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Ein fahrender Platzregen

Einstein Verlieren, Einstein Feiern – und Schiller


Ist Einstein schon abgefeiert? Kommt Schiller jetzt richtig in Fahrt? Das Publikum hat sich von der Akademie der Wissenschaften in die Akademie der Künste begeben. Zum Glück flattern aber auf den riesigen Transparenten am Bundeskanzleramt, der Schweizer Botschaft und der Universität immer noch Einstein-Sätze und keine Schiller-Zitate. Im Fernsehen wird vermutlich eher der Schiller- als der Einstein-Experte zu sehen sein (schade eigentlich, der Einstein-Experte ist so ein sympathischer, kluger Kollege und endlich ein neues Gesicht unter den üblichen Medien-Feierern).

Das bisherige Einstein-Feiern war schon extrem, einsame Spitze bei den mir erinnerlichen Kommemorationen großer Geister, im internationalen Vergleich nur noch von den diesjährigen spanischen Don-Quijote-Feiern getoppt. Kant im letzten Jahr kann da nicht mithalten. Der Bundeskanzler selbst eröffnete das Einsteinjahr mit einer durchaus eindrucksvollen Rede (man hat, wie man hört, kanzlerseitig gemault, dass die Akademie, die arme, preußische, es gewagt hat, ein paar Tage vorher ihr Mitglied Einstein zu feiern: Am französischen Hofe unter Louis XIV. wurden ähnliche Spielchen gespielt!). Das Einsteinjahr braust auf allen Kanälen und Medien – inklusive der oben genannten Stofflappen an den nationalen Hauptgebäuden – dahin.

Schiller hat nur Ministerrang: Die Forschungsministerin liest Schiller in der Akademie der Künste. Diese feine Abstufung ist ja wohl auch richtig so: Einstein hat etwas mit Naturwissenschaften und also mit volkswirtschaftlich Einschlägigem zu tun, Schiller nur mit Dichtung und Philosophie (mit denen nun allerdings die erwähnte Ministerin nicht so furchtbar viel zu tun hat). Nur Relevantes – wie der Berliner Finanzsenator richtig kategorisiert hat – bringt uns voran, und Einstein gehört eindeutig zum Relevanten, das uns voranbringt. Einstein ist der Strohhalm, an den sich dieses Land klammert. Und für den ist der Bundeskanzler zuständig. Die Bundesregierung beschwört in ganzseitigen Anzeigen Einstein als guten Geist des wissenschaftlichen Aufbruchs im Rahmen der Agenda 2010: D=mc2.

Die kalendergebundene Kommemoration des Dichters ist demgegenüber fürs Land und die Agenda 2010 nicht so wichtig. Kein Strohhalm, keine Anzeige. Die Räuber, Maria Stuart und Don Carlos, die ästhetische Erziehung des Menschen und die Geschichte des Abfalls der Niederlande bringen uns jetzt gerade nicht so voran. Oder? Wahrscheinlich werden die Schiller-Feiern dem Dichter gut tun, der in den letzten Jahren ein bisschen in den Hintergrund geraten ist. Aber was kann Schiller denn schon dem Land in seiner aktuellen Not geben? Auf welche Frage des Landes hätte er jetzt eine Antwort? "Geben Sie Gedankenfreiheit"? Wir brauchen Jobs und Geld und technische Innovationen, Gedankenfreiheit haben wir massig. Große Naturwissenschaft feiern, an eine Zeit erinnern, als Nobelpreise noch nach Deutschland gingen, als die Physik noch eine ziemlich deutsche Angelegenheit war, als Naturwissenschaft und Technik in diesem Land Weltspitze waren, das tut dem mittelprächtigen Land gut.

Nun, wie dem auch sei: Einstein muss gefeiert werden, und zwar genauso groß, wie er bisher gefeiert worden ist, mit Bundeskanzler und den Mandarinen des Reiches, mit www und Tralala. Das ist völlig klar und angemessen. Aber: Müsste eine Einstein-Feier nicht eigentlich zunächst einmal eine große Trauerfeier sein, ein Haareraufen und Kleiderzerreißen, Zerknirschung über den unersetzlichen Verlust, ein Fest der Verzweiflung? Von der war aber bisher nur wenig zu spüren.

Einstein ist, wie niemand sonst, das Symbol der "verspielten Größe" (Stern) des Landes. Einstein feiern verweist doch zuallererst und aufs Schmerzlichste auf diesen Verlust, auf Einstein verlieren. Ohne diese schmerzliche Grundierung hat die Anknüpfung an Einstein etwas Falsches. Vielleicht ist sogar wegen der Tragik ein Anknüpfen an Einstein gar nicht möglich? Ich weiß es nicht. Einstein hat ja auch dieses Lustige, Zauselartige, Freche, das uns seine Größe – und die Größe seines Landes damals – nahe zu bringen scheint, aber vielleicht ist diese Nähe nur eine Täuschung?

Mit der Person Einstein ist einer der – von uns aus gesehen – tragischen Momente in der Geschichte des Geistes verbunden: ein Übergang des Geistes von unserem Land in ein anderes, eine Translatio Studi – und damit auch Imperi, des Imperiums des Geistes nämlich, ein nicht rückgängig zu machender Abschied. Zweimal in der Geschichte der westlichen Menschheit lässt sich gleichsam der Zeitpunkt genau bestimmen, an dem der Geist von einem Land in ein anderes übergegangen ist: 1516 ist er von Italien nach Frankreich gegangen und 1932 von Deutschland nach Amerika. Italien war bis ins 16. Jahrhundert hinein der Kopf Europas, alles blühte dort, die Künste, die Wissenschaften und die Techniken. Leonardo da Vinci verkörperte diese Blüte in einer Person, und diese Person zieht 1516 nach Frankreich, wohin ihn der König eingeladen hat. Er wird nie wieder nach Italien zurückkehren. 1932 ist das Jahr, in dem Einstein Amerika besucht, wegen Hitlers Machtergreifung dort bleibt und nie wieder deutschen Boden betritt (es war ja übrigens schon Einsteins zweite Emigration aus Deutschland, seit 1901 war er Schweizer Bürger – auch das vergessen wir immer gern, wenn wir uns den Ulmer Einstein als einen der Unseren anzueignen versuchen. Er hat sich dies durch sein politisches Handeln eigentlich deutlich genug verbeten. Darauf wird in den deutschen Einstein-Feiern ziemlich wenig Rücksicht genommen). 1932 geht die Blüte des Geistes, das Studium, mit Einstein nach Amerika über: Translatio Studi.

Luther mahnte 1524 die Deutschen, dass sie die Anwesenheit des (Heiligen) Geistes, der jetzt bei ihnen sei, nutzen sollen, denn schnell sei er auch wieder dahin, der Geist sei wie ein Platzregen: "Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist [...] Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn ewig haben werdet; denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und halten kann: faule Hände müssen ein böses Jahr haben!" Wir haben ihn nicht gehalten, böse und faule Hände hatten ein gutes Jahr 1933, Undank und Verachtung haben Einstein vertrieben. Seitdem ist der Geist nicht mehr bei uns, dieser fahrende Platzregen, der nicht wiederkommt, wenn man ihn einmal gehen lässt. Diese Klage habe ich vermisst.

Diese Klage ist natürlich so bitter, dass sie einen fast rasend macht vor Schmerz. Nie wird es wieder so sein wie vor 1933. Wir müssen uns einordnen in Luthers weltgeschichtliche Serie der Verlierer des Geistes: "Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland: hin ist auch hin, nun haben sie den Türken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst." Und wir fahren fort: Deutschland hat ihn gehabt: Hin ist hin, wir haben nun nichts.

Ohne diese Klage wird die Anknüpfung an Einstein aber nicht gelingen. Nur diese schmerzhafte Präsenz des gigantischen Verlustes – es geht ja nicht nur um Einstein, sondern um den gesamten Exodus der Wissenschaften und der Künste, auch Thomas Mann ist gegangen und nicht wirklich wiedergekommen – macht die Größe der Aufgabe deutlich: Die gut gelaunte und pfiffige Vereinnahmung Einsteins mit den großseitigen Anzeigen verdeckt, wie schwer alles ist. Wenn überhaupt, könnte vielleicht aus tiefstem Schmerz eine Regeneration gelingen.

Denn dann würde man auch sehen, welche Anstrengungen wirklich nötig sind, damit dieses Land und seine Wissenschaft wieder nach vorne kommen: 1914 bis zu seiner Kündigung stellt Preußen dem Genie Einstein eine Struktur zur Verfügung, die einfach einmalig war in der Welt, so dass er in Preußen blieb, bis Deutschland (Preußen bekanntlich nicht!) wahnsinnig wurde. Das Beispiel Einsteins zeigt: Die Nation muss einmalige Bedingungen für die Forschung schaffen. Das ist nicht billig. Was geschieht in Wirklichkeit? In Wirklichkeit stellt die Nation viele Mittel zur Verfügung, offensichtlich so viele, dass sich hier ausgebildete Wissenschaftler sofort in die USA begeben können, wo ihnen eine gute Bezahlung und glänzende Arbeitsbedingungen bereitgestellt werden. Die Ausbildung scheint also ganz gut zu sein, sonst kämen die ja dort nicht unter. Das ist nicht billig, aber es ist hinausgeschmissenes Geld: Wir bilden aus, die anderen schöpfen den Gewinn ab (inklusive Nobelpreise). Dann sollten wir den Laden hier doch schließen und unsere Studenten gleich in die USA schicken, wie es die Saudis tun. Das ist billiger. Die "Einstein-Lösung" ist teurer, aber offensichtlich die einzig effiziente – und daher die einzig billige. Der Platzregen wird nicht wiederkommen. Aber nur die bitterste Erinnerung an die verlorene Gegenwart des Einstein-Geistes macht klar, was zu tun ist, um die anhaltende Dürre eventuell zu überwinden.

Und der verscheuchte Platzregen verweist dann doch wieder auf Schiller – und auf die Schiller-Feiern. Denn der Verlust Einsteins war ja kein Naturereignis, sondern ein politisches Verbrechen aus Undank und Verachtung. Und für Politik und Geschichte ist Schiller schon zuständig. Die Vergiftung des deutschen Geistes durch die braune Ideologie, die Einstein aus dem Land getrieben hat, ist auch ein Vergessen der Erbschaft Schillers gewesen: Freiheit, Selbstbestimmung, Schönheit. "In tyrannos" steht als Motto über den Räubern und damit über dem gesamten Werk Schillers (auch wenn er später in seinem Musen-Dörfchen Weimar immer unpolitischer wurde). Hätten die Deutschen dieses Motto nicht vergessen, hätte Einstein nie das Land verlassen müssen. Die Räuber, die ästhetische Erziehung des Menschen, Maria Stuart und Wilhelm Tell sind zwar nicht unmittelbar umsetzbar in Technik und Arbeitsplätze, sie sind also nicht relevant im Sinne des Berliner Finanzsenators. Sie sind aber die notwendige politische, kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzung für den fahrenden Platzregen. Sie sind der Wind (Spiritus, Pneuma, Anemos, der Geist also), der den Platzregen bringt.

Postskriptum 1 In einem der schönsten literarischen Porträts, das je verfasst wurde, schreibt Wilhelm von Humboldt über Schiller, "dass, in einem höheren und prägnanteren Sinn als vielleicht je bei einem anderen, der Gedanke das Element seines Lebens war. Anhaltend selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ ihn fast nie [...]. Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung". Ganz offensichtlich hat er auch Einstein gekannt.

Postskriptum 2 Ich gestehe, dass ich in meiner Jugend von Schiller alles gelesen, von Einstein dagegen nur das Stichwort "Relativitätstheorie" gehört, aber nichts gelesen, geschweige denn irgendetwas verstanden habe. Im Physikunterricht kam Einstein nicht vor, und später ergab sich keine Gelegenheit mehr, in die Gedanken Einsteins einzutauchen. Das Leben ließ sich gut ohne Einstein bewältigen – bis zu diesem Jahr. Man kommt um Einstein nicht herum, man will ja auch gar nicht herumkommen, es ist die Gelegenheit, etwas nachzuholen. Die Medien bemühen sich, die Gedanken Einsteins dem wissenschaftlichen Laien näher zu bringen. Aber bemühen sie sich wirklich?

Ein Beispiel, ein Fernsehfilm: Ein Sprecher erläutert, dass ohne Einsteins Theorie das Phänomen der schwarzen Löcher nicht gedacht werden kann. Dann: Ein weißer Mann mittleren Alters sitzt in einem Flugzeug und fliegt über die Anden (er fliegt das Flugzeug selber, daran kann man sehen, dass es ein wichtiger weißer Mann ist). Dramatische Musik – im Krimistil. Angekommen am Ziel seiner Reise, betrachtet der wichtige weiße Mann den Sonnenuntergang. Die Musik spitzt sich krimimäßig aufs Ereignis zu. Die Nacht bricht an, und der wichtige weiße Mann sitzt mit anderen Männern vor Computern und plötzlich sind alle ganz glücklich, weil sie auf ihren Computern etwas sehen, was sie vorher noch nicht sehen und messen konnten, eben ein schwarzes Loch. Die Musik tönt triumphal. Schnitt: Ein anderer weißer Mann ist weniger glücklich, weil das Wetter in Florida schlecht ist und er irgendwelche Messungen nicht vornehmen kann, die auch mit dem schwarzen Loch zu tun haben. Eine Computeranimation zeigt ein Bild vom Weltall mit einem schwarzen Loch. Sterne verschwinden in dem schwarzen Loch. Hübsch, aber so richtig verständlich war das nicht gerade. Da kann ich ja auch bei meinem Schiller bleiben: "Brüder – überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen". Auch nicht ganz leicht zu verstehen. Aber irgendwie ist der liebe Vater überm Sternenzelt sympathischer als die schwarzen Löcher im Sternenzelt.



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Published 2005-06-08


Original in German
First published in Gegenworte 15 (2005) (German version)

Contributed by Gegenworte
© Jürgen Trabant/Gegenworte
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