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Auf der Suche nach der verlorenen Normalität

Helmut Kohl und Hans Magnus Enzensberger als Generationsgenossen

Die Leben von Hans Magnus Enzensberger und Helmut Kohl sind zwei kontrastreiche Erfolgsgeschichten derselben Generation. Bei aller Gegnerschaft vereint allerdings eines die beiden Männer im westlichen Nachkriegsdeutschland: die Suche nach der verlorenen Normalität. Anhand des Werdegangs und der Beziehung zwischen Normalitätskritiker und Normalitätsdarsteller zeichnet Jörg Lau ein Bild dieses westdeutschen Mittelmaßes, das, nach seiner Diskreditierung mühsam wiedergefunden, doch stets verdächtig blieb und nun schließlich mit jedem gesellschaftlichen Wandel neue Facetten entwickelt.

Hans Magnus Enzensberger hat sich zeitlebens in allen ihm verfügbaren Rollen - als Lyriker, Essayist, Agitator und Theoretiker - geradezu obsessiv mit dem Thema der "Normalität" der Bundesrepublik befaßt. Da konnte es nicht ausbleiben, daß er sich eines Tages auch mit Helmut Kohl beschäftigen mußte. Erstaunlich ist vielmehr bei dem Interesse dieses Autors an Mittelmaß und Wahn (so der Titel einer Essaysammlung von 1989), daß er sich nur ein einziges Mal einigermaßen ausführlich zu dem Generationsgenossen geäußert hat, und zwar im Jahr 1982.

Dies ist nun allerdings ein entscheidendes Jahr im Lebenslauf von Helmut Kohl. Im Herbst schon sollte ja aus dem ewigen Hoffnungsträger, der oft genug politisch totgesagt worden war, endlich doch noch ein Kanzler werden. Es spricht für Enzensbergers zu Recht vielgerühmte Nase, daß er "Dr. Kohl" schon im Frühjahr 1982 zum Thema macht, zu einem Zeitpunkt also, als die sozialliberale Koalition Schmidt/Genscher zwar schon deutliche Risse zeigt, eine Kanzlerschaft und gar eine dazugehörige "Ära Kohl" aber gleichwohl noch jenseits der Vorstellungskraft der meisten Kommentatoren liegt.

In der Februarnummer der von ihm selbst begründeten und herausgegebenen Zeitschrift TransAtlantik widmet Enzensberger sich den "Installateuren der Macht",[1] also den deutschen Politikern der Rechten und dem "Neokonservatismus", der ihnen von links vorgeworfen wird. Franz Josef Strauß, der böse Feind der frühen Jahre, erscheint nun (nach seinem Kanzlerkandidatur-Desaster von 1980) als eine "Figur aus dem Kasperltheater" und "Dr. Kohl" als "die Inkarnation unserer nationalen Harmlosigkeit":

Mehr als der berühmte Nierentisch und der erfreuliche Petticoat erinnert Dr. Kohl an die Gründerzeit unserer Republik, die an Goldleisten und Tulpenleuchten so reichen fünfziger Jahre.

Enzensbergers imaginärer "Freund Moll", der hier redet, und in dem man unschwer den Autor selbst wiedererkennen kann, hat für die Schreckfiguren der Linken nur mitleidigen Hohn übrig:

Doch nicht nur das Äußere des Mannes, nein, auch der innere Mensch hat sich manches Gute aus jenen Tagen zu bewahren gewußt: die händeringende Gesundbeterei, das eloxierte Pathos und das sehnsüchtige Flehen um Gemeinsamkeit. Er ist immer zugleich selbstzufrieden und beleidigt, der Dr. Kohl.

Der schneidende Sarkasmus ist nicht neu im Werk dieses Autors. Doch Enzensberger fällt diesmal seinem höhnischen Alter ego Moll - in Gestalt eines Ich-Erzählers - ins Wort:

"Na schön", sagte ich endlich. "Nehmen wir einmal an, du hättest recht mit deinen Politikern. [...] Also Mittelmaß, wohin du blickst, Provinzialismus, Harmlosigkeit. Um so besser! Ich wäre heilfroh, wenn es noch eine ganze Weile lang so bliebe. Auf politische Abenteuer in Bonn bin ich nämlich nicht gerade versessen."

Das ist der typische Ton eines Angehörigen der skeptischen Generation, den Enzensberger schon ziemlich genau 20 Jahre zuvor angeschlagen hatte - im Wahlkampf 1961, als er in "Die Alternative" schrieb, er "wünsche nicht gefährlich zu leben". Nun allerdings gelten auch Figuren wie Kohl und Strauß, die seinerzeit noch der Gottseibeiuns waren, als Garanten der Harmlosigkeit, als Beleg dafür, "daß der Biedersinn hier keine Parteien mehr kennt".

Damit sind wir bei dem Thema, das die Generationsantipoden Enzensberger und Kohl, den Jahrgängen 1929 respektive 1930 zugehörig, miteinander verbindet: Was diese beiden Exponenten des öffentlichen Lebens im westlichen Nachkriegsdeutschland in aller Gegnerschaft vereint, ist die Suche nach der verlorenen - zunächst vollends diskreditierten, dann mühsam wiedergefundenen, aber dennoch stets verdächtig bleibenden - Normalität. Der Moment, in dem Enzensberger in Helmut Kohl zugleich erleichtert und höhnisch die Harmlosigkeit und den Biedersinn der zweiten deutschen Republik inkorporiert findet, bringt die partei- und milieuübergreifenden Sehnsüchte einer Generation an den Tag. Man hat es hier mit einer speziell bundesrepublikanischen Konstellation zu tun: Kohl hat sich zeitlebens, wie sein Biograph Patrick Bahners schreibt, "mit Erfolg als normaler Mensch präsentiert, der einer normalen Tätigkeit nachgehe, wie andere Normalbürger in ihren Lebenssphären".[2] Nun also wird der Normalitätsdarsteller Kohl von dem Normalitätskritiker Hans Magnus Enzensberger mit großer Geste als Inbegriff der Biederkeit entlarvt. Dabei ist der auftrumpfende Tonfall bemerkenswert, mit dem Enzensberger hier die Peinlichkeit der eigenen Erleichterung zu überspielen versucht.

Es ist auf den zweiten Blick freilich nicht so eindeutig, wer damals eigentlich wen vorgeführt hat bei diesem eigenartigen Geplänkel um die ungeliebte, wiedergefundene Normalität. War die Figur des Biedermanns, das Geheimnis des Kohlschen Erfolges, nicht eine raffinierte Schöpfung des lange unterschätzten Strategen und Machtmenschen? Und war also der Entlarver nicht womöglich dem vermeintlich Entlarvten aufgesessen? Legionen von kohl-kritischen Intellektuellen sollten es Enzensberger später in den langen Jahren der Kohlschen Regentschaft nachtun. Immer wieder schwebte später in der Rede über Helmut Kohl jene merkwürdige Erleichterung über die vermeintliche Harmlosigkeit des Beschriebenen mit, die auch schon Enzensbergers Äußerung von 1982 grundiert hatte. Wieder einmal hatte dieser also den Ton einer Debatte vorgegeben: Hans Magnus Enzensberger war, worüber der höhnische Ton der zitierten Äußerungen hinwegtäuschen mag, auch darin ein Vordenker der Kohl-Jahre, noch bevor sie richtig angefangen hatten. Mit seiner Zeitschrift TransAtlantik übte er Haltungen ein, die für die Jahre mit Helmut Kohl an der Staatsspitze prägend wurden.

Jetzt sind wir aber schon viel zu weit vorgeprescht. Es war oben die Rede davon, daß Enzensbergers Ridikülisierung der Kohlschen Biederkeit etwas mit dem Typus der "skeptischen Generation" zu tun habe und daß das Lebensthema einer prekären Normalität den Dichter und den Staatsmann über politische, ideologische und ästhetische Gräben hinweg miteinander verbinde. Helmut Schelskys soziologischer Klassiker "Die skeptische Generation"[3] zeichnet mit großer Einfühlsamkeit und Sympathie das Porträt einer "Generation der vorsichtigen, aber erfolgreichen jungen Männer". Schelsky verteidigt die pragmatische Angepaßtheit der jungen Generation gegen Kritiker von links und rechts. Von der linken Seite her wurde diese Jugend wegen ihrer Distanz zur institutionellen Politik, ja zur öffentlichen Sphäre überhaupt, als "unpolitisch" angeprangert; der traditionellen Rechten hingegen erschien sie "oberflächlich", weil ihr Funktionalismus einherging mit einer Abwendung von alteuropäischen Ursprungs- und Identitätsfragen. Für beide Seiten des politischen Spektrums war die skeptische Desengagiertheit dieser ersten bundesrepublikanischen Jugendgeneration ein schwerverständlicher, höchst irritierender Sachverhalt. Die Älteren - Schelsky nennt sie "politische Generation" - waren ja noch in den Weltanschauungskämpfen der zwanziger und dreißiger Jahre geprägt worden. Ihre Welt - in der jedermann Stellung beziehen, eine Überzeugung haben, notfalls zum Selbstopfer oder zum Kampf bis aufs Letzte bereit sein mußte - war in einer beispiellosen Katastrophe zusammengebrochen. Schelsky sah in der Ernüchterung der "skeptischen Generation" eine verständliche, sogar begrüßenswerte Reaktion auf diese Lage:

Den Älteren und vielleicht auch den Nachwachsenden wird sie als eine verschlossene, schweigsame Generation erscheinen, die "sich totstellt" oder "sich tarnt". Aber wie die revolutionäre Haltung verschwindet, so auch die eigentlich traditionalistische oder konservative: die strengen Formen sind allzu zerstört, als daß man sie noch im Ernst bewahren könnte. Was man retten, bewahren wird, sind einige Grundbestände, einige Sicherheiten, über deren illusionären Charakter man auch halb und halb Bescheid weiß. Vielleicht verwechselt man hier und da die vorhandene Restauration mit vermeintlicher Tradition, aber im Grunde sind die Linien in die Vergangenheit gleichgültig. Man wird sich auf keine Abenteuer einlassen, sondern immer auf die Karte der Sicherheit setzen, des minimalen Risikos, damit das mühselig und glücklich wieder Erreichte, der Wohlstand und das gute Gewissen, die gebilligte Demokratie und die private Zurückgezogenheit, nicht wieder aufs Spiel gesetzt wird. In allem, was man so gern weltgeschichtliches Geschehen nennt, wird diese Jugend eine stille Generation werden, eine Generation, die sich damit abfindet und es besser weiß als ihre Politiker, daß Deutschland von der Bühne der großen Politik abgetreten ist. Eine Generation, die sich auf das Überleben eingerichtet hat. Es wird nicht mehr stilvoll sein, ungedeckt mit offener Brust vor die Mehrheit zu treten und sie entweder durch Beschwörungen zur eigenen Meinung zu bekennen oder aber sich umbringen zu lassen. Diese Generation opfert sich nicht.[4]

Die Grundüberzeugung der jungen Leute ist nach Schelskys Beobachtung, "daß das Dasein sich maximal technisch bewältigen lasse. Sie ist die Grundlage der betont zivilisatorischen und zivilistischen Haltung der Generation, ihrer Ungehemmtheit in der Ausweitung des Konsums, ihrer raschen, innerlich unbeteiligten, daher unkomplizierten und anpassungsfähigen Erledigung aller gestellten Aufgaben". An den Lebensläufen von Kohl und Enzensberger ließe sich zeigen, daß Schelskys Generationenschema sehr triftig ist. Helmut Kohl erscheint in vielen Zügen wie eine Illustration des Musters, das Schelsky schon so früh erkannte. Was der soziologische Patron der jungen Leute nicht ahnte, war jedoch, daß bereits eine Rebellion gegen dieses Muster im Gange war - und dieses Aufbegehren der jungen Generation gegen das eigene Schema wiederum verkörperte niemand so überzeugend wie Hans Magnus Enzensberger . Die Rebellierenden ihrerseits konnten nicht sehen, daß sie die Gültigkeit des Typus der "Skeptiker" gerade durch die Rebellion bestätigten. Schließlich kamen sie in späteren Jahren - auch hier wieder allen voran Hans Magnus Enzensberger - auf die Grundkonstellation zurück.

Hier lohnt es sich nun, ein wenig zurückzugreifen auf frühe und früheste Erfahrungen in den Leben der beiden Männer. Kohl und Enzensberger entstammen beide dem konservativ gesinnten katholischen Kleinbürgertum Süddeutschlands. Kohls Vater, ein Steuersekretär, stammte aus Franken und ließ sich im pfälzischen Ludwigshafen nieder. Enzensbergers Vater, ein Reichspostingenieur, zog 1933 mit der Familie aus Kaufbeuren nach Nürnberg. In diesem Milieu sind die Väter staatstragend und die Mütter fromm, man hält viel auf bürgerliche Solidität und Sparsamkeit. Als Aufsteiger aus der bäuerlichen Welt ins Beamtenwesen ist man bemüht, zum Pöbel und seinen schlechten Manieren Distanz zu halten. Man ist in diesen Kreisen national gesinnt, aber durch den inbrünstigen Katholizismus der Mütter und die schichtgemäße Aversion der Väter gegen den rüden SA-Ton gewissermaßen antifaschistisch imprägniert, bevor überhaupt schwerwiegendere Bedenken greifen können.

Bei den Vätern führt der Krieg zu seltsamen Veränderungen: Kohls Vater Hans läßt sich nach Kriegsende vorzeitig pensionieren und arbeitet nebenbei als Steuerberater für Freunde und Bekannte. Andreas Enzensberger zieht sich allabendlich in sein schrulliges, rationalistisches Hobby zurück: Er verbessert das Kursbuch, er entwirft alternative Fahrpläne für die Reichsbahn - auch dann noch, als draußen schon die Truppentransporte und Deportationen laufen und die Gleisanlagen bombardiert werden. Diese vom Leben geschlagenen Väter sind in den Augen ihrer Söhne bei allem Respekt nur mehr Schattenexistenzen der bürgerlichen Welt. Sie haben etwas von Untoten an sich.

Unterdessen werden ihre Nachkömmlinge schon in den Jugendorganisationen des NS-Staats für den Endkampf gedrillt. Auf sie wird jetzt gesetzt, sie gehören der neuen Generation an, aus der der Führer das neue Deutschland schmieden will. Hans Magnus Enzensberger und Helmut Kohl gehören zu den Jahrgängen, die der Führer ausersehen hat, um den "Gottmenschen" zu schaffen, die "Herrenrasse" zu züchten: Diese Jugend soll unter ständiger Betreuung durch die nationalsozialistischen Organisationen - Jungvolk, Hitlerjugend, Arbeitsdienst - zu neuen Menschen werden. Sie soll die erste Generation sein, die der bürgerlichen Welt mit ihren Hemmnissen, Kompromissen und Schuldgefühlen entwöhnt wird:

"Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen." (Adolf Hitler)

Der Pimpf Hans Magnus Enzensberger wird durch die paramilitärischen Schikanen dem hehren Ziel jedoch entfremdet, lange bevor überhaupt schwerwiegendere Bedenken auftauchen können: Er haßt den Sport und kann es einfach nicht ausstehen, dauernd herum kommandiert zu werden. Helmut Kohl hingegen ist zwar in seinen jungen Jahren dem Sport nicht abgeneigt, aber auch ihm fehlt der Ehrgeiz in militärischen Dingen. Der Vater, selber wegen eines Herzleidens vom Kriegsdienst beurlaubt, hat Helmuts fünf Jahre älteren Bruder Wolfgang ausersehen, seine patriotischen Ambitionen stellvertretend auszuleben. Wolfgang, eigentlich ein unmilitärischer Charakter, läßt sich also vom Vater drängen, zu den Fallschirmspringern einzurücken. Er wird bei einem britischen Bombenangriff getötet, der Vater versinkt darauf monatelang in Depressionen und bleibt zeitlebens bedrückt von Schuldgefühlen.

Diese Lebensniederlage des Vaters ist zugleich der Moment, in dem der jüngere Bruder an die Stelle des Erstgeborenen aufrückt. Seinen Bruder überlebt zu haben, für dessen Tod der Vater sich die Schuld gab - das ist die Ausgangslage des Heranwachsenden Helmut Kohl. Später - in den vergangenheitspolitischen Gefechten der achtziger Jahre - sollte er eingedenk solcher Erfahrungen von der "Gnade der späten Geburt" sprechen. Man hat ihm dies sehr ungnädig als Entlastungsversuch ausgelegt - so als wollte Kohl sich und seine Generation und letztlich das ganze Land von historischer Verantwortung für die deutschen Verbrechen lossprechen. Dabei hatte er doch nur das eigene unverdiente Überleben bezeichnet, dessen Kehrseite tiefe Schuldgefühle waren - und ein schwärender Verdacht der Sinnlosigkeit der Geschichte. Aber von den Ambivalenzen des Überlebens wollte man in der kulturkämpferischen Stimmung der Vorwendezeit nichts hören. Kohl ist dabei durch seine Familienkonstellation geradezu prädestiniert, das Schicksal einer Generation zu repräsentieren, die mit toten Brüdern und entwerteten Vätern aufwuchs. ( Martin Walser , um nur einen bekannten Zeitgenossen des Jahrgangs 1927 zu nennen, den mit Enzensberger bekanntlich manches verbindet, weiß eine Geschichte von erstaunlicher Parallelität zu den Kohlschen Anfängen zu erzählen. Sein Erinnerungsbuch Ein springender Brunnen handelt in entscheidenden Passagen vom Kriegstod des Bruders und dem Verblassen der Vaterfigur.)

Hans Magnus Enzensberger war der älteste von vier Brüdern. Das vielbelächelte Kohl-Wort von der "Gnade der späten Geburt "wird bei ihm einige Resonanz ausgelöst haben - denn unverdientes Überleben ist für Enzensberger auch ohne toten Bruder ein Lebensthema geworden. Am 29. August 1942 beginnen die Attacken der britischen Bomber auf Nürnberg. Der erste Großangriff fängt kurz nach Mitternacht an und dauert über zwei Stunden. Noch ein halbes Jahrhundert später wollen die Eindrücke davon nicht verblassen. "Das Gebell der Flak", schreibt Enzensberger 1993,

kann ich bis auf den heutigen Tag vom Heulen einer Luftmine unterscheiden. Manchmal sucht mich im Traum der auf- und abschwellende Ton der Sirenen heim, eine widerwärtige Melodie. An den halb mulmigen, halb apathischen Schrecken der Bombenangriffe kann ich mich gut erinnern. Und die Erwachsenen, die da auf der Kellerbank kauerten und lauschten, und denen die 'Terrorangriffe' der Alliierten galten, waren die 'unschuldige Zivilbevölkerung'. Jedesmal, wenn ich diese Worte höre, gerate ich ins Grübeln.[5]

Mit der Zivilbevölkerung, deren Stadt von den Phosphorbomben in ein Feuermeer verwandelt wird, ist im Keller eine seltsame Verwandlung vorgegangen. "Ich weiß nämlich", sagt Enzensberger ,

wie ihre Augen geleuchtet hatten, jedesmal, wenn der Führer sprach, der ihnen nicht verheimlichte, was er vor hatte: ein 'noch nie dagewesenes, gigantisches Ringen', den Entscheidungskampf bis aufs Messer, und wie sie dabeigestanden hatten, als wenige Jahre zuvor die Synagogen brannten.

Für Kinder hat der Ausnahmezustand neben der bedrohlichen auch eine befreiende und abenteuerliche Seite: Mit dem Rest von normalem Leben bricht im Bombenhagel die Herrschaft der verhaßten Autoritäten in Schule und Jungvolk zusammen. Enzensberger wird, wie die meisten Stadtkinder in jener Zeit, aufs Land in Sicherheit gebracht - erst ins mittelfränkische Gunzenhausen, dann nach Öttingen, wo er die Oberschule besucht. An diese Zeit der Evakuierung erinnert ein Gedicht aus neuerer Zeit mit dem Titel "Herbst 1944". In jenem Herbst geht die heftigste Serie von Bombardements auf Nürnberg nieder. Von Oktober bis Dezember 1944 werden acht Angriffswellen gezählt, denen große Teile des historischen Stadtkerns zum Opfer fallen:

Zwar dem, der im Gras lag,
kamen sie herrlich vor, wie sie hoch oben glitzerten
am wolkenlosen Oktoberhimmel,
die Bomberströme, und schade
war es nicht um die Andenken,
die in der Ferne verbrannten
auf dem modrigen Dachboden:

Sammeltassen und Engelshaar,
Großvaters Pariser Postkarten
(Oh là là!) und sein Koppelschloß
aus einem anderen Krieg,
löchrige Unterröcke, Orden, / Puppenhäuser, die Psyche aus Gips und ein paar vergessene Gottesbeweise
in einer Zigarettenschachtel -

aber im Keller die Leichen
sind immer noch da.[6]

Das ist ein auffallend kühler Blick auf die Bestände einer Welt, die gerade im Begriff ist, endgültig unterzugehen - zumal das bürgerliche Elternhaus Hans Magnus Enzensbergers mit seiner Sicherheit und seiner Wärme ja auch ein Teil dieser Welt ist. Die behäbige Welt des Bürgertums, mit der die Nazis aufräumen wollten, verbrennt nun in den Flammen der alliierten Bombardements. Sie besteht nur noch aus Resten, die auf den modrigen Dachboden verbannt worden waren, Strandgut der Geschichte, entwertete Gegenstände, eine Gesellschaft von ausrangierten Dingen. In den wenigen zusammengewürfelten Objekten, die das Gedicht bevölkern, ist auf kunstvoll-kunstlose Weise alles repräsentiert, was die untergegangene Welt im Kern ausgemacht hat: Warenfetischismus (Sammeltasse), unterdrückte Sexualität (Pariser Postkarten), nationalistischer Kult der Gewalt (Koppelschloß und Orden), Innerlichkeit (Puppenhaus), Bildungsglauben (Psyche aus Gips), Rationalismus (Gottesbeweise). All das wird in einer Nacht fortgefegt wie nie gewesen. Übrig bleiben nur "Leichen im Keller" - eine abgenutzte Redensart für unabgegoltene Schuld; hier allerdings ist sie ganz wörtlich zu verstehen.

Man muß sich die biographische Situation, die von diesem Gedicht heraufbeschworen wird, bildlich vorstellen: Ein Junge liegt draußen vor der Stadt auf einer Wiese, vielleicht mit einem Grashalm im Mundwinkel spielend, womöglich ein Bein übers andere geschlagen. Er starrt gedankenverloren in den Himmel. So weit wäre das ein nur allzu bekanntes pastorales Genrebild. Aber im Herbst 1944 schaut ein romantischer Taugenichts nicht den Zugvögeln nach - sondern Bomberströmen, die ihm "herrlich" vorkommen, obgleich ihre Mission die Vernichtung seiner Heimatstadt ist. Der Knabe ist als Evakuierter der Todesgefahr entronnen, aber nun zum ohnmächtigen Zuschauen verurteilt, während der Feind, gegen den die Propagandamaschine immer noch hetzt, ohne nennenswerte Störung seine vertraute Lebenswelt in Flammen aufgehen läßt. Man sollte meinen, dies sei eine schwer erträgliche Situation für einen jungen Mann, der zu den "letzten Helden des Führers" gehören sollte. Aber der Junge im Gras genießt den Anblick der Bomber. Was sie zerstören, erscheint ihm nicht wert, erhalten zu bleiben.

Der Führer wollte eine Jugend, die "in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen" sollte, um sich schließlich als Herrenmenschen die Welt unterwerfen zu können. Jetzt macht diese Jugend dank der Kriegspolitik des Führers Erfahrungen mit der Lust am Untergang. In einem Alter, in dem man sich gewöhnlich darauf vorbereitet, in die Welt der Erwachsenen aufgenommen zu werden, erlebt der Vierzehnjährige in dem Gedicht die Vernichtung seiner Welt als etwas Gerechtfertigtes. Die "herrliche" Zerstörung, der verdiente Untergang - dies ist eine Urszene, deren Bedeutung für das Leben Hans Magnus Enzensbergers kaum überschätzt werden kann.

Hans Magnus Enzensberger bekommt in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs Gelegenheit, die Entschlossenheit des deutschen Volkes, auch noch den letzten Pimpf ins Feuer zu schicken, am eigenen Leib kennen zu lernen. Seit Oktober 1944 gibt es den "Volkssturm". Alle männlichen Deutschen zwischen 16 und 60 Jahren sind nun zum Kriegsdienst verpflichtet; am Ende werden auch wesentlich jüngere Hitlerjungen in den Kampf geworfen. Der fünfzehnjährige Hans Magnus Enzensberger wird der Division "Hitler-Jugend" zugeteilt. Nach einer flüchtigen Kampfausbildung wird die Kompanie aus lauter militärisch ahnungslosen Jungen an einer Hauptstraße stationiert, um dort dem vorrückenden Feind zu trotzen. Man hebt Gräben aus, dann erfolgt die Ausgabe von Panzerfäusten. Den meisten ist längst klar, daß es nur ein völlig sinnloses Unternehmen sein konnte, sich mit einer solchen Truppe den siegreichen Amerikanern entgegenzuwerfen: Im Januar 1945 befindet sich das Deutsche Reich mit 48 Staaten offiziell im Kriegszustand. Hans Magnus Enzensberger erinnert sich an einzelne Kameraden, "die jetzt noch Werwolf spielen wollen". Er selbst hat sich schon zurechtgelegt, wie er sich vor dem verlorenen "Endkampf" drücken wird, wenn erst die Amerikaner nahe genug gekommen sind. In mehreren Verstecken deponiert er die für dieses Unternehmen überlebenswichtigen Zivilkleider: Uniformiert fern der Truppe angetroffen zu werden kann entweder den Tod durch ein "Fliegendes Standgericht" der Feldgendarmerie bedeuten oder aber Kriegsgefangenschaft, wenn man dem Feind in die Hände fällt. Man braucht noch eine Karte, um im Schutz der Dunkelheit von dem vierzig Kilometer entfernten Standort nach Hause zurückzufinden, und dann kann es eines Nachts losgehen. So landet das "Ehrenkleid" in der Mülltonne. Zu Hause warten auch schon neue Aufgaben: Der Krieg ist aus, die Amerikaner sind da.

Auch Helmut Kohl gehörte als Großstadtkind ab 1943 zu den Evakuierten. Zuvor schon hatte er mit dem Tod Bekanntschaft machen dürfen. Als Mitglied der Schülerfeuerwehr mußte er helfen, die ersten Toten auszugraben, die unter einem durch Luftangriffe zerstörten Haus begraben lagen. Später hat er zu Protokoll gegeben, er habe damals "aufgehört, ein Kind im normalen Sinne zu sein". Dann folgten Kinderlandverschickung, Schanzarbeiten im Elsaß, schließlich ein Wehrertüchtigungslager in Berchtesgaden, das die Jungen auf die Heimatflak vorbereiten sollte. Auf dem Obersalzberg, oberhalb von Berchtesgaden, hatte der Führer seinen Landsitz, den "Berghof". Helmut Kohl gehörte als Pimpf zu einer sogenannten Nebelkompanie, die den Berg in Rauchschwaden zu hüllen hatte, um die britischen Bomber von Hitlers Besitz fernzuhalten. An des Führers 56. Geburtstag, am 20. April 1945, vereidigte schließlich der Reichsjugendleiter Axmann die zum letzten Aufgebot gedrillten Jungen. Sie sollten die zur "Alpenfestung" erklärte Gegend um Berchtesgaden vor dem bedrohlich anrückenden Feind verteidigen. Es kam nicht dazu. In der Auflösungsstimmung der letzten Kriegswochen setzte sich Helmut Kohl mit drei anderen Ludwigshafenern ab. Sie begannen eine lange Wanderung zurück in die heimische Pfalz, mitten durch die apokalyptische Szenerie des deutschen Zusammenbruchs. Die Wälder waren voller Soldaten, die sich vor dem Feind verbargen. Bei Augsburg wurde Kohls Truppe von befreiten polnischen Fremdarbeitern aufgegriffen und verprügelt. Man übergab sie den Amerikanern, die des Führers letzte Helden in ein Lager steckten. Die Uniformen wurden ihnen abgenommen, und sie wurden entlaust, während ringsherum schon längst "keine Ordnung mehr" vorhanden war und alles, was ihnen gestern noch eingetrichtert worden war, mit einem Mal entwertet schien. Mit Passierscheinen des Feindes versehen und in Lumpen gehüllt, kehrten die Knaben schließlich von ihrem welthistorischen Abenteuer nach Hause zurück. Kohls Mutter erwartete ihn, wie sein Biograph Klaus Dreher [7] schreibt, "mit dem Besten, was sie aufbieten konnte, einem Glas selbstgepflückter, selbsteingemachter Aprikosen".

Man kann sich vorstellen, daß es Heranwachsenden mit solchen Erfahrungen schwerfiel, sich in der Weise einzuordnen, wie es damals von ihnen in Familie und Schule erwartet wurde. Wer den Tod gesehen hatte, wer sich als Überlebender fühlen mußte, wer die Kopflosigkeit der Autoritäten im Zusammenbruch kennengelernt hatte, der war so leicht nicht mehr zu beeindrucken. Die alten Leute waren jetzt wie alle mit dem Durchwursteln, nicht wenige auch mit ihren Verstrickungen und Traumatisierungen beschäftigt. Die Jungen hatten zahlreiche unter ihnen in kompromittierenden Situationen beobachten können. Jetzt war ihre Stunde gekommen. Hans Magnus Enzensberger und Helmut Kohl gehören zu den "Wunderkindern", deren Aufstieg zu Ruhm und Macht niemals nennenswerten Widerstand würde überwinden müssen.

Der junge Kohl lernt schnell - wie viele Altersgenossen in der Zeit unmittelbar nach Kriegsende - etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen: Kleintierzucht und -handel, Krebsfischen im Rhein, Schwarzmarktgeschäfte mit Zigaretten, soweit das Übliche. Mit einem Freund beginnt er eine Seidenraupenzucht, die bald mangels Maulbeerblattnachschub eingestellt werden muß. Auch harte Arbeit auf dem Bauernhof bleibt ihm nicht erspart. Bei der Rückkehr ins Gymnasium, im Sommer 1946, mißt der Sechszehnjährige schlaksige 1,93 Meter - ein einschüchternder Anblick für die Familie und die Freunde. Ein Mitschüler, so berichtet der Kohl-Biograph Dreher, erinnert sich an den Tag, als Helmut Kohl zum ersten Mal wieder das Klassenzimmer betrat, das er drei Jahre zuvor als normal großer Bub verlassen hatte: "Da kam so ein hochaufgeschossener Kerl herein, sah sich um, und was er sah, gefiel ihm nicht."

Das ist eine sprechende Szene für die Lage der Jungen, die wie über Nacht der Kindheit entwachsen sind: Der junge Kohl konnte nach einigen Tagen die Regie in der Schule übernehmen. Er handelte mit der Schulleitung aus, daß die Schüler selber das zerbombte Zimmer wiederherrichten würden, wenn man ihnen nur garantiere, daß sie bis zum Abitur darin bleiben dürften. So geschah es: Kohl setzte mit seiner Truppe das Zimmer instand, und keiner fragte danach, woher die Jungen das Material "organisiert" hatten. Er wurde dann auch Klassensprecher und sorgte anstelle des Lehrers für Disziplin und Ordnung. Die Franzosen betrieben die Entnazifizierung, beziehungsweise déprussianisation, besonders rigoros. Das gab den unmündigen Schülern - auch dies eine Gnade der späten Geburt - ironischerweise eine besonders starke Position. Der Klassensprecher Kohl war es, nicht etwa der Lehrer, der das Buch mit den Verweisen führte und Strafgebühren für die Klassenkasse einsammelte. Er löste Konflikte, versöhnte die konkurrierenden Gruppen in der Klasse und befriedete die Schule. Petzen war bei ihm verpönt, und die guten Schüler wurden angehalten, die schlechten abschreiben zu lassen. Streber wurden so gebremst, das Mittelmaß diktierte unter dem Kohlschen Regime das Tempo der Klasse. Man könnte versucht sein, in diesem frühen Ludwigshafener Modell schon die spätere Bundesrepublik der Kohl-Ära präfiguriert zu sehen mit ihrem informellen Regierungsstil des Auskungelns, den zahllosen Konsensrunden und der Herrschaft per Notizbuch.

Es lag nahe, daß der geborene Klassensprecher Helmut Kohl in die Politik gehen würde. Die Schule konnte er, wie viele Altersgenossen, nie richtig ernst nehmen. Bald kamen auch genuin politische Impulse hinzu, die ihn in seinem Lebensplan bestätigten: Ein französischer Besatzungsoffizier redete mit den Schülern über die "europäische Idee". Die Faszination dieses Konzepts, das einen Ausweg wies aus der geistigen Leere, die nach dem Zusammenbruch der Reichsidee der Nazis geblieben war, hat Helmut Kohl nie wieder verlassen.

Im Falle Hans Magnus Enzensbergers war es auch der Feind von gestern, der den Horizont öffnete. Auf dem Lande bei Nürnberg, wo die Familie die erste Nachkriegszeit verbrachte, waren damals Englischkenntnisse Mangelware, und so bekam einer, der eben noch zum letzten Aufgebot des Führers gehörte, einen Job von jenem Feind, den er eigentlich mit "zäher Beharrlichkeit und unbeugsamer Härte" (Adolf Hitler) bekämpfen sollte. Hans Magnus Enzensberger wird Dolmetscher erst bei den Amerikanern und, nachdem diese weitergezogen sind, schließlich bei den englischen Truppen der Royal Air Force, die in der Nähe eine Radarstation unterhalten. Welch ungeheure Macht für einen Jugendlichen: Er ist jetzt nicht nur moralisch im Recht vor den diskreditierten Erwachsenen, die zunächst alle im Verdacht stehen, verstrickt zu sein. Er weiß auch mehr über die neuen Herren, denn er kann sich mit ihnen verständigen und schnappt vieles auf, was den anderen verborgen bleibt. Der Sechzehnjährige ist das Medium, ohne das für beide Seiten nichts mehr läuft. Und dann weiß er ja auch noch Kompromittierendes über manche von den Älteren. Er könnte sie jetzt mit wenigen Bemerkungen auffliegen lassen.

Es dauert eine ganze Weile, bis das normale Leben von den Jugendlichen wieder Besitz nimmt. Aber auch ohne Schule kann man jetzt viel über Politik und Gesellschaft lernen: Man lernt zum Beispiel, daß ein Land ohne richtige Regierung eine sehr angenehme Sache sein kann. Man lernt, daß Unordnung etwas Gutes sein kann. Man lernt auf dem Schwarzmarkt, daß der Kapitalismus findigen Leuten immer eine Chance gibt. Man lernt, daß eine Gesellschaft etwas ist, das sich sehr gut selbst organisieren kann, ohne zentralen Befehl und Steuerung. Man lernt unter Bedingungen der Knappheit eine Menge über die wahren Bedürfnisse der Leute. Man lernt, daß Menschen sehr wendig sein können und man sich auf ihre feierlichen Überzeugungen am besten nicht verläßt. Heute sagen sie: "Unsere Ehre heißt Treue", und morgen schon heißt es: "Damals war eben Krieg, aber jetzt ist Frieden." Man lernt, daß es einen weiterbringt, sich mit den Dingen des Lebens auszukennen. Kurz: Es ist trotz der Not eine herrliche Zeit, wenn man jung ist und neugierig - ein kurzer Sommer der Anarchie.

Hans Magnus Enzensberger wird bei den Engländern, da er sich als Dolmetscher bereits bewährt hat, zum Barmann in der Officer's Mess befördert. Bald erkundet er auch den Schwarzmarkt, denn es gilt zum Unterhalt der Familie beizutragen. Die Nähe zu den britischen Truppen bietet gute Voraussetzungen, ins Geschäft einzusteigen. Es sind jetzt besonders alle Arten von Nazi-Devotionalien gefragt, denn die Soldaten möchten gerne Andenken von ihrem Sieg nach Hause mitnehmen. Ein fröhlicher Ausverkauf hat begonnen. Die Deutschen verscherbeln ihre heiligsten Güter, wenn sie sie nicht dummerweise vor lauter Panik haben verschwinden lassen, bevor die Amerikaner kamen: Mützen, Abzeichen, Ehrendolche, Uniformen und vor allem Waffen mit Nazi-Emblemen gehen gut in diesen Monaten.

Auch Hans Magnus Enzensberger war, wie der junge Kohl, nach der Rückkehr auf die Schulbank ein Anführer in seiner Klasse - allerdings nicht als Schulhofherrscher, sondern als "Klassenbester wie aus alter Gewohnheit" (so hat ihn sein Bruder Christian später charakterisiert):

Hochnäsig wie ein Rennpferd... Er ist immer allein. Er lernt Französisch. Seit Neuestem trägt er ein Barett. Ist er jetzt völlig übergeschnappt? Feindliche Blicke von allen Seiten, Hohngelächter auf dem Schulhof. Das ist ihm nicht nur gleich, sondern recht. Er gehört nicht hierher. Diese miese Klitsche! Dieses Kaff von einer Stadt! Mitten auf der Königstraße schreit er laut, natüür! natüür! und kräht den Nonnen nach kikeriki! [...] Er liest Dostojewski. Ist das auch was für dich? fragt die Mama. Er schweigt. Er hilft nie beim Abspülen.[...] Er kennt Wörter, die noch nie jemand gehört hat. Nonsens, sagt er, Betisen. Völlig inhibiert der Mann. Bärbeißerisch. Betucht. Zwielichtig. Kompatibel. Louche. Montgolfiere. Brouillon. Adlat. [...] Brauch ich alles für später, sagt er, [...] Ich werde Dichter.[8]

Er schreibt damals schon so für sich hin - aber es vergehen noch fast zehn Jahre bis zu seiner ersten Veröffentlichung.

Die beiden Lebensläufe, die sich aus diesen frühen Anfängen mit irritierender Folgerichtigkeit entwickeln, sind bekannt, denn Kohl wie Enzensberger zieht es in die Öffentlichkeit. Kohl wird in Windeseile Landesdelegierter, Fraktionschef, Landesvorsitzender und Ministerpräsident, dann Oppositionsführer, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat in Bonn. Enzensberger wird ein Star der Gruppe 47, gilt bald als legitimer Nachfahre von Benn und Brecht , wird jüngster Büchner-Preisträger, beeinflußt mit seinem Kursbuch die Protestbewegung der sechziger Jahre und prägt als Herausgeber, Übersetzer, Anreger und Reisender im Auftrag des Goethe-Instituts das Bild der neuen westdeutschen Literatur im In- und Ausland. An den parallelen Lebensläufen dieser beiden westdeutschen Repräsentanten fällt - retrospektiv betrachtet - manche Ähnlichkeit auf, die Jahrzehnte im Schatten politisch-ästhetischer Divergenzen verborgen blieb: Man denke nur an den Antinationalismus, die Europabegeisterung, für die Kohl und Enzensberger exemplarisch stehen. Heute scheint es, als hätten sie hier von zwei Seiten her an dem gleichen Projekt gearbeitet - der politischen und kulturellen Reintegration Deutschlands in den Westen. Eines Tages wird man vielleicht Enzensbergers Museum der modernen Poesie von 1960 und den unter Kohls Drängen verabschiedeten Maastricht-Vertrag von 1992 - zwei Herkulestaten der beiden Helden dieser Betrachtung - als Elemente eines großen Zusammenhanges begreifen können.

An Kohl wie Enzensberger verblüffte schon die Zeitgenossen ihrer ersten Erfolge die ungeheure Tüchtigkeit, mit der diese jungen Männer sich die Apparate eroberten, die man in ihrem jeweiligen Feld beherrschen mußte. Das Studium hatten beide pflichtbewußt und ohne innere Beteiligung erledigt, ganz wie zuvor die Schule. Dann aber ging Kohl mit traumwandlerischer Sicherheit seinen Weg durch die Partei, und Enzensberger spielte bravourös auf der Klaviatur der Medien. In beiden Fällen wurden die Jungen begrüßt, als hätte man schon lange auf sie gewartet, ohne es zu wissen. Enzensberger hängte man seinerzeit bald das Etikett des "zornigen jungen Mannes" der deutschen Literatur an; über dem Stillstand der späten Kohl-Jahre ist vergessen worden, daß Helmut Kohl einmal als der "Junge Wilde" des deutschen Konservatismus gegolten hatte, der Mitte der fünfziger Jahre, also schon während der fetten Jahre des Kanzlerwahlvereins, gegen die "Verbürgerlichung der Partei" antrat. Das Establishment der Partei lernte ihn erst fürchten und dann bewundern, als er mit meisterhaft eingefädelter Intrige den Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Altmeier ausschaltete, der die CDU noch wie eine Honoratiorenpartei führte. Kohl war ein Modernisierer - zunächst der Partei, schließlich des Bundeslandes, dem er vorstand. Er stand als Ministerpräsident für Schul-, Verwaltungs-, Justiz- und - jawohl! - Rechtschreibreform. Er beförderte die Pfalz in die Moderne, indem er die Zwergschulen schloß, die Gemeinden zusammenwarf und Ministerien entzweihieb. Er wurde in den sechziger Jahren ein großer Antreiber, der die SPD vor der Brandtschen Machtübernahme zu bieder und zu konservativ fand. Er wollte absolut modern sein und glaubte daran, daß die Politik das Medium einer allumfassenden Reform sein könnte. Kein Wunder, daß er anfangs Sympathie für die aufbegehrende junge Generation der sechziger Jahre zeigte: "Er teilte mit ihr", schreibt Patrick Bahners, "den Traum von der grenzenlosen Politik."

Auch Enzensberger hat diesen Traum geträumt: Es hat ihn dabei freilich an ganz andere Gestade verschlagen als den Generationsgenossen auf der anderen Seite des politischen Spektrums, am Ende gar bis nach Kuba, wo Fidel Castro eine Form grenzenloser Politik betrieb, die Enzensberger ein für allemal aus diesem Traum erwachen ließ. Vielleicht kann man die parallelen Lebensläufe von Kohl und Enzensberger als zwei Wege begreifen, mit der Ausgangssituation der "skeptischen Generation" umzugehen. Die prägende Generationserfahrung hat Niklas Luhmann (Jahrgang 1929) einmal sehr schön griffig mit der Formel "Zerstörung als Kapital" beschrieben. In seinem Nachruf auf die Bundesrepublik von 1990 gab er - mit Blick auf die eigene Jugend - einen Hinweis, wie die schnelle Modernisierung Westdeutschlands zu erklären sei:

"Auch in der intellektuellen Entwicklung war Zerstörung vielleicht das wichtigste Kapital - Zerstörung im Sinne der Unnennbarkeit spezifisch deutscher Traditionen. Die Nazis hatten es mit Blubo und Brausi, wie wir damals sagten, verdorben: mit Blut, Boden, Brauchtum und Sippe. Es blieb nur die eifrig zu manifestierende Scham. Und die Möglichkeit, etwas anderes anzufangen - etwa amerikanische Soziologie oder analytische Philosophie."[9]

Man darf ergänzen: zornige Lyrik oder eine moderne Volkspartei. Auch das gehört zu dem Neuen, das nach der Zerstörung gedeihen konnte.

Zwei Wege der skeptischen Generation: tüchtig sein, funktionieren und gestalten in den Apparaten, reformieren, ein pragmatischer "Macher" sein, das ist die eine Möglichkeit. Erst wenn man die Revolte gegen dieses Muster dazu in den Blick nimmt, ergibt sich das volle Bild der Modernität der Bonner Republik, in der "Dabeisein und Dagegensein" ( Luhmann ) sich nicht mehr ausschließen. Denn "technische Daseinsbewältigung", Konventionalität als "Tarnung", Sicherheitsdenken, Bewunderung des "unumstritten Anerkannten", stilles Genießen der unverhofften Errungenschaften von Demokratie und Marktwirtschaft - all diese Merkmale des Schelskyschen Generationstypus waren schon Ende der fünfziger Jahre unter einen schwelenden Verdacht geraten, und Hans Magnus Enzensberger war es, der dies endlich - auf eine zugleich direkte und kunstvolle Weise - aussprach. Man denke nur an den Anfang des Gedichts "konjunktur":

"ihr glaubt zu essen
aber das ist kein fleisch
womit sie euch füttern
das ist köder, das schmeckt süß." Oder diese Zeilen aus "bildzeitung": "auch du auch du auch du
wirst langsam eingehn
an lohnstreifen und lügen
reich, stark, erniedrigt
durch musterungen und malzkaffee."

Enzensberger hat damals das westdeutsche Mittelmaß kulturkritisch analysiert in seinen fulminanten frühen Essays über Versandhauskataloge, Wochenschauen, Tourismus und Taschenbuchproduktion. Er hat die "Kleinbürgerhölle" der Bonner Republik verflucht und verwünscht in den wütenden Tiraden der "Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer" und der "Landessprache". Er hat später aber auch - zum Entsetzen vieler seiner linksradikalen Stammleser - das Kleinbürgertum mitten in den siebziger Jahren als unterschätzte Klasse rehabilitiert. Im Kursbuch 68 von 1982 veröffentlicht er eine "Verteidigung der Normalität".[10] Der deutsche Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wird dort von Enzensberger nun nicht mehr als Restauration des schlechten Alten gedeutet, sondern als nachträglicher Trotz und Widerstand - eine erstaunliche Wendung:

Wie beharrlich die Normalität ihre Ziele verfolgt, das läßt sich an einem naheliegenden Beispiel zeigen. Der deutsche Faschismus läßt sich als großangelegter Versuch verstehen, reinen Tisch zu machen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs schien dieses Experiment gelungen: das ganze Land war eine tabula rasa. Daß die Rechnung Hitlers (und Morgenthaus) dennoch nicht aufgegangen ist, daran sind die Trümmerfrauen, Heimkehrer, Ami-Fräuleins, Kellerkinder, Schwarzhändler, Persilscheinbesitzer, Kohlenklaus, Bastler, Schrebergärtner und Häuslebauer schuld, eine schweigende Mehrheit, die darauf bestand, Deutschland wiederherzustellen.

Der aufmerksame Leser bemerkt, daß auch Hans Magnus Enzensberger in diesem Panorama des Eigensinns vorkommt - er war ja selber Schwarzhändler und hat dies so lange in diversen Lebensläufen erwähnt, bis es zum Teil seines Privatmythos wurde. Die Normalität, schreibt er, sei eine "defensive Kraft", die zum Widerstand gegen Meinungen, Weltanschauungen und Ideologien befähigt. Es ist in diesem Zusammenhang nicht nebensächlich, daß eines der Fallbeispiele für die Störrischkeit der normalen Leute in diesem Essay, die Geschichte des "Oberpostrats halmayr", leicht als die verfremdete Lebensgeschichte Andreas Enzensbergers zu erkennen ist. Die Rehabilitierung der Normalität ist zugleich auch eine Versöhnung mit der Herkunftswelt. Enzensbergers frühe Gedichte und Essays waren geprägt vom Gestus der Abstoßung und Verwerfung der Kleinbürgerwelt - man denke nur an das lange Gedicht "schaum" ("loslassen! schluß! davon weiß ich nichts! / ich bin keiner von uns!"), an die Analyse der Taschenbuchproduktion oder an seinen Aufsatz über den Massentourismus. Die Kleinbürgerwelt wurde als klebrig, kleinlich und stumpfsinnig dargestellt. Nun stellt Enzensberger die Kritik selber auf den Prüfstand. Und siehe: Sie erscheint als Ausdruck eben jenes "eigentümlichen Klassenbewußtseins", das sie anzugreifen glaubte. Die Revision des kleinbürgerlichen Selbsthasses ist unverkennbar auch eine Revision des Enzensbergerschen Habitus der frühen Jahre: "Der Kleinbürger will alles, nur nicht Kleinbürger sein. Seine Identität versucht er nicht dadurch zu gewinnen, daß er sich zu seiner Klasse bekennt, sondern dadurch, daß er sich von ihr abgrenzt, daß er sie verleugnet.[...] Gelten soll nur, was ihn unterscheidet: der Kleinbürger, das ist immer der andere." Es ist der unstillbare Wunsch, sich von seinesgleichen zu unterscheiden, der die eigenartige Kreativität des Kleinbürgers freisetzt. Das fehlende Klassenbewußtsein ist kein Mangel, wie die Marxisten glauben, sondern ein Vorteil in der sozialen Evolution - die Voraussetzung für die Dynamik und Aggressivität dieses Menschenschlags. Wer hätte gedacht, daß man von dem Verteidiger der Wölfe jemals ein solches Plädoyer für die Lämmer würde vernehmen könne: "Die Fähigkeit zur Anpassung, ideologisch wenig geschätzt und gerade von Kleinbürgern eifrig verschrien als Charakterlosigkeit und Opportunismus, vergrößert ohne Zweifel die Überlebenschancen einer Klasse." Enzensbergers Porträt der siegreichen Klasse, die ihres Sieges nicht froh werden kann, obwohl (oder gerade weil) sie "in allen hochindustriellen Gesellschaften heute über die kulturelle Hegemonie" verfügt, ist ein soziologisches Meisterwerk en miniature .

Enzensberger entfaltet in immer neuen Variationen ein schmerzhaftes Paradox vor einem zunehmend ratlosen linken Publikum: daß das Kleinbürgertum gerade deshalb siegreich ist, weil es sich ständig selbst in Frage stellt; daß das Gefühl der Überflüssigkeit diese Klasse dazu treibt, die Welt zu erobern; da der kreative Selbsthaß am Ende zum Siegeszug des kleinbürgerlichen Lebensstils über den ganzen Globus führt. Kleinbürger - das sind eben nicht mehr nur die anderen. Der Triumph des Kleinbürgertums bedeutet im Gegenteil, daß es kein anderes mehr gibt: "Heute wimmelt die Klasse von Fortschrittsmännern, und niemand ist begieriger als sie, den neuesten Trend beim Schopf zu packen." Das Publikum des Kursbuchs ist also gehalten, sich in diesem Porträt wiederzuerkennen - eine Zumutung in diesen schweren Jahren, in denen die Linke sich wie nie zuvor nach Orientierung sehnt. Die große Zeit der alternativen Heilslehren hat schon begonnen: Feminismus, Ökologie, Psychoboom, Esoterik, fernöstliche Weisheit, Selbsthilfegruppen und Landkommunen fangen diejenigen auf, die dem bewaffneten Kampf, den K-Gruppen und der bürgerlichen Karriere entsagen. Und da kommt nun Enzensberger daher und zwingt die Ausgestiegenen und Ausstiegswilligen, gerade ihren Wunsch, zu entkommen, als ein untrügliches Zugehörigkeitsmerkmal zur "experimentellen Klasse" des Kleinbürgertums zu erkennen: "Jede alternative Regung innerhalb unserer Kultur hat das Kleinbürgertum unverzüglich enteignet und absorbiert."[11]

Im Rückblick von heute aus könnte man diese Analyse der Macht des Kleinbürgertums als ein hellsichtig-resignatives Präludium zur Ära Kohl betrachten. Also: Spiel, Satz und Sieg im Generationenkampf für Dr. Kohl, den großen Kleinbürgerdarsteller, der endlich dort angekommen ist, wo er schon als Bub so zielstrebig hinwollte? Nicht ganz. Enzensberger hat mit der Normalität etwas anderes im Sinn als Kohl bei seinen zahlreichen Beschwörungen. Zweifellos kann man bei Enzensberger in dieser Phase Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre "konservative" Motive finden: Antiutopismus, Skepsis, ein Plädoyer für das "Seinlassen" und die "Weltverschonung", Annäherung von Geschichte und Natur im Evolutionsgedanken: "Meine Guten, nennt mir doch etwas, / das nicht naturwüchsig wäre.[...] Sag mir doch etwas, das nicht 'historisch' wäre" ("Die Frösche von Bikini"). Aber "konservativ" - das ist ein viel zu behäbiges Wort, um Enzensbergers Verfassung zu Beginn der achtziger Jahre zu kennzeichnen. 1980 hat er unter dem Titel Die Furie des Verschwindens einen Gedichtband erscheinen lassen, in dem lauter kleine Expeditionen in das Innere der Bundesrepublik und das Innere ihrer Bewohner enthalten sind. In dem langen Gedicht "Die Frösche von Bikini", einem lyrischen Selbstgespräch im Parlandoton, findet sich eine Formel, die sehr treffend zusammenfaßt, in welcher Haltung der Dichter Enzensberger jetzt zur Welt steht:

"Und nun, mein Lieber, haben Sie resigniert?
Nach längerem Nachdenken antwortet er: Ich bin immer noch da. Und:
es ist an mir, wie ich glaube,
eine gewisse Beharrlichkeit festzustellen.

Sich Abfinden sei etwas für Optimisten
oder für Tote, etwas Jenseitiges,
komme mithin im Kosmos nicht vor,
sei auch in Friedenau,
dem Stadtviertel, wo er wohne
eine unbekannte Erscheinung

[...]

Seine Lieblingsdroge
sei die Aufmerksamkeit.
Auf die tägliche Prise
von ideologischem Kokain
könne er notfalls verzichten;
und wenn es schon nicht abgehe ohne Moral -
die seine bestehe darin,
nicht zu ermüden. Aufmerksam
wie seine Freundin beim Schminken,
wie der Moskito im Schlafzimmer,
wie der Spitzel vor jedermanns Haus,
wie der Frosch, der ins Wasser springt
bei der geringsten Bewegung, (und aus ähnlichen Gründen)
betrachte er alles, was der Fall sei."[12]



Der Begriff der Normalität, verstanden als Beharrlichkeit und Eigensinn, nimmt dann fast schon utopische Züge an: Er steht nun für die Möglichkeit, den Zuschreibungen zu entkommen und die ideologischen Frontstellungen zu durchkreuzen. Normalität sei, sagt Enzensberger in seiner Verteidigungsrede - anders als die Sozialwissenschaften uns weismachen wollen (und, nebenbei bemerkt, anders als wir es bei Enzensberger gelernt haben, der es seinerseits bei Adorno gelernt hat) -, nicht der Effekt von Manipulation, Schulung, Zensur und ideologischer Dauerbeschallung, sondern vielmehr "die Grenze aller Bewußtseinsindustrie, aller Medien, aller Propaganda".

Zu dieser neuen Sicht auf die Reichweite der Bewußtseinsindustrie fügt sich, da Enzensberger 1983 im Merkur das Leitmedium der bundesrepublikanischen Normalität und das Hofmedium der beginnenden Kohl-Regentschaft, die Bild -Zeitung, einer Revision unterwirft: "Der Triumph der Bild -Zeitung oder Die Katastrophe der Pressefreiheit".[13] Er sieht in ihr, anders als die linke Kritik in der Tradition Heinrich Bölls und Günter Wallraffs, kein Medium der Manipulation und Hetze mehr, dem mit Aufklärung und Enteignungsforderungen beizukommen wäre: Der Zynismus der Leser, so Enzensberger , stehe dem der Macher in nichts nach: "Man kann in diesem Sinn behaupten, daß die Bild -Zeitung radikaler als ihre Kritiker ist. Das gilt auch für ihre ästhetische Form. Es ist die des anonymen Gesamtkunstwerks ..." Mit der Furcht vor dem Nazi in jedem Nachbarn ist auch die Furcht vor der früher als "faschistisches Kampfblatt" verschrienen Kleine-Leute-Gazette geschwunden. Sie ist ein "Null-Medium", ein im wahrsten Sinn des Wortes nihilistisches Medium ohne Botschaft - und gerade darum populär und erfolgreich. Enzensberger beschreibt die schlechte Normalität des Bild -Lesers nicht mehr als Effekt der Deprivation, sondern als Haltung eines selbstbewußten Zynismus des sich "seiner selbst bewußten Idioten". Dies ist gewissermaßen die dunkle Seite jenes neuen "Eigensinns", den Enzensberger in der Wirklichkeit der Bundesrepublik zu Helmut Kohls Zeiten gefunden hat. Diese dunkle Seite der wiedergefundenen Normalität ist durch die rasante Entwicklung der Spaßgesellschaft der letzten Jahre erst so recht ins allgemeine Bewußtsein getreten. Aber das ist dann schon wieder ein anderes Thema. Vorabdruck aus: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland . Hamburger Edition. Erscheint im Oktober 2001.

 

  • [1] Zitiert nach Hans Magnus Enzensberger, Politische Brosamen, Frankfurt am Main 1985, S. 129 ff
  • [2] Patrick Bahners, Im Mantel der Geschichte. Helmut Kohl oder Die Unersetzlichkeit, Berlin 1998, S. 63.
  • [3] Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, Düsseldorf/Köln 1957.
  • [4] Ebenda, S. 381
  • [5] Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt am Main 1993, S. 63.
  • [6] Hans Magnus Enzensberger, Kiosk. Gedichte, Frankfurt am Main 1995, S. 22.
  • [7] Klaus Dreher, Helmut Kohl. Leben mit Macht, Stuttgart 1998, S. 25
  • [8] Christian Enzensberger, Was ist was. Roman, Nördlingen 1987, S. 448
  • [9] Niklas Luhmann, Protest, Frankfurt am Main 1996, S. 156.
  • [10] Zitiert nach Hans Magnus Enzensberger, Politische Brosamen, Frankfurt am Main 1985, S. 207 ff.
  • [11] Zitiert nach Hans Magnus Enzensberger, Politische Brosamen, Frankfurt am Main 1985, S. 195 ff.
  • [12] Hans Magnus Enzensberger, Die Furie des Verschwindens, Frankfurt am Main 1980, S. 47
  • [13] Zitiert nach Hans Magnus Enzensberger, Baukasten zu einer Theorie der Medien, München 1997, S. 141


Published 2001-09-03


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