Adornos Amerika
Die zeitgeschichtliche Forschung hat sich seit einigen Jahren verstärkt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte zugewandt und geht zu Recht davon aus, daß die Orientierung an den USA zu einem maßgeblichen Pfeiler der politischen und sozialen Entwicklung in der Bundesrepublik wurde. Dies trifft auch zu, wenn man den "starken", das heißt kulturimperialistischen Begriff der Amerikanisierung ablehnt und statt dessen lieber von der "Verwestlichung" als einem autochthonen kulturellen Wandlungsprozeß spricht. Für viele der Emigranten, die sich am Wiederaufbau beteiligt haben, besonders natürlich für diejenigen, die aus den USA zurückkehrten, ist dieser Zusammenhang offensichtlich. Und nicht zufällig stammen die bekanntesten Beispiele für seine Vitalität aus dem für die Entfaltung der demokratischen Kultur so signifikanten Grenzgebiet zwischen Politik und Wissenschaft. Tatsächlich läßt sich ohne Übertreibung behaupten, daß beispielsweise Ernst Fraenkel in West-Berlin oder Arnold Bergstraesser in Freiburg sich in gewisser Weise am "Mythos Amerika" orientierten.[1]
Sich daraus ergebende Fragen sind in der Rezeption, wie sie die sogenannte Frankfurter Schule des langen und breiten auf sich gezogen hat, bislang kaum gestellt worden. Und sie mußten nicht gestellt werden, weil sie häufig schon beantwortet schienen. Freund und Feind waren mehr oder weniger darin einig, daß es für die modernen Vertreter der "Kritischen Kritik" (Marx) eigentlich nur ein negatives Amerikabild gegeben haben kann. Für die studentenbewegten Anhänger war der Antiamerikanismus die logische Schlußfolgerung aus dem Antikapitalismus der 20er und 30er Jahre, den Adorno und Horkheimer in der Nachkriegsperiode nur vergessen hatten; und für deren akademische Gegenspieler auf der andern Seite war eben dieser "negative Mythos Amerika" der aktuelle Beweis dafür, daß man sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung eigentlich schenken konnte. Erst in jüngster Zeit, seitdem die Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule detailliert aus den Archiven rekonstruiert wird, ändert sich diese Konstellation. Jetzt kann sogar in apologetischer Absicht behauptet werden, daß es "ohne Amerika keine Kritische Theorie" geben könne.[2]
Ich werde mich in den folgenden Überlegungen auf die Emigrationsschriften Theodor W. Adornos beschränken und also nur fragen, wie Adorno zu seinem Amerikabild kam. Für die weitere und eigentlich interessante Frage, welchen Einfluß dieses Bild auf Adornos späteres Wirken in der Bundesrepublik hatte, ist damit nur eine der Voraussetzungen genannt, ebenso wie der weitläufige Kontext des Instituts für Sozialforschung nur gestreift werden kann. Beides ist offensichtlich relevant, wenn man verstehen will, wie Adorno in den formativen Jahren der Bundesrepublik nicht nur ein einflußreicher Kulturkritiker und Kunsttheoretiker werden, sondern wie er maßgeblichen Einfluß auf die politische Kultur und die politische Erziehung gewinnen konnte.[3] Doch hier zeigt sich auch sofort die ganze Schwierigkeit des vorliegenden Unternehmens: Adornos Wirken hatte nach seiner Rückkehr bald keinen kontinuierlichen und offensichtlichen Bezug mehr zu Amerika, sondern blieb über weite Strecken hinweg eher implizit oder verdeckt an Amerika orientiert.
Aber auch schon für die Emigrationszeit ist mit ähnlichen Schwierigkeiten zu rechnen: Adornos Amerikabild, wenn es ein solches überhaupt gibt, muß aus einer Vielzahl von Schriften, aus fachwissenschaftlichen Aufsätzen, philosophischen Reflexionen und literarischen Fragmenten gleichsam zusammengesucht werden. Und es wird sich, wie so oft bei Adorno, am Ende als ein Puzzle aus hochtheoretischer Spekulation, wissenschaftlich-empirischen Beobachtungen und sehr subjektiven Reaktionen erweisen, als ein Gebilde, das mehr durch eine idiosynkratische Sprechweise zusammengehalten wird als durch eine konsistente Gestalt. Das alles bedeutet nicht, daß Amerika für Adorno unbedeutend war oder uninteressant wurde, nachdem er 1949 nach Frankfurt zurückgekehrt war - den USA verdankte er seine Rettung vor der nationalsozialistischen Verfolgung, und diese existentielle Dankespflicht behielt er stets im Gedächtnis.
Adorno hat sich nur zögerlich zur Emigration in die USA entschließen können, obgleich er 1937 New York schon einmal kurz besucht hatte. Sein kontinuierlicher Aufenthalt erstreckte sich von 1938 bis Ende der 40er Jahre und dauerte etwas mehr als ein Jahrzehnt. Er hatte die Jahre zwischen 1934 und 1937 in Oxford verbracht und sie als ein Moratorium verstanden, das ihm die Möglichkeit einer raschen Rückkehr nach Deutschland offenhielt. Als er im Februar 1938 in die USA einreiste, fand er sich einerseits wohl aufgenommen in Horkheimers Institute of Social Research an der Columbia University, andererseits mußte er sich aus finanziellen Gründen zunächst als Mitarbeiter im Princeton Radio Research Project verdingen, was sofort zu erheblichen Differenzen mit dem ebenfalls emigrierten Projektleiter Paul F. Lazarsfeld führte. 1941, im Jahr von Amerikas Eintritt in den Krieg gegen Deutschland, folgte er Max Horkheimer nach Los Angeles und schrieb in intimer Kooperation mit ihm an der "Dialektik der Aufklärung". Ab 1945 schließlich wirkte er federführend an der Vorbereitung und Durchführung des wohl aufwendigsten Institutsprojekts, der Studien zur "Authoritarian Personality", mit, die 1950 als Band 1 der "Studies in Prejudices" erschienen. Zu dieser Zeit weilte Adorno schon wieder in Frankfurt.
Wenn dies die äußeren Stationen durch Amerika waren - läßt sich erkennen, daß Adorno auf diesem Weg ein inneres Bild seines Gastlandes entwickelt und ihm einen konsistenten Ausdruck gegeben hat? Martin Jay, der amerikanische Historiker der Frankfurter Schule, hat davor gewarnt, die zum Klischee erstarrten Bilder zu reproduzieren, die gerade die Kollision des kunstsinnigen Europäers mit der amerikanischen Massenkultur auf sich gezogen hat, und statt dessen empfohlen, die vielen und durchaus widersprüchlichen Impulse ins Auge zu fassen, die Adornos Denken stets innerviert haben: "Niemals entwarf Adorno ein harmonisch holistisches Weltbild."[4] Aber trifft diese "proto-dekonstruktivistische" Lesart auch zu, wenn man sich nicht so sehr an der reichen und bunten Palette des publizistischen Werkes eines Mannes orientiert, der vielleicht der letzte Universalgelehrte des 20. Jahrhunderts war? Sah sich der sensible und überdies noch junge Bildungsbürger nicht tatsächlich und im wörtlichen Sinn einem "Kulturschock" ausgesetzt, als er die "Neue Welt" betrat, der nur durch eine unmittelbare und eindeutige Reaktion zu bewältigen war?
Die Abwehr des "Kulturschocks" durch Theorie
Adorno hat weder in seiner Exilzeit noch später den Versuch gemacht, von seinem Gastland ein geschlossenes Bild zu zeichnen, d.h. seine konkreten Eindrücke zusammenzufassen und theoretisch zu bewerten. Was es aber gibt - und was besonders an den Äußerungen der amerikanischen Phase auffällt, ist ein enormer Zwang zur Fokussierung sämtlicher Eindrücke, von der alltäglichen Malaise des Emigrantenlebens bis hin zu den durch die intellektuelle Praxis vermittelten Interpretationen und Daten, in eine Richtung, die nicht nur eindeutig, sondern auch eindeutig negativ war. Psychologisch könnte man vielleicht von dem Versuch sprechen, die Entfremdungserfahrung der Emigration zunächst einzuhegen und dann in kultureller Verpackung normativ abzuwerten, vielleicht um allzu schmerzliche Erlebnisse abzuwehren oder wenigstens zu filtern. Und was hätte für einen hochgebildeten, ästhetisch verfeinerten und vor allem theoretisch ambitionierten Intellektuellen, wie Adorno es von Erziehung und Ausbildung her war, eine akzeptablere Form dafür sein können als die "Aufhebung" des Kulturschocks in einer Theorie, als seine "Rationalisierung" - hier zu verstehen nicht so sehr im psychoanalytischen als vielmehr im sachlichen Sinn der Distanzierung einer Erfahrung durch Theorie?Die Frage drängt sich auf, wenn man sich ansieht, womit sich Adorno kurz vor und zum Zeitpunkt seiner Emigration beschäftigt, und vor allem, wie er es tut. Interessant ist zunächst, daß es tatsächlich ein "amerikanisches Thema" ist, das in den Vordergrund tritt: der Jazz. Aber beinahe noch interessanter ist, daß er seine ersten Ergebnisse über den Jazz bereits im Jahr 1936 publiziert, also vor jeder konkreten Anschauung (oder "Anhörung") des gesellschaftlichen Kontextes, aus dem er historisch entspringt. So immanent und präzise die Charakterisierung des musikalischen Materials auch ist, wie immer bei Adorno, so dezidiert fällt seine Verurteilung des "Neger-Jazz'" aus: Nicht nur wimmele dieser "Markenartikel" des "europäisch-amerikanischen Amüsierbetriebs" von "Fehlern der musikalischen Orthographie, Grammatik und Syntax", wie er genüßlich seziert, er verfalle auch der "sado-masochistischen Regression" und betreibe "sexuelle Geheimnistuerei". Was mit dem Verweis auf das "pseudodemokratische" Element beginnt: "Je demokratischer der Jazz, um so schlechter wird er", endet für Adorno in der Eignung dieser Musik für den "faschistischen Gebrauch".[5]
Dieser Duktus setzt sich fort und wird in die theoretische Perspektive gebracht in dem Aufsatz: "Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens."[6] Jetzt - Adorno bemüht sich gerade vergeblich, im von Lazarsfeld organisierten "administrative Research" heimisch zu werden - entwickelt er eine direkte Analogie zwischen marxistischer Warenanalyse und Massenkunst und verallgemeinert die These vom Verfall der musikalischen Hörkultur auf die Kultursphäre insgesamt: Nicht nur in totalitären Gesellschaften werde die Kultur zum Zweck von Drill und autoritärer Beherrschung mißbraucht, sondern gerade auch in den demokratischen Gesellschaften setze sich die Industrialisierung und Technisierung der Kulturproduktion durch - so wird die E-Musik von der U-Musik verdrängt, die klassische Musik wird durch Schlager und Jazz ersetzt, aus Kunst wird Kitsch.[7] Die Verfeinerung der Sinne und die Differenzierung der Wahrnehmung, auf die die "große Kunst " in der europäischen Tradition immer spezialisiert war, weichen einem mechanischen Reagieren, das sich im unkritischen Konsumieren von Massenartikeln und schließlich in der blinden und ideologischen Rechtfertigung der schlechten Verhältnisse erschöpft: Kunst und Reklame werden ununterscheidbar, sie sind Medium politischer Propaganda geworden.
Der Gedanke einer kulturalistischen Vermeidungsstrategie gewinnt weiteres Profil, wenn man bemerkt, daß es eben diese Aufsätze sind, mit denen Adorno sich in die Arbeit des Instituts für Sozialforschung gleichsam einklinkt. Gedruckt werden sie nämlich in der "Zeitschrift für Sozialforschung", dem maßgeblichen Organ der öffentlichen Selbstverständigung des Instituts, und sie zeigen eine bemerkenswerte Paradoxie, nicht nur was den behandelten Gegenstand, sondern mehr noch was das theoretische Design betrifft: Auf der einen Seite konzipiert Adorno hier nämlich eine besonders orthodoxe Variante marxistischer Theorie, deren Kern in der Annahme besteht, daß man das neueste Stadium der kapitalistischen Modernisierung nur verstehen könne, wenn man methodisch auf eine mehr oder weniger direkte Analogie zwischen der marxistischen Warenanalyse und dem gesteigerten Ideologie- und Manipulationscharakter der modernen Massenkultur setzt. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, daß Adorno diese Annahme nicht in simple Analogieschlüsse übersetzen oder funktionalistische Kurzschlüsse zwischen kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung herstellen wollte. Der Kern dieser wie der meisten späteren Emigrationstexte besteht vielmehr in material-nahen Analysen, die mikrologisch angelegt sind und geradezu hermetisch-immanent argumentieren.
Das letztere kann man am besten an dem Projekt illustrieren, das Adorno in den ersten amerikanischen Jahren in Angriff nimmt und das weit mehr ist als nur eine Fortführung seiner mitgebrachten musikwissenschaftlichen Interessen: an der "Philosophie der neuen Musik". Hier finden sich die Fäden angelegt und dann zu einer ersten Monographie verwoben, die vermutlich das eigentliche Kontinuum in Adornos Schaffensbiographie insgesamt darstellen und die sie so unverwechselbar machen. Wenn sich Adorno mit diesem Buch in Deutschland "zurückmeldete" - es war 1949 seine erste Buchpublikation in der Bundesrepublik -, so macht der Überblick über das Gesamtwerk, der heute aufgrund der Gesammelten wie vor allem auch der Nachgelassenen Schriften möglich ist,[8] zweierlei unübersehbar: einmal nimmt die Beschäftigung mit der Musik insgesamt den weitaus größten Teil seines Oeuvre ein; zum andern erweist sich die Propagierung der musikalischen Moderne als das zentrale Leitmotiv, das von den Essays der frühen Frankfurter und Wiener Jahre über die musikalischen Monographien der 50er und 60er Jahre bis in die posthume "Ästhetische Theorie" nur variiert wird.
Die "Philosophie der neuen Musik"[9] ist eine subtile und gleichzeitig hochselektive Geschichte der Kompositionstechnik im 20. Jahrhundert, in der zwei Protagonisten der musikalischen Moderne, Schönberg und Strawinsky, gegenübergestellt werden. Provokant wurde sie durch die politische Bewertung, die mit dieser Gegenüberstellung verbunden war: Während Schönberg als musikalischer Vertreter des Fortschritts dargestellt wurde, erschien Strawinskys Kompositionstechnik als rückschrittlich, ja sogar als faschistoid, weil sie autoritäre und sado-masochistisch Praktiken imaginiere. In dieser Bewertung wird gleichzeitig greifbar, wie sich Adorno den Ausweg aus der mehr unterstellten als wirklich entfalteten Zeitdiagnose vorstellt, die auf einen universalen Faschismus hinausläuft: Seine Variante der politischen Utopie setzt auf die Errungenschaften der "neuen und radikalen Musik", konkret auf die Werke der neuen Wiener Schule um Schönberg und Alban Berg, bei dem er in den 20er Jahren Kompositionsunterricht genommen hatte - in ihrer demonstrativen Verweigerungshaltung gegenüber dem Geschäft, in ihrer "Unhörbarkeit" entdeckt Adorno die alleinige Möglichkeit des "Andersseins", die aber durch Esoterik und radikale Negativität charakterisiert ist.
Die Entstehung der "Philosophie der neuen Musik" erstreckt sich über die ganze Zeit von Adornos USA-Aufenthalt und ist vielleicht deswegen geeignet, ein erstes Ergebnis festzuhalten, auch wenn ein Konterfei Amerikas im Text nicht auftaucht. Tatsächlich entfaltete seine mitgebrachte Identifikation mit der Schönberg-Schule ihre ganze Schärfe erst, als Strawinsky gegen Ende der 40er Jahre nicht bloß zum musikalischen, sondern zum kulturpolitischen Gegner stilisiert wurde, der mit der faschistischen Gegenwelt im Bunde schien. Diese zeitliche Dimensionierung, in Kombination mit der dichotomischen Ausgestaltung der musikalischen Moderne, macht das Buch aufschlußreich auch für die uns interessierende Frage: welche Rolle nämlich die Konfrontation mit Amerika spielte, um aus einem europäischen Kulturbürger einen politischen Intellektuellen zu formen, für dessen Genese die Emigrationserfahrung zu einem maßgeblichen Faktor wurde.
Auf den ersten Blick muß die extreme Abwertung Strawinskys gegenüber Schönberg und vor allem ihre politische Akzentuierung als ziemlich paradox erscheinen, hatten beide Vertreter der neuen Musik doch gleichermaßen aus dem faschistischen Europa fliehen müssen und hielten sich, wie Horkheimer und Adorno, im amerikanischen Westen auf, zeitweise sogar in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihnen. Verständlich wird diese Paradoxie nur, wenn man sich neben der extremen theoretischen Konditionierung der Arbeitsweise Adornos zusätzlich vor Augen führt, daß in die Genese von Buch und These vor allem die intensive Zusammenarbeit mit Max Horkheimer einging, die damit auch zum maßgeblichen Ereignis von Adornos Emigrationsperiode wurde. Das geballte Ergebnis dieser Zusammenarbeit war bekanntlich die "Dialektik der Aufklärung", nicht nur der maßgebliche Text der 40er Jahre, sondern ein Meilenstein für die weitere Entfaltung der Frankfurter Schule insgesamt. Wie wichtig dieses "Symphilosophieren" (Friedrich Schlegel) für ihn selber geworden ist, hat Adorno immer wieder betont. Im Falle der "Philosophie der neuen Musik" hat er diesen Zusammenhang als so verbindlich empfunden, daß er das Buch ausdrücklich "als einen ausgeführten Exkurs zur Dialektik der Aufklärung" gelesen haben wollte.[10]
Amerika als "Kulturindustrie" - Adorno am Institute of Social Research
Es ist hier nicht der Ort, um die ebenso vielseitige wie vieldeutige Schaffensbiographie Adornos aufzublättern, deren Eigengravitation jeder- zeit und gegenüber welchem Kontext auch immer groß war. Doch wird man Adornos zwiespältiges Verhältnis zu Amerika nur verstehen können, wenn man seine zunehmende Integration in den Arbeitszusammenhang des Instituts für Sozialforschung als eine Art Gegenbewegung sieht. Tatsächlich muß man davon ausgehen, daß Adorno auf diesen Zusammenhang immer stärkeren Einfluß gewann, ja daß er begann, ihn in eigene Regie zu nehmen. Tragend dafür war natürlich die intime Freundschaft mit Max Horkheimer, die sich in den frühen 40er Jahren in Kalifornien zu einer kongenialen Denk- und Schreibgemeinschaft entwickelte. Doch begünstigt wurde dieser steigende Einfluß auch über die speziellen Kompetenzen und Interessen, die Adorno teils mitbrachte, teils durch die intelligente Übernahme und Meisterung neuer Herausforderungen in den USA erst ausbildete oder verstärkte - vor allem aber durch einen neuen Schub an philosophischer Energie, mit dem er älteren Ambitionen des Horkheimer-Kreises eine neue und dynamische Wende gab.Deutlich wird dies an den großen Gedankenkreisen, in denen sich die Institutsarbeit in den 40er Jahren hauptsächlich bewegte: zunächst an den Studien zu Massenkultur und Kulturindustrie, für die Adornos Erkenntnisinteressen seit Anfang des Jahrzehnts zum produktiven Faktor wurden; dann, in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, an den Studien zu Antisemitismus und Vorurteil, die sozialpsychologisch angelegt waren und gemäßigt quantitative mit qualitativen Forschungsmethoden zu verknüpfen suchten. An beiden "Großprojekten", wenn man seine eher intrinsische Arbeitsweise mit diesem Begriff auch zu verfehlen droht, war Adorno maßgeblich beteiligt, und zwar nicht zuletzt durch die Reformulierung und Transformation der dezidiert theoretischen Ansprüche, mit denen der Kreis um Max Horkheimer zu Anfang der 30er Jahre auf den Weg gekommen war - diese subtilen Zusammenhänge müssen wenigstens so weit skizziert werden, daß erkennbar wird, inwiefern durch die Hereinnahme Adornos in einen ansonsten ziemlich exklusiven Diskussionszusammenhang die theoretische Ausrichtung des Instituts für Sozialforschung modifiziert wurde.
Arbeitsgrundlage des Instituts für Sozialforschung war und blieb auch in der Emigration eine marxistische Gesellschaftstheorie, die so allgemein angelegt war, daß sie die faschistische Transformation in Europa ebenso ins Visier nehmen konnte wie den aktuellen Zustand der westlichen Demokratien - beide Entwicklungslinien erschienen als sicherlich verschiedene und doch auch wieder gemeinsame, zumindest jedoch vergleichbare Pfade kapitalistischer Modernisierung. Es machte aber offensichtlich einen Unterschied, ob man diese allgemeine Theorie auf die regressiven und repressiven Entwicklungen in Deutschland und Zentraleuropa zurückprojizierte, wie es in den offen marxistisch angelegten Analysen der Fall war, die Franz Neumann und Otto Kirchheimer zum Nationalsozialismus vorlegten, oder ob man sich mit einer demokratischen Gesellschaft auseinandersetzte, die sich anschickte, die internationale Taktik des Appeasement zu beenden und in den Krieg gegen Hitler einzutreten. Hier - und nicht nur in einer strategischen Camouflage von Salonmarxisten in einem antikommunistischen Land, wie häufig angenommen wurde - ist der tiefere Grund dafür zu suchen, daß die theoretischen Grundprämissen des Horkheimer-Kreises in die Krise gerieten.[11]
Es ist bekannt, daß die Lösung der Theoriekrise in einer Richtung gesucht wurde, die eine ohnehin schon reichlich abstrakte Gesellschaftstheorie auf eine noch abstraktere Ebene abdrängte - auf die einer Urgeschichte der Herrschaft, in der Vernunft und Natur, Mensch und Gesellschaft, Aufklärung und Mythos in verhängnisvoller und bis auf weiteres unlösbarer Verstrickung erschienen. Häufig wurde auch analysiert, inwiefern diese Konzeption der "Dialektik der Aufklärung" für die weitere Fortentwicklung der Frankfurter Schule maßgeblich wurde und welche Aporien theoretischer wie praktischer Art damit verbunden waren.[12] Und vielleicht könnte die gruppendynamische Rolle Adornos im Horkheimer-Kreis darin bestanden haben, diesen Weg mit dem ihm eigenen philosophischen Temperament einerseits geebnet, aber andererseits - und zwar mittels der ihm nicht weniger eigenen kulturkritischen Begabung - auch gangbar gemacht zu haben.
Aber nicht diese theoriegeschichtliche Perspektive darf uns hier interessieren, sondern die konkretere Frage, welches Bild von Amerika sich Adorno unter diesen Prämissen machte und machen mußte. Führte die offensichtliche Dominanz der Theorieorientierung bei Adorno etwa zu einer regelrechten Präformation, zu einer Verzerrung der Wahrnehmung, in die neben der unvermeidlichen Perspektivierung der amerikanischen Verhältnisse auch problematische und konkrete Vorurteile eines europäischen Bildungsbürgers eingingen? Und eng damit zusammenhängend stellt sich die weitere Frage, ob es nicht gerade die für Adorno so charakteristische Konzentration auf die Kultur und besonders die "hohe Kultur" war, die solche Verzerrungen begünstigt hat. Und schließlich: Welche Folgen ergaben sich daraus, daß es prima facie ein durchaus "weiches" und überdies disparates kulturanthropologisches (und nicht etwa ein "hartes" ökonomisches oder politisches) Anschauungsmaterial war, aus dem, für die "Dialektik der Aufklärung" so typisch, sowohl totalisierende geschichtsphilosophische Thesen abgeleitet als auch ziemlich grobe gegenwartsdiagnostische Schlußfolgerungen gezogen wurden?
Das geeignete Feld, um diese Fragen differenziert zu beantworten, ist natürlich das Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung", in dem die Expertise Adornos ganz deutlich greifbar wird und die von Horkheimer vermutlich zu "übergreifen" beginnt. Unbedingt hinzunehmen muß man jedoch, weil sie in unmittelbarem zeitlichen und thematischen Zusammenhang damit entstehen, die literarischen und philosophischen Notizen, die Adorno später unter dem Titel "Minima Moralia" publiziert hat. Ist das erstere ein Text, der explizit zur theoretischen Selbstverständigung des arg geschrumpften Horkheimer-Zirkels geschrieben wurde, so möchte man in Adornos "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" das subjektive und konkrete Erfahrungsmaterial aufspüren, das der Theorie die Anschauung geliefert hat. Ohne mit dieser Unterscheidung eine Arbeitsteilung zu suggerieren, die der Arbeitsweise Adornos am wenigsten angemessen wäre - welchen Platz nimmt in ihr die Anschauung Amerikas ein? Gibt es in den beiden maßgeblichen Texten aus der Mitte der 40er Jahre einen Prozeß zu rekonstruieren, der von der Erfahrung zur Theorie führt und der sich als die Genese von Adornos Amerikabild bezeichnen läßt?
Die Frage so zu stellen appelliert freilich an Unterscheidungen, die bei Adorno so nicht gegeben sind, ja die in den Wind zu schlagen gerade seine Absicht zu sein scheint. Tatsächlich zeigen sich, sowohl den Schreibstil wie die Argumentationsweise betreffend, mehr Übereinstimmungen als Unterschiede, wenn man die legendären 50 Seiten aus der "Dialektik der Aufklärung" mit den über 300 Seiten hinweg geführten "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" vergleicht. Sicherlich beeindruckt an der "Dialektik der Aufklärung" vor allem die geschichtsphilosophische Konstruktion mit ihrer wuchtigen Machart und ihrer empörten Rhetorik, während sich die "Minima Moralia" als ein absichtsloses und doch höchst arrangiertes Puzzle aus bohrenden Reflexionen und fragmentarischen Notizen darstellen. Doch zeigt sich in beiden Texten eine gemeinsame und typische Konstellation, die man sich vergegenwärtigen muß, wenn man Adornos Verhältnis zu Amerika in den 40er Jahren ausloten will.
Diese Konstellation ist weniger durch analytische Unterscheidungen charakterisiert, als vielmehr durch das hochartifizielle Verflechten und Ineinanderreflektieren von drei Motivbündeln, deren Anordnung in sich selber eine indirekte Aussage darstellt: Im Vordergrund steht die existentielle Entfremdungserfahrung der Emigration, in die die überstandene Bedrohung durch die nationalsozialistische Verfolgung immer noch irritierend hereinragt; daneben gibt es - wahrgenommen durch eine Brille aus ungläubiger Neugierde und kulturkritischer Abscheu - die Schilderung der umgebenden Gesellschaft, die im Fall von Adorno nicht so sehr die städtische Lebenswelt der amerikanischen Mittelschicht allgemein ist, sondern die sehr spezifische Geschäftswelt von Los Angeles und vor allem die Filmindustrie von Hollywood; beides aber - Entfremdungserfahrung und ihre reflexive Brechung - ist noch einmal eingelassen in einen weit und bunt ausgemalten Horizont, zu dem sich die traditionelle Kunst- und Kulturwelt des europäischen Bürgertums fügt. Sie wird halb wehmütig erinnert, halb hochmütig herbeizitiert, um in einer widersprüchlichen und transitorischen Gegenwart ein Minimum an Halt zu gewinnen - einen Ort reflexiver Ruhe, der dem Sturm der Zeiten trotzt.
Es ist ziemlich klar, daß unter diesen Prämissen die amerikanische Massenkultur nicht mehr nur als das erscheint, was sie in einer Geschichte der modernen Kultur tatsächlich ist: die Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise auf das Gebiet der Kultur, die dadurch den Charakter standardisierter und monopolistischer Massenkultur, eben der "Kulturindustrie" annimmt. Die Perspektive der "Dialektik der Aufklärung" ist eine andere, sie ist sowohl allgemeiner als auch apokalyptischer und macht aus der amerikanischen Unterhaltungsindustrie ein Gegenprinzip, ja ein universales Schreckbild mit weltgeschichtlichen Dimensionen: Die Kulturindustrie erscheint als ein hermetisch abgedichtetes System manipulativer Herrschaft, das sämtliche Werte des bürgerlichen Humanismus negiert, zentral die Ideen der künstlerischen Spontaneität und der freien Individualität, und das letztlich - Höhepunkt der pejorativen Wertung!- auf die Gleichsetzung von amerikanischem Spätkapitalismus und europäischem Faschismus hinausläuft.
Die Diktion der "Dialektik der Aufklärung" ist so bekannt, daß es nur einiger Schlüsselsätze bedarf, um diese Tendenz am Text zu belegen: "Die Kulturindustrie hat den Menschen als Gattungswesen hämisch verwirklicht. Jeder ist nur noch, wodurch er jeden andern ersetzen kann: fungibel, ein Exemplar. Er selbst, als Individuum, ist das absolut Ersetzbare, das reine Nichts ..." (S. 131) Oder: "Das Existieren im Spätkapitalismus ist ein einziger Initiationsritus. Jeder muß zeigen, daß er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. Das liegt im Prinzip der Synkope des Jazz, der das Stolpern zugleich verhöhnt und zur Norm erhebt. Das Wunder der Integration aber, der permanente Gnadenakt des Verfügenden, den Widerstandslosen aufzunehmen, der seine Renitenz hinunterwürgt, meint den Faschismus." (S. 138) Oder: "In der totalen Hereinziehung des Kulturprodukte in die Warensphäre verzichtet das Radio überhaupt darauf, seine Kulturprodukte selber als Waren an den Mann zu bringen. Es erhebt in Amerika keine Gebühren vom Publikum. Dadurch gewinnt es die trügerische Form desinteressierter, überparteilicher Autorität, die für den Faschismus wie gegossen ist. Dort wird das Radio zum universalen Maul des Führers." (S. 143)
Während im atemlosen Argumentationstempo der "Dialektik der Aufklärung" die Filmgiganten der Warner Brothers und Metro Goldwyn Mayers nur als das kulturelle Pendant zu Chrysler und General Motors erscheinen (S. 111) - zeigen sich gegenüber diesem Syndrom aus Ökonomismus und Verzweiflung Differenzierungen in der Wahrnehmung der amerikanischen Kultur, wenn man sich in den eher gelassenen, aber auch melancholischen Reflexionen der "Minima Moralia" umsieht?[13]
Zwar wird hier die Kontextbindung des intellektuellen Denk-und Schreibstils sehr viel deutlicher, es geht um die Bedrängnisse des Exils: "Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt und tut gut daran, es selber zu erkennen, wenn er nicht hinter den dicht geschlossenen Türen seiner Selbstachtung grausam darüber belehrt werden will. Er lebt in einer Umwelt, die ihm unverständlich bleiben muß, auch wenn er sich in den Gewerkschaftsorganisationen oder dem Autoverkehr noch so gut auskennt; immerzu ist er in der Irre. Zwischen der Reproduktion des eigenen Lebens unterm Monopol der Massenkultur und der sachlich-verantwortlichen Arbeit herrscht ein unversöhnlicher Bruch. Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog." (S. 32) Doch wird, wie gerade dieses berühmt gewordene Zitat zeigt, nichts von der ausschließlich negativen Beurteilung der Kulturindustrie zurückgenommen, ja sie erscheint beinahe noch direkter und schärfer als der magnetische und katastrophische Fluchtpunkt der kultureller Gegenwartserfahrung, und zwar wiederum aus Gründen, die mit dem geschichtsphilosophischen Drive in Adornos Kulturtheorie zusammenhängen:
Einmal wird jetzt die Selbstreflexion des Intellektuellen ins Zentrum gerückt und auf so verschiedene und diffizile Bereiche wie Literaturkritik, Psychoanalyse und vor allem Philosophie ausgedehnt - so sehr, daß die "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" identisch werden mit den Exerzitien des praktischen Lebens, das heißt des Überlebens im Exil. Zum andern - und damit zusammenhängend - wird der gesamte Horizont der bürgerlichen Kunst- und Kulturgeschichte aufgerissen, um in kulturkritischen Miniaturen, die von Goethe und Balzac bis zu Proust, Kafka und Walter Benjamin reichen, den universellen Verfallsprozeß zu demonstrieren, der wiederum nirgends anders als in der amerikanischen Filmindustrie terminiert: "Unmittelbarkeit, die von den Filmen hergestellte Volksgemeinschaft läuft auf die Vermittlung ohne Rest hinaus, welche die Menschen und alles Menschliche so vollkommen zu Dingen herabsetzt, daß ihr Gegensatz zu den Dingen, ja der Bann der Verdinglichung selber gar nicht mehr wahrgenommen werden kann. Dem Film ist die Verwandlung der Subjekte in gesellschaftliche Funktionen so differenzlos gelungen, daß die ganz Erfaßten, keines Konfliktes mehr eingedenk, die eigene Entmenschlichung als Menschliches, als Glück der Wärme genießen. Der totale Zusammenhang der Kulturindustrie, der nichts ausläßt, ist eins mit der totalen gesellschaftlichen Verblendung. Darum hat er mit den Gegenargumenten so leichtes Spiel." (S. 274/5)
Adornos Amerikabild bleibt, so legen es die repräsentativen Texte aus den 40er Jahren nahe, gleichsam eingespannt in einen mehr oder weniger fest gefügten Rahmen, der sich aus der negativen Alltagserfahrung des Emigrantenlebens einerseits und aus dem teils kritisch, teils nostalgisch rekonstruierten Horizont der europäischen Bildungswelt andererseits zusammensetzt. Beides aber ist noch einmal umgriffen von der theoretischen Klammer einer negativen Geschichtsphilosophie, in der die katastrophischen Resultate des europäischen Faschismus und die amerikanische Unterhaltungsindustrie auf einen einzigen Nenner gebracht sind - auf den einer total verwalteten und durchherrschten Gegenwart, in der für einen hoffnungsheischenden Ausblick nur ein winziger Spalt bleibt. Der negativen Utopie in der "Philosophie der neuen Musik" entspricht in den "Minima Moralia" die Wendung zu einer negativen Theologie, wie sie ebenda in der letzten Notiz angedeutet wird: "Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint." (S. 333)
Ist es überhaupt möglich und sinnvoll, derartige Formulierungen als konkrete Urteile zu nehmen, die sich in ein greifbares Bild Amerikas übersetzen lassen? Die Antwort muß so ambivalent ausfallen, wie es die theoretischen Prämissen sind, unter denen Adorno in diesen Jahren forscht und schreibt. Unter diesen Prämissen konnte Adornos Bild der amerikanischen Kultur nur extrem wertend ausfallen: Er verglich die amerikanische Populärkultur nicht mit ihrem Pendant in Europa, also der ebenfalls bereits breit entwickelten Massenkultur, sondern mit der europäischen Hochkultur. Der Vergleich, wenn er denn überhaupt angestrebt war, mußte also auf eine schiefe Ebene geraten. Tatsächlich kam Adorno nicht nur zu einer hochgradig pejorativen Bewertung der populären Kultur, sondern er verstellte sich auch die Wahrnehmung der amerikanischen Hochkultur in ihrer nicht weniger typischen Differenz gegenüber den europäischen Verhältnissen. Die Problematik der normativen Bewertung wurde also durch eine hochselektive Wahrnehmung noch verstärkt. Beides aber - Normativität wie Selektivität - verweisen letztlich auf einen für Adorno typischen bias, der einer kulturalistischen Sichtweise auf die Gesellschaft insgesamt inhärent scheint: Sie neigt zu totalisierenden Urteilen und droht sich in problematischen Verallgemeinerungen zu verlieren.
Der Ungläubige im Mekka der empirischen Sozialforschung
Adornos Amerikabild im Zerrspiegel eines normativen und selektiven Kulturalismus? Der große Kulturkritiker als Opfer seiner eigenen Methode! Dieses zugespitzte Urteil drängt sich tatsächlich auf, wenn man Adornos Emigrationsschriften vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kulturindustrie liest. Eine aufschlußreiche Differenzierung zeigt sich jedoch, wenn man sich dem zweiten Arbeitszusammenhang zuwendet, in den Adorno in der zweiten Hälfte der 40er Jahre integriert wurde: den Studien zur "Authoritarian Personality". Wiederum handelt es sich dabei um einen weitläufigen Komplex, der seine Unübersichtlichkeit nicht zuletzt daher bezieht, daß es sich von Anfang an um ein teamwork handelte, das auf den Zusammenhang des Institute of Social Research nicht beschränkt war, sondern - unter dem Oberthema der "Studies in Prejudices" - eine ganze Reihe weiterer Forschungsprojekte und Forschergruppen mit einschloß. Hier soll es nur um die Adorno zuschreibbaren Teile der Studien zum autoritären Charakter gehen, und zwar wiederum unter dem beschränkten Gesichtspunkt, welches Bild von Amerika sich in ihnen findet.Wenn an Adornos Thesen zur Kulturindustrie wie an seinen Kulturstudien insgesamt der Hang zur Totalisierung offensichtlich ist, so ist an den Studien zum autoritären Charakter beinahe die entgegengesetzte Tendenz zu bemerken. Zwar gibt es gewichtige Kontinuitäten gegenüber den sozialpsychologischen Studien des Instituts für Sozialforschung, die 1936 unter dem Titel "Autorität und Familie"[14] publiziert worden waren, zentral natürlich die Orientierung am Problem der Autorität selbst, doch zeigt sich in den 40er Jahren eine deutliche "Abspannung" des übergreifenden kapitalismustheoretischen Rahmens, in den die Sozialpsychologie der 30er Jahre noch eingelassen war. Man kann dies nicht zuletzt an der Art und Weise verdeutlichen, wie die Psychoanalyse von Sigmund Freud in die Formierung der theoretischen Grundannahmen eingeht, die für die Erforschung der autoritären Persönlichkeit früher wie später verbindlich waren: Während die frühen Charakterstudien Horkheimers und Erich Fromms funktionalistisch auf die Aufrechterhaltung ökonomischer und politischer Herrschaftsverhältnisse gerichtet waren, wird in den Überlegungen der 40er Jahre diese starke theoretische Klammer schrittweise gelöst.[15]
So treten die Studien zur "Authoritarian Personality" von vorneherein unter einem beschränkteren, aber eben auch solideren Anspruch einer empirischen Sozialpsychologie an, die sich das Ziel setzt, die mentalen und seelischen Elemente des autoritären Charakters zu erfassen und allenfalls als ein Potential zu erweisen, das eine einheitliche Disposition in sich hat und sich zur autoritären Charakterstruktur entfalten kann. Eine typische Formulierung aus dem Einleitungskapitel lautet etwa: "Im Mittelpunkt des Interesses stand das potentiell faschistische Individuum, dessen Struktur es besonders empfänglich für faschistische Propaganda macht", um zwar auf die zentrale Rolle der Ideologien zu verweisen, die "eine Funktion bei der Anpassung des Individuums an die Gesellschaft erfüllen", dann jedoch sofort wieder einzuschränken: "Charakterstruktur ist ein Begriff, der für etwas Dauerhaftes einsteht. Doch muß noch einmal betont werden, daß sie vor allem ein Potential, eher die Bereitschaft zu einem Verhalten als selbst ein Verhalten ist. Diese Studie beschränkt sich auf den bisher im großen und ganzen übergangenen psychologischen Aspekt des Faschismus."[16]
Doch damit nicht genug. Die Untersuchung wurde insgesamt an einen engen methodologischen Zaum gelegt, indem sie auf strikt empirische Verfahren verpflichtet wurde, die über die Primär- und Sekundärerhebung von Daten verliefen und ihr eigentliches Ziel in der Messung antidemokratischer Züge hatten. Auf diesem Wege, dessen Windungen hier nicht nachzuzeichnen sind, kam es bekanntlich zur Konstruktion der Antisemitismus-, Ethnozentrismus- und schließlich der integrierten Faschismus-Skala, die ebensooft gerühmt wie kritisiert worden ist,[17] die aber immerhin in der Lage war, die der psychoanalytischen Theorie entlehnten Überlegungen an empirische Indikatoren zu binden. So konnten die einzelnen Elemente des autoritären Charaktersyndroms - Aggression und Unterwürfigkeit, Stereotypie und Machtdenken, Destruktivität und Projektivität waren die wichtigsten[18] - qualitativ wie quantitativ aufgeschlüsselt und das durchaus reichhaltige Interviewmaterial zum Sprechen gebracht werden.
Nicht so sehr in den methodologischen und statistischen Fragen aber lag das primäre Interesse Adornos, der zusammen mit dem Amerikaner R. Nevitt Sanford als Kodirektor für das Gesamtprojekt fungierte, sondern in der immanenten Ordnung und in der psychoanalytischen Deutung dieses Materials. In diesem Sinne waren die von ihm alleine verantworteten Beiträge auch als qualitative Inhaltsanalysen angelegt, die mit einem Höchstmaß an psychologischer Sensibilität und ideologiekritischem Spürsinn nicht nur die generelle Vorurteilsstruktur des autoritären Charakters herausarbeiten konnten, sondern diese sowohl an seinen antisemitischen Neigungen wie an seinen Einstellungen zu Politik, Wirtschaft und Religion exemplifizierten.[19] Das synthetische Glanzstück aber gelang Adorno bei dem Versuch, das breite und auch diffuse Interviewmaterial in einer griffigen Charaktertypologie aufzufächern, die sich einerseits auf methodologische Eindeutigkeit verstand - "Es existiert so etwas wie ðderÐ potentiell faschistische Charakter, der in sich selbst eine ðstrukturelle EinheitÐ bildet".-, andererseits aber ebenso großen Wert auf die soziale Konditioniertheit legte: "Der potentiell faschistische Charakter muß als Produkt der Wechselwirkung zwischen dem kulturellen Klima des Vorurteils und den ðpsychischenÐ Reaktionen auf dieses Klima betrachtet werden."[20] In diesem Sinne unterschied Adorno die vorurteilsvollen von den vorurteilsfreien Charakterformen und erläuterte sie in so einprägsamen Formulierungen wie der des manipulativen Typus, des "Rebellen" oder des "Spinners".
Fragt man nach dem Amerikabild, das sich in dieser wissenschaftlichen Prosa abgebildet findet, so ist man zunächst natürlich darauf verwiesen, daß das gesamte Interview-und Datenmaterial, aus dem Adorno seine Schlüsse zog, der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft, genauer der Mittelschicht, in sehr viel geringerem Umfang der Arbeiterschicht, an der amerikanischen Westküste entstammte. Die Untersuchung war nicht repräsentativ, sondern exemplarisch angelegt, sie umfaßte zwar mehr als 2000 Fragebögen und wurde in klinischen Gesprächen vertieft, konnte aber Gültigkeit nur beanspruchen "für Nichtjuden, Weiße, im Land Geborene und für den amerikanischen Mittelstand".[21] Daraus folgt natürlich, daß auch Adornos Aussagen über dieses Material und mehr noch die Schlüsse, die er daraus zu ziehen verstand, Urteile über den entsprechenden Ausschnitt der amerikanischen Gesellschaft sein mußten, dem nicht weniger attestiert wurde als ein signifikantes autoritäres, das heißt auch faschistisches Potential, also eine politische Tendenz, die durchaus parallel gehen konnte mit der pessimistischen Geschichtsphilosophie der "Dialektik der Aufklärung", ja sie zu bestätigen schien.
Doch das ist nur die eine Seite, die zudem in hohem Maße gebremst und gleichsam unter wissenschaftlicher Kontrolle gehalten war durch den primär methodologischen und Versuchs-Charakter der Autoritarismus-Studien. Die andere Seite zeigt sich, und sie tritt verstärkt hervor im Vergleich mit kulturkritischen Arbeiten Adornos, wenn man bemerkt, daß es die amerikanische Demokratie war, die in einem neuen und diesmal positiven Sinn in Adornos Gesichtsfeld einzutreten begann. Im Rahmen des Autoritarismus-Projekts wird dies an zwei Stellen sehr deutlich, die beide für das methodologische und theoretische Design der Untersuchung durchaus signifikant waren: Einmal ist offensichtlich, daß der Typus des autoritären Charakters von Anfang an durch seine Antistellung zur demokratischen Lebensform geradezu definiert wird, wie sich ganz eindeutig aus der Zwitterfassung der Leitfrage für das ganze Unternehmen ergibt: "Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es, genau betrachtet, aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande?"[22] heißt es zur Problemaufschließung gleich in der Einleitung.
23 Daraus werden nicht nur theoretische Schlußfolgerungen gezogen, sondern explizit politikpädagogische Überlegungen abgeleitet, für welche die Demokratie nicht nur Mittel, sondern selber ein zentrales Ziel darstellt: "Die Autoren dieser Studie sind der Überzeugung, daß es Sache des Volkes ist zu entscheiden, ob dieses Land zum Faschismus übergeht oder nicht. Mit der Erkenntnis von Wesen und Ausmaß des antidemokratischen Potentials werden, wie anzunehmen ist, Programme für demokratische Aktionen entstehen; sie sollten sich nicht auf Instrumente zur Manipulation der Menschen beschränken, sondern sie zu demokratischerem Verhalten erziehen; sie sollten sich die Stärkung jenes Selbstbewußtseins und jener Selbstbestimmung zum Ziel setzen, die Manipulationen keine Chancen läßt."[23]
24 Genau diesen Gedanken greift Adorno am Ende des Buches, im Rahmen seiner Charaktertypologie, noch einmal auf und führt gegen das mißverstandene Postulat methodologischer "Reinheit" einen "pragmatischen Schluß" ins Feld, wie er es nennt: "die Notwendigkeit für die Wissenschaft, Waffen gegen die potentielle Drohung der faschistischen Mentalität zu finden. Es ist eine offene Frage, ob und in welchem Umfang der faschistischen Gefahr mit psychologischen Mitteln wirksam begegnet werden kann. Da aber der moderne Faschismus ohne eine Massenbasis unvorstellbar ist, behält die innere Struktur seiner voraussichtlichen Anhänger ihre entscheidende Bedeutung, und Abwehrmittel, die nicht die subjektive Seite des Problems berücksichtigen, würden nicht wirklich ðrealistischÐ sein".[24] 25 In solchen Formulierungen war nicht nur der Wunsch wirksam, aus subtilen wissenschaftlichen Exerzitien politische Nutzanwendungen zu ziehen, sondern offenbar auch die - aus heutiger Perspektive übersteigerte - Furcht, daß das apokalyptische Szenario von Teilen der Emigrantengemeinde Wirklichkeit werden, das heißt auch die amerikanische Demokratie vom Faschismus überrannt werden könnte. Doch interessanter für Adornos Ideenentwicklung ist in diesem Zusammenhang die gegenläufige Regung, gerade weil er noch vor kurzem die schwärzeste Untergangsvision mitinszeniert hatte: sie wird am deutlichsten in der Schlußnuance seiner Charaktertypologie, dort nämlich, wo als der eigentliche Gegenspieler des autoritären und vorurteilsgetriebenen Charakters nicht der vorurteilsfreie Typus im allgemeinen, sondern der "genuine Liberale" auftritt: "Die Befragten dieses Typs besitzen einen starken Sinn für Autonomie und Unabhängigkeit. Einmischungen von außen in ihre persönlichen Überzeugungen vertragen sie nicht, und sie selbst wollen sich auch nicht in die der anderen mischen. Ihr Ich ist gut entwickelt, aber nicht libidinös besetzt. Ein hervorstechendes Merkmal ist Zivilcourage, die oft alle rationalen Bedenken hinter sich läßt. Sie können nicht ðschweigenÐ, wenn Unrecht geschieht, auch wenn sie das ernsthaft in Gefahr bringt. So wie sie selbst ausgeprägte Individualisten sind, sehen sie auch die andern als Individuen und nicht als die Vertreter einer Gattung".[25]
So übertrieben es wäre, in solchen Sätzen die psychoanalytische Beschreibung der amerikanischen Verfassungsideale herauszuhören, das heißt die methodologische Vorsicht in ein politisches Bekenntnis zur amerikanischen Demokratie umschlagen zu sehen - offenbar beginnt sich Ende der 40er Jahre doch auch der extreme "Dialektiker der Aufklärung" einer Wertschätzung der politischen Demokratie anzunähern, die in dieser Form ein bemerkenswertes Novum in einer vieldeutigen und, wie sich bald erweisen sollte, einer vielversprechenden Intellektuellenbiographie war. Diesen Eindruck jedenfalls erhält man, wenn man den Kulturkritiker der 30er Jahre vergleicht mit dem Sozialpsychologen zu Ende der 40er Jahre, der durch die Schule der empirischen Forschung gegangen ist. Während der erstere in den Synkopen des Jazz' die Marschtritte der SS zu hören glaubte und in der Demokratie nur eine Veranstaltung zum kulturellen Massenbetrug sehen konnte, erscheinen dem zweiten die Ideen des amerikanischen Liberalismus nicht nur als methodisches Apriori der Vorurteilsforschung, sondern als politischer Horizont, der praktische Verbindlichkeit auszustrahlen beginnt.
Ausblick auf die "fortgeschrittenste Beobachtungsposition" - Adorno in der Bundesrepublik
Fragt man nach der Bedeutung, die die Amerikaerfahrung für das Wirken Adornos in der Bundesrepublik gehabt hat, dann ist man mit einem durchaus widersprüchlichen Szenario konfrontiert: Auf der einen Seite erstreckt sich das "weite Feld" der Frühgeschichte der Bundesrepublik, auf dem Adorno eine eindrucksvolle Wirkung entfaltet und in eine glänzende wissenschaftliche und literarische Karriere startet [26] - sie beginnt in den frühen 50er Jahren und nimmt einen rasanten Verlauf bis hinein in die späten 60er Jahre, hat aber über weite Strecken kaum mehr einen erkennbaren und offensichtlichen Bezug zu Amerika. Am andern Ende dieses Kontinuums ragt, was Adornos Amerikabild betrifft, kaum mehr als ein einzelner Text heraus, der jedoch angesichts seiner biographischen Exponiertheit als einmaliges Dokument, ja als Schlußmonument eines reichen wissenschaftlichen Schaffens gelesen werden kann. Diese aporetische Situation kann abschließend nicht aufgelöst, sondern soll lediglich an einem einzigen Punkt erläutert werden, um eine Orientierungshilfe für künftige Fragen zu erhalten.[27]Tatsächlich fällt an Adornos langem und erfolgreichem Weg durch die Bundesrepublik auf, wie sporadisch seine wissenschaftlichen Kontakte nach Amerika wurden, nachdem er 1949 nach Frankfurt zurückgekehrt war. Sicherlich gibt es die Fortführung der persönlichen Beziehungen zu den in den USA verbliebenen Mitarbeitern des Instituts für Sozialforschung, vor allem zu Leo Löwenthal und Herbert Marcuse. Auch geht Adorno 1952 noch einmal für fast ein Jahr in die USA zurück und nimmt an einem Forschungsprojekt bei der Hacker Foundation in Beverly Hills teil. Nach seiner Rückkehr im Herbst 1953 aber ist er bis zum Ende seines Lebens 1969 nicht mehr in den USA gewesen.
Das heißt Adorno durchläuft den längsten Teil seiner wissenschaftlichen Karriere in der Bundesrepublik, ohne sich noch einmal vor Ort neuen und direkten Anschauungsunterricht von dem Land zu verschaffen, in dem er die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hat. Interessant wäre hier der Vergleich mit einem anderen USA-Remigranten, mit Ernst Fraenkel: Während dieser ein kontinuierliches, ja sich verstärkendes Interesse entfaltete und durch seine Studien zum politischen System der USA ein immer eindeutigeres Sachprofil entwickelte,[28] war Adornos Interesse eher rückläufig und wurde blasser.
Signifikant ist in diesem Zusammenhang das Schicksal der soziologischen Studie, die Adorno bei seinem letzten USA-Aufenthalt anfertigte, nicht zuletzt, weil sie seinen Anteil an der Entstehung der westdeutschen Amerikastudien abzuschätzen erlaubt. Dieser Anteil war offensichtlich peripher, sowohl in organisatorischer wie in intellektueller Hinsicht. Der einzige Beitrag, den Adorno im Jahrbuch für Amerikastudien veröffentlichte, war ebenjene Studie. Sie erschien auf englisch im Band 2, 1957, unter dem Titel "The Stars down to Earth" und enthielt eine qualitative Inhaltsanalyse der Horoskopspalte der Zeitung "Los Angeles Times". Sie ist, soweit ich sehe, trotz ihrer Ausführlichkeit folgenlos geblieben, und dies obschon Adorno sie in einem deutschen Vorwort als "Beispiel geistiger Wechselwirkung von Amerika und Deutschland " anpries: "amerikanisches Material wurde mit deutscher Methode behandelt",[29] heißt es da. Und wenn Adorno ein Jahr später der stark gekürzten deutschen Fassung der Studie hinzufügt, daß "er mit der Übersetzung eigener Texte aus dem Amerikanischen keine guten Erfahrungen gemacht habe",[30] so ist man geneigt, aus dem Positiven, dem Kompliment an die Übersetzerin, einen durchaus negativen Unterton herauszuhören, die Klage eben, daß Adornos amerikanisches Werk im Deutschland des Jahres 1958 immer noch nicht angekommen war.
Vielleicht ist es möglich, von hier aus auf eine allgemeinere Ungleichzeitigkeit zu schließen, die Adornos Denken und Schreiben in der Bundesrepublik belastet haben muß und die seine Identität als Soziologe als solche betraf: Adorno war bekanntlich nach Ausbildung und Selbstverständnis Philosoph und Musikwissenschaftler, erst in der Emigration und in Konfrontation mit den amerikanischen Social Sciences hat er sich zum Sozialwissenschaftler gebildet. Das Gros des wissenschaftlichen Werkes, auf dem er seine Reputation als Soziologe der Bundesrepublik aufbauen mußte, war in den 40er Jahren auf englisch erschienen - und es blieb, von wenigen Ausnahmen und einigen eigenen Adaptionen abgesehen, zu seinen Lebzeiten unübersetzt. Das betrifft vor allem die "Studien zum autoritären Charakter", die sein wichtigstes sozialwissenschaftliches Engagement darstellten: sie sind tatsächlich auf deutsch erst im Jahr 1973, also vier Jahre nach Adornos Tod erschienen. Die Folge war eine andauernde Ambivalenz: Adorno mußte, greifbar etwa im Text "Vorurteil und Charakter" von 1952,[31] die theoretischen und forschungstechnischen Grundlagen seines soziologischen Schaffens mehr propagieren als daß er sie einfach als gegeben voraussetzen konnte, eine Komplikation, die den Skeptikern Aufwind gab und den Gutwilligen Arbeit auferlegte.
Doch das alles ist nur die eine Seite. Eine ganz andere zeigt sich, wenn man sich den langen Essay "Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika" ansieht, den Adorno im Jahr 1968 geschrieben und sowohl in den USA wie in Deutschland publiziert hat. Sicherlich ist bei diesem späten Text besondere Vorsicht geboten, weil es sich um eine Reminiszenz handelt, die in autobiographischer Absicht geschrieben ist und dementsprechend versöhnlich ausfällt. Die erheblichen Widersprüche, die für Adorno mit dem Amerikaerlebnis verbunden waren, werden zwar nicht bestritten, aber sie erscheinen im Schwung einer erfolgreichen Lebenskurve als geglättet. Adorno schildert seine Erfahrungen mit Amerika so, als hätten sie sich primär in der Wissenschaftssphäre abgespielt, dennoch ist er gewillt, von hier aus zu verallgemeinern: einerseits auf seine persönliche Gesamtwahrnehmung, andererseits auf das Land selber, auf seine Kultur und seine Lebensweise. Es lohnt sich, diesen Text genauer zu analysieren, weil in ihm die für Adorno so typische Abstraktionshaltung greifbar wird, deren Ergebnis eine mehrfache Brechung von Eindrücken und Erfahrungen ist. Daraus resultiert ein "anderes" Amerikabild, dessen Genese man kritisch befragen muß, dessen demonstrative Positivität dem Autor der "Negativen Dialektik" jedoch einen interessanten Aspekt hinzufügt.
Den Auftakt bildet ein Gestus der Selbstverteidigung, der um den berühmten "Kulturschock" kreist und die mit ihm verbundene Irritation gleichzeitig abstreitet: "Daß ich, vom ersten bis zum letzten Tag, mich als Europäer empfand, habe ich nie verleugnet. An der geistigen Kontinuität festzuhalten, war mir selbstverständlich und artikulierte sich mir in Amerika rasch genug zum vollen Bewußtsein. Durch Naturell und Vorgeschichte war ich zur Anpassung in geistigen Dingen denkbar ungeeignet."[32] Aber Adorno weiß genau, daß es von solcher Charakterfestigkeit nur ein kleiner Schritt zum Kulturchauvinismus ist, und schränkt deshalb rasch ein:"Andererseits kam ich, so hoffe ich, nach Amerika als ein von Nationalismus und kultureller Arroganz völlig Freier. Die Problematik des traditionellen, zumal deutschen geisteswissenschaftlichen Kulturbegriffs war mir viel zu evident geworden, als daß ich solchen Anschauungen länger mich anvertraut hätte. Überdies war ich voll von Dankbarkeit für die Rettung vor der Katastrophe, die bereits 1937 sich abzeichnete: ebenso willig, das Meine zu tun, wie entschlossen, mich nicht aufzugeben. Die Spannung von beidem dürfte einigermaßen umschreiben, wie ich zur amerikanischen Erfahrung mich verhielt."[33] In der Tat sind damit die beiden Pole recht gut bezeichnet, zwischen denen sich die Erfahrung der Emigration in vielen Fällen bewegte - indes nicht nur allgemein, im Sinne der Konfrontation und Verschmelzung kultureller Gesamthorizonte, sondern in dem ganz spezifischen, nämlich politischen Sinne, den diese Konfrontation für Adorno selbst angenommen hatte: auf der einen Seite der politische Ausschluß aus einem kulturkonservativ dominierten Land, das zur rassistischen Eliminierung aller Reste von Anderssein überging; auf der anderen Seite das Geworfensein in ein neues Milieu, das erst einmal Überleben und soziale Sicherheit versprach, aber auch eine enorme Bedrohung der mitgebrachten Identität darstellte. Wenn dies gleichsam die Eröffnung der Klammer ist, innerhalb derer Adorno dann die einzelnen Stationen seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten in den USA beinahe redselig durchgeht, so beschränke ich mich hier auf den Klammerschluß und auf das Resümee, das Adorno zieht und das einen selbstexplikativen und gleichzeitig einen politikpädagogischen Tenor anschlägt.
Drei Punkte sind es, die Adorno als Wegmarken seines persönlichen Lernprozesses nennt, um von hier aus auf allgemeinere, auf gesellschaftliche und politische Erfahrungen zu verweisen: Der erste Punkt betrifft, wie könnte es anders sein bei Adorno, die Kultur: "In Amerika wurde ich von der kulturgläubigen Naivetät befreit, erwarb die Fähigkeit, Kultur von außen zu sehen." Er meint damit aber nicht die Kultur des Gastlandes, sondern seine Herkunftskultur und ganz speziell "die europäischen Voraussetzungen musikalischer Kultur, von denen ich durchdrungen war". Der zweite Punkt betrifft die Demokratie, wobei er hier zwar zwischen den politischen Institutionen und der dazugehörigen kulturellen und ideellen Sphäre unterscheidet, aber den Schwerpunkt speziell wieder auf die kulturelle Verankerung der politischen Demokratie legt: "Wesentlicher, und beglückender, war die Erfahrung des Substantiellen demokratischer Formen: daß sie Amerika ins Leben eingesickert sind, während sie zumindest in Deutschland nie mehr als formale Spielregeln waren und, wie ich fürchte, immer noch nicht mehr sind. Die politische Form der Demokratie ist den Menschen unendlich viel näher."
Von hier aus schließlich hebt Adorno auf eine dritte Ebene ab, auf der sich der ursprüngliche Blick des Emigranten auf die USA und der umgekehrte Blick des Remigranten auf Europa gleichsam überkreuzen und konstruktiv wenden lassen: Gerade weil auch Amerika letztlich, schreibt Adorno, "vor der Gefahr des Umkippens zu totalitären Formen" nicht gefeit ist, weil diese Gefahr "in der Tendenz der modernen Gesellschaft überhaupt" liegt, gilt es den generalisierenden Umkehrschluß zu ziehen: "Innerhalb der Gesamtentwicklung der bürgerlichen Welt haben fraglos die Vereinigten Staaten ein Extrem erreicht. Sie zeigen den Kapitalismus gleichsam in vollkommener Reinheit, ohne vorkapitalistische Restbestände." Und deshalb erweist sich Amerika als "die fortgeschrittenste Beobachtungsposition", die dem Remigranten einen Erkenntnisvorsprung verschafft: "Tatsächlich kann der Rückkehrer unendlich viel in Europa heraufkommen sehen oder bestätigt finden, was ihm in Amerika erstmals auffiel."
Diese bemerkenswerte Abstraktifizierung der Amerikaerfahrung in eine Art globaler Erkenntnistheorie läuft auf den prekären, geradezu selbstdestruktiven Verdacht hinaus, "ob nicht der Begriff von Kultur, in dem man groß geworden ist, selber veraltete; ob nicht das, was der Kultur heute der Gesamttendenz nach widerfährt, die Quittung auf ihr eigenes Mißlingen ist, auf die Schuld, welche sie dadurch auf sich lud, daß sie als Sondersphäre des Geistes sich abkapselte, ohne in der Einrichtung der Gesellschaft sich zu verwirklichen".[34] Aber wichtiger als diese Wendung in eine Radikalisierung der Kulturkritik könnte ein anderer Gesichtspunkt sein, auf den Adorno zwar nicht direkt anspielt, der jedoch - bei der für ihn typischen mimetischen Beziehung zum "Zeitkern der Wahrheit"[35] - eine verdeckte politische Akzentuierung erkennen läßt. Gemeint ist die Eskalation der Konflikte mit den antiautoritären Studenten in den Jahren 1968/69, für deren politische Aktivitäten auch am Institut für Sozialforschung die Rolle der USA im Vietnamkrieg die zentrale Provokation darstellten. Daß Adorno in seiner Schilderung der USA neben der Konzentration auf die Kultur die Erfahrung der politischen Demokratie so stark herausstrich, war sicherlich als Zurückweisung des Antiamerikanismus der Protestbewegung gemeint - und gleichzeitig als Zurechtweisung ihrer Protagonisten, von denen viele in seinen Seminaren saßen.
- [1] Vgl.
"Alfons Söllner ,Ernst Fraenkel und die Verwestlichung der politischen Kultur in der Bundesrepublik", in:Leviathan , Jg. 30, 2002, S. 1ff.; und ders., "Normative Verwestlichung. Der Einfluß der Remigranten auf die politische Kultur der frühen Bundesrepublik", in: Heinz Bude, Bernd Greiner (Hrsg.),Westbindungen. Amerika in der Bundesrepublik , Hamburg 1999, S. 72ff. - [2] Vgl. besonders
Detlev Claussen in: "Keine Kritische Theorie ohne Amerika",Hannoversche Schriften 1, Frankfurt am Main 1999, S. 27ff. - [3] Vgl. dazu
Clemens Albrecht ,Günther C. Behrmann ,Michael Bock , Harald Homann, Friedrich H. Tenbruck,Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule , Frankfurt am Main, New York 1999. - [4]
Martin Jay , "Adorno in Amerika", in:Ludwig von Friedeburg , Jürgen Habermas (Hrsg.), Adorno-Konferenz 1983, Frankfurt am Main 1983, besonders S. 357/8. - [5]
Hektor Rottweiler (Pseudonym), Über Jazz, Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 5, 1936, S. 235ff. - [6]
Theodor W. Adorno , Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens, in:Zeitschrift für Sozialforschung , Jg. 7, 1938, S. 321ff. - [7] Weiter ausgeführt sind diese Thesen in: "On Popular Music", in:
Zeitschrift für Sozialforschung 1941 sowie in: "The Radio Symphony", in:Paul Lazarsfeld ,Frank Stanton (ed.), Radio Research, Princeton 1941. - [8] Hervorzuheben sind insbesondere die zur gleichen Zeit begonnenen Studien über Beethoven, die als Band I der Nachgelassenen Schriften unter dem Titel "Philosophie der Musik" publiziert wurden, sowie die Studien, die 1952 als "Versuch über Wagner" publiziert wurden.
- [9] Theodor W. Adorno,
Philosophie der neuen Musik , zuerst 1949,Gesammelte Schriften 12, Frankfurt am Main 1975. - [10] Ebenda, S. 11.
- [11] Die Dokumente des daraus resultierenden Theoriestreits sind gesammelt und bewertet in:
Helmut Dubiel ,Alfons Söllner (Hrsg.),Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939 - 1942 , Frankfurt am Main 1981. - [12] Die "Dialektik der Aufklärung" wird im folgenden zitiert nach der Neuauflage von 1969, und zwar in der Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1971. Die Literatur zur "Dialektik der Aufklärung" ist Legion. Vgl. z. B.
Willem von Reijen ,Gunzelin Schmid Noerr (Hrsg.),Vierzig Jahre Flaschenpost. Dialektik der Aufklärung 1947 -1987 , Frankfurt am Main 1987;Manfred Gangl ,Gerard Raulet (Hrsg.),Jenseits instrumenteller Vernunft. Kritische Studien zur Dialektik der Aufklärung , Frankfurt am Main 1998. - [13] Die
Minima Moralia werden zitiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969. - [14] Institut für Sozialforschung (Hrsg.),
Autorität und Familie , 2 Bände, Paris 1936. - [15] Die beste Darstellung der komplexen Entwicklung der empirischen Studien des Instituts für Sozialforschung ist nach wie vor:
Wolfgang Bonß ,Die Einübung des Tatsachenblicks. Zur Struktur und Veränderung empirischer Sozialforschung , Frankfurt am Main 1982, S. 154ff. - [16] Zitiert wird hier die deutsche Übersetzung: Theodor W. Adorno,
Studien zum autoritären Charakter , Frankfurt am Main 1973, S. 1, 7, 9 und 10. - [17] Die lange Wirkungsgeschichte der Autoritarismus-Studien begann mit
Richard Christie ,Marie Jahoda (ed.),The Authoritarian Personality: Continuites in Social Research , Glencoe 1954. - [18] Ebenda, S. 45ff.
- [19] Vgl. ebenda die Kapitel III, IV und V.
- [20] Ebenda, S. 312f.
- [21] Ebenda, S. 31.
- [22] Ebenda, S. 2.
- [23] Ebenda, S. 14.
- [24] Ebenda, S. 308
- [25] Ebenda, S. 353f.
- [26] Vgl. Clemens Albrecht, Günther C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann, Friedrich H. Tenbruck,
Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule , Franfurt am Main, New York 1999, und Alex Demirovic,Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule , Frankfurt am Main 1999. - [27] Für eine Gesamtperspektive vgl. meinen Aufsatz: Adorno und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik, in:
Mittelweg 36 , 11, 2/2002, S. 37 - 52. - [28] Vgl. dazu "Alfons Söllner, Ernst Fraenkel und die Verwestlichung der politischen Kultur in der Bundesrepublik", a.a.O., S. 1ff.
- [29] Gesammelte Schriften, Band 9.2., S. 12.
- [30] Ebenda, S. 406.
- [31] Gesammelte Schriften 9.1, Frankfurt am Main 1975, S. 360ff.
- [32] "Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika", in:
Gesammelte Schriften 10. 2, Frankfurt am Main 1975, S .701. - [33] Ebenda, S. 703.
- [34] Ebenda, S. 734 - 737.
- [35]
Horkheimer , Adorno,Dialektik der Aufklärung , a.a.O., Vorwort zur Neuausgabe von 1969, S. IX













