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08.02.2012
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Durchaus Österreichkompatibel


Keiner möchte sein, der er ist. Das war in Österreich schon zu Zeiten der Donaumonarchie so. Im 84. Heft der "Fackel" veröffentlichte Karl Kraus kommentarlos zwei Listen, in denen er die radikalsten Verfechter des "Alldeutschthums" und des "Slowenenthums" im österreichischen Reichsrat namentlich aufführte. Die Vorkämpfer für ein völkisches Germanentum hießen Kokoschinegg, Mrvalag, Jessenko und Besgorschak, während die slowenischen Nationalisten mit urslawischen Recken wie Schuster, Fischer und Kaiser angetreten waren.

Der Wunsch, ein ganz anderer zu sein, war in dem Land, dem Sigmund Freud nicht zufällig entwuchs, niemals etwas Harmloses, und er ist es noch heute nicht. Der Generalsekretär der FPÖ, der die Wahlkämpfe seiner Partei erfolgreich als Hetze gegen Ausländer, zumal gegen die Zuzügler aus den osteuropäischen Ländern, konzipiert, ist ein adretter junger Mann und heißt Westenthaler. Die Schule absolvierte er freilich noch unter anderem Namen. Der nicht müde wird, alles Unheil, das über Österreich kommt, auf die osteuropäischen Zuwanderer zu schieben, hieß die ersten zwanzig Jahre seines Lebens pikanterweise Hojac. In diesem Namen, den er, kaum daß er bei der FPÖ rasch Karriere machte, amtlich tilgen ließ, als handelte es sich bei ihm um eine schmachvolle Vorstrafe, von der niemand etwas wissen sollte, klang allzu deutlich die osteuropäische Herkunft seiner Familie fort.

Der Versuch, nationale Identität eindeutig und abschließend zu entwerfen, ist an der österreichischen Kreuzung zwischen Ost und West, an der sich viele Völker trafen, stets etwas Zwanghaftes gewesen. Überall in Europa gibt es rechtsradikale Tendenzen in der Gesellschaft, nirgendwo sind die Ausländer, zumal wenn sie arm sind, besonders gern gesehen, aber in keinem anderen Land ist der Haß gegenüber Fremden so sehr ein Selbsthaß wie in Österreich, wo fast ein jeder selbst von Fremden abstammt.

Keiner will sein, der er ist, das heißt auch, daß in Österreich kein Rechtsradikaler ein Rechtsradikaler sein möchte. Anders als in den meisten Ländern Europas, von Italien bis Skandinavien, fühlen sich hier Faschisten beleidigt, wenn man sie so nennt; deswegen taucht das Wort fast nur mehr in der Variante des "Linksfaschisten" auf, womit die "Kronen Zeitung" jene zu bezeichnen pflegt, die vor einem realen Rechtsextremismus in Österreich warnen und solcherart ihre "linksfaschistische" Intoleranz gegenüber Andersdenkenden unter Beweis stellen.

Wenn im Fernsehen Rotten von Skinheads zu sehen sind, die irgendwo im deutschen Osten aufmarschieren, dann packt die österreichischen Zuseher das Gruseln vor solch roher Gewalt und die Genugtuung, daß es bei uns gemütlicher zugehe. Der Stolz kahlgeschorener Marschierer, sich in aller Öffentlichkeit als das zu bekennen, was sie sind, Totschläger auf Abruf, die, wenn es staatlich erlaubt oder gar gewünscht wäre, mit Begeisterung sofort wesentlich mehr Menschen erschlagen würden, als sie es jetzt schon tun, ist den Österreichern zuwider und unverständlich. Tatsächlich gibt es in Österreich kaum Skinheads, keinen rechtsextremen Mob, der sich in Wehrsportgruppen ertüchtigt und auf den Straßen austobt, keine militanten Gruppen, die Asylantenheime in Brand stecken. Man möge das nicht gering achten; ob der rechte Extremismus eine alltägliche Bedrohung auf der Straße ist oder nicht, das ist für das Leben in einem solchen Land keine unwichtige Sache. Andrerseits möge man sich nicht täuschen und meinen, bloß weil er nicht brüllend durch die Straßen zieht, gäbe es ihn gar nicht, den Rechtsextremismus.

Da kein Rechtsradikaler in Österreich rechtsradikal sein möchte, pflegt er sich nicht in Manifestationen rechter Gesinnung und rechtsextremer Gewalt wiederzuerkennen. Damit es zu sich stehen und in der Gesellschaft akzeptiert werden kann, tritt das Rechtsradikale in Österreich daher mit anderen Gesichtern auf als in den meisten europäischen Ländern: es hat das Gesicht des Biedermanns und nicht des Außenseiters, es trägt einen schönen Anzug und keine Lederjacke, es kommt nicht kahlgeschoren daher, sondern fesch adjustiert; es äußert sich nicht als geiferndes Gebell, sondern in Form verständlicher Bedenken oder gutgelaunter Witze, die einem aus dem Munde honorabler Leute an jedem Stammtisch, aus der Zeitung, in der Straßenbahn entgegenschlagen. Das Ressentiment weiß gar nicht, daß es eines ist, und die Niedertracht hält sich gemeiniglich für bürgerlichen Anstand.

Die wohlanständigen Bestien nähren ihren Rassismus, von dem sie niemals glauben würden, daß er einer ist, aus zwei Quellen: aus einer Tradition, die sie unbewußt übernehmen und geradezu absichtslos fortsetzen, und aus der höchst aktuellen Sorge um den Wohlstand, den sie erreicht haben und mit niemandem teilen möchten. Den wohlhabenden Urlauber oder Geschäftspartner, gleich woher er kommt, nehmen sie nicht als Fremden wahr. Denn es ist das neue Rassemerkmal des Fremden, daß er arm ist, und erst die Armut oder der Verdacht, daß er es sei und unserem Sozialstaat zur Last fallen könnte, macht ihn zum Fremden. Dieser neue, vornehmlich ökonomisch bestimmte Rassismus, der in Österreich von Leuten gepflegt wird, die sich selber für vorurteilsfrei und weltoffen halten, braucht die Europäische Union freilich nicht auf den Gedanken zu bringen, Österreich mit Sanktionen zu belegen. Er ist keine österreichische Besonderheit, sondern mit den vielbeschworenen "europäischen Werten" durchaus kompatibel.


 



Published 2000-12-20


Original in Albanian
Contributed by Du
© Karl-Markus Gauß
 

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