Das Gesetz der Frauen
Weibliche Farben und männliche Blicke deuten.
Die Farbe Rot
Am Anfang von lässt Pedro Almodóvar seine Kamera vom blauen Himmel Madrids schwenken, bis er in der Widerspiegelung einer grossen Fensterfront die junge Nachrichtenmoderatorin Rebeca (Victoria Abril) einfängt: Sichtlich unruhig wartet diese auf die Ankunft ihrer Mutter Becky Del Paramo (Marisa Paredes), die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Eine Komposition in Weiss und Rot. Wartend erinnert sie sich an zwei Szenen ihrer Kindheit, die jeweils von der grenzenlosen Liebe erzählen, die sie immer für ihre Mutter empfunden hat. Wenige Minuten später wird sie mit Becky zur Wohnung fahren, in der sie aufwuchs, und auf der gegenüberliegenden Wand das Plakat des Transvestiten Femme Letal sehen: wieder eine Komposition in Weiss und Rot. Vor diesem Bild, von dem die Mutter meint, es sei zwar nicht ihr Gesicht, dafür aber ihre Pose, gesteht Becky, dass sie immer dann in die Aufführungen Letals gegangen sei, wenn ihr die Mutter besonders fehlte. Die tränenreiche Umarmung, mit der die beiden ihre Wiedervereinigung besiegeln, entpuppt sich als affektive Entsprechung der von Almodóvar gewählten Farbkomposition. Die Farbe Rot, die er in all seinen Filmen strategisch einsetzt, affiziert zwei semantische Register: Feuer, Blut, Leidenschaft, Begehren, aber auch die Farbe der zum Tode Verurteilten. In einem Interview erklärt Almodóvar: "Dadurch wird sie zu einer besonders menschlichen Farbe, weil alle Menschen zum Tode verurteilt sind." Man könnte hinzufügen, die Farbe Rot sei aus gerade diesem Grund vor allem die Farbe der Frauen in seinem Filmuniversum. Immer wieder findet man dort Plakate von weiblichen Figuren, vor denen sich ein Schauspiel um Leidenschaft und Tod abspielt, so dass die in Rot gehüllten Plakatfrauen als Spiegelung und Publikum zugleich dienen. Wie es auch die Frauen sind, die unter der Schirmherrschaft dieser überdimensionalen Bilder ihren Leidenschaften nachgehen, um dabei zu begreifen, dass gerade die menschliche Sterblichkeit der Auslöser und Fluchtpunkt aller Obsessionen ist, egal ob sie im Selbstopfer oder im Überleben enden.Rot ist aber auch die Farbe jenes Genres, das Almodóvar mit besonderer Vorliebe zitiert: des Hollywood-Melodramas der vierziger und fünfziger Jahre, in dem grosse Gefühle mit Hilfe einer bewusst eingesetzten Übertreibung von Sentimentalität inszeniert werden. Von Meistern des Genres wie Douglas Sirk oder King Vidor übernimmt Almodóvar die Pathosformel des Exzesses. Indem trashige Sentimentalität mit einem selbstreflexiven Umgang mit dem Medium Film verschränkt wird, kann die Unmöglichkeit des ungetrübten menschlichen Glückes inszeniert werden. Zentral für diese Gattung ist jedoch immer auch gewesen, dass sie eine von weiblichem Begehren dominierte Kinolandschaft schafft. Im Gegenzug ist die väterliche Autorität im Melogenre immer reduziert, oft gänzlich abwesend, in jedem Fall aber unzuverlässig. So stellt sich in Almodóvars Filmuniversum - in dem die Kluft zwischen Frauen und Männern unüberwindbar bleibt - immer die Frage, ob die Heldinnen das Leid der Liebe einfach auf sich nehmen oder ihr Begehren auf eine weniger fatale Art umformulieren wollen. Gerade in diesem Sinne ist Almodóvars Erbe der women's weepies kein ungebrochenes. Zwar nimmt er den Titel von Douglas Sirks letztem Hollywoodfilm ernst und entwirft immer wieder Geschichten darüber, wie Menschen ihr Begehren nur als Nachahmung leben können: Mal imitieren sie die eigene Mutter, mal Stars wie Joan Crawford oder Lana Turner, dann wieder Figuren aus früheren Almodóvar-Filmen. Doch er zeigt auch, was das klassische Melo kaum interessierte, nämlich dass es Auswege aus der impasse des Begehrens geben kann.
Wenn also im folgenden der Versuch unternommen wird, eine Frauentypologie zu entwerfen, so deshalb, um auszuloten wie Almodóvar mit intelligentem Pathos die traditionelle Aufspaltung zwischen Hure und Mutter refiguriert, und zwar derart, dass er Brüche in das Stereotyp einführt. Seine Frauen sind nie nur böse, wie sie auch nie nur naiv oder unschuldig sind. Ihr Schmerz ist ein genussvoller, ihre Egozentrik kann auch zur grossen Liebe fähig sein, ihr Wunsch nach Ausbruch entpuppt sich gerne als Spiegelverkehrung eines Verlangens nach Gemeinschaft.
Obsessionen und ihre Objekte der Begierde
Spätestens seit Freud wissen wir, dass einer Liebesobsession stückweise immer die Pathosgeste des Fetischismus anhaftet. Eine Liebe, die den Rahmen des Narzissmus nicht sprengt, stellt somit ein nach aussen getragenes Begehren nach Einheit dar, das den realen Körper der Geliebten braucht, um das eigene Fantasieleben intakt zu halten. Diesem Zirkelschluss unterliegt bei Almodóvar oft eine fatale Note. Denn in letzter Konsequenz kann die Vereinnahmung der Geliebten in das Feld der narzisstischen Liebe dazu führen, der betroffenen Frau die Eigenständigkeit zu rauben und sie zu bestrafen, wenn sie sich dieser Funktion zu entziehen sucht. Die Gegenseite der Vorstellung, der Blick eines Liebenden belebe denjenigen, den dieser Blick plötzlich treffe, besagt nämlich, dass ein Blick, der den anderen zum Kompliment des begehrenden Ichs macht, tödlich sein kann.In Almodóvars neustem Film spricht der Krankenpfleger Benigno (Javier Cámara) unentwegt mit der im Koma liegenden Alicia (Rosaria Flores), wie er auch dem Journalisten Marco (Darío Grandinette) einzureden versucht, ein ähnlich morbides Verhältnis mit seiner ebenfalls im Koma liegenden Geliebten Lydia (Leonor Walting) herzustellen, sei zwingend. Diese nekrophile Leidenschaft folgt in beiden Fällen einer fatalen Blicklogik: Hatte Benigno doch von seinem Fenster aus - als wäre es seine psychische Leinwand - der tanzenden Alicia im gegenüberliegenden Studio wehmütig zugesehen, wie sich auch Marcos Begehren nach der Stierkämpferin dadurch entfachte, dass er sie in einer Talkshow sah. Beide Frauen fallen also erst ins Koma, nachdem sie - oder auch weil sie - vom Blick eines Fetischisten eingefangen wurden, der vornehmlich ihren Anblick begehrt. Als lebende Leichen komplementieren beide Frauen perfekt die sie nun ungestört mit ihrem Blick berührenden Männer, gerade weil sie mit keinem Gegenblick und keiner Forderung diesen Austausch stören. Doch steht auch eine andere Korrespondenz auf dem Spiel. Hitchcock hatte in dargelegt, dass ein rein egoistischer Genuss eines Frauenbildes sich nicht nur mit einem nekrophilen Begehren deckt. Diese Morbidität ist auch als Chiffre zu verstehen für eine Leidenschaft nach jenen Bildern, die überdimensional auf der Kinoleinwand aufflackern. Die fantasmatische Macht der Kinobilder liegt darin, den Betrachter glauben zu lassen, sein Blicken sei der geheime Grund für die Inszenierung dieser Bildkörper, deren Schicksal er immer überlebt. Nun gibt es aber noch eine wesentlich beunruhigendere Art, wie Almodóvar die verhängnisvolle Logik der narzisstischen Liebe durchspielt, nämlich den weiblichen Masochismus. Dieser kann sich einerseits als Spiegelverkehrung des Fetischismus entpuppen. In ¡Átame! beispielsweise spielt Victoria Abril die ehemalige Pornodarstellerin Marina, die zum Fetischobjekt eines Insassen einer Anstalt für Geisteskranke wird. Dieser hat sich, nachdem er einmal mit ihr geschlafen hat, eingebildet, dass, würde sie ihn nur heiraten, er sich auch an die Welt ausserhalb der Klinik anpassen könnte. Wörtlich an ihr Bett gefesselt nimmt Marina diese Logik schliesslich an, weil sie in der Versehrtheit des Geisteskranken die eigene Hilflosigkeit gespiegelt findet. In der uneingeschränkten Annahme des Fantasiebildes einer geglückten Familienbildung, das der Geisteskranke mit ihr im Zentrum entworfen hat, entdeckt Marina auf wunderbare Weise eine Entsprechung zu ihrem eigenen Begehren nach Geborgenheit im anderen. Weil er seinen Wunsch nach Komplementarität mit ihrem Körper real werden lässt, erfährt sie über ihn eine Vorstellung ihres Selbst, die ihr eine Fantasie dafür bietet, wie ihre Zukunft jenseits einer Reduktion zum erotischen Filmobjekt aussehen könnte. Die Macht des weiblichen Masochismus kann sich aber auch dann entfachen, wenn die Tochter anstelle eines Geliebten ihre Mutter fetischisiert, diese wie in Tacones lejanos so stark imitiert, dass sie deren ehemaligen Liebhaber heiratet, um dann nach deren Rückkehr alles darauf zu setzen, ihr privilegiertes Blickobjekt zu werden. Als Umformulierung des Freudschen Modells entpuppt sich der Wunsch, wie die Mutter zu leben, als Kernmotiv des melodramatischen Exzesses, ergibt somit aber auch eine Variante des Vatermordes. Rebeca tötet den Ehegatten, jedoch nicht, um sich an der Mutter, die wieder zu seiner Geliebten geworden ist, zu rächen, sondern um die Mutter endlich ganz für sich zu haben. Der erschütternde Höhepunkt dieser masochistischen Fantasie ist das Mordgeständnis, das sie während einer ihrer Nachrichtensendungen öffentlich ablegt. Dieser Geste der Selbstanklage haftet auch etwas Monströses an. Rebeca beweist damit nicht nur die fatalen Konsequenzen ihres Versuches, Becky nachzuahmen. Sie zieht somit die Mutter auch in eine Ökonomie des Begehrens, die von der Frage der Schuld reguliert wird. Weil die Tochter bereit ist, die Strafe für eine Tat, die sich aus dem Fehlverhalten der Mutter ergeben hat - ihre Vernachlässigung der Tochter, ihr Verhältnis zu deren Ehemann -, auf sich zu nehmen, ist Becky nun auch auf ewig in deren Schuld. Doch was Almodóvar bewusst an der Denkfigur einer Überidentifikation mit dem Blick der Mutter verhandelt, ist ein weiterer Aspekt der Morbidität des Kinos selbst. Ist in der Entwicklung des Kindes der mütterliche Körper der Ort, an dem die ersten narzisstischen Fantasien von Einheit und somit das Begehren, dies im Liebesleben stets zu wiederholen, geboren werden, funktionieren weibliche Filmikonen nach einer ähnlichen Logik. Wenn Almodóvars Frauen als Synchronsprecherinnen einer Filmdarstellerin ihre Stimme verleihen ( Mujeres al borde de un ataque de nervios ) oder als Schauspielerinnen vertrauten Filmrollen eine neue Gestalt verleihen ( Todo sobre mi madre ), sind das grundsätzlich masochistische Positionen. Sie werfen die Fragen auf, ob wir, die wir unser Begehren durch die Identifikation mit einer anderen Figur, der Mutter nämlich, gelernt haben, authentisch sind, oder nur der Abklatsch eines verehrten Bildes bleiben. Das ist sowohl die Kernfrage bezüglich der Funktion der Mutter im psychischen Leben eines Individuums als auch für die der mütterlichen Filmikonen Hollywoods, die Almodóvar selbstreflexiv zitiert, weil sich in ihrem Leben so oft Film und Realität verflüssigten: beispielsweise Lana Turner, deren Tochter ihren Liebhaber tötete; Joan Crawford, deren Tochter sie öffentlich als Rabenmutter anklagte.













