Latest Articles


03.07.2009
Toomas Hendrik Ilves

Who are we? Where are we?

National identity and mental geography

Over the last thousand years, Finland, Estonia, Latvia and Lithuania have had multiple identities and been members of several empires. Now, writes the President of Estonia, "we should be looking to create identities that go beyond those that history has foisted upon us". [ more ]

02.07.2009
Martin M. Simecka

Still not free

01.07.2009
Stefan Jonsson

The first man

29.06.2009
Tatiana Zhurzhenko

The geopolitics of memory

25.06.2009
Timothy Snyder

Holocaust: The ignored reality


New Issues


03.07.2009

Gegenworte | 21 (2009)

Die Wissenschaft geht ins Netz [Science goes internet]
03.07.2009

Mute | 12 (2009)

The creative city in ruins
03.07.2009

Varlik | 7/2009

Eurozine Review


24.06.2009
Eurozine Review

So what's our problem?

"Hungarian Quarterly" divines the future of the forint; "Index on Censorship" gives libel law a bad press; "Samtiden" doubts whether Norwegian police women are any freer with the hijab; "Le Monde diplomatique" (Berlin) applies the belt to Europe's cordon sanitaire; "Mittelweg 36" sees solidarity outgrow the nation; "Roots" says yes to Europe, but not at any cost; "Kulturos barai" does not dismiss the idea of a new Lithuanian Grand Duchy; "Le Monde diplomatique" (Oslo) calls the European elections a farce; "Rili" wants to keep the market out of universities; and "Fronesis" explains what 2°C means in an expertocracy.

09.06.2009
Eurozine Review

Happy birthday, Mr Habermas

26.05.2009
Eurozine Review

In monads' land

05.05.2009
Eurozine Review

Advanced profligate capitalism

21.04.2009
Eurozine Review

A kind of Tory communist



http://www.blaetter.de/usa2008.php
http://xwords.fr
http://www.atlas-der-globalisierung.de
http://www.readme.cc
http://www.kakanien.ac.at
http://www.eurozine.com/about/who-we-are/contact.html

My Eurozine


If you want to be kept up to date, you can subscribe to Eurozine's rss-newsfeed or our Newsletter.

Articles

Subject: Prigov


date: 26 may 2000
subject: prigov


Lieber Borja,
es ist selbstverständlich, daß Du unseren Dialog über Dmitrij Aleksandrovic beginnst, denn Du bist das autoreflexive Zentrum jenes Kreises, dem Du in der Nachfolge Adams einen Namen - "Moskauer Romantischer Konzeptualismus" - gegeben hast. Ich beobachte diese Moskauer Gruppe von außen, Du hast das damals wie heute von innen her getan (wo auch immer Du warst). Die Initiative ist das Zutagetreten des Immanenten (des Kollektivs oder der Persönlichkeit). Daher steht Dir das erste Wort zu.
Dein Igor

date: 28 may 2000
subject: prigov


Lieber Igor,
Du möchtest, daß ich das Gespräch über D. A. Prigov beginne - ein Gespräch, das wir zu seinem sechzigsten Geburtstag führen wollen. Nun gut, ich habe nichts dagegen.
Du weißt, daß ich Dima schon seit vielen Jahren kenne: Wir waren in Moskau beinahe Nachbarn, und er kam Ende der 70er Jahre, bevor wir in den Westen ausreisten, häufig bei uns vorbei. Damals waren alle, die Gelegenheit hatten, Prigovs Gedichte zu lesen oder zu hören, davon begeistert, mit Ausnahme natürlich jener Dichterkollegen, die, wie Du weißt, Gedichte von anderen nicht ertragen können. Doch selbst einige von ihnen waren hingerissen. Und auch mir erging es nicht anders. In erster Linie war dies natürlich die Begeisterung für das Neue. Zum ersten Mal hatte eine Privatperson gewagt, mit ihrer privaten Stimme und ihrer individuellen Verantwortung ein solches Wort wie "Milizionär" zu benutzen. Du erinnerst Dich, wie es damals war: Die offiziellen Dichter schrieben offizielle Gedichte in offizieller Sprache, und die nichtoffiziellen Dichter schrieben nichtoffizielle Gedichte in nichtoffizieller Sprache - eine behagliche Arbeitsteilung, mit der alle leben konnten.
Prigov war nun der erste, der für Gedichte, die er den Hörern und Lesern als seine eigenen präsentierte, ganz offenkundig eine offizielle Sprache verwendete, eine fremde Sprache. Und plötzlich wurde deutlich: jede Sprache ist eine fremde Sprache. Es gibt keine eigene Sprache. Sprache ist immer ein ready made. Diese Überlegung ist natürlich nicht neu, sie findet sich schon bei Wittgenstein. Doch hat Wittgenstein nicht besonders an die Möglichkeiten der Poesie geglaubt. Prigov hingegen hat bewiesen, daß man in einer fremden Sprache zum Dichter werden kann, daß die Glaubenskrise inbezug auf die Möglichkeit einer eigenen Sprache nicht das Ende der Poesie bedeutet, daß der "Tod des Autors" noch nicht den Tod des Dichters bedeutet. Deswegen gesellt sich zur Begeisterung über Prigovs Gedichte ein Gefühl der Erleichterung - Gott sei Dank, es ist vorbei: der Tod des Autors hat seinen Stachel verloren.
Dein Boris

date: 31 may 2000
subject: prigov, logik


Lieber Borja,
Du hast ganz zu Recht Wittgenstein erwähnt. Sowohl er als auch Prigov haben aus der Erkenntnis "Jede Sprache ist eine fremde Sprache" heraus versucht, eine Position außerhalb aller möglichen natürlichen Sprachen einzunehmen. Diese Position ist der Ort, der der Logik zukommt. Kunst ist illusorisch nicht so sehr in dem Sinn, daß sie Fakten durch sich selbst ersetzt (welches Zeichen unterdrückt sie nicht, fragt sich), als vielmehr in dem Sinne, daß sie Autoren die trügerische Hoffnung suggeriert, sie seien in der Lage, ihre individuellen Ausdrucksmittel zu finden. Wenn das tatsächlich so wäre, hätten Schriftsteller bald keine Leser mehr. Du hast einmal geschrieben (erinnerst Du Dich noch an Deinen Aufsatz "Über die Individualität", der 1988 in Beseda erschienen ist?): "Das, was ich als mein eigenes verkünde, habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen, sondern als beste Maschine zur Verteidigung vor dem Fremden konstruiert."
Barthes hat das Ästhetische ganz richtig als Weg zur Privatisierung des allgemeinen Besitzes an Zeichen verstanden, doch er hat vergessen hinzuzufügen, daß dieser Weg nicht gangbar ist. Individualität ist überhaupt kaum sagbar - sie manifestiert sich körperlich, äußert sich in Symptomen. Indem die negative Theologie verkündet, daß man Gott nicht benennen darf (oder, was auf dasselbe hinausläuft, nach Dionysios Areopagita mit jedem beliebigen Namen benennen kann), stellt sie sich das höchste Wesen als absolute Individualität vor.
Chlebnikov hat noch geglaubt, der Dichter könne ein Idiot sein (in der antiken Bedeutung dieses Wortes) und besitze als einziger die Gabe, in seiner eigenen Sprache zu sprechen. War Chlebnikov der kühne Erneuerer, für den man ihn üblicherweise hält? Oder hat er die jahrhundertelange Tradition, nach der die "Rede" des Dichters idiosynkratisch, d.h. "göttlich" ist, bis an ihre Grenzen geführt? Ich neige eher dazu, das letztere anzunehmen.
Den wahren Bruch mit der dichterischen Tradition hat meiner Meinung nach Prigov vollzogen - und darin liegt seine echte Autorschaft. Er behandelte das dichterische Wort wie das Element eines logischen Systems. Prigovs Texte funktionieren wie logische Konstruktionen. In jeder Aussage kann man entweder die Wörter oder das sie verbindende Prädikat oder auch beides verneinen und die Negationen zudem noch verdoppeln. Das zeigt Prigovs "Sechzigstes Alphabet (Diamantenes Alphabet)", eine Variation des berühmten Textes "An Anna Blume" von Kurt Schwitters, ganz deutlich:

"Ichichichichichichich, Ich und nicht Ich, und nicht nicht Ich, und Anna, und ich und Anna, und nicht Ich und nicht Anna, und ich sehe Anna, und nicht Ich und Anna, und durchsichtige Ströme reinen Wassers, und Ich und nicht Anna, und nicht Ich sehe Anna, und nicht Ich sehe nicht Anna, und nicht nicht Ich sehe Anna, und nicht nicht Ich sehe nicht und will nicht Anna, und nicht Ich sehe nicht nicht Anna ..." usw.

Da der Text darauf zielt, den Verbraucher zu erobern und ihn sich untertan zu machen, so ist er - als logisches Gebilde - verpflichtet, diese Zielsetzung zu thematisieren und die Repräsentanten der Macht als Helden einzusetzen (den "Milizionär" oder Hitler, das spielt keine Rolle, konkrete Unterschiede sind unerheblich für die logische Schlußfolgerung). Als vollendete logische Form beschreibt das Gedicht sich selbst als ausgesprochen formale Substitution einer Zeile durch eine folgende:

Ich ermüdete schon bei der ersten Zeile
Des ersten Vierzeilers
So schleppte ich mich zur dritten Zeile
Und so schleppte ich mich zur vierten.
So schleppte ich mich bis zur ersten Zeile,
Doch nun bereits des zweiten Vierzeilers
So schleppte ich mich zur dritten Zeile
Und so, meine Güte, schleppte ich mich bis zum Ende.

Ich wollte schon lange einen Aufsatz über Dimas Logik schreiben, doch das werde ich wohl kaum tun; es ist eine zu anspruchsvolle Aufgabe - Prigovs Verfahren, mit denen er poetische Prätexte in logische Konstruktionen umwandelt, sind so vielfältig und erfinderisch, daß sie sich mit einer wie auch immer gearteten Metasprache nicht erfassen lassen. Die Logik entfremdet Prigov von allen anderen Stilrichtungen und Genres in der Lyrik. Um zu schreiben, ist er gezwungen, das Fremde zu appropriieren, und für sich persönlich läßt er das, was niemandem gehört - die tödliche Konsequenz formalen Denkens. Prigovs Poesie ist dem Wunder ähnlich, das die Apostel erlebten, als sie plötzlich in allen Sprachen zu reden anfingen. Für Wittgenstein wie für Prigov ist die Logik die Rettung vor der Apophatik, vor dem Verstummen bei der Begegnung mit dem Unaussprechlichen - im Grunde mit sich selbst.
Dein Igor

P.S. Eigentlich müßte man einen Dritten bei unserem Dialog miteinbeziehen, Prigov selbst, den Meister der Autoreflexion. Ich zitiere seine "Gefährlichen Erfahrungen" (1977): "Da es den wahren Namen Gottes in der menschlichen Sprache nicht geben kann (was Dionysios Areopagita hinlänglich gezeigt hat) ..., kann es selbst unter günstigsten Umständen ... im Bereich der Sprache keine wahre Entfaltung des Namens geben. Aber Gedichte (und dementsprechend der Dichter) ... erheben unwillkürlich Anspruch darauf."

date: 5 jun 2000
subject: prigov, apokalypse


Lieber Igor,
Du hast natürlich recht, was die Logik, oder vielmehr, den Strukturalismus bei Prigov betrifft. Aber was ist Logik, und was ist Struktur? Auf den ersten Blick scheint es, als arbeite ein Dichter, der fertige, bekannte, identifizierbare Sprachen benutzt, nur mit der Vergangenheit, mit dem, was bereits vorhanden ist und so logisch analysiert und beschrieben werden kann. Daher rührt auch die uns allen bekannte Unzufriedenheit mit dem Strukturalismus, wie überhaupt mit jeder Variante der logischen Gestaltung von Sprache in Gedanken. Scheinbar büßt die Sprache dabei ihre Ausrichtung auf die Zukunft ein. Scheinbar geht das Element des Risikos verloren, das entsteht, wenn ein Dichter in einer unbekannten Sprache zu sprechen beginnt - in der Hoffnung darauf, daß das Publikum ihn in ferner Zukunft versteht, selbst wenn es ihn in der Vergangenheit nicht verstanden hat und ihn auch jetzt nicht versteht. Scheinbar mangelt es dem Strukturalismus an Futurismus - und eben deswegen an Chlebnikov.
Ich glaube, daß gerade in dieser Assoziation der Logik mit der Vergangenheit der Grund dafür zu suchen ist, daß Prigovs Dichtung und Poetik im heutigen Rußland dauernd als zur Vergangenheit - und zwar zur sowjetischen Vergangenheit - gehörig rezipiert werden. Man kann dabei, selbst unter den Lesern und Anhängern von Prigovs Dichtung, von einem praktisch hundertprozentigen Konsens ausgehen. Mich langweilt es inzwischen, in Gesprächen über dieses Thema immer wieder darauf hinzuweisen, daß die sowjetische Stilistik in Prigovs Gedichten bei weitem nicht die einzige ist. Es geht um eine viel tiefere Überzeugung des zeitgenössischen russischen Lesers, die auf den ersten Blick von einem modischen französischen Gedanken unterstützt wird: Das, was logisch ist, ist per definitionem alt und daher irrelevant für die Zukunft. Das Wort "sowjetisch" dient lediglich als Synonym für "alt".
Es ist aber so, daß der Strukturalismus nicht einfach futuristisch ist, sondern daß er weiter geht als der Futurismus - er ist apokalyptisch. Wie auch jede Logik apokalyptisch ist. Der Strukturalismus spricht nicht darüber, was schon gesagt ist, sondern gerade über alles das, was überhaupt irgendwann in der Zukunft gesagt werden kann, in einer beliebigen denkbaren und undenkbaren Zukunft. In diesem Sinne ist Chlebnikov gerade deshalb ein Dichter, weil er keine eigene Sprache geschaffen, sondern lediglich sprachliche Möglichkeiten realisiert hat, die in der Struktur der Sprache als solcher von vornherein angelegt sind - und die sich nicht dem futuristischen, sondern dem apokalyptischen, d. h. dem außerzeitlichen, rein logischen Bewußtsein erschließen.
Hier muß man sagen, daß Prigov diese tiefe Verbindung zwischen Logik und Apokalyptik in seiner Dichtung beständig und explizit thematisiert. In seiner Lyrik, besonders in den Gedichten über den Milizionär, gibt es regelmäßig Bilder einer Weltkatastrophe, die zusammenfällt mit der letzten Offenbarung. Doch besonders Prigovs Zeichnungen und Installationen sind apokalyptisch und thematisieren im Grunde genommen nur eins: die Erwartung der letzten Offenbarung bezüglich der Möglichkeiten, der Kraft und Macht des Wortes als solcher. Prigov interessiert das eigene Wort nicht, weil ihn die Zukunft nicht interessiert. Das einzige, was Prigov interessiert, ist die letzte apokalyptische Offenbarung, die nach und gleichzeitig vor jeder möglichen Zukunft eintritt. Oder anders ausgedrückt: die Mitteilung darüber, welche Zukunft logisch möglich ist. Wenn diese Mitteilung akzeptiert ist, braucht man sich übrigens um die Zukunft nicht mehr zu kümmern, weil sie, logisch gedacht, lediglich die ewige Wiederkehr der Vergangenheit sein wird.
Dein Boris

date: 8 jun 2000
subject: prigov, chlebnikov


Lieber Borja,
ich sehe schon, daß wir in unserem Briefwechsel über Dima nicht ohne Chlebnikov auskommen. In der Tat: An wem sonst könnte man Prigov messen? In der späten Dichtung ist diese Quelle kaum mehr zu diagnostizieren, doch in Prigovs von Brigitte Obermayr sorgfältig ediertem Frühwerk (D. A. Prigov, Sobranie socinenij. tt 1-3, Wien 1996-1999), ist es ein Leichtes, diejenigen Texte ausfindig zu machen, die ganz betont so beginnen, daß man sie als Fortsetzung und Transformation von Chlebnikovs Dichtungen liest. Einige Beispiele: "Dmitrij Donskoj" (aus den 60er Jahren) beginnt beinahe mit einem Zitat aus Chlebnikovs Gedicht "Gejagt - von wem, woher weiß ich ...":

Von Schwermut von zu Haus verjagt
Und rastlos wie ein Flüchtling
Kam Baty mit der traurigen Horde
Schließlich in Rußland an.

Und genauso führen uns die ersten Zeilen von Prigovs Text über die Agonie des lyrischen Ich zu Chlebnikov ("Ich starb, ich starb, und das Blut strömte über meinen Harnisch ..."):

Ich sterbe und ich weine
Ich weine schwere Tränen
Kampfgefährten sehe ich ringsum nicht ...

Woher hatte Prigov diese Leidenschaft für Chlebnikov? Mir scheint, Prigov wie Chlebnikov verfügen gleichermaßen über eine Universalität, die allerdings bei beiden eine unterschiedliche Ausrichtung hat: Chlebnikovs Panästhetizimus, der im Sinne von Novalis die Kunst des Wortes für allmächtig hielt, ebenbürtig der Macht eines Weltstaates, ist Prigovs Panlogismus verwandt und gleichzeitig, wie das unter Familienmitgliedern häufig vorkommt, fremd. Chlebnikov ist apokalyptisch, wie Prigov, und trotzdem ist er überhaupt nicht apokalyptisch. Die Sicht des Endzustands der Dinge ist bei Chlebnikov vollkommen traditionell. Sie geht zurück auf Vladimir Solovev, der annahm, die Kunst mit ihrem Streben nach Vollkommenheit treibe die Geschichte zu ihrem verdienten Ende, oder sagen wir zu Schiller, dem das Ideal eines ästhetischen Staates vorschwebte. Panlogismus ist der Fortschritt apokalyptischen Denkens. Mag die Realität ihre Vollendung finden, wenn sie durch verbale Harmonie substituiert wird ("unirdische Harmonie", wie Dmitrij Aleksandrovic sagen würde, der gerne mit Anspielungen auf die Pythagoreer prahlt).
Doch auch der literarische Text selbst ist noch nicht das Ende der Substitution. Wir verdrängen den Text durch eine logische Konstruktion, die die Produkte literarischer Arbeit imitiert. Prigov imitiert die Imitation der faktischen Welt, die im künstlerischen Dialog stattfindet, und jenseits des Analogons dieser zweiten Ordnung gibt es in Wirklichkeit nichts. Daher ist eine unzureichende Apokalypse, die "die letzten Dinge" im Auge hat, für Prigov lächerlich: "Und Dmitrij ist ermordet, und Godunov ist ermordet, und Aleksej ist ermordet, und Pjotr ist ermordet, und sein Sohn ist ermordet, und Pavel ist ermordet, und ermordet ist Aleksandr, und ermordet ist Nikolaj, und Vorovskij ist ermordet, und Pavlik Morozov ist ermordet, und Kennedy ist ermordet, und Ludwig ist ermordet, und Cäsar ist ermordet ..." usw. Diese Liste tragischer Tode, enthalten in Prigovs "Siebenundfünfzigstem Alphabet (Gedenk-Alphabet)" kann man unendlich fortsetzen (was der Autor auch tut), aber das Ende der Welt tritt und tritt nicht ein.
"Da gibt es in Wirklichkeit nichts"? Wiederbeleben kann man den Panästhetizismus, nachdem Prigov ihn bilanziert und logisch durchgearbeitet hat, nur im Gen-Design, indem man die Bioprogramme unseres Organismus ins völlige Gleichgewicht bringt, indem man - ein Wunschtraum unserer Zeit - die natürliche Geburt des Menschen substituiert. Prigov hat dem Leser den beruhigenden Glauben daran genommen, daß diese Wirklichkeit nur in den Phantasmen der Kunst, in -ästhetischen Chimären, in der Phantasie, und keineswegs tatsächlich final ist. Der Genuß am literarischen Text ergibt sich daraus, daß er der Endlichkeit des Seins hier und jetzt den Charakter einer Fiktion verleiht. Wenn wir an der Literatur teilnehmen, erleben wir einen Orgasmus ohne Samenausstoß. Prigov hat uns diese Praxis der Selbstbefriedigung mit dem Text, die in ihrer Sparsamkeit an Gogols Pljuskin erinnert, abgewöhnt.
Prigov gab der Poesie eine paradoxe Gelegenheit zur Existenz, nachdem sie sich bereits erschöpft hatte, und damit befand er sich im Gegensatz zur westlichen Kultur, in der das Dichten in den 1970-80er Jahren zu einer beinahe klösterlichen Beschäftigung wurde, zu einer nutzlosen Nebenbeschäftigung. Deine Analyse der Lesermeinungen über Prigovs "Antiquiertheit" ist sehr treffend, besser kann man es gar nicht sagen. Doch vielleicht muß man hinzufügen, daß dieser Eindruck unter anderem auch dadurch bedingt ist, daß Prigov kein westlicher Mensch war, als er seine logische Versmaschine konstruierte - zu einer Zeit, als die Russen sich in Massen auf euroamerikanische Weisheiten stürzten wie zu Breznevs Zeiten auf geräucherte Wurst.
Dein Igor

date: 9 jul 2000
subject: prigov, der letzte poet


Lieber Igor,
Wenn Du über Prigovs Dichtung als Imitation der Imitation sprichst, hast du natürlich recht. Interessant ist aber doch, daß Clement Greenberg in seinem berühmten Aufsatz "Avantgarde und Kitsch" die Moderne und den Kitsch als zwei verschiedene Varianten der Imitation der Imitation definiert hat: Die Moderne imitiert die Verfahren der klassischen Kunst, der Kitsch imitiert ihre Effekte. Prigov gilt allgemein als postmoderner Autor. Doch wenn man übereinkommt, daß er die Imitation der Imitation fortführt, so muß man zugeben, daß seine Poetik ihrem Wesen nach weiterhin der Moderne angehört. Oder anders ausgedrückt: Prigov unterscheidet weiterhin den Bereich der Poesie als Bereich der Imitation, d.h. der Repräsentation, von dem Bereich der, sagen wir, primären kommerziellen Praxis. Und ich glaube, darin liegt das ganze Problem.
In Rußland findet zur Zeit der im Westen seit langem verbreitete Standpunkt, Kunst und Kultur als solche eher negativ zu bewerten, breite Unterstützung. Das Prädikat "Kunstwerk" gilt - ähnlich wie das Prädikat "wahrhafte religiöse Offenbarung" - als besonders unschönes Mittel, dem Verbraucher Geld aus der Tasche zu ziehen. Das bedeutet natürlich nicht, daß man keine Gedichte mehr schreiben oder keine Bilder mehr malen dürfte - wieso denn nicht? Aber die Frage, warum ein Bild "objektiv" besser, warum ein Gedicht besser oder relevanter sein soll als ein anderes, entfällt. Alle Antworten werden einfach auf den Markt umgeleitet. Wenn Bilder und Gedichte jemandem gefallen, dann haben sie eine Existenzberechtigung - mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Der Begriff "Kunst" wird dabei arbeitslos, und mit ihm der emphatisch beladene Begriff "Poesie".
Und hier sehe ich den entscheidenden Unterschied zwischen Prigov und Chlebnikov. Prigov ist nicht nur "dem Leben nach" Apokalyptiker, er ist auch - und vor allem - ein pathetischer Zeuge des Endes der Poesie, d.h. der Autor des letzten Versuchs zur Imitation der Imitation, bevor Imitation und Original endgültig ununterscheidbar werden. Prigov ist der letzte Poet in der russischen literarischen Tradition.
Das Thema vom Ende der Kunst oder vom Ende der Poesie ist natürlich ein Lieblingsthema der Avantgarde. Ich fürchte, durch die lange Auseinandersetzung damit haben wir diese Perspektive gar nicht mehr ernst genommen. Wir sagten uns: Viele haben schon versucht, sich selbst ans Ende der Poesie zu setzen, doch niemandem ist das bislang gelungen. Deshalb haben wir auch nicht bemerkt, wie die Poesie von selbst geendet hat, aber Prigov hat es bemerkt. Daher wurde er zum letzten Poeten, ohne sich besonders darum bemüht zu haben. Es hat sich einfach so ergeben.
Das Ende der Kunst bedeutet natürlich genausowenig wie seinerzeit das Ende der Religion, daß die Menschheit aufgehört hätte, sich für die Unsterblichkeit zu interessieren. Nur hat sich der Bereich dieses Interesses, wie Du richtig sagst, aus der Kunst in die Wissenschaft verlagert. Heute tappen Wissenschaftler in die Falle, in der Propheten und Poeten jahrelang gesessen haben. Und die Sache geht natürlich genau gleich aus. Denn der genetische Code ist lediglich eine weitere Sprache, und wer Saussure und Derrida gelesen hat, weiß, wozu die Beschäftigung mit Sprache führt.
Dein Boris

date: 12 jul 2000
subject: prigov, deanthropologisierung


Lieber Borja,
ich würde Deinen Anachronismus (Prigov als Modernist in der Postmoderne) noch weiter in die Geschichte zurückverlegen. Der aufklärerische Rationalismus, gegen den die Postmoderne mit erheblicher Geisteskraft gekämpft hat, ist Prigov nicht fremd. In Rußland wurde die Aufklärung nicht zu Ende geführt, was viele Intellektuelle im 19. und 20. Jahrhundert zu kompensieren versuchten. Doch das nur zur Ergänzung. Das Thema meines Briefes ist ein anderes.
Schweifen wir vom Thema ab, entfernen wir uns von Prigov, wenn wir auf die Gentechnik zu sprechen kommen? Ich würde sagen: ja und nein. Die von der modernen Wissenschaft angestrebte Verbesserung der menschlichen Rasse ist diametral entgegengesetzt zu dem Ziel, das Prigov in seinem unablässigen Arbeitseifer verfolgt hat, nämlich mit keinem der vielen von ihm zur Betrachtung ausgestellten "Images" identisch zu werden, wozu er aus der menschlichen Welt entflohen ist (wohin genau, läßt sich nicht bestimmen), aus einer Welt, die Typen brauchte, um den homo sapiens zu erdenken - den Archetyp.
Andererseits jedoch tritt gerade vor dem Hintergrund der modernen Biotechnologie in Prigovs Kunst das zutage, was einem entgehen kann, wenn man sie lediglich mit ästhetischem Etalon mißt oder wie bei einer Ware nach ihrem Preis fragt. Die Wissenschaftler, die den genetischen Code manipulieren, stellen sich in ihrer geistigen Einfalt nicht die Frage, was dieser von ihnen geschaffene optimale Körper, seiner Erbkrankheiten beraubt und nach heutigen Berechnungen bis zu 360 Jahre lebensfähig (es wäre toll, Borja, wenn auch wir dreihundert Jahre lang eine Rente beziehen würden!), was also der von ihnen geschaffene Körper erschaffen wird.
Die Antwort auf diese Frage ist klar. Über welche Parameter unser Organismus auch verfügen würde, er kann nur in einem von ihm erzeugten kulturellen (wenn man so will: geistigen) Kontext leben; somatische Vervollkommnungen bedeuten keineswegs, daß damit einhergehend auch die "symbolische Ordnung" qualitative Veränderungen erfährt. Vermutlich zeugen sie davon, daß seine Transformationsmöglichkeiten zur Neige gehen - wo man sich heute daran gemacht hat, die Organik völlig umzukrempeln. Eine Gesellschaft ewiger Pensionäre, die die Biologen planen, ohne sich den Kopf über die Konsequenzen dieses Projekt zu zerbrechen, wird nichts erschaffen. Das Tröstliche ist - es wird sie nicht geben. Der Mensch ist trotz allem erstaunlich optimistisch. Bataille hat gesagt, in jeder menschlichen Handlung ist ein Quentchen Optimismus. Die Biologen, die den homo novus anfertigen, gehören selbst noch ganz zur (ich wollte eigentlich schreiben "guten", aber da habe ich gestockt) alten menschlichen Welt.
Was nun Prigov angeht, so ist ihm ein Experiment gelungen, das wesentlich radikaler ist als das, was die Wissenschaftler zu verwirklichen hoffen. Dmitrij Aleksandrovic ist ein deanthropologisiertes Wesen. Das ist kein Scherz, ich möchte hier wörtlich verstanden werden. Prigov verkörpert in sich den menschlichen Anfang, ohne sich zu vergöttlichen oder zu bestialisieren (im Stile von Machiavellis "Fürsten" oder Stirners "Untermenschen").
Ich teile Deine Einschätzung von Dima als wahrhaftig "letztem Poeten" vollkommen. Um die lange Reihe "letzter Poeten" (die in der russischen Literatur von Baratynskij bis Majakovskij reicht) mit sich selbst zu beschließen, mußte Prigov eine Null-Position einnehmen, eine Position an der Schwelle zwischen homo sapiens und seinem Anderen, eine bereits nichtmenschliche, aber noch nicht außermenschliche Position. (In seinem unerschöpflichen Fleiß streicht Prigov gleichsam sich selbst aus, hört auf, sich selbst gegeben zu sein.) Vielleicht kann man diese Position als Ort des erschaffenden Betrachters bezeichnen. Der lyrische Text verpflichtet den Autor wie kein anderer zur Offenbarung einer gewissen Identität. Prigov hat diese von sich abgeworfen (indem er ein "Image" geschaffen hat), und zwar in dem literarischen Genre, wo eine solche, eigentlich absolute, Freiheit am schwierigsten zu erlangen ist. Ich zerstöre meinen Gedankengang keineswegs, wenn ich jetzt von Prigovs Freiheit zu der seinen Texten immanenten Komik übergehe. Plessner hat darüber geschrieben, daß wir beim Akt des Weinens und Lachens die Kontrolle über unseren Körper verlieren, d.h., wir dematerialisieren uns und bleiben dennoch im Hier und Jetzt. In Dimas bildender Kunst (in seinen Installationen wie in der Grafik) tritt häufig das Motiv der Tränen auf, und seine Gedichte sind - ausnahmslos - erheiternd. Prigovs Lachen ist ein besonderes. Bei einem Essen in der Redaktion von Zvezda hat Alesa Purin mich einmal (nicht ohne Eifersucht) genau gefragt, warum ich Dmitrij Aleksandrovic so gern mag. Daraufhin habe ich versucht, die Petersburger und die Moskauer Poesie gegeneinander abzugrenzen. Ich bezog mich dazu auf Deleuze, der in Logik des Sinns der Ironie (dem Sokratismus, der Tiefgründigkeit, der Doppelzüngigkeit, dem lyrischen Individualismus) den Humor (der nur die äußere Schicht der Gegenstände bewahrt, ihre Bedeutungen zerstört, die Welt nicht, wie Du sagen würdest "unter Verdacht" stellt: und was ist da, unter ihrer Oberfläche?) gegenüberstellt.
Die Stärke der Petersburger Poesie ist ihre Ironie, zwangsläufig wohl in einer Stadt, die immer wieder überflutet ist, unter Wasser steht, in der Tiefe versinkt. Der Moskauer Pasternak hingegen hat dem "Orphismus" abgeschworen und sich geweigert, auf der Suche nach Werten ins Reich des Todes hinabzusteigen. Prigov ist das Hinabsteigen in das Anders-Sein ebenso fremd wie Pasternak. Prigovs Komik verlangt nicht, daß wir das Sehen durch Spekulation ergänzen. Seine Poesie bringt uns durch anschauliche Beispiele zum Lachen. Terminologisch gesprochen ist sie ostensiv: da ist der "Milizionär", da ist Hitler im Leinenhemd, und da ist, sagen wir, ein Kolibri:

Ach du, mein Kindchen
Mein Vögelchen, mein Kolibri Ringsum ist alles Mittelmaß
Dafür von riesigem Kaliber
Unverhältnismäßig in Hinsicht auf nichts.

Mit meiner unwandelbaren Petersburger Mentalität neige ich zum noumenalen Umherirren, zum Aufdecken von Geheimnissen und zur Jagd auf verborgene Bedeutungen. Dima aber liebe ich dafür, daß er mir die glückliche Gelegenheit bietet, mich von dieser quälenden geistigen Unruhe zu erholen - und das zu sehen, was ist. Bevor ich Prigovs Texte kannte, hätte ich nicht gedacht, daß in einer logischen Betrachtungsweise der Realität so viel Humor liegt (es stimmt doch: wenn es auf der Welt einen Kolibri gibt, dann gibt es unter den Phänomenen keine Kommensurabilität, diese Schlußfolgerung wird man nicht bestreiten, wenn man gleichzeitig darüber lacht). Die "Images", mit denen Prigov seine Poesie bevölkert hat, unterscheiden sich von literarischen Masken (wie sie von den Symbolisten getragen wurden) darin, daß sich dahinter nichts verbirgt, daß sie sich selbst gleich sind. Ich beneide Dima: er hat die Metempsychose auf pythagoreische Art noch zu Lebzeiten erfahren. "Pfand der Unsterblichkeit, vielleicht?"
Dein Igor

 



Published 2000-12-01


Original in Russian
Translation by Dorothea Trottenberg
Contributed by Schreibheft
© Boris Groys
© Igor Smirnov
 

Focal points

European histories

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurohistories.html
For solidarity to exist in the enlarged EU, an historical awareness must be developed that includes the experiences of new members. [more]

Media landscapes: Central and eastern Europe

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/medialandscapes.html
How Media autonomy in Europe's "newer democracies" is being inhibited by market forces and continuing political intervention. [more]

The malady of infinite aspiration?

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/financialcrisis.html
Sound in principle or sick at heart? Articles on the financial crisis, compiled under Durkheim's memorable phrase, "the malady of infinite aspiration". [more]

Editor's choice

Laurent Mauriac, Pascal Riché
Online journalism: Transposition or transformation?

http://www.eurozine.com/articles/2009-05-22-mauriacriche-en.html
The editors of the pioneering French politics website explain their concept for bridging the gap between print and the Internet. [more]

Literature

Andrea Zlatar
Literary perspectives: Croatia
Post-traumatic stress disorder

http://www.eurozine.com/articles/2009-03-31-zlatar-en.html
Common to new Croatian writing is the postwar experience, with marginal characters exploring tensions between individual and society. [more]

Katharina Raabe
The read expanse

http://www.eurozine.com/articles/2009-04-16-raabe-de.html
In the twenty years since the fall of communism, literature has been lifting the fog settling over the historical expanses of eastern central Europe. [more]

Conferences

Eurozine emerged from an informal network dating back to 1983. Since that time, a variety of European cultural magazines have met once a year in European cities to exchange ideas and experiences. In the meantime, approximately 100 periodicals from almost every European country have become involved in these meetings.
European histories
The 22nd European Meeting of Cultural Journals
Vilnius, 8-11 May 2009

http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/vilnius_european_histories.html
The 22nd European Meeting of Cultural Journals took place in Vilnius, Lithuania, 8 to 11 May 2009. Under the heading "European Histories", the Eurozine conference explored the role of history and memory in forming new identities in a Europe in change. [more]

powered by publick.net