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Daniel Daianu

Markets and society

When high finance cripples the economy and corrodes democracy

The current financial crisis is not confined to economies, writes former Romanian finance minister Daniel Daianu. The erosion of the middle class, the spread of extremism and the threat to democracy are some of the more obvious social effects demanding attention. [Danish version added] [ more ]

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25.01.2012
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The organized upperworld

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11.01.2012
Eurozine Review

A new way to talk politics

21.12.2011
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"Transparency" in scare quotes

07.12.2011
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Itching powder for the Left

23.11.2011
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Delaying the nemesis



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Wir haben es gut

Der Einfluss Europas auf mein Schreiben

Europa aus Sicht Robert Schindels - eines links sozialisierten Schriftstellers, dessen Schreiben die "Muttermale leider nicht im Reformeuropa, sondern in jenem europäischen Gulag" bekommen hat. Schindel führt durch ein Europa, das die Spuren der vergangenen Kriege trägt.

1.

Als der Zug hält, blickt die fast zweiunddreißigjährige Frau auf das Namensschild des Zielbahnhofes. Das erste Mal in ihrem Leben nimmt sie das Wort Auschwitz wahr. Der neben ihr sitzende Freund hat auch von dem Ort noch nie etwas gehört. Es ist der erste November neunzehnvierundvierzig. Die beiden Schutzhäftlinge der Gestapo steigen aus, werden getrennt und werden einander nie wieder sehen.

Leser meiner Essays werden die Frau schon kennen. Es ist Gerty Schindel. Sie ist gut gekleidet, ebenso ihr Freund René Hajek, mein Vater. Vierzehn Monate vorher waren sie aus Frankreich aufgebrochen. Der Auftrag der exilkommunistischen Partei Österreichs lautete: eine Widerstandsgruppe aufbauen in Linz an der Donau. Die Gruppe bekommt falsche Papiere, elsässische wegen des Deutsch-Akzentes. Aus Gerty beziehungsweise Resistancename Annette wird nun Suzanne Soël, mein Vater heißt Pierre Lutz. Ich selber höre die Änderung der Sprachmelodie durch die Bauchwand, übersiedle im Mutterleib von Paris nach Linz. Die Elsässer hatten sich als Fremdarbeiter freiwillig nach der Ostmark gemeldet, wohnen in einem Bretteldorf am Stadtrand der oberösterreichischen Hauptstadt. Gerty, die vor dem Krieg in Wien als illegale Kommunistin tätig war, verhaftet und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, sollte ihren jetzigen Auftrag in einer Stadt ausführen, dort sie den Behörden und der Bevölkerung nicht bekannt ist. So arbeitet sie als Zimmermädchen im Gasthof Maischberger, eine schwarzhaarige Französin. Ich komme zur Welt, und vier Monate später fliegt die Sache auf. Der junge versteckt-lebende Jude Mottl S. erkennt sie auf der Straße, nachdem sich das Rad vom Kinderwagen gelöst und ihm vor die Füße gerollt war.
"Gerty, was machst denn du da?"
Meine Mutter antwortet französisch, doch es hilft nichts. Als Mottl aufgegriffen wird, muss er unter der Folter alles sagen, bevor sie ihn erschlagen, schon sitzen meine Eltern im Zug nach Wien und sind als Wiener Kommunisten und Juden enttarnt. Ich werde von einer Kinderschwester noch rasch verborgen und liege in einem anderen Zug, welcher mich meinem sicheren Wiener Versteck entgegenbringt. Nach achtwöchigem Aufenthalt bei der Gestapo-Wien, Morzinplatz unter Mörder Sanitzer werden sie nach Auschwitz gereist, um dort ihren Hochverratsprozess abzuwarten. In den mitreisenden Akten der Vermerk RU: Rückkehr unerwünscht.

Dort ist nun die Europäische Gemeinschaft auf engstem Raum versammelt. Kaum eine Nation fehlt. Einträchtig fressen sie aus dem gleichen Blechnapf, weniger einträchtig, wenn um ihn gerauft werden muss. Italiener, Polen, Deutsche, Griechen, Tschechen und Slowaken, Franzosen und Holländer und so fort trotten in den Holzpantinen zur Arbeit, sie trotten zumeist aber im Laufschritt schneller Schweine marschmarsch, ähnliches Bild im Frauenlager. Einträchtig sitzen sie auf den Massenlatrinen, von Typhus und Ruhr durchgeputzt bis zum Absterben, wenn sie sich nicht raufen müssen oder sich bereits im Todesblock befinden, ausröcheln in allen europäischen Seufzern.

Auschwitz? Der Archipel Europa, ein dichtes Spinnennetz mit tausenden Fliegen darin, Todesplätze allerorten, von Natzweiler bis Majdanek, von Neuengamme bis Saloniki und zurück nach Stutthof, von Drancy, Strutthof und Westerbork bis Jasenovac. Das Vereinigte Europa der Sklaven, der Beleidigten, der Getöteten. Über ihm der Meister, der Weber des Netzes und seine Gehilfen, Deutschland und die mit ihm Kollaborierten.

Als dieses Nazideutschland zuletzt auch in Schutt fällt, liegt also der alte Kontinent da, ausgeweidet, verdorrt, starr. Einen kurzen Moment, denn Leben blüht aus den Ruinen, wie es heißt, und der Frühling fünfundvierzig war - wie die Leute sagen - zauberhaft schön und warm.

2.

Unter diesen Trümmern bin ich hervorgekrochen worden, im Schlagschatten der großen östlichen Öfen. Versteckt in der Kinderkrippe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Zentrum der Glasscherbeninsel, wie sie nun heißt. Vor dem Krieg nannten die Wiener sie Mazzesinsel, weil viele Juden auf ihr lebten, meine Leopoldstadt.

So wachsen wir herein in den Nachkrieg, die Kinder von Wien, spielen mit Steinen Fußball, mit Tennisbällen, mit Gummibällen, ich krieg einen Lederball, Prinz werde ich von der Jesuitenwiese. Ärgerlicherweise wird uns eine Ruine nach der anderen weggeräumt, in denen wir herrlich spielen können, Franzosen gegen Vietminh. Langweilige Gemeindebauten entstehen, aus deren Fenster uns mürrische Erwachsene anknurren. In dieser Stadt liebt man Hunde, nicht Kinder.

Es sei denn, die Russen sind da. Kinder können über die Sowjetsoldaten zumeist nur das Beste berichten. Wir werden in die Höhe gewirbelt, riechen das seltsame Parfum aus den Mündern der strohblonden lachenden Serjoschas und Aljoschas. In den vornehmen Stadtteilen kauen die Amis ihre Gummi, an Franzosen und Engländer kann sich kein Kind in Wien erinnern. Es geschehen seltsame Dinge: Die Nazilehrer schweigen die Unterrichtsstunden durch, gelegentlich erwähnt einer seinen Dienst als Tiefflieger bei der Wehrmacht. Europa verschwunden, für uns gibt es Amerika und die Sowjetunion.

Als ich zu schreiben beginne - mit acht -, war ich Jungpionier, Sturmvogel hieß das in Wien, eine Kinderorganisation der Kommunistischen Partei. Wir Kinder sind sowieso ganz sowjetzugewandt, nicht weil die so kinderfreundlich sind: Der Sozialismus, der Osten ist rot (China ist jung, wurde damals noch gesungen), die blühende Alternative zum Ausbeuterkapitalismus Amerikas und langsam, ganz langsam Westeuropas, ward uns eingefleischt und hernach als glänzende Zukunft entgegengeworfen.

Erster Splitter Kindheit
Da war die Kindheit, war ein Mordstheater
Zuerst erwürgten sie mir glatt den Vater
Dann kam die Mutter zruck aus dem Kazett
Streichelte mich ins ICH, doch ich war weg

Vagabundierte durch die Leidenschaften
Sodass die Schulen als die Zitadellen
Des Lebens stürzten. Und sie schafften
Des Aufruhrs Winde, des Versagens Wellen

Und prallte ab bei Menschenkindern
Stieß rasch hinein in solche Roten Träume.
Sodass Parolen mich umküssten aus Genossenmündern.

Bis in die Kindheit runter werfen Marx- und Leninbäume
Die Zukunftsschatten, welche meine Gegenwart verhindern:
Rauchnasenkinder zeug ich mir vom Stein der Vatersteine.


Mich und meinesgleichen interessierte keine Montanunion. Überhaupt erschien uns der Europa-Gedanke reaktionär und rechts - da wollen sich die Konzerne supranational zusammenschließen und nennen das die "Integration Europas". Für mich war Adenauer eine suspekte Gestalt; inwieweit er ein "großer Europäer" war, konnten diejenigen nicht erkennen, welche gar nicht wussten, was "ein großer Europäer" überhaupt sein soll. Nach dem dreizehnten August einundsechzig sangen wir: Auf der Mauer, auf der Mauer, sitzt der Konrad Adenauer. Wir schoben die Teilung Deutschlands durchaus dem Westen in die Stiefel und bekämpften die Revanchisten, die Vertriebenenverbände, deren Methode der Geschichtsbetrachtung - vermutlich zum Teil noch heute - in der chronologischen Schuldumkehr bestand: Nicht die Nazis mit Billigung der meisten "Volksdeutschen" hatten sich wie die Barbaren im Sudetenland und in Schlesien aufgeführt und so die Voraussetzung für die spätere Vertreibung geschaffen, nein neunzehnfünfundvierzig war für sie die Stunde Null, und es begann das Unrecht. Viel später erst begriffen wir, dass kein Unrecht ein anderes rechtfertigen kann. Für mein Schreiben aber war ihr Verleugnen der eigenen Schuld und die lautstarke Beschuldigung ihrer einstigen Opfer prägend und schloss mehr und mehr auch den Stalinismus mit ein. Denn für Stalinkantaten war ich zu jung und später als Gelegenheitsmaoist konnte ich mich zu entsprechenden Lobliedern auf Grund früherer Erfahrungen nun doch nicht entschließen.

Für einen links Sozialisierten, noch dazu mit einer vertilgten Familie im Rucksack, war der europäische Gedanke lange nicht attraktiv. Wie kam er denn daher?

3.

Eine konzertierte Aktion, eine formierte Gesellschaft, ein Wertekompendium, das die alten deutschen Herrlichkeiten mit demokratischen Stehsätzen bemäntelte, aber alles Linke zu kriminalisieren suchte. Da wurde aufgebaut, Demokratie von den einst feindlichen Westalliierten abgepaust, es wurde verdrängt, dass die Seelenschwarten krachten, die Leichen verbuddelt, die Erinnerungen an sie zur Vorgeschichte hin untertunnelt. Im Präsens standen die Wendehälse, angesehene Politiker, Ministerpräsidenten, Verkehrsminister, Vertriebenenminister, Bundespräsidenten etc.

In Österreich war der Werteverbund ähnlich und noch um einen Dreh perfider: Als erstes Opfer Nazideutschlands verkauften bekanntlich unsere bauernschlauen Politiker der Welt die Rolle der Österreicher. So konnten diese direkt vom Rand der Erschießungsgruben, in die Juden, Russen, Partisanen, Kommissare hinabgeschossen wurden, in den Zuschauerraum des Nachkriegsösterreichs springen und von einem anderen Stück berichten, das sie bloß gesehen, nicht gespielt haben. Es taten immer die anderen etwas: Die Partisanen, der asiatische Iwan. Juden? Nirgendwo gab es Juden und wenn, dann ging es denen dann an den Kragen, daweil man grad auf Heimaturlaub war. Zehntausende österreichische Wehrmachtssoldaten mussten mitmachen bei der Aktion "Verbrannte Erde", doch kaum einer sah ein Verbrechen der Wehrmacht, und sah er es, schwieg er. Diese Generation war ein Wunder. Sie ging wie einst Galahad vollkommen unschuldig aus dem Weltgemetzel hervor, obwohl sie sogar Teil einer Angriffsmaschinerie war. Am Ende hatte sie ihre Pflicht getan.

Weniger die erste, doch schon die zweite Generation der Politiker und die mittleren und unteren Chargen der beiden großen Parteien waren allesamt Zuschauer eines bedauernswerten Geschehens. Die dritte Kraft - VDU d.i.: Verband der Unabhängigen - sammelte nicht unerhebliche Reste der Ehemaligen, welche etwas abgeschwächt zu ihrer ehemaligen Gesinnung standen. Abgeschwächt heißt: Zu den "guten" Seiten des Nationalsozialismus. Hitler war ein böser Mann //doch baute er die Autobahn //. Auch das mit den Juden war ein Fehler, das Antiklerikale auch; überhaupt war es falsch, gleichzeitig gegen Weihrauch und Knoblauch zu kämpfen. In diesem Sumpf entstand und gedieh jene braune Blume, welche die österreichische Farbenblindheit - eine Volkskrankheit - für blau hielt.

Ausgerechnet aus diesen Reihen kam der Europa-Gedanke auf uns. Unterstützt und bald überflügelt von den Konservativen des Landes griff die Idee Platz. Einer ihrer Kerne war allerdings, dass eigentlich bereits Hitler ein geeintes Europa wollte und auch bekam - siehe Archipel Europa. Diesen Kerngedanken wiesen die Konservativen zurück, ersetzten ihn durch Zeitgemäßes: Das Vereinte Europa soll sein ein wirtschaftskräftiges Bollwerk gegen den gottlosen Kommunismus, soll werden eine Befreiung unserer Brüder und Schwestern in Osteuropa. Um dieses Europa zu bekommen, muss es zuvor in zwei Stücke geschlagen werden, und immer, wenn von Europa die Rede war, galt es, dem Westen zugewandt zu sein. Gegen diesen Werteverbund liefen die Achtundsechziger Sturm, wie wir wissen. Allmählich, allmählich, mit den Ostverträgen, mit den zerbröckelnden Volkswirtschaften im Osten und ihren spießbürgerlichen Demokratiedefiziten, schließlich mit Gorbatschows Perestroika, veränderte sich auch das Wertekompendium des Westens. Die Wundergeneration fährt allmählich, allmählich in die Grube und mit ihr etliche herrliche und alte Gedanken. Als die Neunundachtzigerereignisse dem Realsozialismus den Garaus machten, hatte sich schon ein anderer Europagedanke herausgebildet, welcher sowohl mit der paneuropäischen Bewegung als auch mit dem alten Mitteleuropa mehr zu tun hatte als mit dem Europabild der Rechten und mancher Konservativen früherer Jahre.

4.

"Was soll das für ein Mitteleuropa sein, in dem die Verkehrssprache Englisch ist", fragte vor Jahren der Schriftsteller Milo Dor, geboren in Budapest, aufgewachsen in Beograd, nach dem Krieg in Wien lebend. Mitteleuropa ist heute ein Trugbild: Mit der Vernichtung des europäischen Judentums ist auch jenes kulturelle Mitteleuropa unwiederbringlich dahin. Doch pulst jene Zeit in mir fort, sie trägt all das Vergangne herauf, sei es in den Schriften Milo Dors, im Werk von Aleksandar Tisma, Ivo Andric, Robert Musil, Joseph Roth und vieler anderer. Insofern spielte und spielt dieser Raum auch in meinem Schreiben eine große Rolle.



DIE REISE DER WÖRTER 1 (Inmitten des Karstes)

1

Inmitten des Karstes und Leichen liegen auf ihm
Blutpfützen da und dort ein blasser Himmel und drunten
Baumgruppen ein See mit gekräuseltem Wasser inmitten
Des Steins südöstlicher Geschichte zusammengekauert
Mit Ohren als wär es schwankendes Schilf eine
Gruppe von Wörtern mit Augen aus Objektiven
Hockt in den Mulden des Karstes auf den Höhen
Sieht in zerschossnes Gehöft diese Gruppe hört auf

In der Gegend zusammengebuckelt still zu halten
Sondern erhebt sich fährt aus was an Triebkraft
Ihr Flügel verleiht und flattert und fliegt und entfernt sich
Von den Blutmeeren als die sie da schweigen und
Infizieren rundum alles mit Stille entfliegt
Den Jammertalen den gepanzerten Bergnasen
Gewinnt an Höhe an Breite verliert im Fluge
Die Schatten der Gegend und schlüpft in unsern Gehörgang

2

Ich melde dies war er besoffen das sah ich mit den
Gebe ich zu eignen herausgewälzten Augen vorne ein Mädchen
Dazwischen ein Greis Srebrenica meine Liebste von vorne
Bückt sich dein Gebihatschter samt seinem Goratsch zum Ende.
Kannitverstan! Meld er verständlich den Greuelfakt
Herauf in unsere Kästen wen interessierts dass du da
Irgendeine Srebrenica gefickt was ist mit den Messern
Im Maul der einen der andern der einen ists wahr dann ists wahr

3

Über den zentralen Alpen trennen sich die Wörter von sich
Verlassen die Kavalkade nesseln herunter verschwinden
In den Computern kommen aus diesen durchrastern die Bilder
Und Schilf wiegt sich zu Minen Markt zu Massakern die
Wörter stoßen vom Gehörgang zum Zungengrund von dort
Neue Wörter aus jenen und der Kontinent plappert
Die Gegend zu dort frühere Bauern und Ärztinnen
Einstige Kinder und Soldaten ein stilles Equipment ergeben


Ausgerechnet diese Region hat es zerrissen, die Blutfahnen des ganzen vergangenen Jahrhunderts kehrten in den Neunzigerjahren auf engstem Raum zurück und drohten anfangs auch das ganze Europa zu renationalisieren.

Während des Bachmannwettbewerbs 1992 in Klagenfurt hörte man das Schießen fast bis zu uns herein.

REISE DER WÖRTER 2 (Sterbien)

Während mich der Schlaf übermannt denke ich zerfahren
Über die Stimmen nach die den südslawischen Wirren
Nun ein Echo sind im Halbschlaf seh ich
Als wär ich dabei das Einreiten der Ustaschaflagge
In den Gehöften der Krajina das ununterbrochene
Beschieße Ostslawoniens die Arme von Vukovar die Toten und
Den Filmer Niki Vogel niedergestreckt am
Süßen Flugfeld der nördlichen Stadt Ljubljana

Die nach Liebe klingt Falter umrunden die Leselampe
Daweil die Bosnier in Srebrenica längst ins Grab geschossen und
Murmele Selbstbestimmungsrechte der Völker Tschetschenen
Krajinageserbe Muslime Deutschtyrol im Süden was ist mit Erdberg
Am Weltkanal das Blut füllt meine Augendeckel Ignorant und Nörgler
Begutachten Bombardierungen der Weißen Stadt es ist als
Ob Serbien zu sterbien hat jeder Schuss ein Russ die Bauchatmung

Die ich bei mir beobachte hier macht sie mich lachen
In der Wiener Bettstatt nun prügeln sie aus ihren Redaktionen
Ihren Wirtshäusern auf den Dichter H. ein weil der ein Trauernder des
Gesamtstaates gerechte Berichterstattung sich wünschte einen
Gräueltatbestand und aber bevor ich die Augen
Zuklappen kann torkelt Herr Joseph R. oder so ähnlich über
Meinen Nabel soll doch Franz Joseph eher leben als
Tudjman und Milosevic flüstert der ich

Dreh mich um nehme ein Bein aus der Decke
Strecke den Hintern nach Südost bette beide Hände
An der Wange und jetzt hab ich zu schlafen schon
Morgen muss ich einer Figur meines Romans
Hinterherschreiben die begehrt nicht schuld
Daran zu sein spät ist es für aufgeschriebenes Zeug denn
Unten auf der Straße kratzen die Schneeräumgeräte
Als ob Panzer darauf warten dann endlich holt mich der Traum


Wiederum erwies sich seitens der Medien diese einseitige Berichterstattung als Indiz, wie schnell sich nationalistische Scharfmacherei entwickeln kann. Der serbische Nationalismus, der gewiss ebenso Schuld trug an den Kriegen in der Region wie der kroatische, wurde in alter Serbienmusssterbien-Manier verantwortlich gemacht. Peter Handke, der diese Einseitigkeit anprangerte, wurde von diesen Medien aus Deutschland und Österreich nahezu zum Feind des Friedens und der Demokratie erklärt. Dass er dann später auch etwas einseitig die serbische Politik in Schutz nahm und sich womöglich auch etwas verrannt hat, ist angesichts jener Medienkampagne verständlich, wenn es auch zu einer gewissen Klarheit der Orientierung wenig beitrug.

Doch sukzessive fasste auch in dieser Krise dieses neue Europa Fuß. Eventuell werden die Konturen einer Friedensunion sichtbar.

5.

Ich fühle mich in der Europäischen Union ganz gut, freue mich, dass wir in den Haiderjahren innerhalb und nicht außerhalb der EU waren. Es wäre unangenehm gewesen in Zeiten aufsteigenden Populismus mit den Haider nachlaufenden österreichischen Schlaumeiern allein geblieben zu sein.

Jetzt mit der Osterweiterung müsste sich die Union zur Sozialunion weiterentwickeln, doch auch in der puren Wirtschaftsunion wird es zu neuen sozialen Kämpfen kommen. Doch diese Kämpfe als neue Klassenkämpfe und nicht als Kämpfe der Staaten gegeneinander mögen auch mehr soziale Gerechtigkeit zum Resultat haben. So wären auch jene Linke mit diesem Europa einverstanden, die sich die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit immer schon im internationalen Maßstab gewünscht haben.

Mir solls recht sein. Aber mein Schreiben hat seine Muttermale leider nicht im Reformeuropa, sondern in jenem europäischen Gulag. Je mehr dieser in der Geschichte zum Erdreich geht, desto mehr mögen künftige Texte zivilisatorischen Fortschritten Rechnung tragen.

Neunzehnfünfundvierzig. Der Zug hält. Die Türen gehen auf. Männer - in anderen Uniformen als bisher gesehen - werfen Strohsäcke in die Waggons. Meine Mutter, sowohl mit zweiunddreißig Jahren als auch mit zweiunddreißig Kilo, fragt einen Uniformierten:
"Wieso auf einmal Strohsäcke"?
Der Mann in der Uniform der Feldpolizei schweigt. Die Häftlinge aus den diversen KZ's schweigen ebenso. Plötzlich sagt der Mann:
"Heute ist der neunte Mai, Friedensschluss." Und mit Blick auf die herumstehenden und einherliegenden Skelette fügt er hinzu:
"Ihr habt es gut."

Jänner 2003

 



Published 2003-12-16


Original in German
Contributed by Wespennest
© Robert Schindel
© Wespennest
© Eurozine
 

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