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Editorial


Immer wieder geschieht es, und immer wieder ist der Beobachter verblüfft. Ein neuer Ausdruck, eine Wendung, ein Schlagwort, ein Spruch tauchen auf. Unscheinbar häufig, wenig Aufmerksamkeit und keinen Argwohn erregend, geradezu farblos und dürftig, wie etwa die aus fachlichem Zusammenhang gerissene "Bringschuld". Nichts lässt den verborgenen Heißhunger auf diese Formulierung ahnen oder signalisiert auch nur die Möglichkeit einer exquisiten künftigen Karriere.

Die besteht in der raschen und unbremsbaren Verbreitung, im rapiden Aufwuchs der frischen Prägung zu einer allgemein gebrauchten und häufig missbrauchten Sentenz. Die Urheber der neuen Formel sind in der Regel bekannt, zumindest zu Beginn, geraten dann aber schnell in Vergessenheit. Man weiß, wer den "herrschaftsfreien Diskurs" in die Welt gesetzt hat (es war derselbe, der dem deutschen Feuilleton die "neue Unübersichtlichkeit" beschert hat, welche es inzwischen geschafft hat, den "Diskurs" abzulösen). Man weiß auch noch, wer den "Paradigmenwechsel"in der Wissenschaftsgeschichte entdeckt hat und damit bis in die Postwurfsendungen der Lottoindustrie vorgedrungen ist. Aber wer eigentlich die "Wissensgesellschaft" auf dem Gewissen hat, ist vergessen, und wer dafür verantwortlich ist, dass inzwischen alles und jedes "robust" sein muss, war wohl niemals ganz klar.

Gemeinsam ist diesen Signalwörtern, dass sie eine verbreitete Stimmung aufgreifen, eine dumpfe Ahnung in Worte fassen, eine Fülle von bekannten Fakten glücklich zusammenraffen und in eine handliche Form gießen. Manchmal scheint es, als hätte die Sprachgemeinschaft auf das Auftauchen eines einzigen Ausdrucks gelauert, um endlich auch ihrerseits sagen zu können, dass sie (schon immer) in einer "Risikogesellschaft" lebt.

Die Metaphorologen haben sich dieses Vorgangs, der mit dem Etikett "Mode" nur sehr unzutreffend gekennzeichnet ist, noch nicht richtig angenommen. Fest steht, dass für solche Siegeszüge immer auch Bedürfnisse verantwortlich sind, die gefühlt, aber noch nicht zu Wort gebracht worden waren.

So verhält es sich auch mit der "Reduktion von Komplexität'". Auch wenn wir uns gern das Gegenteil einbilden: Die Welt war schon immer komplex. Vielleicht war sie früher sogar komplexer als heute. Dem Indianer im brasilianischen Urwald, der besorgt unter seinem Regenbaum hervorlugt, um zu erkunden, welche Schritte er ohne Gefährdung durch Tiere, Geister oder Menschen machen könnte, dürfte die Welt nicht weniger komplex erscheinen als dem Wissenschaftler, der sich verwirrt im Chaos seiner selbst erzeugten Datenlandschaft zu orientieren sucht.

Komplexität ist ein Beobachterterminus, und die Bemühungen, mit diesem reichlich unhandlichen Zustand des Beobachteten fertig zu werden, waren schon immer "Reduktionen" Rückführungen auf Einfacheres, um damit erfolgreich umgehen zu können. Erfolgreich? Der Erfolg besteht im Sieg der Ordnung über die Wirrnis, die nicht bestehen bleiben darf, wenn Aneignung geschehen soll. Über die Wirrnis kann man nicht herrschen. Und da wir nun einmal angetreten sind, uns die Erde untertan zu machen, war die Fähigkeit zur Reduktion das unverzichtbare göttliche Geschenk an die losgelassene Menschheit, die Conditio sine qua non zum Erfolg.

Mit dem ersten in den Sand gezeichneten Dreieck entdeckte die Reduktion ihre Fähigkeit, durch Weglassen Handlungsmöglichkeiten zu erzeugen. Der mit dieser Instrumentalisierung verknüpfte Siegeszug hat allerdings sie und ihre Maschinisten berauscht. Es wurde übersehen, dass das Weggelassene nicht verschwindet, sondern sich hinter den Grenzen türmt.

Allmählich schärft sich der Blick für die Gebirge neben und hinter den schmalen Pfaden der Erkenntnis. Überall nagen die Zweifel, und der Überdruss an den "Fakten'" flüchtet sich durch die Wissenschaftsgeschichte bis in die zeitlosen Räume der Esoterik. Naturwissenschaftler und Priester, Chirurg und Heiler, Forscher und Magier ­ allerorts wird versucht, altes Wissen zu beleben, neues Wissen einzubinden, Fäden zu Seilen zu verstärken, Brücken zu schlagen, Verbindungen zu knüpfen. Aber die Resultate lassen jenseits der fröhlich zwitschernden Ingenieure doch sehr zu wünschen übrig. Ach wären wir doch noch einmal in dieser seligen Stunde null, als man die ganze Götterwelt mit einem monotheistischen Schlag zum Verschwinden bringen konnte. Wo ist die einheitliche Theorie, die die Kontingenz austreibt? Wo das finale Schema als Übersicht der Übersichten? Der Kuckuck der Interdisziplinarität versucht nicht einmal mehr, seine Eier irgendwo unterzubringen, sondern wirft sie verdrossen ins Meer. Die Reduktion wird schließlich selbstreferenziell und liefert konsequent, wenn auch kontraintuitiv Schwellungen. Wir haben einiges zusammengetragen, um zu zeigen, dass nicht nur die Gentechnik in dieser Lage ist, mag sie auch das meiste Anschauungsmaterial liefern. Die männlichen (!) Zweifler überwiegen. Frauen zu Texten zu bewegen fällt uns nach wie vor schwer. Die Frau an unserer Spitze glaubt in düsteren Stunden, dass ihre Genossinnen verzichten, da sie sich in besonderer Weise um die Einhaltung der Spielregeln bemühen müssten. Die Männer argumentieren lieber mit der Statistik, die den immer noch viel zu kleinen Anteil der Frauen im Wissenschaftssystem ausweist.

In den umstandslos eingeführten "Fürworten" zeigt einer unserer Stammautoren, an welchen Stellen das Bemühen um neue Formen des Nachdenkens über Wissenschaft ansetzen könnte. Sonst gibt es, außer guten Vorsätzen, keine Neuerungen. Einer davon ist die Absicht, unsere Internetpräsenz zu verstärken. Die anderen verraten wir erst, wenn wir sie realisiert haben.


 



Published 2004-06-24


Original in German
Contributed by Gegenworte
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