Verrat, Schwindel und Glück
Zur Psychologie und Metaphysik des Verführens
I.
Es ist eines der berühmten Gedichte aus Goethes Jugendlyrik, und es klingt so:Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband!
Noch zu Lebzeiten Goethes berichtet Rahel Varnhagen vom "kalten Todesschreck", dem "Eis auf dem Herzen", das sie befallen habe, als sie plötzlich erkannte, was dies wunderbare Stück Literatur eben auch - und zuallererst - war: Zeugnis eines Verrats und Medium einer ganz und gar gelungenen Verführung, Beginn einer unheilbaren Lebensvergiftung und zugleich ein unvergängliches Werk der Kunst. Gewidmet hatte Goethe das Gedicht der schönen Elsässerin Friederike Brion, seiner ersten großen Liebe, der er, einundzwanzigjährig und Jurastudent in Straßburg, im Pfarrhaus von Sessenheim (das Goethe immer Sesenheim nennt) begegnet war. Friederike war achtzehn, Tochter des Dorfpfarrers, und offenbar a german beauty; genau so, wie sie ihre spätere Legende im 19. Jahrhundert in tausend Holzstichen und Gartenlaube -Illustrationen immer wieder vorgestellt hat: "Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorgen geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehen und zu erkennen." Goethe schreibt das, mehr als vierzig Jahre danach, im dritten Teil von Dichtung und Wahrheit , ziemlich genau um die Zeit, als Friederike, einundsechzigjährig und unverheiratet geblieben, nach einer kleinen, arbeitsam und selbstlos geführten Existenz, am 3. April 1813 im badischen Meißenheim stirbt.
Nach dem Tod wird sie zur paradigmatischen Figur, zur wirklichkeitsverbürgenden Gestalt hinter Goethes verlassenen Geliebten, vom Clavigo bis zum Faust . Mit Gretchen teilt sie das Schicksal, nur als und im Spiegel fremder Übergröße, ihren Platz im Gedächtnis der Welt zu behalten. "Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, / So reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh", steht ein halbes Jahrhundert später gereimt auf ihrem mittlerweile zum Denkmal gewordenen Grab.
Zum Stil der großen, der nennenswerten, philosophisch und psychologisch interessanten und den Geist der Menschen merkwürdig faszinierenden Verführung gehört, sozusagen obligat, etwas Verletzendes, ein schwarzer Schwindel, der Verrat und seine Bosheit. Das ist es, was der anfangs zitierten Rahel Varnhagen bei der Lektüre von Goethes Lebensbericht und der Vergegenwärtigung des selbstsicher werbenden Liedes mit einem Schlag auffällt und was sie zutiefst erschreckt: "Die Gedanken gehemmt. Und als sie wiederkamen, konnt' ich ganz des Mädchens Herz empfinden. Es, er mußte sie vergiften. Dem hätte sie nicht glauben sollen? Die Natur war dazu eingerichtet. Und wie muß er gewesen sein, er, Goethe, hübsch, wie er war! Ich fühlte dieser Worte ewiges Umklammern um ihr Herz, ich fühlte, daß die sich lebendig nicht wieder losreißen; und wie des Mädchens Herz selbst, klappte meins krampfhaft zu, wurde ganz klein, in den Rippen; dabei dacht' ich an solchen Plan, an solch Opfer des Schicksals, und laut schrie ich, ich mußte, das Herz wäre mir sonst todt geblieben. Und zum ersten Mal war Goethe feindlich für mich da. Solche Worte mußte man nicht schreiben; er nicht! Er kannte ihre Süße, ihre Bedeutung; hatte selbst schon geblutet."
Tatsächlich hat, wie Goethe selbst in einem Brief an Frau von Stein sieben Jahre später zugibt, sein Weggang und Abschiedsgeständnis Friederike "fast das Leben gekostet". Und wenn diese es auch überstanden hat, so hat doch Goethes Versprechen und sein abruptes Ende Friederike im Herzen für immer betäubt und ihre Seele entzweigeschnitten. - So ist jedenfalls zu vermuten; viel weiß man nicht. Das Schicksal des Sesenheimer Mädchens ist längst zu einem mythischen Komplement zu der ebenso mythischen Figur des Verführers geworden. "Sah ein Knab' ein Röslein stehn ..." Die alte Geschichte.
Und genau gegen solch nonchalant melancholisch-ästhetische Versöhnlichkeit mit dem anscheinend Unvermeidlichen, wie sie in Goethes volksliedhaftem Gedicht evoziert wird, opponiert Rahel Varnhagen mit einem empört-empathischen Ausbruch: "Das hätte er nicht sagen, mit seinen Worten nicht tun dürfen. Er wußte doch, was er anrichtet!" Und: "Er kannte ihre Süße, ihre Bedeutung; hatte selbst schon geblutet." Worauf immer die Varnhagen da anspielen mag, wichtig für eine Theorie des Verführers ist der moralische Vorwurf, der hier erhoben wird. Und zwar mit aller Macht erhoben. Nicht viel weniger als einen absichtlichen Seelenmord wirft sie Goethe vor; einen Frevel; eine gottlästerliche Schandtat.
Und sie sät den Verdacht, dass, was mit dem Mädchen geschah, den Charakter eines halb bewussten Racheopfers besitzt. Wurde von Goethe nicht einer anderen zugefügt, was ihm selber zugefügt worden war? War Friederike nicht so zum Objekt seines eigenen Traumas geworden? Alles, was er gemacht, geschrieben und gespielt hatte, im Letzten und Tiefsten, also eine sadistische Inszenierung? - und die Süße von Goethes Lyrik eine luziferische Blüte des Bösen ...?
Man muss die Sache durchaus bis in diese tiefenpsychologischen und metaphysischen Dimensionen hineintreiben, um Rahel Varnhagens entsetzte Erschütterung richtig verstehen zu können. Denn das Geheimnis des Verführers, das ihr am Beispiel des jungen Goethe und seiner mitreißend-leidenschaftlichen, grandios-weltfreudigen Gedichtkunst aufgegangen ist, enthält eben all dies: diabolisch-narzisstische Rachegelüste, ein unerfüllbares Versprechen, den Glanz der Rücksichtslosigkeit - und einen bestürzenden Sog ins ganz Andere und zur nihilistischen Umwertung aller Werte; einen Sog, der die irritierende Faszination der Gestalt des Verführers erst wirklich begreiflich macht.
II.
Ich will diese Behauptungen begründen, indem ich mir jetzt eine kleine Strukturanalyse des Verführens vornehme.Ich möchte am Verführen nämlich drei Aspekte unterscheiden; den strategischen, den existenziell-psychologischen und den - nun, ja, warum nicht, schließlich haben wir vom Teuflischen bzw. Luziferischen bereits gehandelt - metaphysischen Aspekt. Bei diesen Erläuterungen werde ich mich gleichzeitig ein Stück weit mit Peter von Matts Verführertypologie auseinandersetzen, die er in seinem Buch mit dem deutlichen Titel Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur entwickelt hat. Dort kontrastiert er dem "klassischen Verführer", dem Don Juan-Giovanni, den "neuen Verführer", den kalten Karrieristen, der alles bloß um des Geldes willen tut und den Wert einer Frau einschätzt wie den einer Aktie.
"Der klassische Verführer hat Geld, und er will die Liebe, die Lust, die Leidenschaft, den Genuss. Um dieser Willen setzt er sein Geld ein; seiŒs zu Geschenken, seiŒs zur Ausstattung der eigenen Person. Beides hat ins Auge zu stechen und zu blenden. Der neue Verführer nach dem Muster des bürgerlichen Jahrhunderts kehrt die Positionen um. Er will Geld und setzt dafür die Liebe ein." (von Matt, 322) Maupassants Bel-Ami verdrängt Giacomo Casanova, Surabaya-Johnny, den titanischen Roquairol. Das alles stimmt natürlich, von Matt beruft sich sehr zu Recht auf das, was Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur für das nachrevolutionäre Frankreich und so auch über das gesamte, von Frankreich her geprägte europäische 19. Jahrhundert feststellt: "Geld beherrscht das ganze öffentliche und private Leben; alles beugt sich vor ihm, alles dient ihm, alles prostituiert sich - genau so oder fast so, wie Balzac es beschrieben hat [...] auf einmal (wird) jedes Recht, jede Macht, jede Fähigkeit in Geld ausgedrückt. Alles muss auf diesen Nenner gebracht werden, damit es begreiflich wird." So ist die Frau schließlich selbst eine Aktie und der raffinierte Verführer aus dem galanten Rokoko verwandelt sich in den kalkulierenden Raider, oder, im mieseren Fall, in den Gambler am Pokertisch der schwarz-roten Gefühle.
Wie gesagt, das ist nicht zu bestreiten, von Matt belegt es auch für die deutschsprachige Literatur mit einer Fülle genauer Interpretationen, von Hebbels Maria Magdalena bis zu Carl Sternheims eiskalten Szenen aus dem Heldenleben des Hochkapitalismus. Doch bei aller Triftigkeit verdeckt die Gegenüberstellung zwischen höfisch-klassischem und modern-funktionalem Verführer deren grundlegend Gemeinsames - das, was auch der geldbesessene Verführer an sich haben muss, um mehr sein zu können als ein schäbig tricksender Heiratsschwindler und Varièté-Gauner. Und worin soll dies mysteriöse X bestehen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Sie ist am besten zu finden, wenn man den Treppenstufen der vorgeschlagenen Strukturanalyse folgt, beginnend bei dem, was offensichtlich ist: beim strategischen Aspekt.
"Verführen" heißt, jemanden von seinem eigenen (vielleicht sogar vom "rechten") Weg abbringen. Der "Duden" vermeldet: "Verführen (tr.) ...: jemanden so beeinflussen, dass er etwas tut, was nicht in seiner Absicht liegt (und was er nachher bereut): ... Der Strolch hat das Mädchen verführt (zum Geschlechtsverkehr verleitet)". Liest man lediglich die Angaben zum Verbum, dann möchte man denken, die deutsche Sprache (wenigstens in ihrer "dudistischen" Offizialform) sei schon auf der lexikalischen Ebene so unerbittlich ordnungsliebend und rechtschaffen wie Professor Unrat, kurz bevor er dem "Blauen Engel" verfällt. "Verführen" wird hier - mindestens seiner Grundtendenz nach - als etwas beschrieben, was einen andern Menschen schädigt und - wenngleich auf subtile Weise - überwältigt. Und irgendwie scheint es dabei zuletzt immer um Sex zu gehen. Zum Glück für uns pagane Spieler und Sybariten, die wir geneigt sind, mit dem Akt des Verführens stets auch etwas selbstzweckhaft Freies, Befreiendes und irgendwie Köstliches zu verbinden (das übrigens mit Genüssen aller Art und nicht nur mit den Lüsten der Erogenitalzone zu tun hat), zum Glück für uns ist der "Duden" beim Adjektiv "verführerisch" etwas weniger sittenstreng und ein bisschen lustfreundlicher.
Der Wortbeschrieb verdirbt einem nicht gleich das Vergnügen am Vorgang als solchem durch die Erinnerung ans finale Unglück, das auf seinen Moment wartet wie die Spinne im Netz. Wir lesen "verführerisch" bedeute "verlockend"; und weil der Beispielsatz lautet: "Sie sieht verführerisch aus", gleitet sogleich Sugar Kane alias Marylin Monroe in Some like it hot in unser Gedächtnis ...
III.
Wie immer man das Verführen und seine Wirkungen beurteilen mag, seine primäre Leistung besteht darin, eine Seele zu gewinnen, ein Begehren zu wecken, so dass etwas möglich wird, was die eine Seite keineswegs, die andere sehr wohl im Sinn hatte. Von den Verführenden erfordert das List, Zeitgefühl, Attraktivität, Kräfte diverser Art, denn eine Gegenkraft (und sei es bloß diejenige mangelnder Fantasie) muss allemal überwunden werden. Zu welchem Zweck aber? Zum Genuss; um der Karriere willen; aus frivoler Freude an der Erprobung der eigenen Macht ...? Es kann aus ganz verschiedenen Gründen geschehen. Wichtig ist lediglich, dass es ein Ziel gibt. Die Verführung ist der Weg dazu. Und das eben ist ihr strategisch-instrumenteller Aspekt, in dessen Licht der Verführer, die Verführerin als Kalkulatoren erscheinen, als MeisterInnen der Kunst, latente Wünsche zum Vorschein zu bringen, zu hegen und zu stärken - und zugleich präzise zu lenken. Freilich ohne je direkt etwas zu fordern oder gar zu befehlen, so dass die Verführten eben nie werden sagen können, es seien nicht ihre eigensten und innersten Antriebe gewesen, die sie zu dem bewogen und bewegt hätten, was sie schließlich zu Gunsten fremder Absicht und Bestreben und nicht selten zum eigenen Nachteil getan haben. Unterm instrumentell-strategischen Aspekt ist Verführung tatsächlich, was schon im Wort "strategisch" sich zeigt: eine subtile Art von Kriegsführung, die vermutlich zuerst von den Frauen entwickelt worden ist, geht es hier doch nicht um physische Überlegenheit und brutale Gewalt, sondern um psychische Macht und um die Einsicht in die Mechanismen geistiger Prozesse.Blickt man sich um in den ersten Überlieferungen der Kultur, bei Homer, in der Bibel, unter Gestalten archaischer Geschichte, auf der Suche nach den mythischen Erfindern der Verführung, dann stößt man nicht zufällig neben einem gefallenen Engel (Luzifer) und einem verwandlungssüchtigen Gott (Zeus) stets nur auf Frauen: Eva und Batseba im Alten Testament, die Sirenen, Circe und Calypso bei Homer, die chinesische Kurtisane Hsi Shih oder die historische Cleopatra. Und wie Robert Greene notiert, dem wir den neuesten Traktat zur "Art of Seduction" verdanken, "planten die ersten großen Verführerinnen das Erlegen ihrer Beute wie die Generale die Vernichtung ihres Feindes": "... tatsächlich vergleichen frühe Schriften über die Kunst der Verführung diese oft mit einer Schlacht: Verführung als weibliche Variante der Kriegführung. Für Cleopatra war sie wirklich ein Mittel, ihr Reich zusammenzuhalten. Als Verführerin war die Frau nicht länger passives Sexualobjekt; sie war zu einer aktiv Handelnden geworden, einer Figur im Spiel um die Macht." (16)
So weit, so klar. Allerdings sollten wir Acht geben, dass uns nicht die Sache selbst, das Verführerische, am Verführen abhanden kommt. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jetzt - beim Versuch, die genannte Gefahr zu bezeichnen - selber eine Zeit lang wenig attraktiv und ziemlich abstrakt und trocken doziere. Also: Wer in der von Robert Greene charakterisierten, strategischen Weise ver-führen will, muss anderes geben, als er bzw. sie selber haben will. Formal-logizistisch gesagt: S verführt O, indem S z(1) von O begehren lässt, so dass S von O z(2) erhält, was ohne das Begehren O's von z(1) nicht möglich wäre. Sieht man sich diese Form näher an, dann entdeckt man rasch, dass sie nichts als die Struktur des Tausches enthält und daher nicht mehr und nicht weniger ist als ein Geschäft. Nun mag es ja sein, dass erfolgreiches Geschäftemachen einiges mit Kriegsführung zu tun hat, dennoch ist offensichtlich, dass auf diese Weise das Eigentliche oder Spezifische der Verführung noch, oder besser: gerade nicht erfasst wird. Bei der Verführung geht es um etwas anderes als um einen gewöhnlichen Tausch.
IV.
Zugegeben, das ist eine Behauptung, die allein dann stimmt, wenn mit dem Begriff der "Verführung" eine außeralltägliche Steigerung normaler Wunschintensitäten und des üblichen Gefühlskommerzes verbunden wird. Die gewohnte Warenwelt kapitalistischer Konsumwirtschaft ist ja geradezu durchtränkt vom Fluidum sirenischer Reize und viel versprechender Appetitanreger. Doch diese Art von unaufhörlichen Verführungsrevuen, Käuferbetörungen und zahlungskraftabhängigen Bordellparadiesen ist längst banal geworden und so entzaubert, dass wir sie so leicht durchschauen wie routinierte Ratten die Futteranlagen und Tretmühlen im Laborkäfig. Keine Spur von jener Passion, großer Hoffnung und tiefer Erregung, keine Spur vom Charisma und diesem "anderen Zustand", von der alles umkehrenden Schwindelempfindung, an die wir doch denken müssen, wenn uns das existenzielle Moment im Thema des Verführers und der Verführung interessant und auffällig wird; jener Aspekt, wo es eben um Tod und Leben, euphorische Erwartung und tödliche Enttäuschung geht.Bei der "eigentlichen" Verführung spiele anderes mit als die Motivationen kommuner Tauschvorgänge; das ist die These. Formalistisch und abstrakt gesagt: O, wenn er S verfällt, braucht die Illusion und Vorstellung, es ginge S um sein Begehren selbst und um gar nichts sonst. O darf also die Absicht auf z(2) nicht durchschauen, sonst erschiene auch O der Preis, den er zu zahlen hat, zu hoch. Warum? Weil ihm dann klar geworden sein müsste, dass das für ihn Entscheidende, "das eigentlich Verführerische", gerade nicht und nie geschieht. Nämlich dies, dass von S, dass von der anderen Seite, sein eigenes Begehren nicht nur instrumentell als Mittel, sondern als letzter Zweck und als bestimmendes Ziel erstrebt wird. Das Begehrtwerden des eigenen Begehrens - das ist doch immer der tiefste Wunsch der Liebe, d.h. der Sehnsucht nach der Erlösung von der eigenen Bedürftigkeit, Unfertigkeit, Ausgesetztheit und Vereinzelung durch die Zuwendung des/der Anderen, der oder die mein Gott und Heil ist, weil sie/er mich ebenso benötigt wie ich sie. "Fühle, was dies Herz empfindet / Reiche frei mir deine Hand/ Und das Band, das uns verbindet / Sei kein schwaches Rosenband!" Was hier zum Ausdruck gelangt, ist weit mehr als ein Heiratsantrag. Es ist das Versprechen einer wechselseitigen Zuneigung aus der Bejahung des eigenen Verlangens und zugleich der in Worte strömende Wunsch nach lebendigster, nie verblühender Einheit.
Die Varnhagen hatte schon Recht: Das ist ein Ton, der exakt ins Zentrum humaner Glücks- und Sinnansprüche trifft und für immer dort nachklingt, wenn er eine Seele einmal geweckt und erfüllt hat, jene Ursehnsucht nach Ganzheit erinnernd, die uns alle begleitet, seit wir vom Licht und Lärm der Welt erschüttert, geteilt und geblendet worden sind, also seit unserer Geburt. Und die Varnhagen hat ein zweites Mal Recht, wenn sie moralische Kategorien ins Spiel bringt und sich plötzlich vor die verstörende Frage gestellt sieht, was das für ein Mensch ist, der so unbedingt eine andere Existenz auf sich zu beziehen bereit ist, ohne selbst wirklich standhalten zu wollen - ist es ein Teufel, ein böser Gott oder gar kein zurechnungsfähiger Charakter, ein inspiriertes Medium, ein Besessener derjenigen Mächte, die durch alle Bewusstheit und Subjektivität hindurchgreifen, als sei die Person bloß eine Maske -?
V.
Teufel oder selbstvergessener Mittler stärkerer Kräfte, jedenfalls mehr als ein einfacher Betrüger oder Gefühlswarenhändler - das ist der Punkt, wo sich der Verführer und sein tiefenpsychologisch-existenzielles Problem zu enthüllen beginnen.Das erkennt man wohl dann am besten, wenn man Peter von Matts Unterscheidung zwischen dem klassischen und dem modernen, geldgläubigen Verführer aufnimmt und sich fragt, was auch des Letzteren Faszination ausmacht, welche Besessenheit ihm das Charisma verleiht, das seine Opfer in Bann schlägt. - Es ist, kurz gesagt, der Geist, der auch im Kapitalismus aufs Ganze geht. Wo, wie mit Beginn des industriellen Zeitalters, "das alte Gold zum Papier (wird), das bald viel, bald gar nichts wert ist, (wird) der Einzelne zu einem Wesen, dessen Identität an den schwankenden Wert seiner Papiere gebunden ist. Seine Individualität steht in der letzten Konsequenz in Relation zum Börsengeschehen." (von Matt, 358) Der die Liebe funktionalisierende Verführer aus Berechnung ist selbst nur ein Spiegel und die Wirkung von Vorgängen, die außerhalb seiner Tatmacht liegen. Bloß auf den ersten Blick also ist er der vollkommen rationale Meister der Affekte und der unberührbare Eigentümer seiner Autonomie. In Wahrheit ist er weder unerschütterlich noch sein eigener Herr. Sein Selbstgefühl und seine Entscheidungen sind Effekte jenes grundlegenden, alles durchwirkenden Prozesses, den Hegel den "Geist der Zeit", Marx "das Kapital" und Nietzsche, in höchster formaler Zuspitzung, den "Willen zur Macht" nennt.
Die Attraktivität des modernen Verführers gründet sich auf die subjektive Vorbehaltlosigkeit und Radikalität, mit der er sich dem unterwirft, was ihn wie alles objektiv bestimmt: das Streben nach umfassender Herrschaft in der Möglichkeitsform des Geldes. Gerade am Inbegriff des kalkulierenden Strategen, am kalten Verführer um der Karriere willen, zeigt sich, dass die vordergründige Beschäftigung mit dem strategischen Aspekt des Verführens nicht ausreicht, um das Phänomen der Verführung und des Verführtwerdens zu begreifen. Denn der kalte Verführer ist offensichtlich das Medium eines brennenden Willens zur Macht, der die Person des Verführers selber übertrifft und beherrscht. Und eben dies macht ihn (oder sie) stark und unwiderstehlich. Denn aus ihm (oder ihr) spricht ein totales Begehren, das vor nichts zurückzuschrecken braucht, weil es weiß, dass "seine Zeit gekommen ist", um es in der Sprache der Verheißung zu sagen. Allein, wer selber verführt ist und ganz und gar besetzt ist von einem mächtigen Wunsch, einem Wunsch, der mehr ist als ein bloßer Wunsch, weil er zugleich die mitreißende Hoffnung seiner baldigen Erfüllung nährt, vermag andere zu verführen. Die Differenz zwischen Verführer und Verführtem besteht lediglich in der Bewusstheit, mit der das Verlangen jeweils zum Vorschein kommt; hochbewusst im einen, kaum bewusst im andern Fall. Dabei ist die Besonderheit des jeweiligen Wunschbegehrens nicht entscheidend; ob es erotisch, politisch, religiös oder bloß geldsüchtig ist, spielt im Grund keine Rolle. Notwendig ist aber, dass es in sich das Versprechen auf restloses Glück, auf den Einklang der Zukunft mit dem Jetzt, der Vergangenheit mit der Gegenwart enthält. Der Sinn der Verführung - für den Verführer wie den Verführten - ist so am Ende stets derselbe: der grenzenlose, in sich aufgehobene, absolute Augenblick. Von der Aussicht auf ihn sind beide betört und betören sich im gemeinsamen Wunsch, ihn zu bewirken.
VI.
Offensichtlich sind wir in jenen Bereich gelangt, in welchem die Analyse der menschlichen Existenzverfassung mit ihrer Wunschnatur fast von selbst in die Probleme der Metaphysik hinüberweist. Metaphysik ist das Nachdenken über das Sein und das Nichts, Gott und die Welt und den Menschen; immer in der Perspektive eines Wesens, das sich seiner Endlichkeit und Sterblichkeit bewusst ist, aber wissen möchte, wozu das gut sein soll. Metaphysik entspringt dem menschlichen Staunen über das eigene Dasein und sucht nach einer Erklärung für dessen Ort im Ganzen der Natur. Dabei entwirft sie - nicht anders als die Mythen und Offenbarungsreligionen das tun - "große Erzählungen" über den Sinn oder Unsinn, die Erlösbarkeit oder das Sisyphusschicksal der humanen Existenz.Was die Metaphysik vom Mythos und vom Glauben trennt, ist ihr Interesse an vernünftiger Einsicht und Begründung. Ein Interesse, das sie zur ewigen Pilgerin macht, unterwegs zum Ziel der alles umgreifenden Wahrheit. Und was sie mit den Verführern und dem Verführen teilt, ist ihr Bedürfnis, entgegen aller ernüchterten Wirklichkeitserfahrung auf den absoluten Augenblick nicht endgültig verzichten zu wollen. So verspricht sie - wie der Verführer (und der Verführte auch) - je nachdem, worauf sie sich gerade richtet, dass wir Menschen mehr sein werden, als wir jetzt schon sind, und dass es ein Jenseits aller bloß rationalen, sprich: kausalistisch-naturwissenschaftlichen Erklärung der gegebenen Welt gibt. Solches Versprechen findet sich bei Platon nicht weniger als bei Heidegger, bei Marx genauso wie bei Augustin.
Drum sind beide Tätigkeiten - die der Verführenden wie die der Metaphysiker - stets nah am Schwindel wie am Schwindeln. Denn streng, nüchtern und schweizerisch betrachtet ist das ja klar: Wer zu irdischen Lebzeiten die Aussicht auf den ewigen Augenblick - den Augenblick der Wahrheit, des schattenlosen Glücks, der vollkommenen Erfüllung - verspricht, der verspricht allemal zuviel. Aber was wäre, wenn wir auf diese Idee vom gelungenen Leben, die hinausweist über das gewöhnliche Leben, gänzlich verzichten müssten? Brauchen wir sie nicht immer wieder, um das gewöhnliche Leben und seine alltägliche Vergeblichkeit nicht zu zerstören? Und ist es nicht höchste Kunst, diese Illusionen immer wieder zu erneuern, obwohl wir doch alle längst aufgeklärt sind über deren Irrealität? Können wir also auf Verführung wirklich verzichten, genauer: aufs Verführtwerden und darauf, uns selber zu verführen? Wer nicht vollkommen grau geworden ist und vom Existieren verzehrte Existenz, der wird nicht widersprechen, wenn es heißt, dass zur Erwartung des Besseren und Besten, zur utopischen Möglichkeit des Glücks zu verführen (und zu solchem Erwarten verführt uns das Bedürfnis der Metaphysik) lebensdienlich, ja lebensrettende Tätigkeit in höchster Form ist. Bloß - mildert das unser Erschrecken über den Verrat? die falschen Versprechen? die böse Lust an der Macht über die gefangenen Seelen, die zum Verführen gehören, weil zum Verführen das Wissen um die eigene Scheinhaftigkeit von Anfang an gehört? Das Thema der Moral ist nicht zum Verschwinden zu bringen. Weil das an Goethe in Sesenheim erinnert, ist es allerdings vom Thema der Kunst nicht abzuscheiden.
VII.
Zum Stil der großen, der philosophisch und psychologisch nennenswerten Verführung gehöre, sozusagen obligat, etwas tief Verletzendes, ein schwarzer Schwindel, der Verrat und seine Bosheit. So hieß es am Anfang. Warum muss das so sein? Die augustinisch-christliche Antwort auf diese Frage ist so deutlich wie einfach: Weil der Verführer etwas zu gewähren scheint, was zu gewähren Gott allein vorbehalten ist. Es gibt keine Erlösung zu Lebzeiten. Wer solches will und damit lockt, ist niemand anderer als der Teufel selbst, der zu stolze Engel Luzifer, der mehr sein wollte als Gott. Und sündig ist deshalb auch, wer dem Verführer sich ergibt. Denn das irdische Leben ist für uns Menschen nur eine Frist, dazu da, damit wir uns bewähren in der Erwartung des letzten Gerichts. Wer aber jetzt schon den Himmel auf Erden versucht, der versagt vor der gestellten Aufgabe und hat darum die Hölle (und auch die Hölle zu Lebzeiten) verdient.Doch was geschieht, wenn Gott nicht mehr lebt? Wenn er "todt" ist, wie der "tolle Mensch" von Nietzsches "fröhlicher Wissenschaft", sehr erschreckt und gar nicht begeistert, verkündet -? Ist nun alles erlaubt und das Recht des Stärkeren uneingeschränkt gültig? Der Verführer eine Variante des Übermenschen und das Unglück der Verführten nur der Opferrauch vor dessen überlegener Macht? - Es darf und soll einem durchaus schwindlig werden vor solchen Fragen. Ans Spiel der Verführung und des Verführens grenzt eine tödliche Kante.
Eine Kante, vor der ein Tiefenschwindel schon warnt, bevor sie ganz erreicht ist. Denn wird sie überschritten, verliert sich aller Boden unter den Füßen und ein Wirbel der Werte hat begonnen, der restlos alles umzudrehen und zu verrücken vermag, was vorher für fest und unerschütterlich gehalten wurde. Ist "Gott" nicht selbst "Luzifer" und der Teufel am Ende ein verfemter Retter, der endlich eingebrochen ist in eine Welt, die gar nie zu rechtfertigen war? Muss man nicht, müssen wir uns nicht wehtun, um endlich aufgebrochen zu sein, weg von der Moral der Unterwerfung und hinaus in eine Welt der freien Erprobung unserer Kräfte -?
Der Aphorismus 382 der Fröhlichen Wissenschaft , Nietzsches vielleicht gelungenstes Buch, trägt die Überschrift "Die große Gesundheit", und er feiert diesen Sprung über die Kante mit größter rhetorischer Leidenschaft. Das stärkste Lob des Schwindels, das ich kenne. Und wenn genug davon ins Ohr und in den Sinn gedrungen ist, dann weiß man rasch wieder, weshalb es gut ist, den Verführern bis zur Kante zu folgen - aber nicht darüber hinaus. Was im Grunde nichts anderes ist als ein Plädoyer für die Wahrnehmung der Kunst und ihre Notwendigkeit. So lese man (nüchtern, lebendig und klug) Nietzsches Evokation der "Großen Gesundheit":
"Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft - wir dürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen ’MittelmeersŒ umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Wahrsager, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: der hat dazu zuallererst Eins nöthig, die große Gesundheit [...] Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht, als klug ist, und oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als man es uns erlauben möchte, gefährlich-gesund, immer wieder gesund, - will es uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn hat, ein Jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und Göttlichem, dass unsre Neugierde ebensowohl wie unser Besitzdurst außer sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu ersättigen sind!"
Published 2003-12-16
Original in German
Contributed by Wespennest
© Georg Kohler
© Wespennest
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