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08.02.2012
Eurozine Review

Naive, the hawks would say

"Ny Tid" says that only diplomacy can defuse the Iranian bomb; "NAQD" warns that the Arab revolutions are not as feminist as the West thinks; "Blätter" wants an enquiry into institutional racism in Germany; "Letras Libres" pays its respects to a rare revolutionary; "Arena" asks the bane of the Norwegian far-Right to explain Breivik; "Res Publica Nowa" struggles for objectivity amidst the tyranny of opinion; "Merkur" is still angry with Kohl; Springerin observes how artists lead the market when it comes to precarity; "L'Homme" finds that international development begins in the home; and "Vikerkaar" reads 150 years of Estonian thanatography.

25.01.2012
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The organized upperworld

11.01.2012
Eurozine Review

A new way to talk politics

21.12.2011
Eurozine Review

"Transparency" in scare quotes

07.12.2011
Eurozine Review

Itching powder for the Left



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Das Schrumpfen der Welt auf dem Zeitungspapier

Einblicke in die norwegische Presse

Hans Magnus Enzenberger richtet sein Augenmerk nach Norwegen und nimmt die norwegische Presselandschaft unter die Lupe. Dort sieht es düster aus, konstantiert er. Aber welchen Effekt hat dies auf die norwegische Leserschaft. Oder anders gefragt, hat es überhaupt einen Effekt?

Det er typisk å være god.
Gro Harlem Brundtland


Und niemand schien der Gedanke zu kommen, daß dieser Mann nur in einem Land, in dem es um die Journalistik so schlecht bestellt war wie in Norwegen, eine Rolle spielen konnte. In einem großen Land wäre er die Schere an einer Zeitung gewesen, in Afghanistan hätte er sich zum Medizinmann der Dorfes aufgeschwungen und hätte im Sand seine Künste getrieben.
Knut Hamsun, Redaktør Lynge (1893)

Panorama

Die tägliche Zeitung ist ein äußerst nützlicher und vielseitiger Gebrauchsgegenstand. Man kann Fische damit einwickeln, Puppen aus Pappmaché daraus kneten oder sich, wenn nichts anderes zur Hand ist, auf dem Außenklo mit der Ausgabe von vorgestern behelfen. Auch der Tapezierer weiß sie als Unterfutter für seine Blümchenmuster zu schätzen. Man kann die Zeitung aber auch lesen, und da liegt das Problem.

Norwegen kann sich rühmen, an jedem Werktag über 65 verschiedene Blätter zu verfügen, 84 weitere erscheinen 2-5 wöchentlich. Der Steuerzahler subventioniert diese Vielfalt alljährlich mit insgesamt 267,8 Millionen Kronen. Es gibt natürlich niemanden, der das alles liest. schon deshalb muß die folgende knappe Übersicht auf so herrliche Titel wie den Gjengangeren, das Nordlys, den Askerog Bærum Budstike und Fædrelandsvennen verzichten. Unsere kleine Leseübung beschränkt sich notgedrungen auf sechs Tageszeitungen und auf einen Zeitraum von einem Monat. Leider müssen auch die Wochenblätter außer Betracht bleiben, unter den das tapfere Morgenbladet als Verteidiger der Fähigkeit, zu lesen und als Stimme der Urbanität sowie Dag og Tid als Kurier für ländliche Sitten und Ansichten hervorragen.

Nur Mut also, auch wenn es schwer fällt, sich durch einen meterhohen Stapel von Altpapier durchzuwühlen. Das ist der Lauf der Welt, in Norwegen bekannt durch das gleichnamige Boulevardblatt. Im neunzehnten Jahrhundert liberal, später rechtslastig wurde diese Zeitung 1944 in der Illegalität als Stimme des norwegischen Widerstandes neu gegründet und galt nach der Befreiung als anspruchsvoll und wohlinformiert, bis ihr das Geld ausging und sie an den Schibsted- Konzern verkauft wurde. Der Absturz ins Nachrichten-Vakuum folgte auf dem Fuße. Heute ist Verdens Gang die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Solche Presseerzeugnisse gibt es auch in den anderen Ländern, wir können uns also kurz fassen. Die Lektüre ist, soviel wird schon beim ersten Anblick deutlich, für Legastheniker geeignet; die Buchstaben der Titelseite erreichen eine Höhe von sechs Zentimetern. Auch die Obsessionen, welche die Reaktion hätschelt und vermutlich auch teilt, wundern uns nicht; es handelt sich
um Sex:" SEX-DØMT FASTLEGE", "FOTBALLAG GIKK PÅ HOREHUS";
um Neid:"FÅR FALLSKJERM PÅ 2 MILL."; "NORGES RIKESTE PAR";
um Crime:"HJALP HALLIK-DØMT"; "PÅTENT AV EKTEMANNEN";
und um Promis:"CARL I. SPYTTER PÅ MEG"; "LANDBRUKMINISTERENS HUND DREPT"; " MÄRTHAS BIL RAMPONERT".
Als einzige norwegische Spezialität tritt der Suff hinzu, ein Lieblingsthema aller Medien des Landes ( "FYLLEBRÅK PÅ KAFÉ I NATT").

Es ist verständlich, daß alle anderen Sorgen hinter solchen Sensationen zurücktreten müssen; die einzigen internationalen Meldungen, die es innerhalb von Wochen zu einem Platz auf Seite 1 gebracht haben, handeln vom Terrorismus, der immerhin in die Kategorie Crime fällt. Dadurch ist es der Redaktion möglich geworden, so etwas wie eine Nachricht ins Blatt zu schmuggeln, ohne ihren Grundsätzen untreu zu werden Insofern kann man sagen, daß Verdens Gang eine grundehrliche Zeitung ist: nie käme ihre Redaktion auf die Idee, irgendeinen Anspruch auf Qualität zu erheben.

Eine eiserne Grundregel besagt, daß von den 60-80 Seiten Umfang, höchstens drei von der Außenwelt berichten dürfen. Auch müssen Meldungen, die nicht von Norwegen handeln, tief im Inneren des Blattes versteckt werden. Man wird sehen, daß Verdens Gang in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellt. Ob links oder rechts, groß- oder kleinstädtisch, bokmål oder nynorsk- alle Verleger, Redakteure, Mitarbeiter und Marketing-Experten sind sich offenbar in einem Punkt einig: darin, daß es unpatriotisch wäre anzunehmen, der norwegische Leser könnte sich für irgend etwas interessieren, was außerhalb der Landesgrenzen geschieht.

Das gilt natürlich auch für Dagbladet, eine Zeitung mit einer Vergangenheit, die bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht. Ihren Verlegern ist es gelungen, diese Tradition auszulöschen und, was Populismus und Schund betrifft, die Hauptkonkurrentin zu übertreffen. Die Grundkategorien sind, wie bei Verdens Gang Sex, Neid, Crime und Promis, und auf der ersten Seite liest man in handgroßen Lettern, wie sie im Kindergarten verwendet werden,
"LEGER GIR P-PILGER TIL BARN";
"BARNE -PORNOLIGA RULLES OPP";
"NORGE-DE RIKES PARADIS";
FENGSLET I STOR NARKOSAK";
"NYE SJOKKBILDER RYSTER KARITA".
Selbstverständlich spielt auch hier die Außenwelt keine Rolle. Nur Terroristen haben ein Chance, die Nachrichtenquarantäne zu durchbrechen.

Was Dagbladet von anderen Boulevard-Blättern unterscheidet, ist jedoch die hartnäckige Illusion, man wäre etwas Besseres. Ganz so, als hätte man auch Lesekundigen etwas zu bieten, leistet man sich auf den Kulturseiten hier einen "doktor honoris causa" und dort einen "førsteamanuensis", der zwischen Porno und Sport seine Meinung äußern darf. Diese Schwundform eines altertümlichen Kulturradikalismus macht das Ganze deshalb nur noch peinlicher. Man kann das Analphabetentum nicht mit einem Doktorhut verzieren, ohne daß der Schwindel auffliegt. Im Zweifelsfall bietet Verdens Gang die appetitlichere Variante des Schwachsinns.

Aber damit kein Irrtum aufkommt. es gibt auch seriöse Zeitungen in Norwegen! Zum Beispiel der ordentliche, bescheidene Dagsavisen . Auch hier hat man es mit einem Traditionsblatt zu tun, das sich verleugnet. Es handelt sich um das alte Hausorgan der Sozialdemokratie, die bekanntlich schon vor Jahren die Nerven verloren hat und daher den Titel Arbeiderbladet zur Verschrottung preisgab. Auch hier herrschen die bekannten norwegischen Prioritäten:
" Bedre å få barn med flere menn" ist wichtiger als " Frykt for kupp i Pakistan", und " Seks døde etter hasjrøyking" ist so eine sensationelle Nachricht, daß " FN advarer mot kjemisk angrep" davor zurücktreten muß; wie immer wird der Außenwelt nur ein Plätzchen auf den hinteren Seiten eingeräumt. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Agenturmeldungen; über einen eigenen Korrespondenten scheint die Zeitung nur in Tel Aviv zu verfügen. Von den Boulevardblättern unterscheidet sich Dagsavisen durch zwei wohltemperierte, wohlmeinende Meinungs- und Debattenseiten, denen man jedenfalls keinen hysterischen Populismus nachsagen kann. Die Zeitung hat auch einen Kulturteil, der sich allerdings eher mit Pop, Stars und Mode, gelegentlich auch mit dem Rollschuhlauf beschäftige. Vermutlich geht es dabei nicht nur um die übliche Anbiederung an die Jugend; auch das Mißtrauen gegen die Intellektuellen gehört ja zum Grundstock der sozialdemokratischen Kultur.

Anspruch auf die Meinungsführerschaft in der norwegischen Medienwelt erhebt bekanntlich Aftenposten, und ob es einem paßt oder nicht, man wird zugeben müssen, dieser Anspruch besteht zu Recht. Die Zeitung, die einst so bieder und tantenhaft daherkam, als wäre sie für Bridge spielende ältere Damen geschrieben, hat sich entschieden modernisiert. An die alten Zeiten, zu denen das Öl noch nicht sprudelte, erinnern nur noch die wehmütigen kleinen Anzeigen des Maran-Ata-Tempels, der Læstadianere und der Pinsemenigheter ("Velkommen i Jesu namn").

Aftenposten erscheint täglich in einem Umfang von 48-80 Seiten im Großformat, was die doppelte Textmenge bedeutet, zusätzlich gibt es ein aktuelle Abendausgabe. Die Herausgeber haben es fertiggebracht, jede Ausgabe in vier " Bücher" oder "Produkte" aufzuteilen, was dem internationalen Standard entspricht. Also einzige norwegische Zeitung leisten sie sich den Luxus eigener Korrespondenten in Washington, London, Paris, Berlin, Moskau, Brüssel und Jerusalem: man beschäftigt außerdem Stringer auf dem Balkan und in Asien. Gelegentlich übernimmt die Redaktion Material aus der New York Times und aus der Washington Post.

Bemerkenswert ist auch die Erfindung eines täglichen "Arena"-Teils, zuständig für Kultur, Kommentar und Debatte, der das klassische Ressort-Schema sprengt und Hintergrund-Informationen liefert.

So könnte Aftenposten als international konkurrenzfähige Hauptsadt-Zeitung gelten, hinge sie nicht mit Leib und Seele demselben Weltbild an, das alle norwegischen Medien teilen. In dieser Perspektive schrumpfen nicht nur alle anderen vier Erdteile auf die Größe einer Haselnuß zusammen; auch der Rest von Europa gilt als winziges Anhängsel eines Großreiches, das Norwegen heißt. Ganze zwei Seiten opfert die wichtigste Zeitung des Landes den Auslandsnachrichten, und auch die werden wie üblich, tief ins Innere des Blattes verbannt. Und natürlich kann und will auch Aftenposten von den fixen Ideen nicht lassen. Ausländer bedrohen das heimische Biotop: " Russere vil ha makt i Kværner"- dagege mu0ß sogar der internationale Terrorismus verbleichen, und es besteht kein Zweifel, daß die größten sorgen, die man sich macht, durch Schlagzeilen wie die folgenden ausgedrückt werden müssen:" Sex-dømt fastlege kan miste jobben" oder " EU vil ha ned alkohlprisen". Die vielen Auslandskorrespondenten, über die das Blatt verfügt, können einem leid tun, Gegen den ausschweifenden Lokalpatriotismus haben sie keine Chance.

Zwei sehr sonderbare Gewächse aus dem norwegischen Biotop verdienen eine besondere Betrachtung. Das Land kann sich einer eigenen Wirtschaftszeitung rühmen, die allerdings keinerlei Ähnlichkeit mit ausländischen Blättern des gleichen Genres zeigt. Dagens Næringsliv ist wahrscheinlich die einzige Wirtschaftszeitung der Welt, die der Globalisierung standgehalten hat. Die Titelseite ist grundsätzlich für norwegische Dinge reserviert; die internationale Ökonomie kommt erst auf den beiden Seiten 26-27 ( von 40-729 zum Zuge, und zwar hinter Rubriken, die "Motor", "Reiseliv", "Job og karriere", "Eiendom" und "Livsstil" heißen. Angesichts der extremen Exportabhängigkeit des Landes ist das eine recht eigentümliche Haltung. Die norwegischen Investoren scheinen einer Strategie des Sich-Einigelns zu frönen, ganz so, als hätte ihr Kapitalexport nicht inzwischen riesige Dimensionen angenommen. Hat nicht irgendein Klassiker behauptet, das Kapital kenne kein Vaterland? Den Mut, mit dem Dagens Næringsliv dieser tiefen Wahrheit entgegentritt, kann man nur bewundern.

Schließlich ein paar Worte über eine andere norwegische Spezialität. Schon der trotzige Titel Klassekampen stellt die Außenseiterposition des Blattes dar. Hier bietet man einer Welt von Feinden die Stirn. Hier ist man unter sich. Hier überwintert die Linke, auf die das peinliche Datum 1989 wenig Eindruck gemacht hat. Zwar gibt es auch anderswo linke Blätter, die ihre Outsider-Haltung zu schätzen wissen, doch eine Zeitung wie Klassekampen ist nur in Norwegen möglich. Denn so sehr sie sich bemüht, politisch zu argumentieren, letzten Endes ist der Fels, auf dem sie ruht, die Moral. Abgesehen von Osservatore Romano, dem Organ des Vatikans, dürfte es keine Redaktion auf der Welt gebn, die so genau und zweifelsfrei wüßte, wo das Gute und das Böse zu finden ist. Im Großen und Ganzen sieht die Unterscheidung so aus: Krieg, Pornographie, Unternehmer, Reiche, Machos, Alkohol und Tabak sind böse, Frieden, Feminismus, Streikende, Arme und Krankenschwestern sind gut. Die eifernde Rhetorik erinnert an die Laienprediger der 19. Jahrhunderts, wie sie Alexander Kielland in seinen Romanen verewigt hat. Es ist schön zu sehen, daß der Puritanismus in Norwegen bei der Linken eine so gemütliche Heimstatt gefunden hat.

Was die ökonomischen Probleme angeht, so sind sie nicht, wie naive Beobachter glauben, durch Steigerung der Produktivität zu lösen, sondern durch bloße Umverteilung. Wehe den Reichen, die das nicht einsehen wollen! Ein Stadtpfarrer schleudert ihnen die Schlagzeile auf der ersten Seite ins Gesicht:"RIKE MENNESKE HELSAR SATAN KVAR MORGON NÅR DEI OPNAR DØRA TIL BØRSEN". Als probates Mittel gegen die Globalisierung kommt nur die lokale Kultur, einschließlich der Folklore in Betracht. Der vaterländische Boden ist heilig. Überall lauern Ausländer, die sich an norwegischen Firmen vergreifen wollen. Klassekampen schlägt Alarm: "NOREG SELJAST TIL UTLANDET!" Wie man sieht, verfügt der Nationalismus der Linken in Norwegen, ganz im Gegensatz zur sozialistischen Tradition, über ein beneidenswert gutes Gewissen.

In der Außenpolitik, die wie in allen anderen Medien hinter den häuslichen Ereignissen zurücktreten muß gilt der Grundsatz: Je weiter weg, desto besser. Gegenden der Welt, mit denen Norwegen die engsten Beziehungen unterhält werden mit tiefem Mißtrauen betrachtet. Gut sind Indio, Schwarze, Palästinenser, Eskimos und Kurden; böse dagegen Amerikaner, die Europäische Union und die Zionisten. Den Guten wird sogar eine Ausnahme von allgemeinem Friedensgebot zugebilligt. ("URFOLK TRUER MED ÅGRIPE TIL VÅPEN" ist o.k) Der Rest der Welt spielt keine Rolle. Die ausdrucksvollsten Schlagzeilen, die Klassekampen in den letzten Monaten zu bieten hatte, lauten "ALL DENNE ONDSKAPEN" und "ONDSKAP KOMMER INNENFRA". Kein Wohlmeinender wird ihnen widersprechen.

Es ist leicht, sich über so eine schlichte Weltsicht lustig zu machen. Dennoch sollte man einem Don Quixote, der derart eigensinnig gegen die vielen Windmühlen der Gegenwart kämpft, den Respekt nicht versagen. gerade weil eine Zeitung wie Klassekampen die verwaisten religiösen Bedürfnisser der Norweger anspricht, kann sie als Korrektiv der Mainstream-Medien wirken. Das ist auch der Grund dafür, daß sie dreiundreißig Jahre lang alles überlebt hat: den Kalten Krieg, den Maoismus und sogar den neuen Reichtum des Emirats im Norden.

Stichprobe

Wie soll man die Qualität einer Tageszeitung beurteilen? Eine absolut stichfeste Methode gibt es dafür nicht, doch um eine gewisse Objektivität zu erreichen, bietet sich ein internationaler Vergleich an. Ein zufällig gewählter Tag wie der 24. Oktober 2001 soll ihn ermöglichen. Als Belege sollen, neben den genannten sechs norwegischen Titeln, Verdens Gang (V), Dagbladet (D) Dagsavisen (AB), Aftenposten (AP), Dagens Næringsliv (DN) und Klassekampen (K) folgende Blätter aus der Fremde dienen: Le Monde ( Paris, M), der Corriere della Sera (Milano, C) El Pais (Madrid, P) die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F) die Neue Zürcher Zeitung (Z) und Bild (München, B).
Die folgende Übersicht wird sich auf den politischen Teil, und zwar auf die Auslandsberichterstattung beschränken. Eine Betrachtung des Kulturteils lohnt sich nicht, da die norwegischen Blätter kulturelle Ereignisse fast ausschließlich im Inneren des Landes vermuten, der Rest der Welt tritt nur mit zehn (AP und AB) respektive null Prozent ( D und VG) in Erscheinung. Einen ersten Einblick in die politische Verfassung der untersuchten Blätter geben die Schlagzeilen der Seit 1. Zunächst die norwegischen Titel: AP:"8600 lærere for darlige for Bondevik"
AB:"Senterpartiet vil regjere med AP"
VG: "Jens' søster var NARKOMAN"
D: "Det som hjalp meg, var kjæligheten de viste meg"
DN: "Sett ti fly på bakken" (SAS an den norwegischen Korrespondenten Braathen)
K: "MISTAR TRYGG-LEIKEN".
Die ausländischen Blätter im Vergleich: P: "El IRA empieza a dstruier sus armas"
M: "Vers une offensive du Front uni anti-talibans"
Z: "Die IRA bestätigt Beginn der Entwaffnung"
C: "Antrace all'uffico postale dela Casa Blanca"
F: "Die IRA lenkt ein: 'Wir haben mit der Entwaffnung begonnen"
B: "Die Blitz- Hochzeit".
Nur eine dieser Überschriften ist einem lokalen Ereignis gewidmet. Die europäischen Blätter sind offenbar zu der Einsicht gelangt, daß die Außenwelt größer ist als das eigene Land; deshalb finden sich die Auslandsnachrichten stets auf den ersten Seiten. Die norwegischen Medien behaupten mit ihrer nationalen Nabelschau eine einzigartige Außenseiterposition.

Ein sicheres Maß für die Qualität der Auslandsberichterstattungen sind Zahl und Umfang der eigenen Korrespondentenberichte. Daneben sollte auch redaktionelle Beiträge und kleine Agenturmeldungen berücksichtigt werden. Das ist mühsam, mag pedantisch scheinen und langweilig zu lesen sein, ist aber notwendig, wenn man es nicht bei subjektiven Kriterien belassen will. Die folgende Übersicht ist nach der Leistung der Korrespondenten geordnet. Dadurch ergibt sich eine Art Rangfolge. 1.El Pais:16 eigene Berichte aus Washington (3), Moskau (3), London (2), New York, Trenton (New Jersey), Brüssel (2), Berlin, Jerusalem, Kairo, Peschawar und Charikar ( Afghanistan), vier redaktionelle Beiträge; neun kurze Agenturmeldungen, unter anderem aus Dubai, Taschkent, Toronto, Djakarta und Guatemala City. Diese Nachrichten nehmen die ersten 16 Seiten der Zeitung ein.
2.Frankfurter Allgemeine Zeitung:15 eigene Berichte aus London, Washington, Lahore, Teheran, Wien, Riad, Brüssel (2), Warschau, Prag, Straßburg, Jerusalem (2) und Johannesburg (2); ferner zwei redaktionelle Beiträge und acht Agenturmeldungen.
3.Le Monde: 13 eigene Korrespondentenberichte aus Washington (2), Genf, London, Moskau, Brüssel, Jerusalem, Taschkent; Islamabad, Diyarbakir (Türkei), Bazarak, Djabul-ul- Saraj und Dalan-Sang ( Afghanistan), vier redaktionelle Beiträge und sechs Agenturmeldungen.
4. Neue Zürcher Zeitung:13 Korrespondentenberichte aus Washington (3), Amsterdam (2) Moskau (2), London, Dublin, Belgrad, Wien, Johannesburg und Tirana, ergänzt durch elf Agenturmeldung en, u.a aus Athen, Teheran und Nouakchott.
5. Corriere della Sera: zwölf Korrespondentebnerichte aus Washington (5), New York, Cheyenne (Wyoming) Suitland, Maryland , London, Berlin, Islamabad und Peschawar; ferner drei redaktionelle Beiträge und eine Agenturmeldung.
6. Aftenposten:vier Korrespondentenberichte aus Washington, London, Stockholm und Berlin, vier redaktionelle Beiträge und eine Agenturmeldung. Alle Texte außer einem befassen sich mit dem "Krieg gegen den Terror".
7. Verdens Gang: Vier Korrespondentenberichte aus New York (2), Berlin und Peschawar, ferner zwei Agenturmeldungen; einziges Thema ist der "Krieg gegen den Terror". 8. Dagens Næringsluv: Vier Berichte aus Berlin (2) und Bangkok (9).
9. Dagbladet: Drei Korrespondentenberichte aus New York, Paschawar und Farkhar ( Afghanistan) und eine Agenturmeldung; auch hier ist, außer der IRA, nur vom "Krieg gegen den Terror" die Rede.
10. Dagsavisen: Zwei Korrespondentenberichte aus New York und aus Jerusalem; 13 kleine Agenturmeldungen, drei redaktionelle Beiträge. Mit Ausnahme des Berichts aus Jerusalem handeln alle Texte von "Krieg gegen den Terror".
11. Klassekampen: Kein Korrespondentenbericht, vier redaktionelle Beiträge, sieben Agenturmeldungen.
12. Bild: Ein eigener Bericht aus New York und acht kleine Meldungen aus dem Ticker der Nachrichtenagenturen; Gesamtumfang: eine viertel Seite.

Ein schwacher Trost mag für den norwegischen Leser darin bestehen, daß es ein deutsches Blatt ist, welches den Rekord beim Wettstreit um die schlechteste Auslandsberichterstattung hält. ( Bild ist die auflagenstärkste Zeitung der Bundesrepublik.) Umgekehrt beschäftigt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht weniger als 53 feste Auslandskorrespondenten, was ebenfalls einen europäischen Rekord darstellt. Doch auch die Neue Zürcher Zeitung verfügt über ein weltweites Netz von Mitarbeitern.

Man wird versucht sein, die mangelhaften Leistungen der norwegischen Presse und ihr Desinteresse an der Welt mit ökonomischen Gründen zu rechtfertigen. Der norwegische Markt, heißt es, sei einfach zu klein, Primärquellen und eigene Beobachter könne man sich kaum leisten. Das Beispiel der Schweiz widerlegt dieses Argument. Mit 4, 46 Millionen deutschsprachigen Einwohnern ist das potentielle Publikum dort kleiner als in Norwegen. Die Auflagen der führenden Schweizer Zeitungen liegen unter denen von Aftenposten und anderer skandinavischer Blätter. der Hinweis auf den kleinen Binnenmarkt ist also nur eine Ausrede für Provinzialität und Gleichgültigkeit.

Paradox

Vor nicht allzu langer Zeit haben die Vereinten Nationen eine vergleichende Untersuchung über die Lebensqualität in ihren Mitgliedsländern veröffentlicht. Den ersten Platz nahm dabei Norwegen ein, was begreiflicherweise der Selbstzufriedenheit der Politiker und der Medien des Landes nicht geschadet hat. Auch wer solchen Statistiken mißtraut, wird zugeben müssen: Die Kennzifferns können sich sehen lassen. Bildungsbudget, Abiturientenzahlen, Beschäftigung, Lebenserwartung, Leistungen des Wohlfahrtsstaates und andere Indikatoren deuten auf eine erfolgreiche Bilanz hin.

Die Norweger lieben es, in die Schule zu gehen. Überall werden kostenlose Fortbildungskurse angeboten, und ein weitverzweigtes System von öffentlichen Bibliotheken verwöhnt alle, die lesen wollen, ohne für die enorm hohen Bücherpreise in die eigene Tasche zu greifen.

Um so größer wirkt der Schock des Kunden, der im Inneren des Landes eine Zeitung kaufen will. Im Landhandel und in der Kette der Konsumgenossenschaften erwartet ihn ein Blechgestell, auf dem, neben einigen unsäglichen Illustrierten, nur die beiden Boulevard-Blätter zu finden sind. Wer auch nur Aftenposten zu lesen wünscht, muß sich auf eine Reise zur nächsten Kleinstadt gefaßt machen, die oft fünfzig Kilometer weit entfernt ist.

Die in der Provinz ausschließlich angebotenen Presseerzeugnisse haben sich ganz entschieden der Verblödung ihres Publikums verschrieben. Darin sehen sie ihre Daseinsberechtigung. Ihr Informationsgehalt ist derart reduziert, daß man sie als ideale Nullmedien bezeichnen kann.

Bei diesem Fazit könnte man es bewenden lassen, wäre die Situation im kleinen Norwegen nicht von höchstem Interesse für jeden, der sich irgendwo auf der Welt mit Medienfragen beschäftigt. Die eigentliche Überraschung liegt nämlich nicht darin, daß das Land an einer chronischen Unterversorgung mit Informationen durch die Tagespresse leidet. Erstaunlicher ist die Tatsache, daß das verlegerische Projekt, die Norweger in Idioten zu verwandeln, nachweislich gescheitert ist.

Wer sich in Norwegen umsieht, wird nämlich feststellen, daß die Intelligenz der Bevölkerung in keiner Weise gelitten hat, und daß es der Presse nicht einmal gelungen ist, ihre Weltkenntnis zu zerstören. Nach wie vor sind die Leute informiert, diskussionsfähig und an der Außenwelt in hohem Maße interessiert. Man muß daraus einen Schluß ziehen, der den wenigsten Medientheoretikern gefallen wird: die Macht der Presse und ihr Einfluß auf die Mentalität der Leute wird offenbar weit überschätzt, die Resistenz, um nicht zu sagen die Immunität des Publikums gegenüber dem Verblödungsdruck der Industrie hingegen bei weitem zu gering veranschlagt.

Im vorliegenden Fall lassen sich zweifellos spezifische Gründe für die relative Wirkungslosigkeit der Medien nennen. Zum einen läßt sich das hohe Ausbildungsniveau des Landes nicht einfach annullieren. Zum anderen aber spielen historische Faktoren eine Rolle, beispielsweise die alte Seefahrertradition Norwegens oder die Tatsache, daß die meisten Familien wegen der massiven Auswanderung früherer Zeiten enge verwandtschaftliche Beziehungen ins Ausland unterhielten. Auch die Export- und Importabhängigkeit der norwegischen Ökonomie setzt der Borniertheit Grenzen. Norweger reisen viel. Fremdsprachenkenntnisse sind weit verbreitet. Junge Leute sind überdurchschnittlich in der Entwicklungshilfe engagiert. Dazu kommt die starke Nutzung neuerer Medien; das Land weist eine der höchsten Internet-und Mobiltelephonrate der Welt auf.

So bleibt am Schluß wohl nur noch ein Rätsel zu lösen: Warum das norwegische Publikum, obwohl ein Mausklick ihm kostenlos den größten Teil der Weltpresse zur Verfügung stellt, sich die Zumutungen einiger Zeitungsverleger gefallen läßt, die seit Jahrzehnten daran arbeiten, ihre eigenen Überflüssigkeit zu beweisen. Gewiß mag es befriedigend sein, zu erfahren, daß der Schauspieler X sein Frau schlägt, daß der Hund des Ministers Y tot, und daß das Rauchen eine schlechte Gewohnheit ist. Aber muß man täglich dafür 9 bis 15 Kronen (DM 2,20 bis 3,68) ausgeben? Und spräche nicht einiges dafür, einer so beschränkten Presse bei ihrer eigenen Abschaffung behilflich zu sein? Dadurch könnte man den Steuerzahlern immerhin die jährlichen Zeitungssubventionen ersparen.

Das alles sind natürlich Fragen eines Außenstehenden, der sich verwundert die Augen reibt: Antworten stehen ihm nicht zu, und er überläßt sie gern denen, die es angeht und die er, ganz gleich, wie sie diese unmaßgeblichen Betrachtungen aufnehmen, seines Mitgefühles und seiner treuen Anhänglichkeit versichert.

 



Published 2002-08-30


Original in German
First published in Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.03.2002 (German version)

Contributed by Samtiden
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