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Over the last thousand years, Finland, Estonia, Latvia and Lithuania have had multiple identities and been members of several empires. Now, writes the President of Estonia, "we should be looking to create identities that go beyond those that history has foisted upon us". [ more ]

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24.06.2009
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So what's our problem?

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09.06.2009
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Happy birthday, Mr Habermas

26.05.2009
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In monads' land

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Advanced profligate capitalism

21.04.2009
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A kind of Tory communist



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Articles

Pause am Strassenrand

Ein Dankeswort an die französischen Geografen

Laurynas Katkus, litauischer Essayist und Lyriker, über sein Verhältnis zu Westeuropa, das sich von 1992 bis heute von einer unreflektierten Bewunderung des westlichen Way of Life, hin zu einer differenzierteren Bewertung gewandelt hat. Katkus verbindet seine persönliche Geschichte mit Zentraleuropas kontinuierlicher Emanzipation vom Westen.

Gedanken über Ost- und Westeuropa, aufgeschrieben unweit vom geographischen Zentrum Europas, in Vilnius.

Vor elf Jahren kehrte ich zum Weihnachtsfest aus England nach Vilnius zurück. Es war mein erster längerer Aufenthalt im Westen gewesen: Im Rahmen eines Studentenaustauschprogramms erntete ich Äpfel bei einem Bauern, danach besuchte ich einen Englischkurs an der Universität. Ich fuhr mit dem Autobus bis Warschau, und hier nahm ich den Zug, der nach Vilnius fuhr. Doch die Züge waren überfüllt mit Kleinhändlern und Spekulanten, so dass es mir nur mit Müh und Not im dritten Anlauf gelang. Ich setzte mich zwischen Männer, die ständig auf dieser Strecke fuhren (in den vor kurzem ausgestellten Pässen waren nur wenige Seiten geblieben, die von Grenzstempeln unberührt geblieben waren) und Schnaps tranken, und ich verachtete sie nicht: Alkohol ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, solche Reisen auszuhalten. Auf der ziemlich kurzen Strecke fuhren wir die ganze Nacht, man musste nämlich etliche Male den Zug wechseln. In Litauen waren, wie überall in der ehemaligen Sowjetunion, die breiteren russischen Bahngleise verlegt worden, während in Polen der europäische Standard geblieben war.

Verschlafen und frierend stiegen wir im Morgengrauen in dem kleinen Grenzbahnhof aus, der noch in der Zarenzeit gebaut worden war. Seine wenigen kleinen Bänke waren nicht für solche Horden gerüstet. Die Menschen standen, saßen und an jedem beliebigen Platz. Den besten Ausweg hatten die Vertreter eines mittelasiatischen Volkes gefunden: Sie hatten, ohne sich vor irgendetwas zu ekeln, mitten im Saal ihre riesigen, mit Jeans vollgestopften Säcke hingeworfen, ließen sich darauf fallen und schliefen wie die Murmeltiere. Im Zug hatte ich Belgier kennengelernt, die wie ich nach Vilnius reisten: Es stellte sich heraus, dass die Christdemokratische Partei Belgiens sie nach Litauen gesandt hatte, um Verbindungen mit unseren wiederbegründeten Christdemokraten zu knüpfen. Es war unklar, ob die Parteikasse leer oder ihr Erlebnishunger so groß war, dass sie eine so originelle Art der Reise gewählt hatten. Nachdem wir an das einzige Kassenfenster herangedrängt und die Karten gekauft hatten, gingen wir auf den Bahnsteig hinaus. Als sich der Vertreter der belgischen Christdemokraten umgesehen hatte, sagte er: "Wenn mir gestern jemand gesagt hätte, dass es in Europa noch solche Orte gibt, hätte ich es nicht geglaubt."

Ich kehrte in das winterliche Vilnius zurück. Die Zeiten der größten Kälte waren allerdings schon vorbei: Aus Anlass der Parlamentssitzungen und, wie ich witzelte, meiner Rückkehr, hatten die Behörden die Zentralheizung eingeschaltet. Die Freunde erzählten von den Tricks, die es ermöglichten, in einem solchen Klima zu schlafen, zu baden, zu schreiben und sich zu küssen. Obwohl in England mein Verdienst es mir nur erlaubt hatte, am allerbilligsten Markt einzukaufen, erhielt ich, als ich in die Hauptstrasse von Vilnius ging und fünf Pfund wechselte, einen Haufen von Scheinen der Übergangswährung. Ich gab nicht einmal die Hälfte davon aus, als ich beim einzigen Zeichen des freien Marktes, einem Tag und Nacht geöffneten Kiosk, Brandy, Kuchen und Obst kaufte und für meinen Freundeskreis (und der war nicht klein) ein Rückkehrfest veranstaltete. Es ging schief. In den Wahlen, die vor kurzem stattgefunden hatten, hatten die kaum umgefärbten Kommunisten gewonnen, und ein Großteil meiner Freunde litt "Kummer wegen des Volkes".

Mächtige, alle Ebenen des Lebens umfassende Erschütterungen, die mit ihrem Erwachsenwerden verbunden waren, schienen zu Ende zu gehen, und alles kehrte zum Ausgangspunkt zurück. Litauen war schon einige Jahre unabhängig, die Wirtschaftsordnung war der Kapitalismus, aber rundherum hatte sich nichts geändert, es verfiel und zerriss nur immer mehr.

Der eine erbot sich, eine neue Partei zu gründen, ein anderer, auf die Politik zu spucken und ein Fest in der Pestzeit zu veranstalten und sich rücksichtslos an auserlesener Kunst und Philosophie zu vergnügen, ein Dritter zu emigrieren. Die Erregung kam in makabren Scherzen zum Durchbruch, und grinsend stellten sie mir nacheinander nur eine einzige Frage: Warum ich zurückgekommen war. Um die Wahrheit zu sagen, auch ich hatte nicht viel, was ich ihnen mitteilen konnte. Mir stand noch das satte, farbige, schräge London vor Augen: ÐEin Sommernachtstraumð am South Bank Centre, ein Theater aller sozialen Typen und Rassen in der Metro. Museen, voll mit Kunst und Altertümern, und Cafés, wo Männer und Frauen Getränke schlürften, die ich noch nie gesehen hatte. Mein Geruchssinn war noch nicht entwöhnt von Tee und Weihnachtswein, von den Parfüms und Teppichen, von den Gerüchen von Sauberkeit und Ordnung (Gerüche lassen doch die Aura eines Ortes viel stärker erstehen als Bilder). Aber was sollte ich sagen? Das alles musste man selbst erfahren.

Meine Freunde waren Studenten des ersten Jahrganges. An den Universitäten, an denen sie studierten, unterrichteten noch hauptsächlich die alten Professoren, die in ihren Vorlesungsunterlagen nur die marxistischen Vorbemerkungen gestrichen hatten. Auch das Studiensystem war dasselbe geblieben: viel Büffeln und überhaupt keine Wahl. In der Literatur herrschte, nachdem die Werke der Dissidenten und Emigranten nachgedruckt worden waren, Stillstand. Der Kritik des Sowjetsystems, die den Großteil der Energie der Schriftsteller und Intellektuellen aufgezehrt hatte, war ihr Objekt abhanden gekommen. Der Umfang der Vorhaben reduzierte sich, Traditionen des 19. Jahrhunderts wurden propagiert, die gelegentlich nach Chauvinismus rochen, und fast immer nach der Langeweile der Provinz. Und sie lernten westeuropäische Sprachen und konnten schon die hiesige Literatur mit fremdsprachiger vergleichen - nicht zum Vorteil der ersterben, leider. Vor ihnen tat sich eine schöne und verlockende Welt auf. Wäre es nicht besser, sich in den Zug zu setzen und noch einmal von vorne anzufangen? Diesen Weg wählten nicht wenige der Menschen dieser Breiten, deren Arbeiten jetzt geschätzt und studiert werden. Der Westen würde sie dankbar aufnehmen: wären sie doch ein lebendiger Beweis dafür, dass das, wofür er lebte und wogegen er kämpfte, nicht nutzlos war. Und was könnte man in diesem Land schon ändern?

Ich habe ihnen noch aus einem anderen Grund nichts gesagt: Von der Reise hatte ich auch andere, man könnte sagen gegenteilige Eindrücke mitgebracht. Später, nachdem ich die Erzählungen vieler Menschen gehört oder gelesen hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass meine damalige Erfahrung ein sich wiederholendes Sujet des ersten Zusammenstoßes der "Ostler" mit dem Westen war.

Es ist ungefähr so beschaffen: Sich mächtig danach sehnend, die kulturellen Reichtümer sowie die gesellschaftlichen Freiheiten und Wohlstand, die er nur vom Hörensagen kannte, zu sehen, reist der Osteuropäer aus seinem jeweiligen Land in das "richtige" Europa. Aber nach dem Verblassen des ersten Freudenrausches versteht er, dass es keinen gemeinsamen Nenner gibt, der diese Wirklichkeit und sein Land verbinden könnte. Seine geliebten Schriftsteller und Künstler sind für einen Großteil der Westler Schnee von gestern, doch es wird über Bücher und Filme gesprochen, die ihm als Eintagsfliegen und trivial erscheinen. In den Bewertungen treten die eine oder andere klar hervor, aber am häufigsten jene linke Ideologie, aus der er sich gerade befreit hat und von der er nichts mehr hören will. Er trifft auch Menschen mit ziemlich eigenartigen Ansichten, die sich sehr aktiv für ihn interessieren: Man sieht, sie halten ihn für einen Ðedlen Wildenð, den man versuchen kann, zum eigenen Glauben zu bekehren. Andererseits streitet und diskutiert wegen der Verschiedenheit der Ansichten hier niemand wie in seinem Land - sie wird ein integraler, beinahe unmerklicher Teil des Lebens.

Die Unterschiede sind auch im alltäglichen Umgang klar. Die Menschen sind fest in den Mechanismus ihrer Gesellschaft eingesperrt, verschlossen in ihrem Panzer, aus dem sie nur zu Unterhaltungen herauskommen, die zu nichts verpflichten. Ihre Sorgen sind klein im Vergleich dazu, womit er es zu tun hatte, doch sie nehmen sie unglaublich ernst. Ja, sie sind nett und lächeln, aber was in ihrem Inneren vorgeht, ist schwer zu erraten. Einen Osteuropäer, der an den unmittelbaren und einfachen Umgang gewöhnt ist, betören die bedeutungslosen Formalitäten. Er ist nicht einmal sicher, dass er dieselben Instinkte hat wie die Westler: Die hier gut funktionierenden Gesetze der persönlichen Initiative, des Nutzens und des Ertrags gelten, so scheint es, in seinem Land nicht.

Er spricht zu ihnen bewegt über den Kampf um die Unabhängigkeit, die Demonstrationen und den Zusammenbruch der Diktatur, bemerkt aber, dass man ihm nur aus Höflichkeit zuhört. Er erzählt von den Vorkommnissen des kommunistischen Lebens, ertappt sich aber bei der Frage: Ist das für sie nicht eine phantastische "Chronik von Marsmenschen"? Nicht nur deswegen, weil ihr System anders ist - Engländer, Deutsche oder Franzosen haben einfach keine Ahnung, was und wo etwas geschieht. Vor allem der Vertreter eines kleineren Staates muss immer bei Null beginnen: Wo sein Land liegt, welche Sprache dort gesprochen wird, usw. Eigenartig stimmt ihn die Demonstration des Unwissens: Jeder Mensch seiner Region weiß über den Westen etliche Male mehr, und wenn er etwas nicht weiß, schämt er sich, es zu zeigen. Aber warum sollte sich ein Westler für Länder interessieren, die von den veralteten (und gefährlichen) Ideen des Nationalismus und der politischen Souveränität beherrscht werden? Heißt das, denkt der Ostler, wir sind in der Tat aus verschiedenem Holz geschnitzt, verschiedene Arten, unvergleichbar wie Reptilien und Säugetiere? Aber das war schon von der Sowjetpropaganda zu hören. Heißt das, nach Hause zurückzukehren, ohne sich umzuwenden? Doch die Sinnesorgane erinnern sich an London...

Seit damals ist ein Jahrzehnt vergangen, und nicht wenig hat sich verändert. Von Warschau nach Vilnius verkehren anständige Züge, die sowohl auf den breiten wie auf den europäischen Geleisen verkehren können. Darin sitzen nicht mehr Unmengen von Spekulanten, sondern Zwanzigjährige, die von einer Reise oder vom Studium zurückkehren und die keinen Kulturschock erlebt haben, denn die meisten Dinge - von den Kleinigkeiten des Alltags bis zu den intellektuellen Strömungen - sind ihnen bestens bekannt. Wenn sie von der Reise zurück sind, gehen sie in einen der vielen Supermärkte einkaufen und bemerken, dass diese in nichts nachstehen, und in mancher Hinsicht übertreffen sie sogar die von London. Die Temperatur in den Wohnungen hängt nur von der Dicke der Geldtasche ab, und deren Inhalt ist, auch wenn er nicht besonders schwer wiegt, schon nicht mehr nur wertloses Papier. Neben dem Fluss ist die Errichtung des Wolkenkratzerviertels abgeschlossen, das Vilniusser Gegenstück zum Potsdamer Platz, und in der Altstadt schwirren jedes Wochenende die Cafés voller Menschen.

Auch das Leben meiner Freunde hat sich verändert. Auf verschiedene Weise haben sie das vor zehn Jahren entstandene Dilemma gelöst: Die einen haben das Studium der Literatur oder Philosophie aufgegeben und sind dorthin gegangen, wo junge Köpfe am meisten gebraucht werden: in die Wirtschaft und in den Staatsapparat. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass sie jetzt das Rückgrat der Wirtschaft und der Staatsverwaltung bilden (noch vor einigen Jahren lag das Durchschnittsalter der im Außenministerium Beschäftigten unter dreissig Jahren). Andere haben sich, wie sie es vorhatten, in europäischen oder amerikanischen Großstädten niedergelassen: in Berlin, Paris, Chicago. Sie haben geheiratet, ihr Studium abgeschlossen und zu arbeiten begonnen.

Ich glaube nicht, dass sie "das Vaterland verraten" haben, wie die Älteren behaupten. Die meisten sind mit ihrem Freundeskreis, mit ihrer Stadt und ihrem Land in Verbindung geblieben, und genauso mit nüchternem Blick auf die dortige Wirklichkeit. "Westlicher als die Westler", zu karikaturhaften Snobs sind nur wenige geworden (das trifft übrigens auch auf einige zu, die in Litauen geblieben sind). Ebensowenig glaube ich, dass ihr Leben besonders glücklich ist: Ich weiß, dass das ständige Balancieren zwischen hier und dort viele physische und geistige Kräfte fordert.

Deswegen herrscht jetzt bei den weihnachtlichen Zusammenkünften eine andere Stimmung. Zu Hause geblieben oder emigriert, haben wir im vergangenen Jahrzehnt viel gelernt. Zuerst einmal Geduld - indem wir auf die Veränderungen gewartet und das beobachtet und eingeschätzt haben, was rundherum geschah. Wir haben gelernt, nicht auf Wunder zu warten und nur auf unsere eigenen Anstrengungen zu vertrauen - das hört sich vielleicht allzu einfach an, aber das zu verstehen, brauchte auch Zeit. Vom sowjetischen Erbe und einem Andrang von Melancholie geplagt, hat sich dieses Land doch aus der Erstarrung herausbewegt - zu einem nicht geringen Teil durch die Anstrengungen meiner Generation; doch nicht nur von ihr allein.

Wir begreifen, dass unsere Situation keineswegs einzigartig ist: Nicht nur in Litauen, nicht nur in Osteuropa, sondern auch in anderen Teilen der Welt haben ideologisches Diktat und Isolation deutliche Spuren hinterlassen. Wir haben gelernt, unsere Nöte nicht zu verabsolutieren, und wären sie auch noch so schmerzlich, sondern sie mit denen zu vergleichen, die andere haben. Es ist klar geworden, dass "die Erfahrung der Diktatur", auf die manche so stolz sind, nur dann einen Wert hat, wenn sie ein Anstoß ist, anders zu denken und zu leben; denn sonst unterscheidet sie sich nicht viel von einer unter extremen Bedingungen erlebten "Reality Show".

Und was den Westen betrifft, erwarten wir von ihm nichts mehr, was er nicht bieten kann: an unserer Stelle unsere Probleme zu lösen, was manche unbewusst gehofft haben. Wir beneiden sie nicht mehr um den Wohlstand (obwohl das manchmal nicht leicht ist), und gleichzeitig begreifen wir, dass die besseren Lebensbedingungen aus ihnen keine Roboter gemacht haben. Ebenso ist die unglaubliche Verehrung für die aus dem Westen kommenden Kunstwerke und Ideen verschwunden: Jetzt haben auch wir unsere Postmodernen und Konservativen, DJs und Installationskünstler. Die Ära des Nachäffens und Übernehmens geht zu Ende: Jetzt ist nicht das interessanter, was neu, was schön verpackt ist, sondern das, was erfinderisch und vielschichtig ist und gerade den von dieser Gesellschaft angesammelten Stoff verarbeitet. Verstummt sind auch die Jammereien, dass wir Ðfür niemanden interessant sindð, denn das litauische Theater, die Literatur und die darstellende Kunst haben einen wenn auch nicht großen, so doch bedeutenden Bekanntheitsgrad außerhalb der Landesgrenzen erreicht. Und überhaupt ist klar geworden, dass das Bild vom Westen, das wir in unserer Vorstellung gezeichnet hatten, allzu einfach war. Es ist klar geworden, dass unter dem einen Namen sehr verschiedene Staaten, Völker und Gemeinschaften Platz haben. Und die Beziehungen mit ihnen sind konkreter geworden: Es gibt frankophile, anglophile, germanophile usw. Gemeinschaften. Wir verfolgen die westliche Presse nicht deswegen, weil wir sie für das letzte Wort der Wahrheit halten, sondern weil sie unsere Perspektive erweitert.

Ich weiß nicht, ob sich die Einstellungen der anderen Hälfte des Kontinents verändert haben. Mir scheint, dass die Osteuropäer noch zu häufig als arme Verwandte angesehen werden, für die es sich gehört, alles mit Ehrfurcht anzuhören und für alle Geschenke dankbar zu sein. In den letzten Jahren haben sie für eine solche Meinung sichtlich Grund gegeben, aber ich bin überzeugt, dass diese gönnerhafte Sicht auch für die Westler selbst schädlich ist: Sie verstärkt nicht die allerbesten ihrer Eigenschaften. Vor allem die Mittelklasse stellt sich Osteuropa noch immer als ein Land der Wälder und der wilden Tiere vor. Der Ausruf eines Berliner Arztes, der ein in Litauen eingerichtetes Gipsbein untersuchte: "O, sie können auch einen Gipsverband anlegen!" ist noch immer für viele charakteristisch. Die meiste Beachtung finden Werke von Künstlern, die die abnormalen und aggressiven Aspekte des osteuropäischen Lebens betonen, denn sie entsprechen dem stereotypen Bild der Region; und bedeutend schwerer ist es hingegen, die Ðöstlicheð Ironie und das Vermeiden von hehren Begriffen und abstrakten Deklarationen verstehen zu lernen. Wenn auch im allgemeinen die Pflege der eigenen Kultur nicht mehr als Ausdruck von Nationalismus oder Faschismus angesehen wird, so ist es doch noch nicht ganz ins Bewusstsein gedrungen, dass die Länder Osteuropas nicht nur eine europäische Vision der Zukunft, sondern auch ihre eigenen Interessen haben können, die nicht immer mit denen Westeuropas übereinstimmen. Umso freudiger stimmen die Ausnahmen, von denen es - das sei angemerkt - immer mehr gibt. Wie auch immer, ich möchte den französischen Geografen, die festgestellt haben, dass das geographische Zentrum Europas zwanzig Kilometer von Vilnius entfernt liegt, meinen Dank aussprechen. Es bringt freilich nicht viel, wenn man mit dem Bleistift auf die Landkarte zeigt: einen Grund, stolz zu sein, politischen und eventuellen wirtschaftlichen Nutzen, die Gelegenheit, in Erstaunen zu versetzen ("Woher kommt ihr? - Ah, zwanzig Kilometer vom Zentrum Europas entfernt."). Aber ich hoffe, dass das ein gutes Zeichen ist, das von einer besseren Zukunft des Kontinents kündet, das die Sperren und Vorurteile zwischen Osten und Westen und auch zwischen Norden und Süden zum Verschwinden bringt.

Eine gänzliche Übereinstimmung zu erwarten lohnt sich natürlich nicht, und das ist auch gut so - ist Europa doch gerade durch seine Unterschiede interessant. Außerdem hat jeder Mensch und jede Gemeinschaft verschiedene innere Zentren, die seine Welt ordnen und ihm einen Maßstab und Sinn geben. Es hat sich so gefügt, dass diese Achse für mich Vilnius ist. Hier sehe ich die Tiefe und Breite meines eigenen Raumes, und nicht nur die Oberfläche. Ich sehe die Gesichter von Menschen, in denen ich ihren Charakter, ihren gesellschaftlichen Stand und ihre Lebensgeschichten herauslesen kann. Ich kenne die Vergangenheit dieses Ortes, den Knäuel der Sprachen und Kulturen wie die unglaublichen politischen Veränderungen. Und ich denke an den irischen Dichter Patrick Kavanagh, der schrieb:

Gemeindebezug und Provinzialismus sind Gegensätze. Der Provinzialist hat keine eigene Meinung; er vertraut nicht darauf, was seine Augen sehen, bis er gehört hat, was die Metropole, auf die seine Augen gerichtet sind, zu jeder Sache zu sagen hat... Die auf die Gemeinde bezogene Mentalität auf der anderen Seite ist niemals im Zweifel über die soziale und künstlerische Geltung ihrer Umgebung. ...Gemeindebezug ist universal; er beschäftigt sich mit den Grundlagen.

So setze ich mich ins Auto und fahre auf der Landstrasse gegen Norden. Das Licht der Stadt hört bald auf, und das Auto sinkt ein in die Dezemberdämmerung. Am Strassenrand tauchen in sich verlangsamendem Rhythmus einige Tankstellen und Reparaturwerkstätten auf. Als ich schon zu zweifeln beginne, ob ich in die richtige Richtung fahre, sehe ich am Strassenrand ein undeutliches Zeichen, das auf einen schmalen Weg weist. Nachdem ich noch etwas weitergefahren bin, halte ich an und schalte das Licht ein. Ich bin hier. Im Zentrum Europas. An einem solchen Ort müsste irgendetwas Besonderes geschehen: Es müsste Rauch aus der Erde aufsteigen, sich ein Adler auf einen Granitfelsen hinhocken oder Strahlen sich kreuzen. Nichts dergleichen: Stille und Leere.

Sogar die Kühe, die an die Metamorphosen der Königstochter erinnern könnten, die dem Kontinent seinen Namen gegeben hat, sind für den Winter in den Ställen eingesperrt. Nur zwei Hügel liegen an beiden Seiten des Weges im Dunkel. Ich steige auf einen hinauf, drehe den Rücken gegen den Wind, der unter den Füßen über das Gras fegt. Im Umkreis nasse Felder und Teiche, in dem sich Wolkenknäuel spiegeln. Einige düster leuchtende Holzhäuser, in denen die Menschen weihnachtliche Gerichte zubereiten oder schon zu Abend essen und plaudern.

Ist das alles? Sonst nichts?

Nein. Bei der Tafel, die das Zentrum Europas anzeigt, steht ein Lastwagen. Der Fahrer hat eine Pause eingelegt.

 



Published 2004-07-12


Original in English
Translation by Cornelius Hell
First published in Passagen Pro Helvetia Kulturmagazin

Contributed by Kulturos barai
© Passagen
© Eurozine
 

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Vilnius, 8-11 May 2009

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The 22nd European Meeting of Cultural Journals took place in Vilnius, Lithuania, 8 to 11 May 2009. Under the heading "European Histories", the Eurozine conference explored the role of history and memory in forming new identities in a Europe in change. [more]

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