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Die Narbe des Odysseus

Die Wunden der Moderne und die Krise des Augenzeugen

Wie ist Geschichte angemessen darzustellen? Wo kann nach den unfassbaren Kriegserfahrungen des 20. Jahrhunderts der Raum für individuelle psychische Realitäten sein? Der Autor spannt bei seinen Ausführungen den Bogen von Odysseus' Gewalterfahrungen - seiner Narbe, die zugleich zum Zeichen der Wiedererkennung wird - bis zu den Jugenderinnerungen Sebastian Haffners.

Die Leser der Odyssee erinnern sich der wohlvorbereiteten und ergreifenden Szene im 19. Gesange, in der die alte Schaffnerin Eurykleia den heimgekehrten Odysseus, dessen Amme sie einst war, an einer Narbe am Schenkel wiedererkennt. Der Fremdling hat Penelopes Wohlwollen gewonnen; nach seinem Wunsch befiehlt sie der Schaffnerin, ihm die Füße zu waschen, wie dies in allen alten Geschichten als erste Pflicht der Gastlichkeit gegenüber dem müden Wanderer üblich ist; Eurykleia macht sich daran, das Wasser zu holen und kaltes mit warmem zu mischen, indes sie traurig von dem verschollenen Herren spricht, der wohl das gleiche Alter haben möge wie der Gast, der jetzt vielleicht auch, wie er, irgendwo als armer Fremdling umherirre - dabei bemerkt sie, wie erstaunlich ähnlich ihm der Gast sehe - indes Odysseus sich seiner Narbe erinnert und abseits ins Dunkle rückt, um die nun nicht mehr vermeidbare, ihm aber noch nicht erwünschte Wiedererkennung wenigstens vor Penelope zu verbergen. Kaum hat die Alte die Narbe ertastet, läßt sie in freudigem Schreck den Fuß ins Becken zurückfallen; das Wasser fließt über, sie will in Jubel ausbrechen; mit leisen Schmeichel- und Drohworten hält Odysseus sie zurück; sie faßt sich und unterdrückt ihre Bewegung. Penelope, deren Aufmerksamkeit zudem durch Athenes Vorsorge von dem Vorgang abgelenkt wurde, hat nichts gemerkt.

Dies alles wird genau ausgeformt und mit Muße erzählt. In ausführlicher, fließender, direkter Rede geben die beiden Frauen ihre Gefühle kund; obgleich es Gefühle sind, ein wenig nur mit allgemeinster Betrachtung des Menschenschicksals vermischt, ist die syntaktische Verbindung zwischen ihren Teilen vollkommen klar; kein Umriß verschwimmt. Auch für wohlgeordnete, jedes Gelenk zeigende, gleichmäßig beleuchtende Beschreibung der Geräte, Handreichungen und Gesten ist Raum und Zeit reichlich vorhanden; selbst in dem dramatischsten Augenblick des Wiedererkennens wird nicht versäumt, dem Leser mitzuteilen, daß es die rechte Hand ist, mit der Odysseus die Alte an der Kehle faßt, um sie am Sprechen zu hindern, indes er sie mit der anderen näher an sich heranzieht. Klar umschrieben, hell und gleichmäßig belichtet, stehen oder bewegen sich Menschen und Dinge innerhalb eines überschaubaren Raumes; und nicht minder klar, restlos ausgedrückt, auch im Affekt wohlgeordnet, sind die Gefühle und Gedanken. Bei meiner Wiedergabe des Vorganges habe ich bisher den Inhalt einer ganzen Reihe von Versen verschwiegen, die ihn mitten unterbrechen. Es sind mehr als siebzig - während der Vorgang selbst etwa vierzig vor und vierzig nach der Unterbrechung umfaßt. Die Unterbrechung, die gerade an der Stelle erfolgt, wo die Schaffnerin die Narbe erkennt, also im Augenblick der Krise, schildert die Entstehung der Narbe, einen Jagdunfall aus Odysseus' Jugendzeit, bei einer Eberjagd, als er zu Besuch bei seinem Großvater Autolykos weilte (...) Und dann erst kehrt der Erzähler in Penelopes Gemach zurück, und Eurykleia, die vor der Unterbrechung die Narbe erkannt hat, läßt erst jetzt, nach derselben, vor Schreck den hochgehobenen Fuß ins Becken zurückfallen.[1]

Soweit Erich Auerbachs Zusammenfassung der wichtigsten Verse des 19. Gesangs der Odyssee. Die ebenso schmucklose wie episch-mimetische Nacherzählung führt den Leser nicht nur zwanglos in die Struktur der homerischen Erzählweise ein, sondern richtet die Aufmerksamkeit auf einen Prototyp "biographischer Narration", der Anlaß gibt, über eine spezifisch abendländische Form der Aufbereitung von Geschichte nachzudenken. Auerbachs Darstellung leitet den Blick auf das entscheidende erzählerische Element der betreffenden Passage und damit den Clou der epischen Konstruktion: daß in der Unterbrechung der Handlung "im Augenblick der Krise" das unbekannte, das vorabenteuerliche Leben des Protagonisten aufscheint. Der Augenblick der Krise ist der des Wiedererkennens: des Anagnorismos, das heißt jenes entscheidenden Moments, in dem Odysseus durch ein Zeichen aus seiner Vor-Geschichte identifizierbar wird. Im Anagnorismos stoßen Geschichte und Vor-Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart für einen Augenblick schockartig aufeinander. Nicht zufällig erscheint in der homerischen Erzählung das Vor-Leben des Helden dort, wo die dramatische Handlung auf ihrem Höhepunkt ausgesetzt wird. Die Unterbrechung wiederholt eine reale Verletzung des Lebenskontinuums: An der Spur dieser Verletzung, dem Zeichen einer vergangenen Krise, legt sie eine biographische Sequenz neu auf und "beschließt" diese, indem das Zeichen gewordene Trauma Anlaß für eine Erinnerung wird, die den lebensgeschichtlichen Bruch in einen neuen Kontext stellt. Im Akt des Wiedererkennens erhält das Trauma eine Bedeutung, die ihm als Ereignis fehlte. Die schmerzhafte Kontingenz des Jagdunfalls wird in ein nachträgliches Erleben transformiert, in dem der Affekt des alten Geschehens noch einmal - gemildert und "dialogisch" auf zwei Zeiten und zwei Personen verteilt - neu inszeniert wird. Für den aus den Schrecken des Krieges heimkehrenden Odysseus ist die Narbe als Identitätszeichen verräterisch, da er auf der Ebene des aktuellen Handelns noch darum bemüht ist, seine Identität zu verbergen; für Eurykleia ist sie enthüllend: Der über dieses Zeichen entstehende Diskurs zeitigt einen konkordanten Affekt in komplementärer Ausdrucksgestalt:

"Aber Odysseus
Setzte sich neben den Herd und wandte sich schnell in das Dunkel;
Denn es fiel ihm mit einmal aufs Herz, sie möchte beim Waschen
Etwa die Narbe bemerken und alles käme zu Tage.
Und sie kam und wusch ihren Herrn und erkannte die Narbe
Gleich, die ein Eber ihm einst mit weißem Hauer gehauen,
Als er auf dem Parnaß bei Autolykos war und den Söhnen ..."[2]

Hier beginnt jene Unterbrechung, in der die Vorgeschichte des Odysseus, seine Jugendzeit, erzählt wird. Diese Passage endet mit seiner damaligen, der ersten Heimkehr nach Ithaka:

"Und der Vater zugleich und die würdige Mutter
Freuten sich höchlich, ihn wieder zu sehen, und fragten nach allem,
Wie er die Narbe bekam; und er erzählte getreulich,
Wie ein Eber sie ihm mit weißem Zahne gehauen,
Als er auf dem Parnaß gejagt mit Autolykos' Söhnen."

An dieser Stelle wird, in Fortführung der epischen Symmetrie, die Handlung wiederaufgenommen:

"Diese Narbe berührte mit flachen Händen die Alte
Und erkannte sie gleich und ließ das Bein aus den Händen
Los, und der Fuß schlug ins Wasser herab, und das eherne Becken
Dröhnte und schlug um, und das Wasser floß über den Boden.
Freudiger Schreck fuhr der Alten ins Herz, ihr stiegen in beide
Augen die Tränen, und es versagt' ihr Atem und Stimme."

Beiden am Anagnorismos Beteiligten geht es "ans Herz": Schreck, Ahnung und Freude mischen sich; derselbe Affekt, der Eurykleia die Tränen ins Auge treibt, zeitigt das Mißgeschick, das Odysseus' Bad zum Überlaufen bringt. Es ist der gemeinsame, der "überfließende" emergente Affekt, der die Dynamik der Handlung leitet. Der Anagnorismos als Form dieses Affekts ist das Mittel, seine Geschichte einzuholen. Wiedererkennen ist ein Vorgang, in dem das - vergangene - Ereignis als aktuelles Erlebnis re-inszeniert wird - leibnah und "konkret":

"Und sie faßt' ihn ans Kinn und begann und sprach zu Odysseus:
Wahrlich, Odysseus bist Du, mein Sohn! und ich habe doch eher
Nicht meinen Herrn erkannt, bevor ich rings dich betastet!"[3]

In der Wiederbegegnung von "Mutter" und "Sohn" schließt sich auch der biographische Kreis jenes Teils der Geschichte Odysseus', die in der Aussetzung der dramatischen Handlung Platz fand. Allerdings nicht vollständig. Die Eurykleia-Szene hat nicht zuletzt deshalb besonderen Rang, weil in der Begegnung mit der Ersatzmutter die Heimkehr als imperfekter biographischer Zyklus vorgestellt wird. Wohl ist Odysseus wieder zu Hause, aber er ist zu diesem Zeitpunkt weder an seinen Ursprung gelangt noch am Ziel seiner Wünsche, das er erst in der Wiedervereinigung mit Penelope erreichen wird. Auch die Begegnung mit ihr faßt Homer als Anagnorismos, der allerdings, wie wir sehen werden, modal anders gestaltet ist. Beide wiederum, die Wiederbegegnung mit "Mutter" und Frau, sind in der Odyssee weder die einzigen noch die ersten anagnorismatischen Akte. Ihnen gehen drei Szenen voraus, die einen je unterschiedlichen dramaturgischen Stellenwert haben. Die erste gilt nicht Odysseus' Liebesobjekten der vorangehenden und der gleichen Generation, sondern dem wichtigsten der nachfolgenden: seinem Sohn Telemachos. Aus diesem Grund kann sie - obwohl vom Autor so gekennzeichnet - kein Anagnorismos im strengen Sinne sein.

Der Akt der Wiederbegegnung mit dem Sohn ist eine Enthüllung, einseitig zunächst, denn Telemachos mag es nicht glauben ("Du bist Odysseus nicht, mein Vater, sondern ein Dämon"), und wenn hier einer "wiedererkennt", so ist es Odysseus selber. Ähnliches gilt für das Treffen mit dem Schweinehirten Eumaios, der für Telemachos in Odysseus' Abwesenheit die Rolle eines Ersatzvaters spielte. Odysseus erkennt ihn, mag ihm aber seine Identität vorerst nicht enthüllen. Der erste genuine Anagnorismos, das erste Wiedererkanntwerden in der Heimat ist im Epos zeitlich nach der Begegnung von Vater und Sohn situiert: Odysseus' Begegnung mit seinem Hund, "den er vorzeiten selber erzog":

"Da lag Argos, der Hund, von seinen Läusen gefressen.
Er aber, da er ihm nahe war, erkannte Odysseus,
Und er wedelte mit dem Schwanz und senkte die Ohren;
Aber er war zu schwach, dem Herrn entgegen zu laufen.
Aber Odysseus sah es wohl und wischte verstohlen
Vor Eumaios die Träne vom Aug'..."

Mit Argos freilich kann Odysseus nicht reden und damit den Akt des wechselseitigen Wiedererkennens vollenden. Nicht nur, weil dem Tier keine Sprache gegeben ist: Argos stirbt, als sei der Tod dadurch bewirkt, unmittelbar nachdem er seinen Herrn erkannt hat.

Der abschließende Anagnorismos mit Penelope ist hinsichtlich der Erkenntnismodi das Gegenstück zur Argos-Szene: Homer gestaltet ihn als diskursives Ratespiel, als ein Rätsellösen unter betonter Ausschaltung der leibnah-sinnlichen Erkenntnisebene der Eurykleia-Passage. Penelope vermeidet sorgsam die Berührung des "Fremden" wie überhaupt jede Form leiblicher Nähe. Sie fragt nach Erinnerungen und "Code-wörtern", die sich auf gemeinsam Erlebtes beziehen. Der Zugang zum generationsgleichen Liebesobjekt steht unterm Vorbehalt eines fast methodisch ausgestalteten Zweifels und einer rein diskursiven Erkenntnisstrategie:

"Ist er's und kam er nach Haus, Odysseus, so werden wir beiden
Sicherlich bald schon besser bekannt miteinander; wir haben
Unsere geheimen Zeichen, die keinem anderen bekannt sind."

So bleibt die Szene mit Eurykleia der Inbegriff des Anagnorismos. Allein in ihr schließt sich ein signifikantes Ereignis der persönlichen Geschichte Odysseus' mit dem aktuellen situativen Erleben eines Zeugen seiner Rückkunft unmittelbar zusammen. Alle anderen Anagnorismoi enthalten oder thematisieren eine Asymmetrie von Ereignis und Erleben, Identität und Erinnerung, Biographie und Geschichte. Eumaios, der nicht erkennt und dem gegenüber Odysseus wie selbstverständlich sein Inkognito wahrt, erzählt dem verkannten Herrn seine Erlebnisse, die den manifesten Text des Epos ausmachen, in den Tropen von "Ereignisgeschichte". Telemachos, der als Nachgeborener nicht wirklich wieder-erkennen kann, wird zwar als Komplize des Odysseus bei der geplanten Wiederherstellung der väterlichen Ordnung Garant der Vollendung seiner Biographie, nicht aber seiner "Geschichte". Die Episode mit Argos steht außerhalb diskursiver Modi und ist - deshalb? - unmittelbar mit dem Tod verknüpft, die Begegnung mit Penelope als "Erinnerungsprobe" fast qualvoll an das Erkennen von "Zeichen" gebunden. Als Odysseus der Gattin die Geschichte ihres Ehebettes erzählt, hat er die Prüfung bestanden. Der Zweifel an seiner Identität löst sich in der Erinnerung an ehedem geteilte Intimität:

"Sprach's; und Penelopeia erzitterten Herz und Knie,
Da sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus verkündet.
Laut aufweinend lief sie zu ihm und warf ihre Arme
Um Odysseus' Hals und küßte sein Antlitz ..."

Erst aus der Summe dieser anagnorismatischen Akte resultiert das Bild einer Rückkunft als "Heimkehr":als gelungene Verknüpfung von Geschichte und Biographie, von Taten und Leiden, der Aktualisierung von Ereignissen in einer Form des Erlebens, die ihnen eine neue Bedeutung gibt. Heimkehren kann nur der, welcher den Ort seiner Ausfahrt noch als den Punkt wiedererkennen kann, von dem seine ursprüngliche Identität ausging, und zugleich den vergangenen biographischen Zyklus von Krieg, Irrfahrt und Gewalt in seine Herkunftsgeschichte eintragen kann. Dazu zählt auch, die persönliche "Aventure" als Teil eines übergreifenden Zyklus zu verstehen, für den wir heute den Namen "Geschichte" haben. Der "vielgeprüfte" Odysseus Homers hat einen erstaunlich genauen Begriff davon. Auch wenn die große Erzählung über den eine Generation währenden Versuch, vom Kriegsgeschehen nach Hause zurückzufinden, vielfältig in Tropen des Schicksals gestaltet wird: Nirgends löst Homer den Konnex zum initialen historischen Geschehen, dem Stoff der Ilias. Auch wenn der Held noch gleichermaßen mit den Widrigkeiten von Geschichte und Natur ("dem Krieg entflohen und dem Meere") zu kämpfen hat - im historischen Rückbezug auf den großen Krieg als Ausgangspunkt aller Leiden herrscht bei Homer das klare Bewußtsein der - dem "Schicksal" entgegenstehenden - Zurechenbarkeit geschichtlichen Handelns. Die individuellen, erzählbaren Taten, die Stoff des Epos sind, formen sich als kollektive zu einer eigenen Gestalt, die sich über das Leben der einzelnen ebenso erhebt wie das Wirken der Götter. Bei Homer ist die Intuition formuliert, daß die "Geschichte" der Menschen die Macht der Götter ersetzt. Sie selber wissen es:

"Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter!
Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch
Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend."

Homers Odysseus-Erzählung ist ein Archetyp der "Kriegsheimkehrerliteratur", der in dem Maße, wie seine Epik die Götter überflüssig werden läßt, zugleich einen Prototyp der Geschichtsschreibung inkorporiert. Denn der "vielgeprüfte" Odysseus wird von Homer mit der dem Schicksal und den Göttern abgetrotzten Rückkehr als der Zeuge seiner selbst: seiner eigenen Biographie und seiner Zeit, präsentiert. Die Odyssee ist der Prototyp einer Geschichtserzählung, deren Inhalt sich seit der Zeit der griechischen Stadtstaaten ständig erneuerte: Das Aufeinandertreffen von Kriegern und "Daheimgebliebenen", die stets kritische Konfrontation der kriegerisch ausgelagerten Gewalt mit der Lebenswelt, von der sie ferngehalten werden soll. Sie mündet in die Frage, ob man nach dem exzessiven Gewalterlebnis als derselbe zurückkehren kann, als der man ausgefahren ist. Die Anagnorismoi sind Formen der Wiederbeheimatung des Kriegers Odysseus, in denen sich dieses Identitätsproblem krisenhaft zuspitzt. In ihnen verdichtet sich ein Kernproblem aller Geschichtsschreibung: die Idee, daß nicht nur die Geschichtserzählung, sondern letztlich alle Geschichtsschreibung auf den Moment der "Krise" bezogen bleibt, die in der Odyssee als Konfrontation von Ereignis und Erlebnis gestaltet wird. Krise bedeutet sowohl auf der Ebene der individuellen wie der kollektiven Geschichte die Verletzung einer hypostasierten Vorstellung von Integrität. Odysseus' Narbe als die zum Zeichen gewordene biographische Wunde wird in dem Moment, wo sie am heimkehrenden Krieger entdeckt wird, ein Bild der Geschichte.

Homers Poetik berührt ein grundlegendes Problem der Historik, denn die Frage nach dem Zusammenhang von Ereignis und Erleben steht an ihrem Ursprung. So sehr wir heute weitgehend und stillschweigend darüber vorverständigt sind, uns unter "Geschichte" einen Ereigniszusammenhang vorzustellen, so wenig läßt sich der antike Begriff der Geschichte aus dem Erlebnishorizont beteiligter Akteure lösen. Für Herodot bedeutet istorie die "Erkundung durch Befragen von Zeugen". Diese enge Bindung der Ereignisgeschichte an die Perspektive des Erlebten ist der Grund dafür, weshalb für den pater historiae eine methodische Erforschung des Vergangenen auf die zeitliche Reichweite der letzten zwei bis drei Generationen eingeschränkt ist.

Erst mit Polybios' Begriff der istoria wird Geschichte als zusammenhängendes Ganzes zur Summe der Geschehnisse, die den Erlebnishorizont der unmittelbaren Zeugenschaft und der personal einholbaren Überlieferung im Drei-Generationen-Kontinuum übersteigt. Aber selbst hier erinnert die Vorstellung einer "körperförmigen" ( somatoeides ) Komplexität des Ereigniszusammenhangs noch an die ursprüngliche Bindung einer leibnahen Erlebnisteilhabe. Die seit dem 5. vorchristlichen Jahrhundert spürbare Festlegung der Historie auf die Ereignisgeschichte hat, jedenfalls auf dem Boden der polyzentrischen griechischen Welt, die Bedeutung von Augenzeuge und Erlebnisperspektive relativiert, aber nicht aufgehoben. Erst die imperiale Einheit des Römischen Reichs hat mit der Vorstellung, daß in ihr "die Geschichte" sich vollende, die Bedeutung der Erlebnisperspektive entscheidend depotenziert. Im Übergang von Spätantike zum Mittelalter findet sich in der Differenz von annales und historia zwar noch einmal die alte Unterscheidung des Selbsterlebten als gesicherter Wahrheit und der "Konstruktion" aus Überlieferung, aber in der Folge sorgt die theologische Bindung der Vorstellung von Geschichte für eine zunehmende Entwertung des historischen Berichts, der auf die Subjektivität seines Verfassers gebaut ist.

Bis heute ist die Opposition von Ereignis- und Erlebnisgeschichte ein Thema der Geschichtswissenschaft geblieben. Nicht zuletzt in der entscheidenden Frage, wie Geschichte überhaupt darzustellen sei, führt sie zurück auf die Modi der homerischen Geschichtserzählung, die unterschiedliche Perspektive von Geschichte und Lebensgeschichte und schließlich auf das grundsätzliche Gattungsproblem: die Differenz von Historik und Poetik.

Alsteds berühmtes Diktum "si fingat, peccat in historiam; si non fingat, peccat in poesin" hat die damals schon zweitausendjährige Kontroverse um den "Wahrheitsgehalt" historischer Erzählformen wieder auf den von Aristoteles anvisierten Punkt gebracht: die Frage, ob es die historischen res factae oder die dichterischen res fictae seien, die der Wahrheit näher kämen. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich die poetologische Frage nach der Darstellungskunst des Historikers um die erkenntnistheoretische Dimension erweitert. Mit der Erkenntnis, daß die vergangene Wirklichkeit durch keine Darstellung mehr getreu reproduziert werden kann, ist die "Faktizität des Fiktiven" (Koselleck) unhintergehbar geworden: Auch die Deutungsmuster des Historikers haben den Status der res fictae. Die "innere Wahrscheinlichkeit" einer Darstellung, aus der Aristoteles die Suprematie der Poetik gegenüber der Historik begründete, ist mit der Aufklärung auch zum entscheidenden Kriterium der Historie selber geworden. Indem zur erkenntnistheoretischen Einsicht, daß der "Zeitenabstand" von Geschehen und historischer Reflexion systematisch unüberbrückbar ist, die Nötigung zur ästhetischen Kohärenz der geschichtlichen Erzählung tritt, wird die Rück-Projektion des Erlebens auf vergangene Ereigniszusammenhänge das wesentliche fiktionale Element der historischen (Re-)Konstruktion. Nicht mehr der ereignisnahe reale Augenzeuge ist die Zentralfigur der geschichtlichen Befragung, sondern der aus der Fülle der Quellen rekonstruierte "fiktionalisierte Zeitzeuge".

In dieser Perspektive wird die "innere Wahrscheinlichkeit" einer historischen Erzählung als eine Wirklichkeit sui generis thematisch, die gleichermaßen für die Konstellation der Fakten wie deren erlebnishafte Repräsentation in der historischen Subjektivität des "Zeugen" gilt. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Zeugnissen ist damit notgedrungen auf die Konsistenz jenes Bereichs bezogen, den die Psychoanalyse als "psychische Realität" bezeichnet. Mit der Entdeckung der "psychischen Realität" als genuiner Wirklichkeit stellt sich das Problem des Zusammenhangs von Erlebnis und Zeugenschaft mit der soziologisch faßbaren Wirklichkeit in neuer Schärfe - und damit auch das der Beziehung des Kollektivsingulars Geschichte zum Pluriversum der (Lebens-)Geschichten als den Kristallisationskernen ihrer subjektiven Wahrnehmung und Bearbeitung.

Für das Erzählen von Geschichte(n)wird damit ein altes Problem neu aufgelegt: War das Kriterium der "inneren Wahrscheinlichkeit" immer schon auf den Zusammenhang von Stoff und Autor bezogen und damit - für den Bereich der Historik - sekundär die Frage nach der Konsistenz von Zeugenschaft und Überlieferung gestellt, so bedeutet die Einführung einer "psychischen Realität" als eigenständiger Erlebnissphäre der Individuen eine Akzentverschiebung in der Beurteilung überlieferter Aussagen. Analog zur "inneren Wahrscheinlichkeit" der Erzählung tritt nun die Frage nach der "inneren Konsistenz" des Zeugen. Was in welcher Weise von der Wahrnehmung der geschichtlichen Welt berichtet wird, steht für den psychologischen Blick mehr denn je unterm Vorbehalt einer Glaubwürdigkeit des Zeugen, die sich nicht mehr auf die Präzision seiner Wahrnehmung richtet: Ausschlaggebend für seine Dignität ist jene "innere Konsistenz" seiner Person, für die sich der Terminus der Identität eingebürgert hat. Die Frage nach der Identität des Zeugen steht im Zentrum der modernen Geschichtsbetrachtung. Damit schließt sich unversehens der Kreis von der homerischen Epik zur Geschichtsschreibung der Moderne.

Die epische Deklination von Odysseus' "Identitätsproblem" durch die Akte der "Beglaubigung" in den Anagnorismoi und der Einbeziehung seiner Vor-Geschichte in die Handlungskrise berührt sich mit der modernen Frage nach dem Zusammenhang von innerer und äußerer Realität bei der Produktion der "historischen Wahrheit". Die biographische Verlaufsgestalt der Identität des Zeugen wird der entscheidende Punkt historischer Rekonstruktion immer dort, wo die Bewertung der Erlebnisqualität von "Ereignisgeschichte" Thema probandum ist. Es ist dies ein zentrales Problem jeder einzelfallbezogenen historischen Forschung, insbesondere der oral history , die nicht zuletzt aus der Not der modernen Geschichtsbetrachtung entstand.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist mit einer tiefgreifenden Krise des Zusammenhangs von Ereignis- und Erlebnisgeschichte konfrontiert, weil die Ereignisse, von denen zu berichten ist, jede Vorstellung einer Proportion zwischen ihnen und einem adäquaten "Erleben" zerstört haben. Die Tatsache, daß die Geschichte des totalitären Zeitalters eine fundamentale Wiederaufwertung des Zeugen für ihre wissenschaftlichen Reflexionsformen notwendig machte, ist das scheinbar paradoxe Resultat der traumatischen Erodierung der traditionellen Grundlagen von Identität. Die moderne Geschichte exponiert das Identitätsproblem in einer kollektiven Dimension von Trauma, die sich den bei Homer so sorgfältig ausgestalteten Akten des Wiedererkennens entzieht. Eurykleias Geste des leibhaften Wiedererkennens ist bei den Wunden der Moderne unmöglich geworden. Infolgedessen gewinnt in der modernen Geschichtsbetrachtung die Gestalt des Zeugen eine vollständig neue Bedeutung als individualisierender Katalysator der Masse der Geschichte.

Die Vorstellung vom "Augenzeugen" hat sich mit der Dimension dessen, was er überhaupt wahrnehmen kann, verändert. Seine ursprüngliche Gestalt, die Figur, die Herodot bei seinem Begriff der istorie geleitet hat, fand ihr ästhetisches Pendant in der "Teichoskopie", der erstmals bei Homer erprobten und später zur theatralischen Technik entwickelten Mauerschau: Ein Beobachter auf erhöhtem Posten beschaut eine Szene, die er als ganze erfassen kann, und beschreibt das Geschehen, das für diejenigen, die seinem Bericht lauschen, optisch nicht wahrnehmbar ist. So ist originär wohl der Zusammenhang von Augen und Ohrenzeugen gedacht. Es hängt von der Kunst dieses Berichterstatters ab, ob der Bericht ein retardierendes, möglicherweise sogar der dramatischen Handlung schädliches Moment darstellt - oder sie vorantreibt. So oder so ist die "Überschaubarkeit" der Szene wesentlich für das Gelingen, die "Welt draußen den "Menschen drinnen" informativ und affektiv nahezubringen. Selbst da, wo der Berichterstatter von heranrückenden Menschenmassen erzählen mag, die "weiter als der Horizont" reichen, steht doch der Ausschnitt, den er beobachtet, ohne Einschränkung fürs Ganze.

Dem klassischen, im Teichoskopen ästhetisch nachkonstruierten Augenzeugen wird essentiell der Überblick zugeschrieben. Zu ihm gehört eine angemessene Proportion zwischen Geschehen und Beobachter, insbesondere hinsichtlich seiner Wahrnehmungsfähigkeit und -grenzen.

Diese Proportion hat sich erst spät, mit der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, grundlegend verändert. Der "totale Krieg" kennt die uno viso gegebene Überschaubarkeit des Kampfgeschehens nicht mehr: Er läßt die "individualisierende Totale" des Blicks nicht mehr zu. Das gilt übrigens keineswegs nur für das Bild der kriegerischen Auseinandersetzung: Es ist das dramatische Vorbild für die generelle Verschiebung der Proportionen von Geschehen und Beschauer und der radikalen Veränderung der "Synthesebedingungen" von Ereignis und Erleben. Ob das geschichtliche Ereignis die Lebensgeschichten der Einzelnen wirklich erreicht, ist keine Frage der Wahrnehmbarkeit mehr. Mit der Entgrenzung des Blicks hat sich auch das Verhältnis von Geschichte und Biographie verschoben.

Ein präziser Beobachter des Zeitgeschehens notierte im Jahre 1939 den endgültigen Bruch, den das Leben im "totalen Staat" für die Erfahrung bedeutete, "Geschichte am eigenen Leibe zu erleben":

Offenbar hat geschichtliches Geschehen einen verschiedenen Intensitätsgrad. Ein 'historisches Ereignis' kann in der wirklichen Wirklichkeit, also im eigentlichsten, privatesten Leben der einzelnen Menschen, fast unregistriert bleiben - oder es kann dort Verheerungen anrichten, die keinen Stein auf dem andern lassen. In der normalen Geschichtsdarstellung sieht man ihm das nicht an. '1890: Wilhelm II. entläßt Bismarck.' Gewiß ein großes fettgedrucktes Datum der deutschen Geschichte. Aber schwerlich ein Datum in der Biographie irgendeines Deutschen, außerhalb des kleinen Kreises der Beteiligten.

Jedes Leben ging weiter wie zuvor. Keine Familie wurde auseinandergerissen, keine Freundschaft ging in die Brüche, keiner verließ seine Heimat, nichts dergleichen. Nicht einmal ein Rendezvous oder eine Opernvorstellung wurde abgesagt. Wer unglücklich verliebt war, blieb es, wer glücklich verliebt war, blieb es, die Armen blieben arm, die Reichen reich ... Und nun vergleiche man damit das Datum '1933: Hindenburg betraut Hitler'. Ein Erdbeben beginnt in 66 Millionen Menschenleben.[4]

Sebastian Haffners Konsequenz aus der von ihm konstatierten Tatsache, daß "die wissenschaftlich-pragmatische Geschichtsdarstellung (...) über diesen Intensitätsunterschied des Geschichtsgeschehens" nichts aussage, war der Versuch, die "Geschichte Deutschlands als Teil meiner privaten Lebensgeschichte" zu schreiben: "Ich glaube, Geschichte wird falsch verstanden, wenn man diese ihre Dimension vergißt (und sie wird fast immer vergessen)."

Haffners prognostische Leistung war so erstaunlich, daß sie nach der späten Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen Gegenstand einer Kontroverse wurde. Konnte man eine so klare Sicht auf die Entwicklung der deutschen Verhältnisse aus dieser eingestandenermaßen so überaus persönlichen Perspektive gewinnen? Man konnte. Und doch bleibt auch diese Sicht zwangsläufig "abstrakt" vor der nicht antizipierbaren Konkretion des Unvorstellbaren, das sich nach der Niederschrift der "Geschichte eines Deutschen" vollzog. Erst der totale Staat als "exterminatorischer" hat vollends die radikale "Proportionsveränderung" zwischen Ereignis, Wahrnehmbarkeit und Vorstellungshorizont durchgesetzt, die zum Signum des 20. Jahrhunderts wurde. Erst nachdem das "Gesetz der großen Zahl" nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten erfaßt hatte, wurde die alte Idee des Augenzeugen obsolet.

Wir besitzen genügend Zeugnisse darüber, welches Entsetzen die Leichenberge mittelalterlicher Schlachten bei den Zeitgenossen ausgelöst haben. Häufig ist die Rede von der "Maßlosigkeit" des Schreckens; nie jedoch davon, daß sie die "Fassungskraft" der Betrachter überstiegen hätten. Sie blieben, bei aller Schrecklichkeit, im Rahmen der "Phantasiegrenzen", des kulturellen Maßes der Vorstellungsmöglichkeit dessen, was Menschen einander antun können - und in welchem Umfang dies geschehen kann.

Es gibt keinen Augenzeugenbericht ohne die in ihn einströmenden Phantasien. Unser optischer Sinn funktioniert nicht wie ein justierbares Gerät, sondern nach Gesetzen, die nicht der Rationalität des "Zählakts" folgen. Dort, wo die Zahlen von Toten eine bestimmte Dimension erreichen, verläßt uns mit der Fähigkeit, sie in Bilder umzusetzen, auch unsere Phantasie - und eine andere Form der Phantasietätigkeit setzt ein. Sie lösen fast automatisch so lange "Unglauben": Abwehr und Verleugnung, aus, wie sie mit der Vorstellung der "Alltäglichkeit" verknüpft sind. Erst die psychische Realisierung des "Ausnahmezustands" erlaubt uns, auf jene zweite Ebene der Phantasieproduktion umzuschalten, die uns die Realität des Nicht-Vorstellbaren glaubhaft macht. Der Nationalsozialismus als Geschichte des Realität gewordenen Unvorstellbaren hat einen Ausnahmezustand der Phantasie implementiert, der seither das menschliche Vorstellungsvermögen prägt: Nichts ist unmöglich. Aber auch dies mußte zunächst bei den einzelnen durchgesetzt werden. Es ist bezeichnend, daß Himmler, derjenige, der am genauesten über die geplante Größenordnung und die "realen Zahlen" der Judenvernichtung informiert war, in seiner berühmten Posener Rede seinen SS-Rittern "Leichenberge" vor Augen führte, die keineswegs denen der auf der Wannsee-Konferenz festgelegten Zahlen, sondern eher jenen mittelalterlicher Schlachten entsprachen: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen." Himmler verwendete dieses Bild eines schrecklichen, aber überschaubaren body-counts , um die Phantasietätigkeit seiner Exekuteure intakt zu halten. Er reduzierte das Grauen, das er in ganz anderen Dimensionen plante, auf ein - horribile dictu - "menschliches Maß".

Es wird wahrscheinlich immer unklar bleiben, wieviel bewußtes psychologisches Kalkül seiner Rede zugrunde lag. Aber es ist eine gesicherte psychologische Erkenntnis, daß wir lange Zeit daran festhalten können, unsere hausgemachten Vorstellungen über Größenverhältnisse von Handlungen, unsere "Phantasiezahlen" auf Realitäten zu blenden, die völlig andere Dimension bereithalten. Himmlers Helfer, die von ihrem Chef mit einer solchen "Phantasiezahl" versorgt worden waren, die ihrem Proportionsgefühl oder besser: "Proportionswunsch" entsprach,[5] werden aller Wahrscheinlichkeit nach noch bei den Massenerschießungen hinter der Front und möglicherweise selbst im Vernichtungslager nur diese 100, 500, 1000 Leichen gesehen haben: die ganz normale Quantität" ehrenvoller Schlachten, die sie weniger aus Geschichtsbüchern als aus heroischer Jugendliteratur über griechische und germanische Schlachten kannten.

Das Bild, das Himmler ihnen mit seiner Posener Rede angeboten hatte, konnte auf dem Hintergrund des Wunsches nach Derealisierung und Verkleinerung wohl tatsächlich die Phantasiegrenzen verändern und damit auch die psychische Repräsentanz der Leichenberge minimieren. Hier also lagen 1000. Und, gut, daneben noch einmal. Und noch einmal?

Die wirkliche Unüberschaubarkeit des Mordens war abgründig. Sie hatte sowenig wie die nackten Zahlen eine "proportionale" Konkretion von Anschauung und Phantasie. Erst das Zusammentreten von Bild und Zahl und ihre individualisierende Verarbeitung könnte sie leisten.

Das erforderte freilich eine andere Art der Phantasie: eine, die niemandem, der sich als heldenhafter, ehrlicher Kämpfer für Reich und Vaterland imaginierte, niemandem, der sich als weltanschaulicher Ritter eines hehren völkischen und rassischen Ideals verstand, zu Gebote stand.

Alexander und Margarete Mitscherlich haben in der "Unfähigkeit zu trauern" das Unvermögen der Phantasie benannt, mit der Totale der NS-Massenvernichtung fertig zu werden, und gerade aus dieser Disproportion ein moralisch begründetes psychologisches Postulat abgeleitet: "Wir fordern Einfühlung Ereignissen gegenüber, die schon durch ihre quantitative Dimension Einfühlung unmöglich machen."

Es wäre an der Zeit, den Versuch zu machen, dieses Postulat vom moralischen Himmel und der therapeutischen Selbstgenügsamkeit auf den Boden der Geschichtswissenschaft zu holen. Es betrifft eines der Felder, in denen sich Historik und Psychoanalyse noch etwas zu sagen haben. Gefordert wäre eine Form der Einfühlung in historische Ereignisse, die sich sowohl mit der profanen Idee des Augenzeugen als auch mit der dramatischen Rolle des Teichoskopen verbinden läßt.

Die Phantasie des Augenzeugen ist ein genuines Thema der Moderne. Die Herausforderung, die mit diesem Komplex angesprochenen Probleme in die historische Forschung und Darstellung einzubeziehen, ist zugleich eine, die den fachwissenschaftlichen Horizont überschreitet. Die Idee, eine "moderne Teichoskopie" zu schaffen: eine Form des Berichts, die den Abstand von der affektiv nicht einholbaren "großen Zahl" zur individualisierbaren Konkretion der Wahrnehmung überbrückt, ist ein Grundprojekt der Wissenschaften vom Menschen. Es geht dabei um nicht weniger als darum, die Versuche, "die Welt zu verstehen", wo sie unsere Vorstellungskraft systematisch überfordert, mit "Techniken" zu versorgen, die die Lücke zwischen Wahrnehmung und Phantasie zu schließen vermögen. Es geht um die Frage, wie Bilder möglich sind, die die Kognition nicht automatisch von der Einfühlung trennen. An diesem Punkt wird das oben gestreifte Problem der "psychischen Realität" virulent werden. Nicht nur die Weiterentwicklung der Psychohistorie wird davon abhängen, ob es gelingt, der psychischen Realität einen angemessenen Platz in der Geschichtsbetrachtung einzuräumen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird sich nur schreiben lassen, wenn es gelingt, sie als unverzichtbares Verbindungsglied von Poetik und Historik zu begreifen. Erst dann wird sich vielleicht die Chance ergeben, in dieser unfaßlichen Gewaltgeschichte doch etwas "wiederzuerkennen". Die Wunden der Moderne lassen sich nicht wie die Narbe des Odysseus betasten. Aber vielleicht doch in einer Weise beschreiben, daß von dieser Beschreibung eine ähnliche mimetisch-anagnorismatische Kraft ausgeht wie jene, die den Leser der Odyssee noch nach mehr als zweieinhalb Jahrtausenden nicht losläßt.

 

  • [1] Erich Auerbach, Mimesis, Bern 1946, S. 5.
  • [2] Fortlaufend zitiert nach Johann Heinrich Voss, bearbeitet von E. R. Weiß.
  • [3] Vielleicht hat die offenkundige Analogie zur biblischen Szene, in der Thomas sich der leibhaftigen Wiederkehr des Herrn durch die Berührung seiner Wunde meinte versichern zu müssen, den Übersetzer dazu veranlaßt, in den Tonfall deutscher Bibelübersetzungen ("wahrlich ...") zu verfallen.
  • [4] Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen, Stuttgart und München 2000, S. 12 f.
  • [5] Haffner berichtet von den "Umrechnungen" der Zahlen, die er als Kind zur Zeit des Ersten Weltkriegs den Zeitungen entnahm: "Ich wurde nicht müde, innerlich Punktetabellen zu führen. Ich war ein eifriger Leser der Heeresberichte, die ich nach einer Art 'umrechnete', nach wiederum sehr geheimnisvollen, irrationalen Regeln, in denen beispielsweise zehn gefangene Russen einen gefangenen Franzosen oder Engländer wert waren, oder 50 Flugzeuge einen Panzerkreuzer. Hätte es Gefallenenstatistiken gegeben, ich würde sicher auch unbedenklich die Toten 'umgerechnet' haben, ohne mir vorzustellen, wie das in der Wirklichkeit aussah, womit ich da rechnete" (ebd. S. 20).Genau solche "Umrechnungen" bleiben ein Leben lang wirksam. Sie gehören zur essentiellen Ökonomie unserer Phantasietätigkeit. Sehr richtig daher Haffners Einschätzung: "Ich und meine Kameraden spielten es den ganzen Krieg hindurch, vier Jahre lang, ungestraft und ungestört - und dieses Spiel, nicht die harmlosen 'Kriegsspiele', die wir nebenbei auf Straßen und Spielplätzen aufführten, war es, was seine gefährlichen Marken in uns allen hinter lassen hat".(Ebd). Haffner erweist sich als glänzender Psychologe, wenn er die Grunddisposition des Nazismus in solchen kindlichen Spielen seiner Generation sieht - und nicht im "Fronterlebnis": "Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade von 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg, ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben."


Published 2002-07-23


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