Das Gerede von der Nachhaltigkeit
Wachstum und Entwicklung gehören nicht zusammen
"Nachhaltige" oder "zukunftsfähige" Entwicklung soll den Wohlstand der
heutigen Generation sichern, ohne den künftiger Generationen zu
gefährden. So lautet die offizielle Position der Vereinten Nationen.[1]
Nachhaltigkeit dient vielen als rettendes Argument: den Regierungen, die
zugleich die Intensivlandwirtschaft nach Kräften fördern; den Chefs
multinationaler Konzerne, die die natürlichen Ressourcen bedenkenlos
aufbrauchen und die Umwelt mit Abfällen belasten; den
Nichtregierungsorganisationen, die nicht mehr so recht wissen, was sie
tun sollen; und der Mehrzahl der Ökonomen, die sich auf frischer Tat
ertappt fühlen, wenn sie die Natur strapazieren.
Das Programm nachhaltiger Entwicklung weist einen grundsätzlichen
Denkfehler auf. Es geht davon aus, dass sich die Fortsetzung grenzenlosen
Wachstums mit der Wahrung der natürlichen Gleichgewichte und der Lösung
sozialer Probleme vereinbaren lasse. So heißt es etwa im
Brundtland-Bericht: "Wir brauchen eine neue Wachstumsära, ein ebenso
kräftiges wie sozial- und umweltverträgliches Wachstum."[2]
Dieses Postulat beruht auf zwei äußerst schwachen Annahmen. Zum einen
geht es davon aus, dass weiteres Wachstum in ökologischer Hinsicht
unbedenklich sei, weil mit dem technischen Fortschritt die erforderlichen
Naturressourcen je Produktionseinheit abnehmen. Daher lasse sich mit
immer geringerem Rohstoff- und Energieeinsatz immer mehr produzieren.
Vergessen wird dabei, dass die sinkende Ressourcenintensität durch die
zunehmende Produktion mehr als aufgewogen wird. Die Entnahme von
Naturressourcen und die Verschmutzung der Umwelt nehmen also weiterhin
zu, wie ein Bericht des UN-Entwicklungsprogramms an einem Beispiel
aufzeigt: "Weltweit zeichnen sich die Produktionsprozesse seit einigen
Jahren durch sparsameren Energieverbrauch aus. Angesichts des steigenden
Produktionsvolumens reichen diese Fortschritte jedoch bei weitem nicht
aus, um die weltweiten Kohlendioxidemissionen zu reduzieren."[3] Zudem hat
die Internationale Energie-Agentur (IEA) hinsichtlich der
Energieintensität[4] eine deutliche Verlangsamung des Fortschritts
festgestellt. Zwischen 1973 und 1982 sank die Energieintensität in den
Mitgliedsländern der IEA um durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr,
zwischen 1983 und 1990 um 1,5 Prozent, und 1991 waren es nur noch 0,7
Prozent.[5]
Fragwürdig ist auch die zweite Annahme des Brundtland-Berichts,
Wirtschaftswachstum könne Armut und Ungleichheit abbauen und den sozialen
Zusammenhalt festigen. Dem steht entgegen, dass kapitalistisches
Wachstum notwendig mit Ungleichheit einhergeht: ein Prozess des Aufbauens
und Zerstörens, der von der Ungleichheit nachgerade zehrt, um beständig
neue Bedürfnisse zu schaffen - und zu enttäuschen. Die Ungleichheit ist
trotz des erheblichen Reichtumszuwachses in den letzten vierzig Jahren
sprunghaft angestiegen. Lag 1960 das Verhältnis zwischen den ärmsten 20
Prozent und den reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung noch bei 1:30,
sind es heute 1:80.
Verwunderlich ist das nicht. Der Übergang zu einem Akkumulationsmodell,
dessen treibende Kraft der Finanzsektor ist, hat die Verteilung der
produzierten Werte massiv verändert. Die steigenden Einkommensforderungen
der kapitalistischen Klassen - vor allem durch immer höhere Rendite des
Aktienbesitzes - reduziert automatisch den Teil der Wertschöpfung, der in
Form von Löhnen und Sozialleistungen auf die Beschäftigten entfällt.
Sogar die Weltbank räumt heute ein, dass das Ziel, die Zahl der in
absoluter Armut lebenden Menschen bis 2015 zu halbieren, nicht erreicht
werden wird.[6] Mehr als 1,1 Milliarden Menschen müssen nach wie vor mit
weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Wie aus dem jüngsten
Unctad-Report über die Lage der am wenigsten entwickelten Länder
hervorgeht, stieg das Pro-Kopf-Einkommen am stärksten in denjenigen armen
Ländern, die sich dem Weltmarkt am wenigsten geöffnet haben.[7]
Die Hauptschwäche des offiziellen Diskurses über nachhaltige Entwicklung
liegt ohne Frage darin, dass er sich eine Zukunft außerhalb des
Wachstumsparadigmas schlechterdings nicht vorstellen kann. Allen sozialen
und ökologischen Zerstörungen zum Trotz ist kein Politiker bereit,
Entwicklung losgelöst von Wachstum zu denken, das insofern wie eine harte
Droge wirkt. Hohe Wachstumsraten nähren die Illusion, Wachstum könne die
Probleme lösen, die es größtenteils selbst verursacht hat - je höher
also die Dosis, desto besser gehe es dem Gesellschaftskörper. Bei
geringen Wachstumsraten entstehen Entzugserscheinungen, die umso
schmerzhafter sind, als keine Entziehungskur vorgesehen ist.
Hinter der derzeitigen Wachstums-Anämie verbirgt sich eine wachsende
"Anomie"[8] der vom neoliberalen Kapitalismus unterminierten
Gesellschaften. Dieses kapitalistische Modell zeigt sich außerstande,
einen anderen Lebenssinn aufzuzeigen als Konsumismus und Vergeudung, die
Ausbeutung von Naturressourcen und das Absahnen möglichst fetter Profite,
was am Ende auf eine weitere Zunahme von Ungleichheit hinausläuft. Karl
Marx hat im ersten Band des "Kapitals" in seiner Kritik des Warenbegriffs
diese Entwicklung bereits warnend vorgezeichnet: Wachstum wird zum neuen
Opium der Völker, ihre kulturellen Bezüge und solidargemeinschaftlichen
Bande werden im Prozess der Kommerzialisierung zersetzt.
Am treffendsten hat Jacques Attali die herrschende Meinung formuliert.
Der frühere Berater von Präsident François Mitterrand, Chef der
Osteuropabank und Publizist, prophezeite zu Beginn dieses Jahres "eine
Agenda fabelhaften Wachstums", die allein "durch nichtökonomische
Unwägbarkeiten, wie etwa ein Wiederaufleben von Sars"[9], zunichte gemacht
werden könne. Solche Wachstumsideologen sind blind für die Ökologie. Sie
ignorieren die Beziehungen zwischen Mensch und Natur; das wirtschaftliche
Handeln findet in einem abstrakten Raum statt, außerhalb der Biosphäre.
Damit bleibt vor allem auch dabei der entropische Charakter aller
Wirtschaftsaktivität ausgeblendet.[10]
Obgleich die Erde ein offenes System ist, das von der Sonne stets mit
neuer Energie versorgt wird, bildet sie ein Ensemble, in dem der Mensch
die Grenzen seiner Ressourcen und seines Raums nicht überschreiten kann.
Doch die Erde ist heute schon "ökologisch überfrachtet": Die Fläche, die
erforderlich wäre, um alle menschlichen Aktivitäten zu absorbieren, ohne
das ökologische Gleichgewicht zu zerstören, entspricht heute bereits 120
Prozent der Erdoberfläche. Würde die gesamte Weltbevölkerung ebenso viel
konsumieren und Abfall produzieren wie der durchschnittliche US-Bürger,
bräuchten wir, um die ökologische Balance zu erhalten, vier bis fünf
Planeten von der Größe der Erde.[11]
Angesichts dieser Sachlage findet der von Nicholas Georgescu-Roegen in
die Diskussion gebrachte Vorschlag einer "Wachstumsrücknahme"[12]bei
Teilen der Umweltschützer und Verfechter einer anderen Globalisierung
einigen Widerhall. Andere Theoretiker gehen noch ein Stück weiter und
beschwören den Verzicht auf jedwede Entwicklung, da Letztere von
todbringendem Wachstum schlechterdings nicht zu trennen sei. Wie immer
Entwicklung auch näher bestimmt werde - als menschlich, nachhaltig oder
zukunftsgerecht -, Resultat sei stets und immer die Rehabilitierung von
Entwicklung, wie wir sie kennen: Entwicklung als Vektor westlicher
Dominanz. So charakterisiert etwa Gilbert Rist den Begriff Entwicklung
als "Fetischwort"[13], während für Serge Latouche das Wort "nachhaltige
Entwicklung" ein Oxymoron[14] ist. So sehr wir mit den zitierten Autoren
einig gehen, wenn sie den Produktivismus der Warenproduktion
grundsätzlich kritisieren, so wenig überzeugt uns aber ihre Ablehnung von
Entwicklung überhaupt.
Wachstumsrücknahme unterschiedslos allen Menschen zu verordnen, ob sie
im Überfluss leben oder am Existenzminimum vegetieren, ist politisch
nicht gerecht. Die armen Gesellschaften haben ein Recht auf zeitweiliges
Wachstum, und der Gedanke, extreme Armut sei nur eine durch westliche
Werte inspirierte Projektion oder bloße Einbildung, ist unannehmbar. Wer
Analphabetismus bekämpfen will, muss Schulen bauen, wer die
Gesundheitsversorgung verbessern will, muss Krankenhäuser bauen, wer die
Menschen mit Trinkwasser versorgen will, muss die Leitungsnetze bauen.
Wenn all diese Aktivitäten weiterhin als Entwicklung gelten, so ist das
völlig legitim. In der Befriedigung von Grundbedürfnissen ein allen
Menschen zustehendes Recht zu sehen bedeutet nicht, die Vorherrschaft der
westlichen Kultur zu befürworten oder dem liberalen Glauben zu huldigen,
der unter Naturrecht in erster Linie das Recht auf Privateigentum
versteht. Allgemeine Rechte stellen auf gesellschaftlicher Ebene zugleich
ein politisches Emanzipationsprojekt, das die Durchsetzung ganz neuer
Vorstellungen und Modelle ermöglicht, die durchaus nicht auf die
"universalistische Scheinwelt" beschränkt sein müssen, als die Cornelius
Castoriadis das "Naturrecht" kritisiert[15].
Darüber hinaus scheint es nicht sonderlich vernünftig, wenn die
Entwicklungskritiker dem zum kapitalistischen Selbstzweck erhobenen
Wirtschaftswachstum nun ein Prinzip der Wachstumsrücknahme
entgegensetzen, das gleichermaßen zum Selbstzweck wird.[16] Beide Dogmen
stehen zueinander wie zwei symmetrische Klippen: Das Wachstumsprinzip
tendiert dazu, die Produktion ins Unendliche zu steigern, das der
Wachstumsrücknahme lässt sie zwangsläufig gegen null sinken -wenn man
nicht irgendwo eine Grenze zieht.
Der Cheftheoretiker der Wachstumsrücknahme in Frankreich, Serge
Latouche, scheint sich dieses Widersinns bewusst zu sein, wenn er
schreibt: "Die Losung 'Wachstumsrücknahme' soll in erster Linie und
nachdrücklich den Verzicht auf das unsinnige Ziel eines Wachstums um des
Wachstums willen betonen, auf ein Ziel also, dessen Triebkraft nichts
anderes als das haltlose Profitstreben der Kapitaleigner ist.
Selbstverständlich predigt diese Losung keine karikaturhafte Kehrtwende,
die Wachstumsrücknahme um ihrer selbst willen betreiben würde. Vor allem
ist Wachstumsrücknahme nicht gleichbedeutend mit 'Negativwachstum' - eine
in sich widersprüchliche, absurde Formulierung, die nur wiederum die
Dominanz vonWachstumsvorstellungen belegt."[17]
Was aber soll Produktionsrücknahme bedeuten, wenn nicht
Produktionssenkung? Latouche sucht sich mit der Aussage aus der Patsche
zu helfen, er wolle "die Wirtschaft des Wachstums hinter sich lassen und
in eine 'Gesellschaft der Wachstumsrücknahme' eintreten". Bedeutet dies,
dass die Produktion weiterhin wachsen soll? Dann wäre die Rede von
Wachstumsrücknahme unverständlich. Oder geht es um eine Beherrschung des
Wachstums? In diesem Fall wäre die Meinungsdifferenz ausgeräumt.
Im Übrigen gesteht Latouche selbst zu, dass Wachstumsrücknahme nicht für
alle Erdbewohner die richtige Parole ist: "In den Ländern des Südens
steht dieses Ziel noch nicht auf der Tagesordnung. Obwohl die
Wachstumsideologie auch dort anzutreffen ist, kann von
'Wachstumsgesellschaften' in den meisten Fällen keine Rede sein."[18] Offen
bleibt aber die Frage, ob die armen Gesellschaften ihre Produktion
erhöhen dürfen oder ob die "Nichtwachstumsgesellschaften" arm bleiben
sollen.
Die Entwicklungsgegner führen das Scheitern der Entwicklungsstrategien
auf einen angeblich aller Entwicklung innewohnenden Konstruktionsfehler
zurück, nie jedoch auf die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die den
Bauern zum Beispiel den Zugang zu Land verwehren. Daher das Loblied, das
sie auf die informelle Ökonomie anstimmen - wobei sie allzu leicht
vergessen, dass diese häufig nur aus den Trümmern der offiziellen
Ökonomie erwächst. Der Ruf "Weg von der Entwicklung!" ist für sie
gleichbedeutend mit der Parole "Raus aus der Ökonomie!", da eine andere
Wirtschaft als die kapitalistische schlechterdings unmöglich sei. Die
Rationalität "wirtschaftlichen Handelns" im Sinn eines möglichst
sparsamen Einsatzes menschlicher und natürlicher Ressourcen wird mit
Profitrationalität gleichgesetzt. Jede Verbesserung der
Arbeitsproduktivität gilt damit schon als Produktivismus.
Unter dem Vorwand, dass manche Kulturen die Worte "Wirtschaft" und
"Entwicklung" gar nicht kennen, wird behauptet, die res economica sei
außerhalb der westlichen Scheinwelt, die sie hervorgebracht hat,
überhaupt nicht vorzufinden. Doch egal, ob es die entsprechenden Wörter
gibt, an der materiellen Realität, dass auch in diesen Kulturen
Lebensmittel produziert werden, gibt es nichts zu deuteln. Produktion ist
eine anthropologische Kategorie, auch wenn sie sich stets in
gesellschaftlichen Verhältnissen konkretisiert.
Die Ineinssetzung von Entwicklung und kapitalistischer Entwicklung -
womit die kapitalistische Produktionsweise überhistorisch verallgemeinert
wird und damit dem liberalen Dogma verblüffend ähnlich wird - zeugt von
der Unfähigkeit, Produktivismuskritik und Kapitalismuskritik
zusammenzudenken. Die Kritik beschränkt sich auf den Produktivismus in
Abstraktion von den gesellschaftlichen Verhältnissen. Zumindest
merkwürdig wirkt daher, wenn diese Schule einen "Ausweg aus der
Ökonomie"[19]propagiert und zugleich behauptet, sie wolle "das Ökonomische
erneut ins Gesellschaftliche einbinden"[20]20.
Theoretisch gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man geht davon aus,
dass Wachstum und Entwicklung zwei Paar Stiefel sind, oder man unterlegt
beiden Phänomenen ein und dieselbe Logik endlosen Expandierens, das
unvermeidlich in eine Sackgasse führt. Die zweite Position wird von
Anhängern der Wachstumsrücknahme vertreten, die gleichzeitig auch
Entwicklungsgegner sind. Die erste Auffassung findet sich sowohl bei
liberalen wie auch bei liberalismuskritischen Ökonomen.
Die Liberalen verfolgen nach eigenem Bekunden - vor allem, seit die
Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank nicht die propagierten
sozialen Segnungen brachten - qualitative Entwicklungsziele, die durch
materielles Wachstum noch nicht gewährleistet sind. Allerdings bleibt
diese Unterscheidung zwischen (quantitativem) Wachstum und (qualitativer)
Entwicklung bei ihnen schon deshalb eine bloße Behauptung, weil sie
davon ausgehen, dass Wachstum erstens eine notwendige und hinreichende
Bedingung für Entwicklung ist und zweitens bis in alle Ewigkeit
weitergehen kann.
Die liberalismuskritischen Ökonomen wiederum, die vom Marxismus, vom
Strukturalismus und von den Dependenztheorien der 1960er-Jahre herkommen,
haben angesichts der sozialen und ökologischen Negativfolgen des
Entwicklungsmodells, das offenbar untrennbar an Wachstum gebunden ist,
die allergrößten Schwierigkeiten, Wachstum und Entwicklung begrifflich zu
unterscheiden. Deshalb machen sie es den Gegnern jedweder Entwicklung
leicht, die Möglichkeit einer solchen Unterscheidung rundweg zu
bestreiten.
Lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Der Kapitalismus hat ein
Interesse daran, den Glauben zu verbreiten, dass Wachstum und Entwicklung
stets zusammengehören und das Wohl der Menschheit sich nur durch die
ständige Ausweitung der Warenproduktion verbessern lasse. Wir müssen
daher mit Blick auf die Zukunft an einer radikalen Unterscheidung
zwischen diesen beiden Begriffen arbeiten: Eine Steigerung des
Wohlbefindens der Menschen und eine Entfaltung ihrer Fähigkeiten lässt
sich nur jenseits der Entwicklungsroute endlos gesteigerter Produktion
und Konsumtion, also jenseits von Ware und Tauschwert realisieren.[21] Und
das heißt, nur in der Sphäre des Gebrauchswerts und
gebrauchswertorientierter gesellschaftlicher Beziehungen.
Wachstumsrücknahme unterschiedslos allen Völkern zu empfehlen und auf
alle Produktionsarten zu beziehen wäre aus mehreren Gründen weder gerecht
noch gerechtfertigt. Zum einen nimmt sich der Kapitalismus in einigen
Bereichen selbst zurück, und zwar gerade bei Gütern und Dienstleistungen,
die wir gesellschaftlich brauchen: öffentlicher Personenverkehr,
Gesundheit, Bildung, Altersversorgung. Zum anderen wird die Umwelt nicht
unbedingt durch jede Produktionstätigkeit verschmutzt und belastet. In
das Bruttoinlandsprodukt werden wertmäßig auch Dienstleistungen
hineingerechnet, deren umweltbelastende Folgen an die Umweltverschmutzung
durch Industrie und Landwirtschaft bei weitem nicht heranreichen. Die
Art des Wirtschaftswachstums ist daher mindestens ebenso wichtig wie sein
Umfang.
Der Ressourcenverbrauch muss weltweit so umorganisiert werden, dass die
armen Länder das zur Befriedigung ihrer Grundbedüfnisse nötige Wachstum
erzielen können, während die reichen Länder sparsamer wirtschaften
müssen. Mit Blick auf die armen Länder hätte jedes von außen aufgenötigte
Modell zerstörerische Folgen und würde alle emanzipatorische Entwicklung
unterlaufen. In den reichen Länder müssen wir hingegen über Maßnahmen
nachdenken, die eine schrittweise Rücknahme von Wachstum und Entwicklung
möglich machen.
Was hier gefordert wird, ist nicht etwa ein blindes Zurückfahren der
Produktion - was für die Mehrheit der Bevölkerung inakzeptabel wäre -,
sondern gezielte Entschleunigung, die einen Umbau der Produktionsprozesse
und kulturellen Vorstellungen in Gang setzt. Als erster Schritt zu
selektiver Wachstumsrücknahme bietet sich eine Verlangsamung des
Wachstums an, vor allem in sozial- und umweltbelastenden
Wirtschaftszweigen. Bei den von der Allgemeinheit genutzten Gütern und
Dienstleistungen ist hingegen auf qualitative Verbesserungen
hinzuarbeiten.
Des Weiteren brauchen wir eine gleichmäßigere Einkommensverteilung und
eine stetige Arbeitszeitverkürzung. Wobei sich Letztere am
Produktivitätswachstum zu orientieren hätte, da nur so Arbeitsplätze ohne
Wirtschaftswachstum geschaffen werden können. Realistisch ist die
Infragestellung des derzeitigen Entwicklungsmodells natürlich nur unter
der Voraussetzung, dass gleichzeitig die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse infrage gestellt werden, die diesem Modell zu
Grunde liegen.[22]
Eine Gesellschaft, die ihr Produktivitätswachstum nicht zur endlosen
Steigerung umweltbelastender Prozesse und zur Produktion von
Unzufriedenheit, verdrängten Bedürfnissen, Ungleichheit und
Ungerechtigkeit verwendet, sondern mit dem Ziel, die Arbeitszeit zu
verkürzen und die Einkommen gleichmäßiger zu verteilen - eine solche
Gesellschaft würde einem Entwicklungsbegriff folgen, der keineswegs
hinter die Kritik des derzeitig gültigen Entwicklungsmodells zurückfällt.
Der Vorwurf jedenfalls, damit bleibe man dem utilitaristischen Paradigma
verhaftet, ist für mich nicht nachzuvollziehen.
Wer einsieht, dass die Menschheit nicht zu Verhältnissen zurückkehren
wird, in denen es noch keine Entwicklung gab, und dass die Produktivität
folglich weiter ansteigen wird, kommt zur eigentlichen Frage, wie dieses
Produktivitätswachstum mit der Reproduktion der Ökosysteme und der
Gesellschaft in Einklang gebracht werden kann. In diesem Sinne sei hier
eine abschließende These entwickelt. Eine Verkürzung der Arbeitszeit
könnte uns von der Wahnidee heilen, dass immer neue Waren unser
Wohlbefinden steigern. Und ein Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen,
der sozialen Absicherung und der kulturellen Angebote stellen, wenn sie
dem Zugriff des Kapitals entzogen sind, einen unvergleichlich größeren
Reichtum dar als alles, was der Markt uns andient. In der Frage der
ökonomischen Entwicklung stellt sich also letzten Endes die Frage nach
dem Sinn der Arbeit und damit nach einer Gesellschaft, die ökonomisch
effizient und zugleich solidarisch ist.
- [1] Gro Harlem Brundtland, "Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung", Greven (Eggenkamp-Verlag) 1987.
- [2] Ebd.
- [3] United Nations Development Programme (UNDP), "Bericht über die menschliche Entwicklung", Bonn (UNO-Verlag) 2002.
- [4] Unter der Energie- und Ressourcenintensität versteht man den Energie- bzw. Ressourceneinsatz je monetärer Produktionseinheit.
- [5] International Energy Agency (IEA), "Oil crises and climate challenges: 30 years of energy use in IEA countries", 2004, www.iea.org
- [6] Weltbankpräsident Jim Wolfensohn, zitiert nach Babette Stern, "Les
objectifs de réduction de la pauvreté ne seront pas atteints",
Le Monde , 24. April 2004. - [7] United Nations Conference on Trade and Development (Unctad), "Rapport
sur les pays les moins avancés", 2004, zitiert nach Babette Stern, "Pour
les pays les moins avancés, la libéralisation commerciale ne suffit pas à
réduire la pauvreté",
Le Monde , 29. Mai 2004. - [8] Der französische Soziologe Emile Durkheim (1858-1917) definierte Anomie als das Fehlen oder Verschwinden von Gemeinschaftswerten und sozialen Regeln.
- [9] Jacques Attali, "Un agenda de croissance fabuleux",
Le Monde , "2004, l'année du rebond", 4./5. Januar 2004. - [10] Entropie ist ein Maß für die Unordnung eines physikalischen Systems; der Begriff wird auch auf soziale Systeme übertragen.
- [11] "Redefining Progress", www.rprogress.org.
- [12] Nicholas Georgescu-Roegen, "La décroissance: Entropie-Ecologie-Economie", Paris (Sang de la terre) 1995.
- [13] Gilbert Rist, "Le développement': La violence symbolique d'une
croyance", in: Christian Comeliau (Hg.), "Brouillons pour l'avenir.
Contributions au débat sur les alternatives",
Les Nouveaux Cahiers de l'IUED 14 , Genf, Paris (PUF) 2003. S. 147. - [14] Serge Latouche, "Les mirages de l'occidentalisation du monde: En
finir, une fois pour toutes, avec le développement",
Le Monde diplomatique , Mai 2001. Ein Oxymoron ist die Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe. - [15] Cornelius Castoriadis, "Le monde morcelé.
Les carrefours du labyrinthe 3, Paris (Seuil) 1990, S. 193. - [16] "Silence, Objectif décroissance. Vers une société harmonieuse", Paris (Parangon) 2003.
- [17] Serge Latouche, "Il faut jeter le bébé plutôt que l'eau du bain", in: Comeliau (Hg.), "Brouillons pour l'avenir" (siehe Fußnote 13).
- [18] Serge Latouche, "Circulus virtuosus",
Le Monde diplomatique , November 2003, Fn. 11. - [19] Serge Latouche, "Justice sans limites. Le défi de l'éthique dans une économie mondialisée", Paris (Fayard) 1993, S. 275.
- [20] Ebd., S. 278.
- [21] Der Gebrauchswert bezeichnet die Nützlichkeit eines Guts oder einer Dienstleistung. Als qualitativer Begriff ist er nicht messbar und auf den monetären Tauschwert nicht reduzierbar. Letzterer bezeichnet das Verhältnis, in dem sich zwei Waren vermittels des Geldes austauschen. Wir unterstreichen diesen Unterschied, um hervorzuheben, dass wir die Verwandlung aller Dinge in Waren ablehnen.
- [22] "L'économie économe. Le développement soutenable par la réduction tu temps de travail", Paris (L'Harmattan) 1997; "La démence sénile du capital. Fragments d'économie", Bègles (Ed. du Passant) 2004.
Published 2004-07-14
Original in French
Translation by Bodo Schulze
Contributed by Le Monde diplomatique (Berlin)
© Le monde diplomatique
© Eurozine








