Die Vernunft der Unvernunft
Betrachtungen eines Psychoanalytikers zu Don Quijote
"la pura verdad de nuestro artificio -
die reine Wahrheit unseres Kunstwerks"[1]
Don Quijote sagt: "Erdichtete Erzählungen sind insoweit gut und ergötzlich, als sie sich der Wahrheit oder der Wahrscheinlichkeit nähern, und die wahren sind um so besser, je wahrer sie sind." (S.1030) Es geht also um die Wahrheit. Wie aber kann in einem Staat, in dem die Kirche eine nahezu totale Gewalt ausübt und in dem im Dienste des Glaubens und der Macht des königlichen Apparates die Rechte des Individuums kaum anerkannt werden und mit Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen, mit Erhängungen und Massenausweisungen seiner Bürger lediglich das Recht und die Willkür der Könige und der kirchlichen Instanzen gelten, die Wahrheit gesagt werden? Offenbar nur auf sehr indirekte Weise, mit all den Verschiebungen und Verwandlungen, den Verzerrungen und den Beschönigungen, die wir aus dem Traumleben, den dissoziativen Zuständen und der Psychose - oder eben der Untergrundliteratur aller Tyranneien kennen.[2] Weisheit und Wahrheit kommen im Narrenkleid daher. Nicht von ungefähr ist das fiktive Autorenselbst, das Cervantes benutzt, Sidi Hamet Benengeli, ein Maure und Mohammedaner. Einige der bewegendsten Szenen befassen sich mit der eben zur Zeit der Verfassung dieses Epos sich abspielenden Massenvertreibung der Moriscos, der getauften Mauren (1609-1613) - einer Wiederholung der Judenverfolgungen und ihrer kompletten Vertreibung im Jahr 1492 und der massenhaften Verbrennung getaufter Juden, der Conversos, zu denen möglicherweise auch Cervantes' Familie zählt. Cervantes, der lange Zeit Sklave der Araber und mehrfach Gefangener in spanischen Gefängnissen gewesen ist, wagt es dennoch, das Lob der Freiheit zu singen. So belehrt Don Quijote Sancho Panza: "Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen; mit ihr können sich nicht die Schätze vergleichen, welche die Erde in sich schließt noch die das Meer bedeckt. Für die Freiheit wie für die Ehre darf und muß man das Leben wagen; Gefangenschaft dagegen ist das größte Unglück, das den Menschen treffen kann." (S. 984) Welch ein aufrührerischer Gedanke in einem nahezu totalitären Imperium! So läßt sich das Werk als ein Epos der Freiheit lesen, als ein Plädoyer für Gedanken- und Redefreiheit, cachiert durch die Verrücktheit oder Verschrobenheit des Ritters und die scheinbare Einfältigkeit seines Schildknappen. Der Leser ahnt, daß Cervantes' eigene Erlebnisse der Demütigung und Scham in die Schilderungen verhüllter Rebellion Eingang gefunden haben.
Wahrheit, Trug und Wahn
Zunächst stellt sich die Frage, welcher Stellenwert dem Wahn, der unbewußter Verleugnung und Verblendung einerseits und bewußter Lüge und Täuschung andererseits in den Schilderungen zukommen. Das Auge, sagt Sancho, verwandelt das Geschehene: Der Fastenprediger habe gesagt, "daß alle Dinge, die unser Auge in der Gegenwart erschaut, weit besser und mit gewaltigerer Kraft sich in unserem Gedächtnis darstellen, haften und verbleiben als das Vergangene". (S. 583) Schmach bestehe nicht fort, Bestand habe nur das, was wir als Gegenwärtiges sehen.Don Quijote lügt das ganze Werk hindurch nie bewußt, gleichwohl verleugnet er fortwährend im Dienste der Idealisierung der Frau und seiner eigenen Größenphantasien, nicht so sehr um der Allmacht als um der Selbstidealisierung und eines Sendungsbewußtseins, einer Rettungsphantasie grandiosen Inhalts willen. Die Grenzen, die die Wirklichkeit setzt, müssen einfach weggezaubert werden. Demgegenüber ist die Lüge ein beherrschendes Motiv bei fast all den anderen Personen unterschiedlichen gesellschaftlichen staatlichen oder kirchlichen Ranges. Eine Schlüsselrolle nehmen Sanchos Lügen über Dulcinea ein, für die er dann im Gefolge auch immer wieder büßen muß.
Zauberei und Wahn, Lug und Trug verhüllen die eigentliche, aber nicht aussprechbare Wahrheit und deuten sie zugleich an - als eine Art Kompromißbildung. Die Wahrheit ist vielfältiger, als es die Alltagsrealität vermuten läßt, deren Wirklichkeitsgehalt bezweifelt wird. Hinter ihr verbergen sich Mysterien, Geheimnisse, unsichtbare Kräfte, die von größerer Bedeutung sind als das, was die Sinne wahrzunehmen vermögen. Die Vielschichtigkeit der Wahrheit spiegelt sich in den immer wieder wechselnden Ebenen und Perspektiven der Erzählung wider, in ihren eingeschobenen Novellen und Anekdoten, geschichtlichen und philosophischen Streiflichtern sowie in der Einsicht, daß die menschliche Seele voller Widersprüche, eben voller Konflikte ist - eine "Subjekt-Vielheit", ein "Dividuum" im Sinne Nietzsches. So lassen sich bei der Lektüre stets neue Bedeutungen entdecken, sagt Crow: "Daher wurde dieses Meisterwerk zu Recht von fast allen Kritikern der größte Roman der Welt genannt."[3]
Die Ebenbürtigkeit der inneren oder subjektiven Realität mit der äußeren oder scheinbar objektiven Realität und deren verschiedenen Gesetzlichkeiten nimmt die Erkenntnisse Freuds und der modernen Psychoanalyse vorweg. Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, in welchem Ausmaß Freud selbst seit seiner Adoleszenz durch die Lektüre von Cervantes beeinflußt war und wie das "Gespräch der zwei Hunde" (in den novelas ejemplares) Wesentliches der psychoanalytischen Methode vorwegnehme.[4]
Die Ebenbürtigkeit von innerer und äußerer Realität wirft hochaktuelle Fragen zum "pretend mode" und dem "equivalency mode" auf.[5] Don Quijote klammert sich an die Phantasie von magisch-mythischen Mächten, die er zur Realität erklärt, und verliert so immer wieder den Bezug zur eigentlichen Realität. Ebendieses Schwanken zwischen dem Modus der psychischen Äquivalenz und dem des So-tun-als-ob (pretend mode) kennzeichnet nach Peter Fonagy Traumatisierung. Der erstere Modus nimmt an, "daß alles im eigenen Inneren in der körperlichen Welt draußen existiere und daß alles in dieser Außenwelt ebenso im Innenleben vorkomme". Umgekehrt wird infolge eines schweren Traumas "das Prinzip des Als-ob-Modus, in dem die Phantasie von der wirklichen Welt abgeschnitten ist, so ausgedehnt, daß nichts Implikationen für etwas anderes hat"[6] - der Zustand der Dissoziation. Die Symbolisierungsfähigkeit wird momentan suspendiert. Damit kommt es zur Zerstörung des symbolischen Denkens, zum Angriff auf Metapher und Imagination.
Trauma und Wiederholungszwang
Diese doppelte Reaktion auf eine schwere Traumatisierung, die der Behauptung des "mode of equivalency" und die der Ausdehnung des "pretend mode", wird als Abwehr verstanden, als Schutz gegen die überwältigenden Affekte, die mit dem Trauma verbunden sind. Aus der Wiederholung gewisser Szenarien können wir ablesen, was die dahinterliegenden Traumata sind. In veräußerlichter Form verweist Don Quijote immer wieder auf sie: "Ist ja doch der fürnehmste Zweck meines Berufs, die Demütigen zu schonen und die Hochmütigen zu bestrafen; ich meine, den von Elend Bedrängten beizuspringen und die Bedränger zu vernichten." (S. 946) (An anderer Stelle persifliert Sancho unbewußt diese Rettungsmission, indem er, kurz vor der Fingierung des Fundes von Dulcinea, zu sich selbst sagt, er stehe "im Auftrag des ruhmreichen Ritters Don Quijote, der alle Unbilden abtut und dem Durstigen zu essen und dem Hungrigen zu trinken gibt".)[7] So leuchten deutlich ein Trauma und, damit zusammenhängend, eine Art von Konflikt aus den Erzählungen heraus: das erlittene Trauma der Demütigung und der Ungerechtigkeit, die nun beim anderen wiedergutgemacht werden soll; und zugleich soll ihm selbst in der gelungenen Rettungsmission Rechtfertigung, Ehre und Selbstbestätigung zuteil werden. Dieser Versuch des Ungeschehenmachens durch zwanghafte Wiederholung mißlingt. Don Quijote ist der Narr, der ständig die Ehre sucht und der Scham und Entehrung zu entgehen trachtet, diese jedoch immer wieder durch seine Narreteien und Verrücktheit einzuladen und hervorzurufen scheint. Es wird als sein Zwang beschrieben, sich als stark und nobel zu zeigen und dadurch Stolz, Ehre und Ruhm zu erwerben, statt dessen stets die Demütigung zu erleben, als verrückt zu gelten, ohne selbst jedoch seine Handlungen als absurd und verrückt erkennen zu können.Zur Illustration dieses Ablaufs wähle ich die Szene, wo die beiden Wanderer voller Angst die Nacht im Kastanienwald unweit eines Wasserfalls verbringen, bei dem ein unheimliches lautes Getöse und Stampfen immensen Ungeheuern zugeschrieben wird. Don Quijote erklärt, stolz seine Lanze in der Finsternis schwingend, voll Grandiosität: "Sancho, mein Freund, du mußt wissen, daß ich durch des Himmels Fügung in diesem eisernen Zeitalter zur Welt kam, um in ihm das Goldene zur Auferstehung zu bringen. Ich bin der, für den die Gefahren, die Großtaten, die Werke des Heldentums aufgespart sind." (S.165f. S.179) Während er sich mit den großen Helden der Sagenwelt vergleicht, bindet Sancho dem Pferd Rosinante unbemerkt die Füße zusammen, damit der Ritter sich nicht in der Mitte der Nacht davonmache und ins Unheil stürze. Es wird beschrieben, wie Sancho dabei seine Notdurft insgeheim und mit so wenig Geräusch wie möglich zu verrichten sucht, während er den Schenkel seines Beschützers umschlungen hält, bis dieser sich die Nase zuhalten muß und ihn bittet, sich seitwärts zu schlagen, mit der doppeldeutigen Bemerkung, es werde schlimmer, wenn man daran rühre (peor es meneallo). (S.174/S.186) Bei Tagesanbruch wagen sie sich zusammen vor und entdecken, daß das unheimliche Geräusch vom rhythmischen Stampfen der Walkmühlen am Bergbach herrührt. "Als Don Quijote sah, was es war, verstummte er und ward starr von oben bis unten. Sancho schaute ihn an und sah, daß er den Kopf auf die Brust hängen ließ, was deutlich verriet, daß er sich beschämt fühlte. Auch Don Quijote schaute seinen Knappen an und sah, daß er die Backen aufgeblasen und den Mund zum Lachen verzogen hatte, mit unverkennbarem Anzeichen, daß er herausplatzen wolle; und sein Trübsinn vermochte doch nicht so viel über ihn, daß er beim Anblick Sanchos das Lachen hätte unterdrücken können. Wie aber Sancho bemerkte, daß sein Herr den Anfang gemacht hatte, ließ er sich freien Lauf, so unaufhaltsam, daß er sich mit beiden Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Vielmal hielt er inne, und ebenso vielmal brach er wieder so gewaltsam wie zu Anfang in Lachen aus. Schon hierüber war Don Quijote des Teufels; aber es kam noch ärger, als er Sancho, wie zum Hohn sagen hörte: 'Du mußt wissen, oh Sancho, mein Freund, daß ich durch des Himmels Fügung in diesem eisernen Zeitalter zur Welt kam, um in ihm das Goldene zur Auferstehung zu bringen. Ich bin der, für den die Gefahren, die Großtaten, die Werke des Heldentums aufgespart sind.'" (S.175f.) Die Schamwut des Ausgelachten veranlaßt ihn, dem Knappen zwei schwere Schläge mit der Lanze auf den Rücken zu versetzen.
Nach mehreren kläglich verlaufenden Abenteuern, aus denen er schwer lädiert herausgekommen ist und nachdem er von Sancho den nicht eben großartigen, aber sinnreichen Titel des Ritters von der traurigen Gestalt - el Caballero de la Triste Figura erhalten hat, ziehen die beiden, geplagt von Schmerz, Hunger und Durst, weiter, bis er sich erneut in großartig allmächtigen Selbsterwartungen ergeht, denen die massive Beschämung und ein wilder Ausbruch von Aggression folgen, ohne daß diese Wiederholungskette von Scham - Größenwahn - Lächerlichkeit - Schamwut zur Auflösung der zugrundeliegenden Problematik führte.
Regelmäßig ist der mit Don Quijotes Wohltat und Rettung Bedachte hernach noch schlimmer dran als zuvor; der Wiederholungszwang führt in tragischer Weise gerade das herbei, was der Handelnde am meisten verhindern, vermeiden oder korrigieren möchte. Dabei ist es so, wie Sancho sagt: sein Herr will niemandem Schaden zufügen. Die fromm-naive Rettung des geprügelten Knaben Andrés, die nur in schlimmerer Mißhandlung endet (I, Kap. 4 und 31), ist paradigmatisch - Sinnbild vieler wohlmeinender Philanthropen oder vermeintlich friedensstiftender Politiker, die durch Beschwichtigung, appeasement, das Böse noch schlimmer machen. Die Intervention, die von Don Quijote als Abhilfe von "Kränkungen und Ungerechtigkeiten" (er sei "el desfacedor de agravios y sinrazones", S. 57) beschrieben wird, gründet sich in der wahnhaften Annahme: "Daß ich es ihm (dem mißhandelnden Bauern) gebiete, ist hinreichend, damit er mir Gehorsam erweise, und sofern er bei dem Ritterorden, den er empfangen hat, mir es schwört, lasse ich ihn frei gehen und verbürge die Zahlung." (S. 43) Hier finden sich mehrere Schichten falscher, ja widersinniger Annahmen: daß nämlich der Bauer ein Ritter und an die Gesetze des Ritterordens gebunden sei, eine Ethik der Ritterlichkeit besitze, was ja bereits durch sein ursprüngliches Handeln Lügen gestraft wird, sein Schwur überhaupt einen Wert habe, und schließlich und grundlegend, Don Quijote selbst tatsächlich ein Ritter wäre. Der Ritterschlag während der dem Ereignis vorangegangenen Nacht war so unecht wie eine Dreidollarnote, ein Witz (escarnio), hatte der ausführende Wirt der Schenke doch überhaupt keine rechtliche Befugnis dazu.[8]
Andrés widerspricht der Annahme, sein Herr sei ein Ritter, doch Don Quijote beharrt darauf, der Bauer werde ihn nicht zu Tode schinden, "um so mehr, da jeder der Sohn seiner Taten ist". Andrés widerspricht von neuem: "aber dieser mein Herr, welcher Taten Sohn ist er, da er mir meinen Lohn, meinen Schweiß und meine Arbeit vorenthalten will?" (S. 43)
So hält ihm der mißhandelte Junge, den Don Quijote vermeintlich vor den Peitschenhieben des erbosten Meisters gerettet hatte, dem es jedoch hernach nur noch viel schlimmer erging und der fast zu Tode geschlagen wurde, sobald sein Retter im Wald verschwunden war, an späterer Stelle entgegen: "'Ich bitte Euch um Gottes willen, fahrender Herr Ritter, wenn Ihr mich wieder einmal irgendwo antrefft, und solltet Ihr auch sehen, daß man mich in Stücke haut, so kommt mir nicht zu Hilfe und steht mir nicht bei, sondern laßt mich in meinem Unglück.Denn dieses kann doch nie so groß sein, daß das Pech nicht noch größer wäre, das mir von Eurem Beistande kommen würde, Herr Ritter, den Gott verdammen wolle samt allen fahrenden Rittern, soviel ihrer je zur Welt gekommen!'... Don Quijote aber stand aufs tiefste beschämt ob der Erzählung des Andrés, und die andern mußten sich große Mühe geben, das Lachen zu verbeißen, um seine Beschämung nicht aufs Äußerste zu treiben." (S. 316f.)
Juden und Conversos
Miguel de Cervantes Saavedra[9] wurde im Conversoquartier von Alcalá de Henares 1547 geboren. Alcalá war ein Zentrum des Humanismus und der Conversos, die Nachbarstadt von Guadalajara, in der 250 Jahre früher der Zohar, das Hauptwerk der Kabbala, geschrieben worden war. Die Cervantes waren eine Tuchhändlerfamilie in Córdoba gewesen - wiederum ein "jüdischer" Beruf, der dem spanischen Begriff der "Ehre" widersprach. Die großmütterliche Familie war die der Torreblancos, eine bekannte Conversofamilie. Die Torreblancos und die Cervantes waren Teil des Zirkels in Córdoba, der Christoph Columbus 1486 beherbergte, eines Zirkels, der wiederum v. a. aus Conversos bestand - Ärzte, Apotheker, Menschen, die sich brennend für die Wissenschaften interessierten, Intellektuelle: Identitäten und Aktivitäten, die dem spanischen Ehrbegriff zuwiderliefen. "Medizin war berüchtigt als Conversoberuf, und hier in der Familie von Cervantes' Großmutter finden wir fünf Ärzte."[10] Die Conversos blieben sich eng verbunden und heirateten untereinander. Nichts davon beweist die Conversozugehörigkeit der Familie Cervantes, verweist aber doch auf eine starke Evidenz.Über die Herkunft der Mutter, Leonor de Cortinas, ist wenig bekannt. Sie wird als stark und durchtrieben geschildert. Sie und ihr mächtiger Schwiegervater haßten und verabscheuten sich, trotz, oder vielmehr wegen ihrer Ähnlichkeit im Charakter.[11]
Der Vater Rodrigo war ein unpraktischer Träumer, der es nie auf einen grünen Zweig brachte, stets unterwegs, immer voller Hoffnung auf neue erfolgreiche Abenteuer, "Ironie, Optimismus und Ohnmacht"[12] - offensichtlich ein Vorbild für den Don Quijote. In Córdoba wurde er, wohl dank der Intervention seines vermögenden Vaters Juan, zum Bader im Gefängnis der Inquisition.
Doch auch angesichts der Bezichtigung, unreinen Bluts zu sein, zeigt sich Cervantes' revolutionärer Mut, indem er, anläßlich der Suche des Erzählers nach dem die Geschichte fortsetzenden Buchmanuskript in der Alcaná von Toledo, der Straße der Kaufleute, beiläufig bemerkt, er habe nach einem Dolmetscher für das arabische Manuskript Ausschau gehalten: "... denn wenn ich mir solchen auch für eine bessere und ältere Sprache gesucht hätte, hätte ich ihn ebenfalls dort gefunden". (S. 78) Gemeint sind das Hebräische und ein jüdischer Übersetzer.
Kennzeichnend ist, daß er die Autorenschaft dem Sidi Hamet Benengeli, einem Araber von der Mancha, überträgt. Der Name Benengeli wird sowohl mit "Hirschchen" wie mit "Aubergines" (berenjena) in Verbindung gebracht - eine verhüllte Anspielung auf den Namen Cervantes und auf eine Lieblingsspeise von Juden und Arabern. Dieser für das Werk so zentrale Aspekt der Zuschreibung der Autorenschaft verweist auf die Rebellion, die unter der braven Angepaßtheit an das imperiale Spanien und der ebenso braven Gläubigkeit schwelt - als wolle er damit zum Ausdruck bringen: "Meine peinlich versteckte Scham ist eine Würde, die ich mir im Innersten wahre."
Als Pseudo-Caballero und fragwürdiger Hidalgo stellt die Figur des Don Quijote die Idee des imperialen Spaniens und eines Ehrenkodex der Aristokratie, der hidalguía,[13] mit ihrem Kult der Blut- und Rassenreinheit und der Absolutsetzung des Begriffes der honra, der Ehre, die für wichtiger gehalten wird als das Leben, in Frage, indem er sie lächerlich macht: "Der Mensch ohne Ehre ist schlimmer daran als ein Toter - el hombre sin honra peor es que un muerto" (S. 330/S. 332), sagt Lotario in der Geschichte des curioso impertinente. Zu diesem Ehrbegriff gehörte es aber auch, nicht auf Arbeit angewiesen zu sein. Das ganze Imperium lebte diese Idee im welthistorisch riesigem Rahmen aus: es schwelgte im Reichtum, erworben durch Unterdrückung und Plünderung durch schrecklichsten Genozid.[14]
Das Erringen von Macht und Ansehen war der Hauptzweck des Daseins einer ganz auf die Vermeidung der Gleichung von Schwäche = Scham ausgerichteten Kultur, einer Schamkultur par excellence. Don Quijote führt diese Philosophie ad absurdum, indem er sie ins Phantastische und Bizarre romantisiert - in seiner Lächerlichkeit und Absurdität stellt er eine Protestfigur dar. Doch ist er weit mehr als eine Karikatur. Inhalt seiner Mission und seines Ehrbegriffs ist nicht das Streben nach Macht, sondern der Schutz der Bedürftigen, der Mißhandelten, der Ausgenützten, symbolisiert durch die gefangene, sehnsüchtig schmachtende, schöne Frau. Das Ideal des Eroberers wird durch das des Retters, des wandernden Ritters ersetzt, und seine Ehre wird in der Befreiung der gefangenen Frau und dem Schutz gepeinigter Kinder gesucht, nicht in der Unterwerfung und Ausstoßung anderer Gemeinschaften. Beide Werte, Errettung und Ehre, werden indes ins Grandiose und damit Lächerliche gesteigert, stehen in ihrer Maßlosigkeit und Grenzenlosigkeit für das Motto Kastiliens: Plus ultra!: "Über die Grenzen hinaus" - gemeint als Gegensatz zum klassischen "non plus ultra", den Grenzen, die durch die Säulen des Herakles mythologisch gesetzt waren.
Die Rassengesetze der "pureza de sangre" verboten schließlich Christen, die jüdische Ahnen hatten, irgendwelche Ämter in Staat oder Kirche zu bekleiden. Cervantes kommt wiederholt darauf zurück. So betont er, wie stolz die häßliche, verunstaltete und sexuell promiskuöse Maritornes, recht eigentlich eine Gegenfigur zu Dulcinea, auf ihre asturische Abkunft sei. Die Leute des Berglandes von Asturien waren nämlich weitgehend frei von nicht christlichem Blut. Sie bezeichnet sich selbst als hidalga, die es sich zur Ehre macht, ihr Versprechen, sexuell verfügbar zu sein, jederzeit, auf dem Dachboden oder im tiefen Wald, einzulösen - wiederum ein ad absurdum-Führen. Sancho Panza prahlt stets damit, daß er ein Altchrist sei, ein cristiano viejo, und deshalb auf besondere Vorrechte Anspruch habe, ganz ähnlich auch die Hofdame der Herzogin, Doña Rodríguez (Kap. 48, Teil II).
Der dreifache Kampf gegen Machtmißbrauch
Auch das Herzogspaar des Romans gehört zu den Repräsentanten von Machtmißbrauch und der Lüge. In ausgeklügelten Spielen und Machenschaften versuchen sie, Don Quijote und Sancho Panza in deren Irrglauben und Mythenbildungen zu bestärken, behandeln sie wie Schach- und Theaterfiguren, mit denen sie zu ihrer Ergötzung spielen. Dabei erscheint das wirklich Noble sowohl in der philosophischen und intellektuellen Überlegenheit des Don Quijote wie in der überlegenen und weisen Gerechtigkeit, mit der Sancho Panza seines Amtes als gobernador, als Statthalter, waltet. Das Innere, die Innerlichkeit, wird zur Waffe der Mittel- und Unterkaste gegen die falschen Werte der Oberkaste. Teresa Panza gibt dieser Umkehrung in unfreiwilligem Humor im Dialog mit ihrem Mann vor dessen dritter Fahrt Ausdruck, indem sie die Devise des absoluten Staates: "Allá van leyes do quieren reyes (S. 574) - Dorthin gehn die Gesetze, wohin die Könige wollen", umkehrt und zu wissen glaubt: "Peró allá van reyes do quieren leyes - Aber dorthin gehn die Könige, wohin die Gesetze wollen" (in der deutschen Übersetzung: "aber: wohin Gesetzes Wille geht, dahin wird der König gedreht"). S. 582Der verhüllte Protest richtet sich nicht nur gegen das Imperium und seine Repräsentanten, sondern auch gegen das von der Kirche vertretene Glaubensverdikt. Nach der vermeintlichen Errettung des gegeißelten Andrés konfrontiert er einen Trupp von Kaufleuten aus Toledo und fordert von ihnen, auf der Stelle zu bekennen, "daß es in aller Welt kein schöneres Fräulein gibt als die Kaiserin der Mancha, die unvergleichliche Dulcinea von Toboso". (S. 46) Gerne, sagt der Sprecher der Kaufleute, zeigt sie uns! Doch Don Quijote entgegnet: "Wenn ich sie euch zeigte, ... was würdet ihr Großes damit tun, eine so offenkundige Wahrheit zu bekennen? Das Wesentliche in der Sache besteht gerade darin, daß ihr, ohne sie zu sehen, es glauben, bekennen, behaupten, beschwören und verfechten müsset; wo nicht, so seid ihr mit mir in Fehde, ungeschlachtes und übermütiges Volk ..." (S. 46) - eine konsequente Verfechtung des kirchlichen Grundsatzes des Tertullian: "credo quia absurdum - gerade weil es absurd ist, glaube ich."
Noch waghalsiger und dem parodistischen Sinn näher kommt Cervantes, wenn er den Pfarrer selbst bei der Bücherverbrennung im ersten Teil des Romans über das Buch vom Kreuzritter rufen läßt: "Hinter dem Kreuze lauert der Teufel. Ins Feuer mit ihm!" (S. 56) Cervantes spricht gar von "der Lust am Tode dieser Unschuldigen" (la gana que las dos tenían de la muerte de aquellos inocentes), d. h. der Freude von Nichte und Haushälterin an der Bücherverbrennung. (S. 54, S. 67)
Das Mißlingen der Interventionen von Pfarrer und Barbier, deren Verlogenheit, die als absolute Ehrlichkeit und fromme Seelsorge daherkommen, so heißt es vom Barbier: "denn ihm war wohl bewußt, daß der Pfarrer ein so guter Christ und so großer Freund der Wahrheit war, daß er um aller irdischen Dinge willen nie etwas als eben die Wahrheit gesagt hätte" (S. 56), und die groteske Bücherverbrennung zu einer Zeit, zu der tatsächlich unzählige Menschen als Ketzer, v. a. als versteckte Juden (Marranos), verbrannt werden, sind eine machtvolle Aussage, ein Plädoyer gegen die Grausamkeit und Doppelzüngigkeit der kirchlichen Macht.
Neben den Machtinstanzen Staat und Religion wird eine dritte in Frage gestellt: die Justiz. Als er dem Zug der Galeerensklaven begegnet, fragt Don Quijote zuerst deren Wächter und dann die Gefangenen einzeln aus, weswegen sie gegen ihren Willen daher getrieben werden, und schließt dann aus deren Antworten, es sei "überhaupt die verkehrte Beurteilung von seiten des Richters die Ursache eures Verderbens und der Grund, weshalb ihr nicht zu eurem Recht gekommen, das ihr doch auf eurer Seite hattet". So sei es der Zweck seines Lebens als Ritter den von den Mächtigeren Unterdrückten beizustehen, denn es sei "nicht recht, daß Männer von Ehre sich zu Henkern ihrer Mitmenschen hergeben". (S. 199f.) Auch hier verkehrt sich wiederum Don Quijotes wohlmeinende Initiative, seine Befreiung der Sklaven, in einen Angriff auf ihn, nachdem er sie heftig beschimpft hat, da sie es als unsinnig abgelehnt hatten, mit ihren Ketten auf dem Rücken nach Toboso zu seiner Herrin zu pilgern. Wieder wird eine noble Absicht und die Behebung vermeintlicher Ungerechtigkeit ad absurdum geführt und in ihr Gegenteil verkehrt, mit schlimmen Folgen: "Don Quijote (war) höchst ingrimmig, sich von den nämlichen Leuten so übel zugerichtet zu sehen, denen er soviel Gutes erwiesen hatte." (S. 203)
Idealisierung der Keuschheit und Ridikülisierung der Sexualabwehr
Dulcinea erscheint nie wirklich, außer in total verzerrter und "verzauberter", "magisch" verwandelter Gestalt, als lächerliche Konkretisierung des Ideals, zumeist in einer von Sancho aus Not erfundenen Witzfigur. Doch für Don Quijote leuchtet hinter der Flucht der Erscheinungen nicht nur ein Ideal auf, das als innere Vorstellung und Phantasie umschrieben wird, sondern auch dessen mythische Gegenwelt der encantadores, der Zauberer.Don Quijote erklärt: "... der fahrende Ritter ohne eine Dame seines Herzens ist wie ein Baum ohne Blätter, ein Gebäude ohne Grundmauer, ein Schatten ohne den Körper, der ihn wirft", worauf die Duquesa bemerkt, daß sie der gedruckten Fassung des ersten Teils entnommen habe, "daß Euer Gnaden das Fräulein Dulcinea niemals gesehen hat und daß ein solches Fräulein gar nicht auf der Welt vorhanden, sondern daß es eine erträumte Dame ist, die Ihr in Eurem Geiste erzeugt und geboren und mit allen Reizen und Vollkommenheiten ausgemalt habt, die Euch beliebten". Darauf antwortet er: "Darüber läßt sich viel sagen. Gott allein weiß, ob es eine Dulcinea in der Welt gibt oder nicht, oder ob sie ein Traumbild ist oder nicht; dies gehört nicht zu den Dingen, deren Ergründung man bis zum letzten Punkte durchführen darf. Ich habe meine Herzensgebieterin weder erzeugt noch geboren, wiewohl ich mir sie so vorstelle, wie eine Dame sein muß, die in sich alle Eigenschaften vereinigt, welche sie in allen Landen der Welt berühmt machen könnten, wie zum Beispiel: schön ohne Makel, würdevoll ohne Hochmut, liebefühlend mit Züchtigkeit, dankbar, weil sie fein gesittet ist, fein gesittet, weil wohlerzogen, und endlich hochgestellt durch Abstammung, denn über adligem Blut strahlt und waltet die Schönheit mit höherem Grade der Vollkommenheit als bei den Schönen von niedriger Abkunft." (S. 795f.) Sie sei also ein Ideal, dessen reale, äußere Existenz nicht mit letzter Sicherheit festzustellen sei, die aber in seiner inneren Vorstellung alle Eigenschaften umfasse, die sie zur Schönsten und Besten mache, vor allem aber äußere und innere Schönheit, gute Herkunft und Bildung (gut in "physis" und "paideia", in Aristoteles' Sinn). Zugleich darf sie jedoch nicht sexuell sein (ihre und des Ritters honestidad findet sich unablässig gepriesen): "Das sittsame Weib muß man behandeln wie eine Reliquie, die man verehrt, aber nicht berührt." (S. 334)
Als Abgewehrtes verbirgt sich hinter dieser idealisierten, erotisierten, gleichwohl der Sexualität an sich feindlich gesinnten Frauengestalt die andere große Herrin, la muerte, der Tod. So sagt Sancho anläßlich der Hochzeit des Camacho: "Diese große Herrin ist weit gewalttätiger als wählerisch (melindre: Ziererei, Honigpfannkuchen); vor nichts ekelt es ihr, von allem frißt sie, und alles ist ihr recht ... sie hat einen Wolfshunger, der nie zu sättigen ist." Es dürste sie nach dem Leben aller Lebenden, wie einer einen Krug frisches Wasser hinuntertrinke. (S. 699f, S. 776f.) Die deutsche Übersetzung verwendet das Maskulinum "der Tod", wobei verlorengeht, daß es sich bei "la muerte" um die alles verschlingende Muttergestalt handelt, die der erhabenen, körperfremden Schönheit entgegengesetzt wird.
Andere Figuren stehen der Dulcinea als Anti-Ideal entgegen: doncellas, Edelfräulein und Jungfrauen, des weiteren nach Knoblauch riechende Häßlichkeitsgestalten, wie die von Sancho Panza aufgegabelte Pseudo-Dulcinea oder die schon erwähnte rassenreine, aber nachthäßliche, dumme und gutmütige Maritornes.
Eine der heroischen Aufgaben Don Quijotes, "jenes Lichtes und Spiegels der Manchaner Ritterschaft", besteht, so erfahren wir im 9. Kapitel des I. Teils, darin, "Jungfrauen zu schirmen von der Klasse derer, die mit der Reitpeitsche, auf ihren Zeltern, mit ihrer ganzen Jungfräulichkeit beladen, von Berg zu Berg und von Tal zu Tal zogen. Denn wenn nicht etwa ein schuftiger Lümmel oder ein gemeiner Kerl mit Axt und Eisenhut oder ein ungeschlachter Riese ihr Gewalt antat, so gab's in vergangenen Tagen manche Jungfrau, die nach Verfluß von achtzig Jahren, während welcher langen, langen Zeit sie nicht ein einzigmal unter Dach geschlafen, so völlig unberührt zu Grabe ging wie die Mutter, die sie geboren". (S. 77) Kurz darauf predigt der Don den Ziegenhirten vom Goldenen Zeitalter, dem er die gegenwärtigen abscheulichen Zeiten mit ihrer Unkeuschheit gegenüberstellt, wo, selbst wenn sich die Jungfrau im kretischen Labyrinth verbärge, "auch hier durch Ritzen oder durch die Luft mit der Anreizung der verruchten Umwerbungen die Liebespest hereindringt und ihre ganze Enthaltsamkeit zum Scheitern bringt". (S. 89, S. 92f.) Die Betonung der honestidad, der Sittsamkeit oder sexuellen Enthaltsamkeit, zieht sich wie ein roter Faden durch die Moral des Don Quijote, der Schilderung der Dulcinea und allenthalben der Ehrenjungfrauen - und führt sie ad absurdum. Lesen sich diese Beschwörungen nicht wie ein Kommentar zur Sexualmoral seiner Kultur und doch wohl auch zum Marienkult, besonders wenn wir unsere Aufmerksamkeit jenem Satz von der 80jährigen Unberührten und ihrer ebenso intakten (entera) Mutter zuwenden?
Schließlich können wir die Dulcinea-Verehrung zusammen mit den Gigantenkämpfen auf tieferer Ebene als ödipales Drama verstehen, in dem der Held gegen den dämonisierten Vater kämpft und sich nach der idealisierten Frau sehnt. Den Hintergrund und Gegensatz dazu bilden die verehrten väterlichen Autoritäten und die gefährlichen Mutterfiguren. Im Dienste solcher inneren Phantome werden die äußeren Gestalten verdinglicht: die Ausnutzung der Frau bei ihrer gleichzeitigen Idealisierung. Es sind Phänomene, die wir so gut als Übertragung kennen.
"Wer dich sehr liebt, macht dich weinen - Ése te quiere bien, que te hace llorar"[15]
Man kann den Roman auch als eine ausgedehnte Schlagephantasie verstehen, wenngleich die Schläge, namentlich von seiten Sanchos, immer wieder verleugnet werden. Beide waren von den Yangüesen tüchtigst durchgebleut worden, beteuert Sancho: "Schläge waren es nicht - no fueran golpes". (S. 129/ S. 144) Vielmehr sei der Don von einem Felsen gestürzt und er, Sancho, habe seine Striemen nur aus Sympathie entwickelt. Schläge waren es nicht, gleichwohl bezieht Don Quijote bei einer jeden Begegnung, zumindest im ersten Teil des Romans, immer wieder Prügel, und zwar stets infolge der Schimpfnamen, mit denen er diejenigen belegt, die ihm nicht die nötige Ehrerbietung erweisen.Wir wissen von Freud, daß die Schlagephantasie "das Wesen des Masochismus" ausmacht und heute aus den Arbeiten des Ehepaars Novick,[16] daß im Kern dieses Masochismus immer ein "Allmachtswahn" steckt. Der Don Quijote ist ein wunderbares Symbol für diese These. Gleich, wie oft er mißhandelt wird, beharrlich geht er weiter auf seinem Pfad des Größen- und Verfolgungswahns. Was geschähe, wenn er, Don Quijote oder der Masochist überhaupt, ebendies nicht täte? Das Gefühl der Sinnlosigkeit und der Lieb- und Respektlosigkeit nähme überhand. Die einzige Macht, die er kennt, ist jene, die durch Allmachtserwartung, Ohnmachtserleben und Schmerz erreicht werden kann - eine typische Folgeerscheinung nach einer schweren Traumatisierung in der Kindheit.
Mit dieser emotionellen Regression geht jene kognitive Regression einher, die ich eingangs bereits erwähnt habe, infolge deren die Grenze zwischen dem Reich von Spiel, Phantasie und Metapher und dem tatsächlichen Geschehen aufgehoben wird. Das Puppentheaterspiel des Meister Pedro (alias Ginés de Pasamonte) wandelt sich plötzlich in blutige Wirklichkeit: "'Nie würde ich gestatten, daß während meiner Lebenstage und in meiner Gegenwart einem so ruhmvollen Ritter und so kühnen Liebeshelden wie Don Gaiferos so von der Übermacht mitgespielt werde. Haltet an, gemeines Gesindel, keinen Schritt weiter, sonst seid ihr in Fehde mit mir!' Ein Mann, ein Wort! Schon zog er das Schwert, sprang in einem Satze dicht vor das Puppentheater und begann mit raschester, beispielloser Wut auf das Mohrenpuppenvolk Hiebe niederregnen zu lassen ..." Dies ungeachtet des Schreiens von maese Pedro: "... das sind keine wirklichen Mauren, sondern Püppchen aus Pappe ..." (S.749). Kurz danach verwandelt sich alles wieder in Schein und Spiel, und Don Quijote kommt bereitwillig für den angestifteten Schaden auf.
Gerade bei schwer traumatisierten Menschen mit masochistischer Persönlichkeitsentwicklung finden wir die Neigung zu derartigen dissoziativen Ausnahmezuständen. Die Bereitschaft zur Überschreitung fester Grenzen, die dabei plötzlich ins Wanken kommen, schlummert in uns allen. Auch das spricht uns in diesem Werk so unheimlich an.
"Ich weiß, wer ich bin - Yo sé quién soy"[17]
Wie ihm Sancho anläßlich seiner schmachvollen Heimfahrt im Käfig sagt, er wisse die volle Wahrheit, Don Quijote werde betrogen und zum Narren gehalten und sei nicht verzaubert, sondern verrückt, antwortet ihm dieser, es möge wohl so scheinen, daß die vermummten Männer, die ihn eingesperrt haben, der Pfarrer und der Barbier seien, "so kann es ganz gut so scheinen, daß sie es sind; aber daß sie es wahr und wirklich wären, das glaube nur ja nicht. Was du glauben und meinen mußt, ist dieses: wenn sie ihnen in der Tat gleichsehen, wie du sagst, so kann es nur so zugehn, daß jene, die mich verzauberten, ihre äußere Gestalt angenommen haben. Denn den Zauberern ist es leicht, jegliche Gestalt anzunehmen, die ihnen gerade beliebt, und sie werden die unserer Freunde angenommen haben, um dich zu dem Wahnglauben zu verleiten und dich in ein Labyrinth von Selbsttäuschungen zu verlocken, aus dem dir kein Faden des Theseus heraushelfen würde ..." (S. 503) Warum nun diese doppelte Wirklichkeit? Kurz darauf liefert uns Don Quijote selbst, so glaube ich, die Antwort: "Ich weiß und bin des festen Glaubens, daß ich verzaubert bin, und das genügt mir zur Beruhigung meines Gewissens: ja, ich würde mir ein großes Gewissen daraus machen, wenn ich glaubte, nicht verzaubert zu sein, und es geschehen ließe, daß ich müßig und feig in diesem Käfig sitze und so viele bedrängte und in Nöten befangene Leute um die Hilfe betröge, so ich selbigen gewähren könnte, welche gerade zu dieser Zeit und Stunde ohne Zweifel meines Beistandes und Schirmes aufs dringendste und aufs äußerste bedürfen." (S. 506) Der Wahn dient in diesem Zusammenhang dazu, dem überwältigenden Druck des Überichs auszuweichen - genauer: dazu, der "Allmacht der Verantwortlichkeit" eine äußere, ihn entschuldigende Allmacht von Magie und Zauberei entgegenzustellen.Zugleich vermeidet er durch das Aufsichnehmen einer übergroßen Verantwortlichkeit die Gefahr, sich für sein wahres Selbst schämen zu müssen, wobei er sich noch mehr dafür zu schämen hätte, würde er sich der Welt der Konventionalität unterwerfen. Sein Leben ist ein ständiger Kampf gegen eine falsche, heuchlerische, verlogene Welt im Dienste einer anderen, besseren Wirklichkeit, in der er sein könnte, was er ist.
Doppelte Identität, zerbrochene Wirklichkeit
"Ein jeglicher Ritter hat seinen besonderen Beruf; der am Hofe lebt, möge den Frauen dienen, mit der Pracht seines Gefolges dem Hof seines Königs größeren Glanz verleihen, ärmere Ritter mit den prunkenden Schüsseln seiner Tafel nähren, Kampfspiele veranstalten, Turniere abhalten, sich groß, freigebig und prachtliebend, vor allem aber sich als guter Christ zeigen, und durch solch Gebaren wird er seine vorgeschriebenen Obliegenheiten gebührend erfüllen. Jedoch der fahrende Ritter soll die dunkeln Winkel in der weiten Welt aufsuchen, in die verworrensten Labyrinthe dringen, bei jedem Schritt das Unmögliche versuchen, auf einsamer Heide die glühenden Strahlen der Sonne männlich aushalten inmitten des Sommers und im Winter die rauhe Strenge der Stürme und der eisigen Kälte; ihn sollen Löwen nicht schrecken, Ungetüme nicht mit Entsetzen schlagen, Drachen nicht in Furcht jagen, denn jene aufspüren, diese angreifen und sie alle überwinden, das ist sein hauptsächlicher und wahrer Beruf." (S. 673f.) Diese im Dialog mit dem Ritter vom grünen Gewand (dem Caballero del Verde Gabán) angestellten Erwägungen erfolgen im Anschluß an das Abenteuer mit dem Löwen, über das Thomas Mann geschrieben hat, es sei "unstreitig der Höhepunkt von Don Quijotes 'Tathandlungen' und im Ernst wohl der Höhepunkt des ganzen Romans - ein herrliches Kapitel, mit einem komischen Pathos, einer pathetischen Komik erzählt, die die echte Begeisterung des Dichters für das heroische Narrentum seines Helden verrät".[18] "Die Löwen anzugreifen ... war mir eine unerläßliche Pflicht, ob ich gleich wußte, daß es eine ungeheure Tollkühnheit sei", erklärt Don Quijote, doch die Tapferkeit sei eine Tugend in der Mitte zwischen zwei zu verachtenden Polen, der Feigheit und der Tollkühnheit, wobei die letztere weniger in Gefahr sei, die Tugend in der Mitte zu versäumen. Mann fügt hinzu: "Welche moralische Intelligenz!" Man habe beinahe den Eindruck, als ob der Dichter das "als eine natürliche und unvermeidliche Antinomie des höheren moralischen Lebens hinstellen wollte".[19]Aus der Sicht der Psychoanalyse stellt sich die entscheidende Frage: Was bewirkt den Umschlag vom vernünftig gesetzten Ideal, einem Gegenideal zur höfischen Kultur und der imperialen Philosophie, und dem verständigen, ja weisen Umgang, nicht nur in die Tollkühnheit, sondern in die Verrücktheit, in das völlige Verkennen der Wirklichkeit? "Das Sinnreiche (ingenioso) besteht im Aufsuchen der Antithese, in der Schlußfolgerung, die der Wahrheit widerspricht. Don Quijote schließt aus der Niederlage auf den Triumph, aus der Ohnmacht auf die überragende Bedeutung seines Wertes und seiner Mission, die durch überlegene, dem Neid auf seinen Ruhm zuzuschreibende Kräfte unwirksam gemacht werden: die neidischen Objekte, die ihm so viele Leiden verursachen werden: Schläge zu empfangen, der Gegenstand von Schwänken zu sein, sich körperlich und seelisch angegriffen und verletzt zu fühlen - all diese Übel verwandelt seine Gewitztheit (ingenio) in gute Dinge, wie er früher die Mühlen in Riesen verwandelt hatte", schlußfolgert Luís Fernando Crespo.[20]
Er nimmt es auf sich, als lächerlich und verrückt zu gelten, um der Pflicht der Ehre, so wie er sie von Mal zu Mal sieht, zu genügen, ganz gleich, wie absurd dies konventionellem Denken erscheinen mag. Damit verwandelt er Niederlagen in Siege. Aus dem "Ritter von der traurigen Gestalt", aus el Caballero de la Triste Figura wird der "Löwenritter", el Caballero de los Leones. Es ist das Ideal der konventionellen Moral und der höfischen Stellung von Pracht und Macht und der ihm innewohnenden Ehre, die angezweifelt und radikal in Frage gestellt und durch ein anderes Ideal ersetzt wird, durch das des fahrenden Ritters, des Außenseiters, des Fremden, das einer höheren Moral, nämlich der Hilfe Bedürftiger, verpflichtet ist. Gewiß verheißt auch die Treue zu diesem Ideal Ehre und Ruhm, aber der hieraus zu erwartende "narzißtische" Gewinn scheint mir nicht den Wesenskern dieser Alternative zu treffen, sondern die Erfüllung einer höheren Pflicht - "derechamente me tocaba" ("das lag von Rechts wegen mir ob" S. 674), bei der es gilt: besser verwegen und tollkühn zu sein als feige und ängstlich. Bei jeder faktischen Niederlage, bei all seinen "aventuras", sind es äußere Feinde, ebenjene neidischen Kräfte, die ihm sein Verstehen verwirrt, die Riesen in Windmühlen und Walkmaschinen, die feindlichen Heere in Schafe und seine Triumphe in schmachvolle Stürze und Prügel und das großartig Geleistete in Anlässe für Spott und Hohn verwandelt haben. Dadurch wird die Scham über das eigene Versagen zu einem heroischen Bestehen angesichts übermächtiger Feinde, die mit Zauberkräften manipulieren, umgedeutet. Don Quijote verwandelt sich in den tapferen, ja eben tollkühnen Helden.
Als die Mission jedoch als solche scheitert, kommt äußerste Schmach über ihn, die zur Melancholie und schließlich zum Tod Don Quijotes führt. Dies geschieht, als er im Zweikampf mit dem Ritter vom weißen Monde, el Caballero de la Blanca Luna, dem unerkannten vormaligen "Spiegelritter", "el bravo Caballero de los Espejos", und verhüllten Sansón Carrasco unterliegt und sich zum Verzicht auf seine Mission verpflichten muß. Auch hier steht die hohe Pflicht, ein eingegangenes Versprechen gegenüber dem Duellanten in Ehren zu halten, im Konflikt mit der eigentlich höchsten Pflicht, die Dienste des fahrenden Ritters auszuüben. Beá und Hernández sprechen sehr richtig von einem Loyalitätskonflikt, nämlich dem zwischen der Loyalität gegenüber seiner Dame, Doña Dulcinea, und dem Versprechen, das er für den Fall der Niederlage im Zweikampf eingegangen war.[21] Es ist dieser Gewissens- oder Pflicht- und Wertekonflikt, dessen äußere Zuspitzung zwar die Verrücktheit allmählich heilt, aber auch zur Aufgabe der Identität des Don Quijote und zur Wiederannahme der Identität des Alonso Quijano des Guten, el Bueno, führt.
Psychoanalytischen Studien des Romans zufolge besteht der Wandel darin, daß der Narzißmus einer schizo-paranoiden Position zugunsten der Depression aufgegeben werde, im Laufe der "Sitzungen", d. h. der "Abenteuer", eine Reifung erfolge, Don Quijote sich von Größen- und Verfolgungswahn sowie von Halluzinationen befreie, Reue, Schuldfähigkeit und die Fähigkeit zu trauern entwickle. Dieser Prozeß geschehe infolge schmerzhafter Konfrontationen mit der Realität und im therapeutischen Dialog mit Sancho Panza, dem, wie der große spanische Philosoph Salvador de Madariaga meint "el diálogo más maravilloso que jamás se ha escrito en ninguna lengua - wundersamsten Dialog, der je in irgendeiner Sprache geschrieben wurde."[22]
Die Humanitas des fahrenden Ritters
Betrachten wir das ganze Werk als ein Plädoyer für Humanität, das auch die Achtung und das Verstehen des Verrückten einschließt, so steht diese Haltung in grundlegendstem Konflikt zu einer Welt- und Religionsauffassung, die das Spanien Cervantes seit ungefähr 200 Jahren zunehmend und seit knapp 100 Jahren absolut beherrschte. "Kraft der Taufe und der sich daraus ergebenden Eingliederung in die Kirche" büßt der individuelle Christ seinen "autonomen Charakter" ein. "Tatsächlich wird der Christ ein fidelis (ein Glaubender) und ein subditus (ein Unterworfener), der folglich der Autorität unbedingten Gehorsam schuldet", so zitiert José Faur aus Walter Ullmanns Studie[23] zur Stellung des Individuums im Mittelalter. "Über einen rechtlichen Status verfügte der individuelle Christ nicht. Dem Gesetz zufolge war er eine Nichtperson. Aus dieser Sicht der Dinge ergab sich für den gläubigen Christen, für den fidelis christianus, die Konsequenz, 'nicht nur keine Rechte, sondern auch keinen autonomen Ort innerhalb der Kirche und der Gesellschaft zu besitzen.' Das wichtigste Mittel zur Abwehr einer derart vollständigen Absorption des Gläubigen lag im Begriff der humanitas. Er betrifft das natürliche Selbst, die gewöhnlichen Eigenschaften eines menschlichen Wesens und dessen Individualität. (...) Die dem Begriff der humanitas unterliegende These bringt die Überzeugung vom Wert menschlicher Erkenntnis und der unbedingten Autonomie des Individuums zum Ausdruck. Sie steht im krassen Widerspruch zum christlichen Verständnis von Glaube und Gehorsam." Unter den Juden und conversos war die humanitas Vorstellung weit verbreitet. Ihre Vertreibung und Verfolgung sorgte dafür, daß sich die humanitas Philosophie über ganz Europa ausbreitete, womit sie den Renaissance Humanismus beförderte und auch zur Reformation beitrug. In Spanien jedoch wurde die Verfolgung immer grausamer, drastischer und rassistischer. "Die altchristliche Ideologie verlangte eine völlige Unterdrückung des Individuums und die absolute Unterwerfung unter die kirchlichen Hierarchien. Sie kommt in den genuin spanischen Begriffen von honor und honra (Ehre und Würde) zum Ausdruck, wobei honor wie honra ausschließlich durch öffentliche Anerkennung und nicht etwa durch individuelle Verdienste erworben wird. Niemand kann sich, wie Lope de Vega (1562-1635) geschrieben hat, selber ehren. Ehrenhaft zu sein, bedeutet eben nicht, ein tugendhaftes Leben zu führen und sich Verdienste erwerben. Vielmehr bedarf es der Anerkennung politischer, kirchlicher oder gesellschaftlicher Körperschaften für ihre jeweiligen Mitglieder und Untergebene. Demgegenüber resultieren Ehre und Selbstachtung für die Juden wie conversos aus individuellen Verdiensten. Hier spielt die öffentliche Meinung keine Rolle. Für das Feld der Spiritualität folgt daraus, daß Erlösung keine Frage der Abstammung und dessen ist, was die Altchristen "die Reinheit des Blutes" nannten, sondern ein Resultat persönlicher Verdienste und guter Taten."[24] Solche Überzeugungen galten als subversiv. Die 1481 eingesetzte Inquisition schritt immer massiver, immer brutaler gegen diesen Geist der Individualität und Selbstverantwortung ein, ganz entschieden zur Lebenszeit von Cervantes.Beide Ideologien stehen auch in diesem Werk in schroffem, wenngleich verhülltem Konflikt zueinander. Dem konnte sich aber nur ein Verrückter, ein Narr, ein lächerlicher Außenseiter stellen - kein Lope de Vega, sondern eben ein Cervantes. Ob er nun Converso war oder nicht - sein Konflikt ist der des Humanisten mit der Hierarchie des Corpus Christi, als welcher sich die Kirche verstand. Sancho ist dem gegenüber ganz der Vertreter der Altchristen; ob Don Quijote ein Neuchrist war, bleibt offen. Was immer er von sich sagt, Don Quijotes Gesinnung paßt nicht zur Welt der cristianos viejos. Es brauchte daher ungeheuren Mut, dieses Werk zu schreiben. Don Quijote, der so sehr ein Held sein will, ist tatsächlich ein "Antihero"[25] und zugleich ein tragischer Held, der die Ideale der christlichen Tradition ernst nimmt und diese zu verwirklichen sucht, dabei aber nicht erkennen will, daß er in einer repressiven Gesellschaft, einer amoralischen Staats- und Kirchenwelt lebt, die Unterwerfung verlangt und Werte wie Menschenwürde, Caritas und Freiheit als tödliche Gefahren für ihr Imperium auszurotten bemüht ist. Die Fanale der Scheiterhaufen der Inquisition werden nicht erwähnt. Doch beleuchten sie den dunklen Hintergrund, vor dem der hagere Ritter mit seinem "Bruder" Sancho seiner Mission nachgeht. Seine Ideale sind tragisch fehl am Platz, obwohl sie die des offiziell hochgehaltenen, doch in der Wirklichkeit verratenen Evangeliums sind. Darin gleicht er dem Converso und dem Humanisten, der den Beteuerungen der Aufnahme in die Glaubens- und Zivilgemeinschaft Glauben geschenkt und sich dann ausgestoßen und tödlich verraten gefühlt hat. Er ist und bleibt der Fremde, der ewige Außenseiter - der peregrino errante, der irrende Pilger, wie es im Gedicht eines anderen Converso, Luis de Gángaro, heißt. Der Caballero andante, der fahrende Ritter, ist der im Exil umherirrende und doppelt entwurzelte, seiner Heimat zweifach beraubte und um seine Hoffnung auf Befreiung und Würde betrogene Jude oder Converso oder Humanist. So oft mögen diese drei in einer Identität verschmolzen sein. So sehe ich den Don Quijote.
Die tragische im Konflikt mit der komischen Dimension
"Der geistreiche Ritter Don Quijote de la Mancha ist", schreibt Sigmund Freud, "eine Gestalt, die selbst keinen Humor besitzt und uns in ihrem Ernst eine Lust bereitet, die man eine humoristische nennen könnte, obwohl deren Mechanismus eine wichtige Abweichung von dem des Humors erkennen läßt. Don Quijote ist ursprünglich eine rein komische Figur, ein großes Kind, dem die Phantasien seiner Ritterbücher zu Kopfe gestiegen sind. Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes mit ihm wollte, und daß das Geschöpf allmählich weit über die ersten Absichten des Schöpfers hinauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person mit der tiefsten Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet und sie zum symbolischen Vertreter eines Idealismus gemacht hat, der an die Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten ernst und Versprechen wörtlich nimmt, hört diese Person auf, komisch zu wirken. Ähnlich wie sonst die humoristische Lust durch Verhinderung einer Gefühlserregung entsteht sie hier durch Störung der komischen Lust."[26] Hinzuzufügen wäre, daß die Gefühlsintensität und Vielschichtigkeit des Werkes auf dem unauflöslichem Gegensatz beruhen, in dem sich die tragische und die humoristisch-komische Dimension ständig bewegen. Die Gestaltung dieses dem Leser vertrauten emotionalen Konflikts vermittelt eine der tiefen Lebenswahrheiten, die dieses Werk so unsterblich gemacht haben.In einem Essay, den er anläßlich der englischen Neuübersetzung von Cervantes' Roman verfaßt hat, spricht Carlos Fuentes von einem "Dialog der Genres", insbesondere aber von einem "Gespräch zwischen dem Epischen (Don Quijote) und dem Pikaresken (Sancho Pansa)."[27] Zudem führe Cervantes "die Erzählung in der Erzählung ein, die maurische, pastorale, byzantinische und natürlich die Liebesgeschichte. Der moderne Roman kommt sowohl aus der Begegnung der Gattungen wie aus der Absage an Reinheit zur Welt." Er ist, wie Fuentes unterstreicht, "die Mischung, mestizaje, aller uns bekannten literarischen Formen." Eine Welt dogmatischer Sicherheiten habe Cervantes mit einem Universum konfrontiert, in dem nichts gewiß ist - nicht einmal die Eigennamen. Auch die Illusion stürze in sich zusammen, weshalb es kein Wunder sei, daß Dostojewski, dessen Zeugnis Fuentes heranzieht, den Don Quijote in seinen Tagebüchern "das traurigste jemals geschriebene Buch" nennt, ist es doch "die Geschichte der Desillusionierung". Im Grunde, glaube ich, ist es die lebensbeherrschende Dialektik zwischen dem Tragischen einerseits und dem Humor, der Mystik, der Realität und der Ironie andererseits.
Etwas ad absurdum führen heißt, es letztlich zum Witz zu machen. Das Werk "Don Quijote" ist eine in Witz gehüllte Rebellion, ein als Satire maskierter Protest, eine unter der Maske der Verrücktheit aufgezeigte Tiefgründigkeit und Vielschichtigkeit der Wahrheit und ein mystisches Begreifen davon, daß hinter dem Offenkundigen, Äußerlichen tiefe Geheimnisse lauern, die dem Außenseiter, dem Verfolgten, dem Geschlagenen sichtbar werden, den Machthungrigen, den Ungerechten und Grausamen wie den nach Reichtum oder nur nach sinnlicher Befriedigung Gierigen aber verschlossen bleiben müssen. Eine Leidensgeschichte des einzelnen in einer Welt der vielen, der es auf sich nimmt, lächerlich zu erscheinen, um seine Rettungsmission zu vollbringen; und letztlich ist sie die versteckte Darstellung einer Suche nach einem neuen, allumfassenden und alles erklärenden Lebenssinn und einer Identität, die dem verlogenen Parasitentum seiner Umwelt den Rücken zu kehren versucht. Das offenkundige Mißlingen der Absichten entwertet die Vornehmheit einer neuen Menschensicht nicht, sondern bestätigt sie paradoxerweise in ihrer Würde.
Zugleich ist Don Quijote das Paradigma des Menschen im Konflikt. Heißt das, daß er damit auch das des modernen Menschen ist? Nein und ja. Nein, denn dieser Konflikt und seine Darstellung lassen sich weit zurückverfolgen, er ist bereits Thema bei Homer und Platon, in der Bibel und bei Augustinus. Ja, durch die Art und Weise, in der dieser innere Konflikt studiert und ins Zentrum der Betrachtung gestellt wird. Don Quijote ist, wie Hamlet und Lear, Faust, Dimitrij Karamasow, Versílow, und Nechljudow, der Mensch der doppelten Identität, des zwiefachen Selbst, der Repräsentant der tragischen "Selbstentzweiung des Sittlichen", und damit von ungeheurer Bedeutung auch als Emblem für die Psychoanalyse.
- [1] Zu dem Titel: "la razón de la sinrazón", oder auch: "der Sinn im Unsinn" oder "der Sinn des Widersinns", im ersten Kapitel von Teil 1, dt. S. 22, span. S. 37; ein Zitat aus Feliciano de Silvas
Segunda Celestina .
"la pura verdad de nuestro artificio ...": S. 339; S. 338. Der Autor arbeitet mit der spanischen Ausgabe, herausgegeben von Martin de Riquer, Barcelona 1955, 14. Auflage 1998, und mit der deutschen Übersetzung von Ludwig Braunfels, 1979/2000, die er stellenweise jedoch eigenständig modifiziert. Wo dies geschieht, sind den Zitaten jeweils sowohl die Seitenzahlen der deutschen als auch der spanischen Quelle beigefügt. (Anmerkung der Redaktion) - [2] "A favorite strategy of the converso (and of those writing under the specter of persecution) is to produce a polysemic text, where different meanings interlace, disguising one another, thus creating diversionary movements and the possibility of multiple interpretations"; José Faur,
In the Shadow of History. Jews and Conversos at the Dawn of Modernity , Albany 1992, S. 58. - [3] John A. Crow, Spain.
The Root and the Flower. An Interpretation of Spain and the Spanish People , Berkeley, 1985, S. 198. Zum gleichen Ergebnis kommt eine Umfrage im Jahr 2002, berichtet Cervantes' Übersetzerin ins Englische, Edith Grossman, in ihrer Einleitung: "The extraordinary significance and influence of this novel were reaffirmed, once again, in 2002, when one hundred major writers from fifty-four countries votedDon Quijote the best work of fiction in the world", in:Don Quixote , New York 2003, S. XIX. - [4] Vgl. dazu León Grinberg und Juan Francisco Rodriguez, "The influence of Cervantes on the future creator of psychoanalysis", in:
International Journal of Psychoanalysis , 65, 1984, S. 155-168. - [5] Peter Fonagy, in: S.W. Coates, J. L. Rosenthal und D.S. Schlechter,
September 11. Trauma and Human Bonds , Hillsdale 2003. - [6] Ebenda, S. 105f.
- [7] "... de comer al que ha sed, y de beber al que ha hambre" (S. 603); ins Deutsche übersetzt mit: "den Hungernden zu essen und den Dürstenden zu trinken" (S. 612), wodurch die Pointe vollständig verfehlt wird.
- [8] So heißt es in den Anmerkungen von Martín de Riquer: "... don Quijote no es ni fue jamás 'caballero', y aunque hubiera recobrado la razón no lo hubiera podido ser porque una vez recibió la orden de caballería 'por escarnio'" (S. 54).
- [9] William Byron,
Cervantes. A Biography , New York 1978. - [10] Ebenda, S. 30.
- [11] Ebenda, S. 44.
- [12] Ebenda, S. 39.
- [13] Der hidalgo ist der hijo de algo, der "Sohn von etwas", der niedrige Adlige (im Gegensatz zum grande).
- [14] So wurden in den ersten Jahrzehnten der Eroberung Amerikas von den Spaniern 70 von den 80 Millionen Eingeborenen umgebracht, z.T. auf allergrausamste Weise, aus Hab- und Machtgier, u. a. mit Hilfe von speziell trainierten Bluthunden, obwohl die Indios durchaus bereit waren zu konvertieren. Der Geistliche Bartolomé de Las Casas, der die spanischen Greueltaten dokumentierte und publizierte, war selbst ein Converso (Faur, a. a. O., S. 5); für seine Offenlegung wurde er zum Feind Spaniens gestempelt.
- [15] Dt. S. 177; span. S. 189.
- [16] J. Novick und K. K. Novick,
Fearfull Symmetry. The Development and Treatment of Sadomasochism , Northvale 1996. - [17] Dt. S. 51, span. S. 63.
- [18] Thomas Mann, "Meerfahrt mit 'Don Quijote'", in:
Essays , 1934, Frankfurt am Main, 1977, S. 325. - [19] Ebenda, S. 326.
- [20] Louis Fernando Crespo, "La Folie-à-deux de Don Quijote y Sancho", in
Rivista de Psycoanálisis de Madrid , Nov. 1987, S. 56. Ich bin Fr. Dr. Crawford, Oakland, CA, sehr dafür dankbar, daß sie mich auf diese Arbeit aufmerksam gemacht hat. - [21] Josep Béa und Victor Hernández, "Don Quixote": Freud and Cervantes", in:
International Journal of Psychoanalysis , 65, 1984, S. 141-153. - [22] Zit. nach Crespo, a.a.O., S. 66.
- [23] José Faur, a.a.O., S. 33f.
- [24] Ebenda, S. 35.
- [25] Dostojewski nennt den "Paradoxalisten" seiner "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" einen antigerój, einen Antihero.
- [26] Sigmund Freud,
Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten , Gesammelte Werke, Bd. 6, Frankfurt am Main 1999, S. 264. Ich verdanke diesen Hinweis Herrn Dr. Eickhoff aus Tübingen. - [27] Carlos Fuentes, "Tilt", in
New York Times Book Review , 2. November 2003, S. 15; Rezension der Neuübersetzung des "Don Quixote" von Edith Grossman.
Published 2005-03-09
Original in German
Contributed by Mittelweg 36
© Léon Wurmser/Mittelweg 36
© Eurozine













