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Glücklich ist, wer vergisst!

Europäische Ignoranz ficht gegen Österreichische Amnesie


Aus Beethoven einen Österreicher gemacht zu haben und aus Hitler einen Deutschen, das ist, einem oft kolportierten Bonmot zufolge, der erfolgreichste fremdenverkehrspolitische Coup der Alpenrepublik nach 1945 gewesen. Der Scherz ist vermutlich in Deutschland aufgekommen und hat dort viele Herzen erfreut; jetzt allerdings, seit die FPÖ in Wien mitregiert und Haider international als Wiedergänger Hitlers angesehen wird, ist es vorbei mit derlei Spässen. Beethoven wurde, wie andere nach Osten verbrachte Kulturgüter auch, seinen legitimen Besitzern, also Deutschland, der Stadt Bonn und dem Rest der musikbegeisterten Welt zurückgegeben, während sich Hitler in einen Österreicher zurückverwandelt hat, und zwar in nichts als das. Den Deutschen kommt das sehr gelegen, da sie nun ihren alten Tick wieder reaktivieren dürfen, der sie reflexartig vom für alles verantwortlichen "Österreicher Hitler" reden liess, wenn sie auf Nazideutschland angesprochen wurden.

"Die österreichische Hündin ist immer noch trächtig", gab Salman Rushdie, weltbekannter Experte auf dem Gebiet mitteleuropäische Veterinärmedizin, nach Untersuchung des Falls Haider Anfang Februar in der New York Times bekannt, und die Medien der halben Welt griffen die Diagnose begierig auf. Denn sie schreit geradezu nach politischer Abtreibung mit nachfolgender Sterilisation. Zahlreiche Ärzte, approbierte und weniger approbierte, beugen sich derzeit über den Patienten Österreich. Sie begnügen sich merkwürdigerweise nicht damit, das Vorgehen beim heilenden Eingriff zu besprechen; einen grossen Teil ihrer verbalen Energie verwenden sie ganz standesunüblich auf die Beschimpfung des Patienten. Nicht nur dass es überhaupt soweit mit ihm gekommen ist, machen sie ihm zum Vorwurf; schlimmer noch ist, dass er seinen schlimmen Zustand verheimlicht und sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die saubere europäische Familie eingeschlichen hat. Dafür vor allem wird das haiderisch infizierte Wesen von der Donau gerügt und getreten.

Da sitzen sie scheinheilig "an ihren Holztischen, lassen sich von Mädchen im Dirndl und von Buben im Loden Apfelstrudel und Schokolade mit Sahne bringen und reden über Mozart, Sissi und die schöne blaue Donau", so schilderte die französische Österreich-Spezialistin Nicole Bacharan - es wimmelt plötzlich von Österreich-Spezialisten überall in Europa - den Lesern von Le Monde (15.2.2000) die österreichische Szenerie. In Wirklichkeit, gibt die Diagnostikerin zu verstehen, denken die dort an ganz etwas anderes als an Mozart, Schlagobers und charmante Kaiserinnen. Endlich ist es herausgekommen: die Wahl der Haider-Partei und die Zustimmung zu deren Beteiligung an der Regierung haben, wie beim analytischen Durchbruch, verheimlichte Phantasien ans Licht gebracht. Aus die schamlose Wiener Operette. Dafür, dass sie so frech waren, alle Welt mit Hilfe von Alpenglühen, Salzburger Nockerln und Johann Strauss hinters Licht zu führen, verdienen die Österreicher jetzt Extraprügel.

Bei vielen ausländischen Kommentatoren mischt sich etwas merkwürdig Beleidigtes und Gekränktes in den Ausdruck der Besorgnis über die jüngste politischen Entwicklung in Österreich. Wie Kinder, die dahinterkommen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und dass Kasperl kein echter Zwerg ist, sondern dass nur eine erwachsene Hand ihn bewegt, stampfen Beobachter ausserhalb Österreichs wütend mit dem Fuss. Das Spiel vom Opfer Österreich, rufen sie aus, nichts als Lug und Trug! Täter waren sie, die Österreicher, und zwar Täter der schlimmsten Sorte. Bis zu 40% der KZ-Aufseher, enthüllt Nicole Bacharan in Le Monde, waren Österreicher. Zur SS sind sie also gerannt. Kein Wunder, Hitler war einer von ihnen. Aber dann hinterher das Opfer spielen, sich auch noch in der Gedenkstätte von Auschwitz als "Austria" alphabetisch an die Spitze der Opfernationen setzen lassen: zuviel der Unverschämtheit. Das "falsche Opfer", erklärt die Le-Monde-Autorin unter Beigabe psychoanalytischer Pfiffigkeit, hat ein Interesse daran, "nicht zu sehen, nicht zu begreifen. Wie bei jeder schweren Neurose, ist ihm die Konfrontation mit der Wirklichkeit unerträglich."

Falsch ist es ja nicht, was da über Österreich als falsches Opfer gesagt wird, nur enthält es historisch bestenfalls Halbwahrheiten. Wenn hier ein Fall "schwerer Neurose" vorliegt, dann hat nicht Österreich allein sie produziert und danach fröhlich den sekundären Krankheitsgewinn eingestrichen; konzipiert hatte die österreichische Opferrolle das Lager der Anti-Hitler-Koalition. Gemäss dem europäischen Nachkriegsszenario, das die USA, Grossbritannien und die Sowjetunion ab 1943 auf ihren aufeinanderfolgenden Konferenzen entwarfen und dann gemeinsam absegneten, sollte das 1938 als "Ostmark" in Hitlers Reich integrierte Österreich aus dem deutschen Staatszusammenhang wieder ausgegliedert werden und als blockneutraler Staat von der Aufteilung Europas in eine westliche und eine sowjetische Einflusssphäre ausgenommen bleiben.

Das alliierte Konzept bedurfte freilich einer Begründung, die nicht von alliierten Hegemonialinteressen handelte, sondern wie immer, wenn es etwas zu verbergen gibt, von Moral. Wenn Deutschland zur Zerschlagung verurteilt war, Österreich aber in den Grenzen der Vorkriegsrepublik erhalten bleiben durfte, so deshalb, lautete die nachgetragene alliierte Rechtfertigung, weil das bis 1938 selbständige Österreich keinerlei Verantwortung trug für das Aushecken der von Nazideutschland angerichteten Katastrophe. Das Land war ja gewissermassen überfallen worden, friedlich zwar und unter dem Beifall der eigenen Bevölkerung, aber überfallen trotzdem und deshalb ein unschuldiges Opfer.

Dass sehr viele Österreicher sich nach 1945 diese von den Alliierten ausgedachte kontrafaktische Lesart bereitwillig zu eigen machten, mag ein idealistisches Menschenbild kränken, ist aber nicht verwunderlich und fügt sich zudem in andere Entwicklungen im Nachkriegseuropa ein. In Frankreich zum Beispiel erfand man eine eigene Theorie, um Elsässern, die als SS-Angehörige 1944 beim Massaker von Oradour bei Limoges beteiligt waren, einen strafrechtlichen Bonus gewähren zu können: die Theorie der malgré nous, der Täter, die sich nur "gezwungenermassen" in SS-Einheiten verdingt hatten. Das halbe Elsass war Anfang der fünfziger Jahre auf die Strasse gegangen, um für die in Bordeaux als Verbrecher angeklagten elsässischen Landsleute zu demonstrieren. Die Empörung der Elsässer kann ein halbes Jahrhundert später nur dann völlig unverständlich und selbst empörend erscheinen, wenn etwas Entscheidendes vergessen wird: Nahrung fand die Erregung auch in dem Umstand, dass der Anstifter des Ganzen, der deutsche SS-General Lammerding, unter dessen Oberbefehl Oradour mitsamt seinen Bewohnern vernichtet wurde, um diese Zeit unbehelligt von jeder Justiz in Düsseldorf ein Bauunternehmen aufbauen konnte. Bauen war in Deutschland eben wichtiger als Verbrechen verfolgen oder sich gar ihrer zu schämen.

Heute aber sind die Deutschen, Nation der Anstifter und Täter, fein heraus. Kaum eine sich über Österreich, seine Regierung und Wähler erregende auswärtige Stimme, die nicht nach Lehrerart auf das leuchtende Beispiel der deutschen Musterschüler verweist, von dem sich die österreichische Verirrung unheilvoll abhebt. Der französische Philosoph André Glucksmann, der mit Salman Rushdie die Angewohnheit teilt, sich öffentlich, sobald ihm ein Mikrophon hingehalten wird, über alles und jedes politisch umso korrekter zu äussern, je weniger er von der in Frage stehenden Sache versteht, hat gerade in Le Monde (18.2.2000) den Ton angegeben. "Die Deutschen", schreibt er,

haben über drei Generationen hinweg ihr Verhalten und das ihrer Verwandten einer Prüfung unterzogen. Auf die von den Alliierten verfügte Entnazifizierung folgte eine Auto-Entnazifizierung, die die Familien zerriss und die Seelen verwandelte. Was haben wir getan? Und unsere Eltern? Und unsere Grosseltern? Der Durchschnittsösterreicher vermied solch mentale Tortur...Österreich entzog sich dem Gefühl der Scham, das die Nachbarn empfanden, und machte Ferien von der Geschichte.

Und warum war das so? "Die ständige Beschäftigung mit der Vergangenheit ist eine Eigenheit der Deutschen. Der Österreicher hat eine andere Mentalität." Das sagt nicht Glucksmann, sondern Jörg Haider, doch Glucksmann findet, dass der Kärntner Beelzebub diesmal die Lage "zutreffend" beschreibt. In seinem Drang, die sich angeblich mit ihrer Vergangenheit unentwegt abrackernden Deutschen europäisch-konformistisch in den Himmel zu heben und die Österreicher umso tiefer fallen zu lassen, ist dem subtilen Philosophen nur entgangen, dass er sich unter der Hand die ethnischen Kategorien des FPÖ-Chefs zu eigen macht, die herzlich zu verabscheuen er gleichzeitig vorgibt.

Denn was soll das genau heissen, "Mentalität", im Zusammenhang mit der jeweiligen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit? In den ersten Nachkriegsjahren haben sich die Deutschen im Westen trotz alliierter rééducation gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit keinen Deut anders verhalten als die Österreicher: sie wollten ebenso Ferien von ihrer Geschichte machen. Skeptische auswärtige Berichterstatter, die ins Nachkriegsdeutschland reisten, darunter der schwedische Schriftsteller Stig Dagerman und Hannah Arendt, legten davon beredtes Zeugnis ab:

Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um blosse Meinungen... In Süddeutschland erzählte mir eine Frau von ansonsten durchschnittlicher Intelligenz, die Russen hätten mit einem Angriff auf Danzig den Krieg begonnen - das ist nur das gröbste von vielen Beispielen. Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, dass jeder das Recht auf seine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen's Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt...,

schrieb Hannah Arendt 1950 in der amerikanischen Zeitschrift Commentary. Schrieb sie nun über Österreicher oder über Deutsche?

Von Deutschen sprechen, die, wie Glucksmann schreibt, "über drei Generationen hinweg ihr Verhalten einer Prüfung unterzogen" hätten (während, wie im Sinn der Le-Monde-Autorin Nicole Bacharan zu ergänzen wäre, die Österreicher auf der faulen Haut lagen, Dirndl bügelten und Schokolade schlürften), ist für den Autor dieses Artikels, der in den fünfziger Jahren in Westdeutschland das Gymnasium besuchte, in den sechzigern die von alten Nazis wimmelnde Bundeswehr von innen kennenlernte und an deutschen Universitäten studierte und auch danach die Zeit nicht ganz verschlief, nichts als ein schlechter Witz. Niemanden in seiner Heimatstadt hatte bis Mitte der sechziger Jahre gestört, dass der für Gymnasien zuständige Schulrat, Abgeordneter der liberalen FDP, bis Januar 1945 SS-Schulungsleiter in Auschwitz gewesen war; erst ein - übrigens aus Wien kommender - Einspruch des ehemaligen Auschwitzhäftlings Hermann Langbein stoppte den weiteren Aufstieg des tüchtigen deutschen Schulmanns. Mitte der sechziger Jahre war ein grosser Teil der Westdeutschen dafür, die kaum begonnene, ohnehin ungeliebte juristische Aufarbeitung der Nazivergangenheit durch Verjährung gleich wieder zu beenden.

Zur Erklärung des Umstands, dass es danach anders kam und dass sich die Verhältnisse in Deutschland und in Österreich allmählich etwas auseinanderentwickelten, lassen sich greifbare historische Faktoren anführen. Seit dem Staatsvertrag von 1955 war Österreich ein unbesetzter, souveräner, westlich orientierter, doch nicht ins westliche Bündnissystem integrierter Staat und als solcher gern benützt als Drehscheibe zwischen Ost und West. Kein Mensch im Ausland interessierte sich dafür, wieviel alte Nazis in den verschiedenen, auch sozialdemokratisch geführten Regierungen sassen, solange das Land als Treffpunkt in Schuss gehalten wurde, auch gastronomisch und kulturtouristisch.

Durch Deutschland dagegen lief die Frontlinie des Kalten Kriegs, mit der Folge, dass auch die Nazivergangenheit in die Schusslinie geriet. Prominente alte Nazis im westdeutschen Staatsapparat blieben nicht lange unbemerkt, weil die DDR nebenan sich die Gelegenheit nicht entgehen liess, deren Präsenz öffentlich anzuprangern, ihnen zuweilen auch, wie im Fall des schwer kompromittierten Ministers Oberländer, symbolisch den im Westen ausgebliebenen Prozess zu machen. Aus der DDR stammten viele der im Westen nicht verfügbaren Dokumente und Materialien, auf die im Lauf der sechziger Jahre eine inzwischen herangewachsene Generation zurückgriff, die daranging, die nationalsozialistische deutsche Vergangenheit zu durchleuchten. Andere Anstösse kamen aus dem westlichen Ausland. Nur dank der Hartnäckigkeit des französischen Rechtsanwalts Serge Klarsfeld kam die ehemalige SS-Führung im besetzten Paris, die nach Gründung der Westrepublik bis in den Bundestag gelangt war, mit dreissigjähriger Verspätung vor Gericht. Wie nicht anders zu erwarten, hat Deutschland sich nicht aus freien Stücken in Richtung auf die Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit bewegt; immer bedurfte es von aussen und auch von innen kommender Tritte.

Eine kontinuierlich unternommene, von der Mehrheit der Deutschen zu ihrer Sache gemachte und letzten Endes erfolgreiche Aufarbeitung der Vergangenheit kam nicht heraus und konnte auch nicht herauskommen; wer etwas anderes behauptet, erzählt nach Glucksmann-Art mentalitätsgewürzte Märchen. Es spricht sogar sehr viel für die These des ostberliner Schriftstellers Friedrich Dieckmann, wonach die Bundesrepublik ihren ökonomischen und politischen Erfolg eben dem Misslingen der vielbeschworenen "Vergangenheitsbewältigung" verdankt. In dieser Hinsicht liegt Deutschland viel näher an Österreich, als vielen Deutschen lieb ist, die sich jetzt, anders als die gescholtenen Österreicher, im Licht europäischen Wohlwollens sonnen dürfen.

Seit den späten achtziger Jahren, seit der zuvor als UNO-Generalsekretär weltweit respektierte Kurt Waldheim als mediokrer einstiger Mitläufer und Mittäter enttarnt wurde, hat sich in Österreich einiges bewegt. Nicht im Staat, der träge blieb wie eh und je; doch in der Gesellschaft sind die Dinge sichtbar in Bewegung geraten. Individuen und Gruppen, die sich schon immer mit der jüngsten Geschichte des Landes beschäftigt hatten, fanden auf einmal Gehör. Diskussionen kamen in Gang. Ohne diese Vorarbeit liesse sich auch schlecht erklären, was jetzt in dem an Demonstrationen und Streiks wenig gewöhnten Land der pazifizierenden "Sozialpartnerschaft" soviele Menschen in Wien und anderen Städten auf die Strasse treibt.

Das sich seit neuestem als "Wertegemeinschaft" anpreisende Europa weiss von alldem nichts und will davon offensichtlich auch nichts wissen. Es lebt sehr komfortabel mit seiner eigenen Vergesslichkeit und selbstgerechten Ignoranz. Ein spanischer Provinzbürgermeister, der ungerührt zusieht, wie ein entfesselter Mob Jagd auf nordafrikanische Immigranten macht, darf sich den Österreichern haushoch überlegen fühlen: er hat ja keinen Haider in der Stadt. Darauf kommt es den europäischen Wachhunden an, die Österreich ankläffen. Aus Europa verjagte, in Europa gejagte und totgeschlagene Menschen zählen dagegen nicht.

Eine junge Österreicherin, die in Paris am Wochenende an einer Anti-Haider-Demonstration teilnahm, stellte vor der Fernsehkamera die rhetorische Frage: warum nur wurde ich bis gestern, wenn ich mich als Österreicherin vorstellte, mit offenen Armen aufgenommen, und warum bin ich heute der letzte Dreck? Die Antwort weiss nur der Wind - ein übelriechender Wind, der vorher über die Müllkippe gestrichen ist, auf der die europäische "Wertegemeinschaft" den Rest ihres Erbes verrotten lässt. Zu ihm zählten einmal Vernunft, Wissen, Aufklärung, Augenmass, Gerechtigkeit.

 



Published 2000-03-31


Original in German
Contributed by Ord&Bild
© Lothar Baier
© eurozine
 

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