a grand narrative?
Jan-Werner Müller European memory politics revisited
Siegfried Beer
The Soviet occupation of Austria, 1945-1955. Recent research and perspectives
Thomas von Ahn
Democracy or the street? On the stability of the Hungarian political system
Philipp Ther
The burden of history and the trap of memory
Jean Meyer
Memories and histories: The new Spanish Civil War
Claus Leggewie
Equally criminal? Totalitarian experience and European memory
Tatiana Zhurzhenko
The geopolitics of memory
Éva Kovács
The mémoire croisée of the Shoah
Eva-Clarita Onken
Latvian history in the process of democratization
François Dosse
Historicizing the traces of memory
Patrick Garcia
Politics of memory
Jean-Pierre Minaudier
Incompatible memories?
Timothy Snyder
Balancing the books
Isolde Charim
Historical myths new and old
Andreas Langenohl
State visits
Lev Gudkov
The fetters of victory
Volker Hage
Buried feelings
ll'ya Kukulin
The regulation of pain
Adam Phillips
The forgetting museum
Christian Semler
Is the tide of German memory turning?
Klaus Naumann
Displacement as an issue of German self-understanding
Vita Matiss, Tzvetan Todorov
Memory of evil, enticement to good
Pierre Nora
Reasons for the current upsurge in memory
Ronit Lentin
Postmemory, received history and the return of the Auschwitz code
Christoph Kleßmann
Dealing with the recent past
In der Regel verblassen Gedenktage im Laufe der Zeit, bis sie schließlich ad acta gelegt oder von neuen Erzählungen überschrieben werden. Der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, der 8. bzw. 9. Mai, zeigt eine entgegengesetzte Dynamik: Es scheint, dass er noch nie soviel Gewicht hatte wie heute, 60 Jahre nach dem Ereignis. Wie erklärt sich dieses Phänomen?
Das Datum stellt den zentralen Bezugspunkt für die über Jahrzehnte dominierenden Narrative der Siegermächte und die Gründungsmythen der europäischen Nachkriegsgesellschaften dar: Für die betroffenen Länder markierte es einen Bruch und Neubeginn, für die USA und Sowjetunion eine Legitimationsquelle für ihre konkurrierenden hegemonialen Ansprüche und damit den Anfang des Kalten Krieges.
Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und damit der bipolaren Ordnung, und in der Folge die Osterweiterung haben die eingespielten Interpretationen der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte radikal in Frage gestellt - sowohl in West- als auch in Osteuropa, und zwingen dazu, die "Stunde Null" neu zu bewerten, mit dem Resultat, dass wir es heute mit "so vielen Kriegen wie Nationen" zu tun haben.[2] Zugleich zeichnet sich eine Internationalisierung des Gedenkens ab, wie Andreas Langenohl zeigt.
Der 8. Mai und die Europäische Union
Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ist konstitutiv für die Entstehung der Europäischen Union. Die alten Erzfeinde sollten versöhnt und in eine Interessengemeinschaft eingebunden werden, die einen neuen Krieg unmöglich machen würde. Zugleich beruhte der Erfolg dieser Gemeinschaft auf der Anerkennung der Teilung Europas, mit der die andere Hälfte des Kontinents abgeschrieben und von den Segnungen in Gestalt von Demokratie, Frieden und wirtschaftlichem Aufschwung ausgeschlossen wurde. Erst mit dem unerwarteten Zusammenbruch des Sowjetimperiums 1989 rückte Osteuropa wieder in den politischen Horizont der inzwischen größer gewordenen Union, so dass nach langen Verhandlungen im Mai 2004 weitere acht Länder der Region aufgenommen werden konnten.Der komfortable historische Konsens, den die westeuropäischen Gesellschaften schon lange im Inneren und untereinander gefunden hatten, ist spätestens mit der Osterweiterung fragwürdig geworden. Denn 1945 hat "eine völlig andere Bedeutung [...] in fast ganz Osteuropa, für fast alle Bürger jener Länder, die der Union 2004 beitraten. Für sie bedeutet 1945 den Übergang von einer Besatzungszeit zur nächsten, von der Naziherrschaft zur Sowjetherrschaft", so Timothy Snyder.
Zugleich ist diese andere Bedeutung ihrerseits nicht eindeutig: In den meisten ehemaligen Satellitenstaaten bzw. Sowjetrepubliken entzündeten sich mit dem Zusammenbruch der auferlegten offiziellen Geschichtsdoktrin heftige, bis heute offene Kontroversen um die Re-Interpretation der eigenen Geschichte, die entscheidend sein werden für die Herausbildung neuer nationaler Identitäten. Man denke etwa an die baltischen Länder: Was aus der einen Perspektive Kollaboration war, ist aus der anderen Widerstand gewesen.
Wie Snyder meint, wird es für die erweiterte EU - als Voraussetzung für ihren Zusammenhalt - wichtig sein, ein historisches Bewusstsein zu entwickeln, das den Neuankömmlingen einen angemessenen Platz verschafft und sie in eine breite Diskussion einbindet. Was heute offensichtlich fehlt, ist eine übergreifende Darstellung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts - hier ist die Union nach wie vor gespalten und viele der neu hinzugekommenen Gesellschaften noch innerlich zerrissen.
Der 9. Mai und Russland
Russland war der Hauptsieger im Zweiten Weltkrieg und ist der große Verlierer von 1989. Mit seinem Festhalten am Mythos des Großen Vaterländischen Kriegs - der letzten noch nicht diskreditierten sowjetischen Errungenschaft - schreibt es die Ordnung von Jalta fort, um seine geopolitische Position und seine Ansprüche auf die Region zu behaupten. Lev Gudkov zeigt, welche Funktion dieser Mythos darüber hinaus als Quelle des nationalen Selbstbewusstsein und der Legitimität "der zentralisierten und repressiven sozialen Ordnung" hat.Als sich am 9. Mai auf Einladung des russischen Präsidenten die höchsten politischen Vertreter der ehemaligen Allierten bzw. der betroffenen Länder in Moskau trafen, um des Sieges vor 60 Jahren zu gedenken, sahen sich viele Gäste mit einer Interpretation der Geschichte konfrontiert, die sich kaum mit ihrer eigenen Sichtweise versöhnen lässt. Putins Rhetorik machte schon anlässlich seines Auschwitz-Besuchs im Januar 2005 deutlich, dass er eine historische Kontinuität konstruieren will, die den sowjetischen Mythos restauriert und in eine Linie mit der imperialen russischen Geschichte und dem globalen Kampf gegen den Terrorismus bringt. Diesem Programm folgte auch die Inszenierung in Moskau.
"Bis heute wirkt das Tabu, die Kehrseiten des Sieges aufzuarbeiten." schreibt Gudkov. Es scheint noch ein weiter Weg, bis sich die russische Darstellung des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen mit jenen der - befreiten oder besetzten? - Nachbarn versöhnen lässt.
Von einer für alle verbindlichen "Meistererzählung" des Zweiten Weltkriegs sind die Europäer noch weit entfernt - wenn sie denn überhaupt ertrebenswert ist. Sehr viel wäre bereits gewonnen, wenn die Pluralität der bestehenden Geschichten in einen gemeinsamen, den nationalen Rahmen überschreitenden öffentlichen Raum gestellt und diskutiert würde.
Exemplarische Ansätze hierzu stellen das Gemeinschaftsheft des russischen Magazins NZ mit der deutschen Zeitschrift Osteuropa zum Thema "Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg" dar, aus dem Eurozine einen großen Teil der Beiträge für diesen Schwerpunkt nimmt. Aber auch die Übersetzung von Adam Krzeminskis überaus instruktivem Artikel "So viele Kriege wie Nationen" aus Polytika ins Englische und Deutsche in signandsight und Perlentaucher oder das Dossier der Neuen Zürcher Zeitung über den "Mai 1945 - ein Ende mit Folgen" (30. April / 1. Mai 2005).
- [1] Aleida Assmann/Ute Frevert,
Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945 , Stuttgart 1999. Ute Frevert, "Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited. Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik". In:Aus Politik und Zeitgeschichte (B 40-41/2003), auch www.bpb.de/files/HEKVE4.pdf. Pierre Nora, Gedächtniskonjunktur - [2] Adam Krzeminski: So viele Kriege wie Nationen
Published 2005-05-03
Original in German
© Eurozine








