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Aus der Protest-Chronik

24. - 30. August 1973: "Die Gastarbeiter, das neue deutsche Proletariat begehrte auf."

Wolfgang Kraushaar berichtet über den "Ford-Streik" von Nordrhein-Westfalen im Jahr 1973. Die Proteste der vorwiegend türkischen Arbeiter wurden in Gang gesetzt durch die fristlose Entlassung von 300 Arbeitern, die von ihrem Urlaub in Anatolien zu spät zurückgekehrt waren. Im weiteren Verlauf der Proteste forderten die Arbeiter Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Der Streik wurde schließlich gewaltsam beendet. Lesen Sie eine Chronologie dieses ersten multikulturellen Streiks in Deutschland.

24. - 30. August 1973 Eine Welle "wilder Streiks" breitet sich im Spätsommer in der Metallindustrie Nordrhein-Westfalens aus. Die spontanen Arbeitsniederlegungen drohen vor allem die Gewerkschaften und die von einer sozialliberalen Koalition getragene Bundesregierung bloßzustellen, die mit ihrer Reformpolitik angetreten ist, sowohl "mehr Demokratie" zu wagen als auch für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Die illegalen Streiks, die zudem die etablierten Regelungen zur Austragung von Arbeitskonflikten unterlaufen, kulminieren in einem Ausstand in der Domstadt Köln, bei den im Vorort Niehl angesiedelten Ford-Werken. Was sich dort in den letzten Augusttagen abspielt, ist für die Arbeiterbewegung ein Novum - erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik haben ausländische Arbeitnehmer, in ihrer großen Mehrzahl türkischer Nationalität, einen Streik ausgelöst, forciert und maßgeblich getragen. In der Wochenzeitung Die Zeit wird es rückblickend heißen: "Die Gastarbeiter, das neue deutsche Proletariat begehrte auf." Anlaß ist die fristlose Entlassung von rund 300 Landsleuten, die mit Verspätung aus ihrem Urlaub zurückgekehrt sind. Für die zumeist aus Anatolien stammenden türkischen Arbeitnehmer ist es außerordentlich schwierig, die Zeitdauer der über Tausende von Kilometern führenden Rückreise in den eigenen, häufig überalterten und zumeist hoffnungslos überladenen Fahrzeugen verläßlich zu planen. Deshalb kommt es Jahr für Jahr zu Verspätungen bei der Rückkehr. Nachdem bislang geduldet wurde, daß die Nachzügler den entstandenen Arbeitsausfall durch Zusatzschichten kompensieren, will der Personalchef der Ford-Werke diesmal keine Nachsicht mehr üben. Zu der 35.000 Lohnempfänger zählenden Belegschaft der Kölner Ford-Werke gehören 14.500 ausländische Arbeitnehmer, wobei die Türken mit 12.000 Arbeitnehmern die mit Abstand größte Gruppe stellen. Ebenso wie die 1.500 Italiener sind sie nahezu ausnahmslos als Hilfsarbeiter eingestellt worden, die in der Endmontage zu Niedriglöhnen am Fließband arbeiten. Bei den Türken der Ford-Werke handelt es sich um "die größte geschlossene Gastarbeiter-Gruppe in Deutschland" ( Der Spiegel ). Ihre gewerkschaftliche Präsenz ist allerdings prekär. Seitdem es im Jahr zuvor auch ausländischen Arbeitnehmern, die aus Ländern außerhalb der Europäischen Gemeinschaft stammen, gestattet wurde, für Betriebsratswahlen zu kandidieren, gehören fünf türkische Arbeiter dem 47köpfigen Betriebsrat der Ford-Werke an. Vier davon werden allerdings von der Mehrheit der türkischen Arbeiter nicht als Vertreter ihrer Interessen angesehen. Da sie als Dolmetscher arbeiten, gelten sie als verlängerter Arm der Unternehmensführung. Und dem einzigen als legitim angesehenen Repräsentanten ist von dem durch die IG Metall dominierten Betriebsrat die für diese Tätigkeit erforderliche Freistellung verwehrt worden. Zur Begründung der als diskriminierend empfundenen Nichtaufnahme von Mehmed Özbagci hatte es geheißen, die Sprachkenntnisse des türkischen Kollegen seien nicht ausreichend und außerdem kenne er den Text des Betriebsverfassungsgesetzes nicht. Diesem Kandidaten war es bei der Betriebsratswahl allerdings gelungen, die mit Abstand meisten Stimmen auf sich zu vereinigen. Von den 18.300 abgegebenen Stimmen fielen allein 5.700 auf ihn. Dies alles hat zu einem tiefsitzenden Mißtrauen der türkischen Ford-Arbeiter gegenüber der IG Metall beigetragen. Als wahrer Grund für die im Laufe des Sommers gestiegene Streikbereitschaft werden allerdings die stark angestiegenen Lebenshaltungskosten angesehen. Die geringen Lohnzuwächse bei den zuletzt vereinbarten Tarifabschlüssen sind insbesondere bei den weiter unten rangierenden Gehaltsempfängern durch die Teuerungsrate weitgehend aufgezehrt worden. Die Unzufriedenheit mit der IG Metall ist auch deshalb so beträchtlich, weil die Gewerkschaft in den Augen vieler Beschäftigter zuletzt zu große Zugeständnisse an die Stabilitätspolitik der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung unter Willy Brandt gemacht hat.

Der Streik beginnt damit, daß am Freitag, dem 24. August, in der Spätschicht 400 türkische Arbeiter mit Transparenten über das Werksgelände ziehen, auf denen die sofortige Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen gefordert wird. Die Demonstration hat zur Folge, daß sich die gesamte Spätschicht solidarisiert: Über 8.000 deutsche, türkische und andere ausländische Arbeitnehmer legen ihre Arbeit nieder. Die an die Betriebsleitung gerichteten Forderungen gehen nun weit über die Zurücknahme der Entlassungen hinaus: Eine Mark mehr Stundenlohn für alle; Verlangsamung der Bandgeschwindigkeiten; Verlängerung des Jahresurlaubs auf sechs Wochen; Wegfall der unteren Lohngruppen; Zahlung eines 13. Monatsgehalts; Fortzahlung des Lohns während des Streiks und Verzicht auf Disziplinierungsmaßnahmen für die Streikenden. Unter den Reparatur- und Sonderschichten, die auch am Samstag tätig sind, schließen sich allerdings nur wenige dem Streikaufruf an. Die Verhaltenheit hat freilich nichts mit einem etwaigen Abbröckeln der Streikbereitschaft zu tun. Die Türken vertreten die Ansicht, daß an fünf Tagen in der Woche gestreikt und an einem Tag gearbeitet werden müsse. Da für die Sonderschicht am Samstag selbst bei einer Bezahlung der Streiktage kein Geld fließen werde, bleibe ihnen nichts anderes übrig. Schließlich benötige man das Geld zur Unterstützung der Familienangehörigen in der Heimat. Der überwiegende Teil der Belegschaft verbringt die Zeit damit, über die einzelnen Forderungen und das weitere Vorgehen zu diskutieren. Als am Montag 12.000 Kollegen zur Frühschicht eingetroffen sind, "steht die Streikfront". Niemand will sich den am Freitag erstmals erhobenen Forderungen verweigern, vielmehr werden sie in einem großen Demonstrationszug, der erneut über das Werksgelände führt, mit Nachdruck vertreten. Da die meisten Streikenden dem Betriebsrat mißtrauen, wählen sie ein Streikkomitee, das die Verhandlungen mit der Betriebsleitung führen soll. Als dessen Sprecher fungieren der 30jährige Baha Targyn, der ausgezeichnet Deutsch spricht, seit 1969 in der Bundesrepublik lebt, zunächst als Student, später als Dolmetscher, zuletzt als Angestellter der Dresdner Bank arbeitete, jedoch erst wenige Tage zuvor bei Ford eingestellt worden ist, und der Werkspraktikant Dieter Heinert, ein türkischsprechender Abiturient, der Mitglied der KPD/ML ist und der "Revolutionären Gewerkschafts-Opposition" (RGO) angehört. Dessen Rolle trägt in den folgenden Tagen maßgeblich dazu bei, daß die Streikenden nicht nur in der Boulevardpresse als "kommunistisch unterwandert" diskreditiert werden. Angesichts ihrer Entschlossenheit, den Arbeitskonflikt auch ohne gewerkschaftliche Unterstützung auszutragen, entscheidet die Werksleitung, die gesamte Automobilfabrik "aus Gründen der Sicherheit für die Arbeitswilligen" - wie es offiziell heißt - zu schließen. Die meisten deutschen Arbeiter fügen sich der Aussperrung, die große Mehrzahl der türkischen bleibt jedoch auf dem Werksgelände. Obwohl inzwischen mehrere Hundertschaften der Polizei zusammengezogen wurden, um den weiteren Zutritt auf das Werksgelände zu unterbinden, gelingt es den Streikenden, das Tor 3 offen zu halten. Als der Ortsbevollmächtigte der IG Metall per Megaphon zur Wiederaufnahme der Arbeit auffordert, wird er beschimpft und anschließend verjagt. Um nicht Gefahr zu laufen, doch noch an einem neuerlichen Betreten gehindert zu werden, übernachten die meisten Streikenden auf dem Werksgelände. Die Halle der Endmontage verwandelt sich in eine Art Festsaal. Mehrfach versammeln sich Hunderte von Türken im Kreis, machen gemeinsam Musik, führen Tänze auf, erzählen über Mikrophon Geschichten und tragen vereinzelt sogar Gedichte vor. In den Nachtstunden, weiß die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu berichten, habe es dort "manchmal mehr nach Istanbul als nach Köln" ausgesehen.

Am Mittwochmorgen überrascht die Werksleitung die Streikenden mit einem Verhandlungsangebot. Jeder Arbeitnehmer soll eine Teuerungszulage von 200 DM erhalten, die bislang ausgesprochenen Entlassungen sollen überprüft werden und der Lohn für all diejenigen auch über die Streiktage hinweg gezahlt werden, die bis zum Nachmittag die Arbeit wiederaufgenommen haben. Außerdem erklärt sie sich bereit, mit dem gewählten Streikkomitee direkt zu verhandeln. Dennoch zeigen sich die Streikenden wenig beeindruckt. Von einem Podest herab wenden sich Targyn und Heinert per Megaphon an die Menge. Zunächst auf türkisch, dann auf deutsch begründen sie, warum ihnen das Angebot als unzureichend erscheint. Mit großer Mehrheit lehnen die Versammelten das Angebot schließlich per Handzeichen ab. Unter einem Beifallssturm werden die beiden Redner anschließend auf die Schultern genommen. Danach ertönt die türkische Nationalhymne. In einem Demonstrationszug ziehen die 6000 Männer, emotional sichtlich aufgewühlt, ein weiteres Mal über das Werksgelände und verlangen, so lange weiterzustreiken, bis alle Forderungen erfüllt sind. An dieser Haltung kann auch ein Abgesandter des türkischen Arbeitsministeriums nichts ändern, den die Werksleitung herbeigeholt hat und der seine streikenden Landsleute vom Verwaltungsgebäude aus mit den Worten beschimpft, die Streikführer seien allesamt "Deserteure der türkischen Armee". Was sich am Nachmittag abspielt, wirkt im Rückblick wie ein Vorgriff auf das nahe Ende des wilden Streiks. Eine Schlägerbande zieht über das Werksgelände und droht einzelnen Streikenden. Als diese deutlich machen, sich derartige Einschüchterungen nicht gefallen zu lassen, kommt es mehrfach zu Prügeleien. Am Donnerstagmorgen versammeln sich gegen 8 Uhr erneut 2.000 Streikende zu einem Demonstrationszug. Wieder ziehen sie mit ihren laut skandierten Forderungen über das Werksgelände. Diesmal stoßen sie jedoch auf eine Gegendemonstration von angeblich "Arbeitswilligen", wie es später heißt. Es handelt sich um Meister, Vorarbeiter, Angehörige des Werkschutzes, Streikbrecher, die eigens aus dem belgischen Montagewerk Genk zur Verstärkung geholt worden sind, Polizeibeamte in Zivil und leitende Angestellte, darunter der Direktor der Kölner Ford-Werke, Horst Bergemann, sowie der von den Streikenden als Helfershelfer besonders verachtete Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates Ernst Lück. Obwohl der Zug der streikenden Türken beinahe zehnmal so groß wie der ihrer Gegner ist, haben sie gegen die mit Knüppeln und Schlagringen ausgerüsteten "Gegendemonstranten" keine Chance. Nach anfänglichen Rempeleien wird nun die Jagd auf angebliche Rädelsführer eröffnet. Einige von ihnen versuchen sich in den Hallen zu verstecken, zumeist vergeblich. Sobald einer der Streikführer aufgestöbert ist, wird er verprügelt und der uniformierten Polizei überstellt. Insgesamt 27 Arbeiter werden festgenommen, darunter nicht nur die von der Presse als "Abitur-Hilfsarbeiter" verhöhnten deutschen Vertreter im Streikkomitee, Dieter Heinert und Frank Kühne, sondern auch Baha Targyn, der der Bewegung durch die zahllosen Fernseh- und Presseberichte in kürzester Zeit ein Gesicht gegeben hat. Nach wenigen Stunden ist klar, daß das Ende der spontanen, vor allem von türkischen Arbeitern angeführten Streikbewegung naht.

Der erste multi-kulturelle Streik in der Geschichte der Bundesrepublik ist mit Gewalt zerschlagen worden. - Der Hauptvorstand der IG Metall distanziert sich zur selben Zeit in Frankfurt mit außergewöhnlicher Schärfe von dem Ausstand, der später als "Ford-Streik" in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingehen wird. Er verurteilt nachdrücklich die "wilde Agitation von aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Extremisten". Diese "Agitatoren" würden mit den Interessen der Arbeitnehmer - "gleich welcher Nationalität" - Schindluder treiben. Der Betriebsrat erhält für seine Beteiligung an der Niederschlagung des Streiks hingegen ein ausdrückliches Lob von der Ford-Geschäftsleitung. - Am Tag darauf lautet die Schlagzeile der Tageszeitung Die Welt : "Vor der Halle Y brach die Phalanx vom Bosporus". Von dem Sand, der "im Getriebe der Capri, Consul und Granada", wie die Namen der beliebtesten Ford-Automobile damals lauten, geknirscht habe, sei nun nichts mehr zu spüren. Und die "Bild"-Zeitung wendet sich mit einem Aufmacher an ihre Leser, der ihnen das Gefühl einer im Namen des Vaterlandes gewonnenen Schlacht vermittelt: "Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei". Angeblich seien "2000 türkische Gastarbeiter mit Knüppeln, Messern und Zahnrädern auf ihre deutschen Kollegen" losgegangen, hätten bei ihrer Attacke allerdings den kürzeren gezogen. Fazit: "Das sind keine Gäste mehr." - Der Erste Sekretär der türkischen Botschaft in Bonn, Vedat Erkul, stellt zu den vom Hauptvorstand der IG Metall erhobenen Vorwürfen einige Tage später unmißverständlich fest: "Ohne Grund können ein paar Extremisten nicht in ein Werk reingehen und die Leute zum Aufstand bewegen." Nach Auskunft des DGB sollen bundesweit 300 Maoisten in Industriebetrieben aktiv sein. - Bundeskanzler Brandt zeigt sich bei einer Zusammenkunft mit Unternehmern in Krefeld von der Stärke der wilden Streiks sichtlich beeindruckt. Mit resignativem Unterton erklärt er: "Die IG Metall ist ein angeschlagener Dinosaurier."


 



Published 2004-07-15


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